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Ich will nichts, dass wir uns füreinander zensieren. Ich will, dass wir all das sagen können, was wir denken und fühlen. Da gehört Vertrauen und Respekt zu.
Sagen
1.
Man sagt etwas, um etwas loszuwerden, unter anderem dasjenige, was das Wort sagt. Darum wird das Sagen verfolgt, darum ist es verfolgt. Das ist ein Muster oder eine Musterung des Sagens, mit anderen Worten: Zensur mit der Nebenwirkung, Teekesselchen spielen zu können und das römische Sprechen sowohl über Bande, contra bande, verbindlich und doch korrumpierbar, passend und passierend möglich zu machen. An den Gegensinn von Urworten sollte man nicht gleich glauben, an Takt und Verkehr sollte man glauben.
2.
Das ist vielleicht auch Teil des Distanzschaffens, das nach Warburg eine Bewegung operationalisiert, die polar sein soll, in der also Kippen, Kehren oder Wenden vorkommen sollen. Warburg denkt an ein Distanzschaffen, das die Distanz, die es schafft, nicht zurücklegt, also nicht in eine Richtung läuft und sich nicht in die eine Richtung hin vergrößert oder verkleinert. Sie läuft 'zwierichtig', zwiefältig. Sie involviert, expliziert. Weil das Polare bei Warburg nicht ein Zentrum hat (allenfalls mindestens zwei) braucht man nicht hinzusetzen, dass das Polare bei ihm das Bipolare oder das Multipolare wäre - mit Zusatz kommt polarer Satz auch nicht stärker, nicht weniger stark voran. Der pendelt schon.
3.
In England sagt man law, um love und lov und lough loszuwerden, um einerseits also die Sprache vom Dänischen zu trennen (die lov sagen, um law und elsker (wertschätzen loszuwerden) und das Recht und die Sprache von der Liebe und dem Lachen zu trennen. Man soll zwar das Recht lieben und das Recht soll Witz haben, aber Rechtmachen soll nicht lieben und nicht lachen. Das, was man im Sprechen, Schreiben oder Sagen, was man in und mit Sagen loswerden will, verfolgt aber das Recht: das Dänische, Dänemark setzt seinen Prinzen Hamlet wie ein Ei, nicht unbedingt ein Kuckuckucksei in eine englische Tragödie, die wie eine Nationaltragödie sich aufführt. Die Liebe verfolgt das Recht mit der Liebe zum Recht, das Lachen verfolgt das Recht mit dem Lachen des Rechts.
Wenn Hegel sich vertan hat oder Hegel nicht ganz bei sich war, als er die Passagen zum Willen schrieb, was ist dann der Wille Hegels? Was, wenn das, was bei Hegel als Entzweiung oder als Dialektik auftaucht, in Wirklichkeit gar keine Entzweiung und keine Dialektik ist, sondern dasjenige, was Foucault den Dämon des Selben nennt? K. lauert ruhig: Was ist, wenn der Dämon des Selben der Däne des Selben ist?
Was, wenn wir aus dem Allgemeinen nicht aussteigen können, weil wir nie einsteigen können? Dann ist Zeit für Archäologie und Polarforschung, Zeit, sich mit Falten und Faltungen, mit dem Kreuzen und Versäumen zu befassen - oder gleich mit dem Scheiden.
Zensieren
1.
In Geschichte und Theorie der Zensur lassen sich zwei Linien einziehen: Die eine Linie soll Institutionen Kontur geben, die das Gesetz an die Wahrheit binden, mit Verboten operieren und über die Wahrheit hinaus auch das Schöne und Gute, vor allem auch die Sinne, Körper und Seelen kontrollieren. Die Kontrolle kann Resonanz sein. Ob nun puissance, pouvoir oder Macht: Die Zensur zensiert nicht nur, sie ist auch zensiert. In Fragen nach der Macht könnte man einen anderen Zugang suchen, als auf eine Markierung derjenigen zu zielen, die sie haben, und derjenigen, die sie nicht haben. Man sollte nicht auf die Markierung ihrer hellen und ihrer dunklen Seite, ihre institutionellen und konstitutionellen Seite zielen. Solche Unterscheidung sind sicher wichtig, aber ihre Größen sollten variabel bleiben. Insoweit kann das Zensieren auch eine vage Kulturtechnik sein, die vom Dogma der großen Trennung abgefallen ist. In der minderen Anthropologie, bei Latour oder bei Vismann gibt es da zahlreiche Anregungen.
