2. November 2017
Tagung im Schlafanzug
Wie wachsen junge Sterne? Woher kriegen sie ihre Masse? Wie läuft das ab? Alles interessante Fragen, und das Projekt, das sich damit befasst, die Fragen zu beantworten, existiert auch schon. Das Astronomen-Team besteht vorwiegend aus Leuten, die in West-Kanada, Hawaii, China, Taiwan und Korea sitzen. Für die wenigen europäischen Beteiligten ist das ein wenig problematisch – es gibt einfach keine Uhrzeit, die für alle innerhalb normaler Astronomen-Arbeitszeiten liegt. Die meisten Telecons finden um zwei Uhr nachts britischer Zeit statt oder so.
Anfang November findet ein Team-Meeting statt, und zwar in Korea. Die Europäer nehmen auch teil, und zwar mit Hilfe von “zoom”, einer Software, die genau für solche geographisch herausgeforderten Strukturen gebaut wurde. Zoom überträgt über die gesamte Länge der Tagung den Ton aus dem Tagungsraum, komplett im Browser, ohne Stocken oder Verzögern oder Unterbrechung. Es kann außerdem Screen-Sharing, das heißt, der Bildschirm von jemandem im Korea wird in meinem Browser angezeigt. Wenn ich kommentieren will, melde ich mich per Chat-Fenster, bevor ich mein Mikro entsperre. Am Rand des Fensters sehe ich immer, wer gerade redet, ein Feature, das ich mir auf echten Tagungen auch wünsche. Es dauert wenige Minuten, das ganze Ding aufzusetzen. Man muss das manchmal so explizit hinschreiben, so unglaublich ist das alles.
Nur für die Zeitzonen gibt es noch keine Lösung. Ich soll einen Vortrag halten, geplant für halb fünf Uhr nachmittags koreanischer Zeit. Die letzten Slots am Nachmittag sind für die Europäer reserviert. Halb fünf nachmittag entspricht halb acht Uhr morgens in Schottland. Ich stehe um halb sieben auf, mache ein Bild von der aufgehenden Sonne, baue es in die Präsentation ein, und rede dann von meinem Wohnzimmer aus zu einem unsichtbaren Raum in Korea über die Infrarotstrahlung von jungen Sternen, und wie sehr sie sich verändert. Das Vorwärtsklicken der Slides funktioniert nicht über die Entfernung. Ich schicke die Slides nach Korea, und ab jetzt werden sie von jemandem vor Ort umgeblättert. Hinterher gehe ich wieder ins Bett.
(Aleks Scholz)














