Ich muss nur noch mal kurz raus, muss ein paar Dinge einkaufen - muss nur die drei Minuten bis zum Supermarkt und zurück. Muss mir was anziehen; muss mich aufraffen. Ich lache über mich selbst - wenigstens ist mir die Selbstironie geblieben "spinnst du? geh halt einfach."
Das Treppenhaus ist kalt, aber kein Problem - das Treppenhaus halt. Als ich aus der Haustür trete kommt mir ein Windstoß entgegen, als hätte er nur darauf gewartet, dass jemand herauskommt um bei der Gelegenheit wie ein fremder Geist in unser Haus einzudringen. Schnell ziehe ich die Tür hinter mir zu und setze einen Fuß auf den Bürgersteig. Meine Stiefel wollten das Haus wahrscheinlich genau so wenig verlassen, wie ich und verstecken sich irgendwo in der Wohnung. Ich bin also in meine leichten, sommerlichen, fliederfarbenen Tuchschuhe geschlüpft; sie fühlen sich unvergleichlich leicht an, wie sich im Frühling alles anfühlen soll: leichte Kleidung, leichte Glieder, leichtes Herz. Als mein Fuß den Bürgersteig erreicht und mein restliches Gewicht folgt bekomme ich das beklemmende Gefühl, auf Gelatine oder einem Hochseil zu laufen - meine Füße machen zwar ihre Arbeit, aber ich habe das Gefühl dass ich nicht weiß, wo sie als nächstes absetzen werden. Mein Körper kommt kaum hinterher; schon sind wir an dem kleinen Platz angekommen - ein Mann sitzt lesend auf einer Bank und lächelt mich an: "kopf hoch, mach dir keine sorgen" - bin ich so durchschaubar? Jemand hämmert, nicht weit weg, ganz rhythmisch, wie das ticken einer riesigen Uhr "deine zeit läuft ab, mein lieber" - meine Füße verlangsamen ihren Schritt und unter meinem unglaublichen Gewicht sinke ich ein; in meinem Geiste sehe ich, wie ich, mitten auf der Straße, umgeben vom Alltag einfach in der Straße versinke: um mich herum wird der Boden ein Stück weit mitgezogen - eine Flasche rollt, Autos rutschen ein paar Zentimeter, Häuser biegen sich fast unmerklich auf mich zu - ich versinke bis zum Hals, zur Stirn, mein Haarschopf guckt noch hervor, wie ein Büschel Gras; verschluckt. Um mich herum springt der Trichter zurück in seine Form, wabbelt noch kurz und verhärtet sich wieder.
"nur nicht stehenbleiben - immer weiter gehen" Ich nehme die Welt wieder in tausenden Einzelwelten wahr - alle in ihrer eigenen, kleinen, blauen Kugel auf deren Vorderseite das Sichtfeld projiziert wird. Ich schalte aus. Dann stehe ich schon wieder im Wohnzimmer - kann mich nur an den kleinen Hund mit den traurigen Augen erinnern, der im Supermarkt vor der Kasse lag und wartete - ich frage mich, was ein Hund im Supermarkt macht: "Wir müssen leider draussen bleiben." steht auf dem Schild. Ich stelle fest, was ich vergessen habe einzukaufen - egal, ich gehe nicht noch mal raus.