Die zweite Linie soll Institutionen Kontur geben, die das Wissen normativ aufbereiten und mustern. Die Musterung mustert und ist gemustert. Waren der Medienbegriff nicht so überspannt und verbraucht (wie einst derjenige der Kommunikation), würde ich die Zensur ein Medium nennen. Ein Kommunikationsmedium, das nicht nur symbisch und nicht nur generiert ist. Sie generiert auch, sie schafft Distanz, symbolisiert. Das Recht hat hier einen starken Output, einen starken Input. Es operiert hier endogen und exogen. Zensieren ist Teil juridischer Verfahren in künstlichen Welten, schon weil es Welten mit erzeugt und davon miterzeugt ist. Solche künstlichen Welten reichen von den Kosmographie und Kosmologie der Antike über Zeiten der Weltbilder bis in moderne Epistemologie. Das gilt für beide Arten des Zensierens. Für die zweite gilt besonders: In diesem Zensieren lebt zwar auch Antike nach, die Praxis der Censoren und Auguren, aber sie wird heute vor allem als Datensammlung und Datenverwertung, Statistik in Demographien, der Kredit- und Finanzwirtschaft, den Versicherungen, den Bildungssystemen und dem Umwelt- und Klimarecht eingesetzt. Hier wird die Welt wahrnehmbar und ausübbar gemacht. Beide Linien der Zensur können wohl produktiv und kontraproduktiv, destruktiv und (falls es das gibt) kontradestruktiv sein. Die Linien können auf einer Linie liegen, sie müssen es nicht. Vielleicht sprechen wir nur über eine Zensur, vielleicht eine von zweien, vielleicht multiple Zensuren.
Ausgehend von den Forschungen zur Kulturtechnik wird dabei Normativität als ein Effekt operationalisierter Differenz, als prozessiertes Differenzieren (z.B. "Scheiden") verstanden. Beide Weisen der Zensur sollen auch nach Vorgaben aus der Forschung zu Recht und Kulturtechnik beschrieben werden. Das heißt, dass sie über Verfahren oder Techniken der Zensur beschrieben werden sollen, die zensieren und die dazu Subjekte, Objekte, Routinen, Apparate und Infrastrukturen einsetzen.
2.
Jörn Reinhardt hat einen sehr guten Beitrag zu dem Thema geschrieben. Wie Reinhardt treffend heraushebt, ist es bei Bildern wichtig, sie in ihrer Umstrittenheit, also als umstrittenes Objekt zu begreifen. Die Theorie des Leitbildes unterstellen eine Macht, die sicherlich auch durch das Bild laufen kann, aber nicht im Bild liegt und nicht im Bild ruht. In Johanna Brauns Arbeiten wird zwar aufmerksam gemacht, dass das Leitbild unterschiedliche Medien und Systeme kreuzt, das Leitbild geht auch durch ein Sprechen und Gerichte, durch Ministerien und Parlamente, durch die Massenmedien und das Netz. Aber expliziert wird diese Assoziation auch in ihrer Ungesichertheit nicht. So kommt es zu einer Verdichtung im Begriff des Leitbildes, in dem die Macht des Bildes zum Mythos wird. Die These, dass ein Staatsversagen nur deswegen wahrnehmbar geworden wäre, weil jemand das Leitbild des schlanken Staates entworfen habe, ist Mythos. Mit so einer Theorie des Leitbildes tauchen auch Thesen von der Macht der Bilder leicht annehmbar auf. Der Begriff des Leitbildes zeichnet Leitung schon vor das geistige Auge. Man könnte ja auch von Schalt- und Waltbildern sprechen, wenn Bilder schalten und walten. Oder von Leucht- und Schattenbildern, weil sie das eine beleuchten und das andere Verschatten. Tut man aber nicht. Lichtbilder ist besetzt. Die These über das Leitbild vom schlanken Staat und darüber, was erst dieses Leitbild wahrnehmbar gemacht hatte, das ist mythologische Kausalität, so nennt Pierre Legendre das: Glauben an die Referenz. Man muss nicht ungläubig sein, aber eine zaudernde Forensik würde ich doch empfehlen.
