Früher sah das Zelt irgendwie roter aus. Mehr Purpur. Die weissen Streifen strahlten. Strahlten ihr entgegen, wenn sie aus dem Auto stieg, ein bisschen wacklig noch, von der langen Fahrt und weil der erste Schnee unter ihren Füßen knirschte. Müde war sie. Ihre Cousins hatten auf der Hinfahrt dumme Scherze mit ihr getrieben, hatten ihr Knete in die dunklen Strähnen geschmiert und Apfelsaft auf ihrem Kleid verschüttet. Ihrem ganz besonderen Kleid aus rotem Samt, noch dunkler als das Purpur des Zirkuszeltes und mit winzigen Strasssteinen besetzt. Müde war sie also, aber auch immer aufgeregt, vorfreudig.
Jetzt pocht ihr Herz wie das eines Kolibris. Schnell und unregelmäßig, erwartungsvoll. Sie hat Angst ins dunkle Innere zu treten, den wohlig warmen Geruch nach Tier und Streu einzuatmen, sich darin zu verlieren. Angst vor der lauten Stimme des Direktors, der sie willkommen heisst und der betörenden Musik, den flimmernden Lichtern in der Manege.
Angst, dass alles nicht mehr so ist wie früher.
In den letzten Jahren hat sie sich verändert. Ist vielleicht noch ein wenig ernster geworden als sie es mit acht ohnehin schon war. Stück für Stück verlor sich ihr inneres Kind, kam in die Pubertät und wurde schließlich erwachsen, mit allem was dazu gehört. Das beschäftigt sie. Sie will nicht ernst und streng sein, will sich nicht in eine witzlose Maske ihrer selbst verwandeln. Das Bild einer Sommerwiese sollte keinen Ekel in ihr auslösen, wegen der Käfer und Würmer und dem herabgefallenen Obst, das langsam verrottet. Freibäder und Eisdielen sollten sie nicht ängstigen und beim Gedanken an ihre Steuererklärung sollte ihr langweiliges Herz keine Hüpfer machen.
Deswegen ist sie heute hier, steht seit einer halben Stunde mit einer Zigarette in der Hand vorm Zelteingang und versucht nicht in bodenlose Panik zu verfallen. Zu viele Menschen drängen sich mit ihren aufgeheizten Winterjacken an ihr vorbei, schubsen sie unmissverständlich zurück in Richtung Auto. Sie könnte jetzt einfach hinein steigen, abhauen, verschwinden. Sie könnte so tun, als wäre sie nie hier her gekommen, hätte nie versucht etwas zu retten was unmöglich zu retten war. Ihre Kindheit. Ein Stück Erinnerung, ein bisschen Frieden in ihrem durchgetackteten Alltagstrott.
Gerade will sie sich umdrehen, die Marlboro in den matschigen Überresten des ersten Schneefalls ersticken und zurück in ihr trautes, nach Farben geordnetes Heim fahren, als ein großer, blauer Luftballon ihr die Sicht versperrt. Überrascht weicht sie einen Schritt zurück, ohne zu begreifen, dass der Luftballon an einem kleinen Mädchen festgebunden ist, welches skeptisch zu ihr hochblickt. Was machst du da?, will es wissen und beäugt scheinbar ungläubig die beinahe herunter gebrannte Zigarette in ihrer Hand. Sie weiss nicht was sie antworten soll, ihr Sinn für Kinder hält sich in Grenzen. Vielleicht einfach ignorieren? Na du rauchst, meint das Mädchen, das ist furchtbar ungesund! Mein großer Bruder raucht auch ganz viel, das stinkt gewaltig, mach ja nicht die schöne Zirkusluft kaputt!. Es hat seine dicken Ärmchen in die Hüften gestemmt, wodurch sich der Anorak bedenklich über seinem Kinderbauch spannt. Weil ihr nichts besseres einfällt nickt sie. Nickt und wünscht sich, sie könnte diesem frechen Biest die Zunge herausstrecken. Das Ballonmädchen lächelt, als wisse es über ihr kleines Geheimnis Bescheid und trottet dann an ihr vorbei ins Zirkuszelt. Kommst du?, ruft es von drinnen und seine speckige, behandschuhte Hand schiebt sich durch die hineinströmende Menschenmasse zu ihr nach draußen. Fordernd winkt der kleine, gelbe Handschuh in dem Meer aus dunklen Mänteln und Mützen, Schals und Handtaschen.
Und da muss sie plötzlich lächeln, bei diesem Bild: der Handschuh, der ohne Körper in der Luft zu tanzen scheint und dieses Mädchen, schon so streng, so ernst, wie es es einmal war. Weiter oben schwebt der blaue Ballon, über den Köpfen der Besucher und sie folgt ihm hinein ins Innere, lässt sich von der kleinen Hand durch ihre Ängste und Hoffnungen führen. Als sie schließlich neben dem Mädchen sitzt, ganz vorne, direkt vor den Strohballen, und den Duft in sich aufnimmt, den Duft von Heu und Tier und Menschen in Winterklamotten in einem überhitzen Zirkuszelt, da lächelt sie immernoch. Bum, bum, bum und dann bam macht ihr Herz und sie weiss, dass sie aufgeregt ist und ein wenig müde von der langen Fahrt hierher. Aber das macht nichts, den sie sitzt hier und trägt ihr Kleid aus rotem Samt, das mit den winzigen Strasssteinen darauf.