3.
Reinhardt lässt sich in seinem Text auf das Streiten ein, auf die Vorstellung, dass Bilder eigenschaftsfrei ihr Wesen wechseln können wie andere das Kleidchen. In seinem Text hat man es eher mit Schaltbilder zu tun, Bildern die Effekte von Verschaltungen sind und damit weiter verschalten. Durch sie laufen Trennungen und Austauschmanöver, so tragen sie Konflikte aus. Kulturtechnisch betrachtet ist ein Bild ein umstrittenes Objekt - und ein Effekt von Verfahren und Techniken, von Apparaten und Infrastrukturen, die das Objekt als Bild erscheinen lassen, verschwinden lassen oder eben, in Bezug auf das Mustern: Dem Bild in (multi-)polaren Verhältnissen eine Adresse geben, die es also etwas gesellschaftlich mustern und schichten, positionieren oder adressieren. Bilder die überall auftauchen, nicht aber in der Universität sind zum Beispiel nichtakademische Bilder. Kursieren sie in allen Universitäten, sonst nirgends, sind es vielleicht akademische Bilder.
In der Rhetorizität der Moderne ist die Praxis der Musterung nie verschwunden, aber auch nie kontinuierlich weiter geführt worden, diese Praxis war nie eine große Linie, auch in der Vormoderne nicht, auch in der Antike nicht. Reinhardt lenkt den Blick auf das Objekt, das durch Alghorithmen als Bild erscheint, auf ein digitales Bild. Ich habe 2009 die These vertreten, dass das digitale Bild ein rhetorisches Bild ist. Die Protokolle machen die Verfahren der Musterung wieder deutlich. Man muss diese Muster(ung) nicht decorum nennen, das ist ein arg gebildetes Wort. Die Umwegigkeit einer rhetorischen Auffassung könnte aber die und das Geschichte weiter ausschöpfen und die mythologische Kausalität im technischen Objekt relativieren. Die gibt es ja nicht nur, wie bei Braun, im Glauben an Leitbilder, die aus dem Agendasetting des rechtspolitischen Betriebes kommen. Mythologische Kausalität gibt es auch im Rechner. Nicht nur im Staat glaubt man an die Macht der Bilder und schließt sich damit an etwas an, auch in der Technik legt man so Leitungen fest.
Toller, klarer Text von Jörn, und das aus Bremen! Was besseres als die Hölle findet man wohl doch auch dort.
Nächste Polit-Bombe für die Grünen! https://pressecop24.com/naechste-polit-bombe-fuer-die-gruenen/ #Politik #Grüne #Bombe #Berichte #zensieren
Verwaltungsrecht des Auges
1.
Marie-Theres Fögen hat die Geschichte der Zensur mit der Enteignung der Wahrsager beginnen lassen (also ungefähr Ende des dritten Jahrhunderts n. Chr.). Das soll der Moment gewesen sein, als mit einer Verbindung zwischen römischem Recht und Glauben die Haruspize sowie andere Wahrsager verboten wurden und Wahrheit damit legal, rechtmäßig und/ oder gesetzesförmig geworden sein soll. Fögen folgt dabei dem Dogma großer Trennung (und den Thesen der Ausdifferenzierung). Die Geschichte, die bei ihr anfängt, fängt durch eine Trennung an, die groß sein soll, weil sie in einer großen Anzahl anderer Trennungen sich wiederholen soll, ohne sich zu verkehren. Bei Fögen ist die Trennung systembildend, wiederholt sich also an allen Stellen des Systems. Man kann die Trennung aber auch vage nennen und das Maß der Trennung unbeständig halten. Dass die Trennung vage ist, könnte man sogar an Fögens Formulierungen deutlich machen. Das Verbot der Wahrsager nennt sie im Titel nicht Verbot, sondern Enteignung: ab da soll etwas, was enteignen und übernehmen kann (so etwas wie ein Staat) die Wahrsagerei enteignet und damit vermutlich auch übernommen haben. So etwas ist vage, weil es verschlingt und verschlungen ist. Es ist vage, wie Sarkophage und andere fagierende Dinge und Menschen es sind, wenn sie etwas trennen, für Transit sorgen und dabei etwas (ein-)verleiben. Dass etwas getrennt wurde, würde ich aus der Geschichte und Theorie des Vagen heraus nie bestreiten, schon weil es, wie Eduardo Viveiros de Castro in der kannibalischen Metaphysik sagt, genug Dinge gibt, die es nicht gibt.
Das Maß der Trennung, das würde ich immer bestreiten, seine Größe und seine Kleinheit zum Beispiel. Das ist nämlich immer anders, es ist unbeständig. Das Verschlingen ist eine Technik, die auch Distanz schafft, die aber die Distanz, die sie schafft, nicht zurücklegt. Sie ist eine Bewegungstechnik, also ein Protokoll. Mit allem dem bleibt das Maß der Trennung unbeständig. Nach Warburg heißt das sogar, dass das Maß der Trennung nicht einfach mit der Zeit anwächst, also die Entfernung zum Zeitpunkt der Trennung nicht immer größer wird. Die Entfernung zwischen dem Beobachter einer Trennung und dem Zeitpunkt der Trennung, die wird im Verlauf der Zeit auch nicht immer größer. Das Nachleben der Antike in Warburgs Sinne bringt Kehren mit sich, die das Maß der Trennung auch wieder vermindern und schrumpfen, verkleinern oder schrumpeln lassen. Nächstes Jahr können wir zur Antike einen kleineren Abstand haben als dieses Jahr, sprich: die Trennungen zwischen uns und der Antike könnte dieses Jahr nicht, aber im nächsten Jahr in kleinen Formen und kleinen Objekten, in kleinen Leuten vorkommen, in Details und an Stellen, die sich nur in kleiner Anzahl wiederholen. Dieses Jahr kann das alles in großer Anzahl vorkommen, in großen Trennungen, großen Anreicherungen und Bereicherungen, in großen Beschleunigungen und großen Leuten.
2.
Fögen sagt: Bevor die Frage nach der Wahrheit auch die Frage nach dem Gesetz geworden sei, hätten die Juristen dazu geschwiegen. Die Welt der Censoren ist nach Fögen keine Rechtswelt. Wenn es so ist, wie Fögen sagt, dann ist das, was die Censoren gemacht haben, juridische Kulturtechnik: keine juristische Methode, keine Rechtsbegriffe, keine staatlich qualifizierten, etwa examinierten Juristen tun es, und doch kooperiert das Zensieren bei der Reproduktion von Recht.
Die Censoren (unter-)scheiden, schichten und mustern, sortieren die Leute und die Dinge. Was Leibniz mit gewissen Staats-Tafeln empfiehlt, nämlich den Institutionen ihr Wissen so aufzubereiten, dass es wahrnehmbar, ausübbar und verfügbar ist, das versuchen schon die Censoren. Insofern verfassen die Censoren Rom mit, sie cokonstituieren, coinstituieren und corestituieren Rom. Als 'Falter' sorgen sie für diplomatisches Material, also für Listen, Akten und Protokolle, die einen nicht unbedingt in Ruhe, aber unbedingt in Gesellschaft sein lassen sollen.
Censoren messen die Zeit und den Raum, führen einen Kalender, um etwas zu den Zeit-, Spiel- und Denkräumen sagen zu können. Sie sagen was dazu, ob und wie etwas passieren soll, sie mustern die Gesellschaft bis in Bereiche hinein, die man mit Aby Warburgs Worten Schmuck und Ich nennen kann, sie assoziieren Personen (quasi Subjekte) mit Mustern, Typen, Rollen und Stellungen. Sie beraten und bestimmen mit. Flüstern, murmeln und nöseln sie stärker als die Juristen, und ist das der Grund, warum man sie von den Juristen trennt und diese Trennung groß halten will? Was weiß ich, ich will aber auch nichts groß halten.
3.
Zensieren ist eine juridische Kulturtechnik, die nicht unbedingt das Verbot oder das Gesetz braucht, nicht das Interdikt und nicht den Richter. Dem Zensieren reichen auch rhetorische und statistische Verfahren, ihm reichen Tafeln, ihm reicht das Tafeln: Verfahren, deren Übertragungen und Teilungen händelbar und bestreitbar sind, die Wissen einrichten und ausrichten lassen, und zwar für alle Fälle (nicht nur für das Allgemeine und nicht nur für das Besondere, sondern auch für alles mögliche Sonderbare, Exemplarische, Wahrscheinliche, Unwahrscheinliche und Symptomatische) reichen.
4.
Seitdem die Fotografie nicht mehr in erster Linie eine Technik zum Umgang mit Optik und Chemie ist, sondern eine Technik, die zählt, ist ihr juridischer Gehalt, ihr Zensieren, wieder expliziter und deutlicher geworden. Frühe Texte zu dem Thema behandeln Gleichheitsfragen, unter anderem den Umgang mit Hautfarbe und der Teilung der Geschlechter: Werden Menschen präpariert, wird ihre Haut aufgehellt, abgedunkelt, werden Menschen in Rassen unterteilt, werden Trennungen schärfer gemacht als sie sind? Gehen die Verfahren mit Frauen anders um als mit Männern?
Wer mit dem Mobile/ dem Handy fotografiert, fotografiert mit einem Apparat, der den Akten ähnelt, denn lauter statistische Verfahren rechnen nicht nur damit, dass man fotografiert. Sie rechnen auch mit, während man fotografiert. Sie legen das Verfahren mit an und hören nicht auf, die Methode kurvieren, abbiegen, neue Richtungen nehmen zu lassen. Ein Update der Software auf dem Handy sorgt manchmal für bessere Fotos. Das ist Besserung, gelobt im Sinne der berechneten Bilder. An totfotografierten Orten scheint so eine Besserung besonders auffällig s.o). Der Apparat will besser wissen, was für Fotos an dieser Stelle gemacht werden sollen, als man selbst. Ist das ein Gerücht? Schon dann wäre es normatives Material. Plötzlich so grün, plötzlich so braun, plötzlich so weiß: Plötzlich sattere Farben als sonst. Das passiert in den besten Familien, eigentlich nur da, weil es zu unserem Besten passieren soll. Das gemeine Mobilefoto ist durch die Besserungsanstalt gegangen. Teure und professionelle Apparate verzeihen keine Fehler, das Mobile aber verzeiht nicht nur Fehler, es leistet die (Wieder-)Gutmachung, eine Kunst der Vergütung und Veredelung (also ius), gleich noch dazu.
Aby Warburg hat einmal die Formulierung vom Menschenrecht des Auges fallen lassen. In Bezug auf die juridischen Kulturtechniken der Musterung, Schichtung etc. könnte man auch niedriger ansetzen und erst einmal von einem Verwaltungsrecht des Auges sprechen.
Bildzensur
In der Essayreihe Digitale Bildkulturen (hg. von Annekathrin Kohout und Wolfgang Ullrich) ist 2022 ein Text von Katja Müller-Helle über die Bildzensur erschienen. Der Text reagiert auf ein Phänomen, das man auch auf tumblr beobachten kann. Das hat zum einen mit einr strengeren Fassung der Benutzerrichtlinien zu tun, die anders als zuvor bestimmte Inhalte als anstößig definieren und von der Plattform ausschließen sollen. Zum anderen hat es mit den technischen Routinen zu tun. Die reagieren auf Signale schnell, schwer zu sagen woraus sie langsamer reagieren. Vorsichtig ausgedrückt: Bilder und Schlagworte werden schneller gelöscht. Die Bilderkennungssoftware erkennt zum Beispiel automatisch nackte Haut und Körperteile, die sexuell konnotiert sind. Die Löschung erfolgt inneralb von Sekunden. Von dem Moment an, an dem z.B. die Fotografie aus einer Auststellung von Wolfgang Tillmans in der Tate Modern gepostet ist bis zur Sperrung des Bildes dauert es unter 60 Sekunden. Man kann gegen die Sperrung Einspruch einlegen, das Verfahren dauert noch einmal unter 60 Sekunden. Von Entscheidungsgründen erfährt man nur, tumblr sehe in dem Bild sexuell anstössige Inhalte. Auf Details der Unterscheidung, des Kontextes und der Interpetation lässt sich in dem Verfahren nicht eingehen. Durch Probe kann man herausfinden, was einfacher durchgeht und was schwerer duchgeht: Marmor geht einfacher durch, wenn etwas im Foto schon zur Skulptur gemacht ist, geht es einfacher durch. Brüste gehen einfacher durch als Hintern. Texte gehen einfacher durch als Bilder. Mythos geht einfacher durch als Alltag. Das sind aber vermutlich am alles Daumenregeln. Die sog. Cleaner sitzen oft in Niedriglohnländern, pro "Fall" oder Vorgang gibt es wenige Sekunden Verfahrenszeit.
2.
Katja Müller-Helle spricht von einem Formwandel der Zensur und verbindet das Phänomen mit dem Begriff der Algorithmic Governance. Eines der Elemente dieser Verwaltung ist viel beschrieben und kommentiert: diese Bildzensur ist nicht (direkt) beobachtbar. Man kann sich an das Verfahren herantesten, keine der Plattformen lässt aber zu, dass das Verfahren beobachtbar oder diskutierbar wird. Damit fehlt, was Normativität in einem kulturtechnischen Sinne auszeichnet, nämlich das Verfahren, zu Unterscheiden und dem Unterscheiden eine Form zu geben, die beobachtet werden kann. Die Kriterien der Sperrung sind intransparent. Treffend geht Katja Müller-Helle davon aus, dass man diese Verfahren vor dem Hintergrund der Geschichte und Theorie des Zensierens/ der Zensur beschreiben, analysieren und kritisieren sollte. Die Autorin schlägt vor, zwischen legitimen Zensurvorwürfen und der Instrumentalisierung für politische Zwecke zu unterscheiden, das könnte man überlegen, wenn man sich fragt, ob man die Zensur unterstützt oder aber nicht. Im Ausgangspunkt ist das Zensieren aber immer ein technischer und normativer Vorgang, damit ist die Zensur sowohl effektiv (und nur effektiv), sie hat auch die Konsistenz eines Gerüchtes - und die reale, physikalische Umsetzung ist (nur) ein Aspekt, nicht unbedingt wesentlicher Teil der Zensur. Zensur ist nicht nur Vernichtung oder Verhinderung und Verbot eines 'Medienkontaktes); Zensur ist ein unabweisbarer Teil des Musterungen, Messungen und der Schichtungen, mit denen Gesellschaften wahrnehmbar und ihre Sinnlichkeiten geteilt werden. Die Frage danach, ob eine Zensur legitim ist oder aber nicht, ist u.a. eine verfassungsrechtliche Frage, also nur und immerhin eine verfassungsrechtliche Frage. Aber die Frage nach dem Wesen der Zensur, die als Frage nach ihrer illegitimen Fassung gestellt wird, sie gibt keine vollständige Antwort darauf, was Zensur ist, weil das schon eine Frage nach dem Zensor ist und weil der Zensor nicht nur zensiert, sondern auch zensiert ist. Die Zensur als Position eines Machthabers zu beschreiben, ist die Hälfte der Wahrheit. An der Zensur teilen sich die Leute vielleicht auch darin auf in solche, die Macht haben und solche, die sie nicht haben. Als Teil juridischer Kulturtechniken ist das Zensieren aber nicht notwendig auf einen Durchsetzungsapparat angwiesen. Auch weil das Zensieren selbst ein Übersetzungsvorgang ist, mit dem also auch etwas anderes als Zensur vorgeht und mit dem etwas anderes als Zensur vorgehen soll sollte man Zensur nicht an der Verhinderung von Medienkontakten, nicht den Durchsetzungen eines Verbotes festmachen. Man sollte sie daran festmachen, wie Gesellschaften Wahrnehmung mustern, messen und schichten. Dass Gesellschaften dabei großzügiger oder freiherziger geworden seien, das halte ich selbst für ein Gerücht.
3.
Katja Müller-Helle beschreibt, wie sich in der digitalen Öffentlichkeit eine Zensur von oben mit einer Zensur von unten verbindet, und dies durch "kleinteilige Prozesse distribuierter Machtverteilung". Zensur ohne Zensor, Zensur ohne eine adressierbare Person, dafür als Infrastruktur. Sie sei, da bin ich nicht so sicher, immer erzwungen, daher Disruption, Willkür, die bloße Repräsentation der Macht des Stärkeren, erzwungender Stillstand. Da bin ich nicht so sicher.
Vom Scheiden
Das Wissen vom Recht sollte nicht zugangsfixiert sein, sondern sich auch um Ausgänge sorgen. Es soll nicht nur Assessoren, also nicht nur Beisitzer, Zugänger und Zugangshüter produzieren, sondern auch Passagiere, Passanten und andere professionelle Außenseiter. Man soll mit dem Scheiden anfangen.
1.
Das ist die Passagierliste der SS Excambion von ihrer Transatlantikfahrt November 1940, Lissabon nach New York. An Bord sitzt Sally George Melchior, ein (wie vielspaltige Tabellen notieren) Alien. Elsa Melchior, die Mutter der berühmten Anwältin und Rechtswissenschaftlerin Lilly Roberts Melchior, ist mit an Bord. Sie ist Elsa, geborene Warburg (Alsterufer, nicht Mittelweg). Das ist der Sally George Melchior, der im Sommer 1896 (ebenfalls auf einem Schiff) mit Warburg so kurz und so dicht kooperierte, dass in den warburgesken Stil der "Bruchstücke" ein juristischer Stil hineingeschwappt ist: steife Definitionen, die Warburg bemüht um Sorgfalt, zugleich sorglos (nämlich philologisch mehrdeutig) aufschreibt, aber auf die er zugleich mit Zeichnungen von Tafeln, Tabellen, Spiralen, Pendeln und Fächern (!) reagiert, als würden die Definitionen ihn nervös, zumindest unruhig, vielleicht kreativ machen.
2.
Lilly Roberts Melchior ist die Tochter von Elsa (also Nichte von Aby) und Stieftocher von Sally George. Sie istJuristin wie Sally George Melchior) und eine der Unterschlagenen, die eine Medientheorie des Rechts vor der Medientheorie des Rechts entworfen hat, das hat Alexandra Kemmerer treffend herausgearbeitet. Das macht Lilly (man will fast sagen: natürlich!) als Bibliothekarin, die sie auch noch ist. Damit soll ihr nicht wieder Ruhm abgezogen und Aby Warburg zugerechnet werden. Wenn überhaupt müsste man das ruhmreich Getriebenen und verschwenderisch Hochbegabte dieser Familie weiterreichen zu Sara Warburg.
2.
Liste gefunden und wieder mal gemerkt, es gibt keine 'gleichen Listen' (Karavas), denn Listen listen, sie machen nichts,aber auch gar nichts gleich. Sie scheiden, schichten und mustern, sie dehnen sich dafür im Raum aus und verzögern etwas in der Zeit, obschon sie Übersicht versprechen. Zuerst aber lassen sie den Blick springen, es dauert immer, bis man Übersicht hat. Sie machen nichts gleich.