Er lässt sich ins Taxi fallen und stoßseufzt: "Irgendso´n Drecksneger hat mich vermöbelt...!"
Ich bin sofort alarmiert, bremse und spreche ihm zurück "Hast du da eben 'Drecksneger' gesagt?"
"Oh Mann, bist du etwas so´n Ökoscheisser?" erhalte ich als Antwort.
"Bin ich! Und rassistische Sprüche will ich in meinem Taxi nicht hören!", wobei mir etwas mulmig ist, denn dass es sich bei diesem Problembürger um einen gewaltbereiten Rechten handelt, ist nicht zu übersehen.
Er wird aber plötzlich eher weinerlich und jammert, wie weh ihm der Kopf tut und dass er schlimm verprügelt wurde. "Fahr mich einfach nach Hause und mach deinen Job", fügt er an. Es ist 4:00 Uhr nachts an Sylvester und es gibt jede Menge zu fahren; ich will mich nicht auf Diskussionen oder gar Auseinandersetzungen mit diesem Narren einlassen und fahre ihn an die angegebene Zieladresse in der Friedrich-Ebert-Strasse. Dort hatte ich auf dem Weg nach Kromsdorf vor etwa 2 oder 3 Stunden eine Armada von Polizeifahrzeugen registriert, die mit Blaulicht von der praktischerweise am unteren Ende der Strasse gelegenen Wache hochgedonnert kamen; auf dem Rückweg sah ich dann zwei "Sixpacks" (Mannschaftstransporter für jeweils sechs Polizisten) vor eben dem Gebäude stehen, in das ich jetzt meinen lädierten Fahrgast bringe.
Unterwegs kriege ich nicht nur zu hören, dass er sich die beiden "Nigger" nochmal vornehmen wird (wobei er nicht so wirkt, als ob er gegen die zu meiner klammheimlichen Freude anti-rassistisch offenbar sehr fitten Gegner viel ausrichten könnte), sonder auch dies: "Ich bin kein Nazi, aber ich rede halt frei meine Meinung, und die ist bißchen rechts. Und wenn man was Rechtes sagt, ist man ja gleich ein Nazi".
In einer Mischung aus Tollkühnheit und intuitiv richtiger Einschätzung der verletzungsbedingt motorischen Eingeschränktheit meines Fahrgastes antworte ich ihm : "Ja, vielleicht bist du nicht gleich ein Nazi, wenn du rechten Müll redest - aber dann bist du eben einfach ein Arschloch." Wie ich richtig vermutet habe, landet jetzt kein rechter Haken in meinem Gesicht, sondern Adolf Dumpfbacke stutzt kurz und räumt dann grinsend ein "Ja, ich bin ein Arschloch!".
Wir kommen an seinem Haus an und auf dem Zähler stehen 15,80 Euro. Ich nenne ihm den Fahrpreis und er fängt an, in seinen Taschen zu kramen. "Oh nee jetzt", denke ich, "ein Nazi-Spacko im Auto und der dann auch noch ein Fahrpreispreller!" Und richtig, er jammert mir was vor, dass er nicht reinkommen könnte, keine Schlüssel und so, er wolle aber mal schnell hochlaufen und schauen ob er einen Nachbarn wachklingeln könnte. Innerlich hab ich die Fahrt schon abgehakt, immerhin ist gerade High Time und ich brauche nur durch die Stadtmitte zu rollen und kann mir die Fahrgäste aussuchen. Insofern bin ich entspannt und ärgere mich bloß, dass ich den Idioten nicht gleich am Klinikum rausgesetzt habe.
Er verschwindet im Hauseingang, ich steige ebenfalls aus und betrachte mir die Örtlichkeit: riesige verschmierte Blutflecken auf der Eingangstür, blutiger Türgriff, eine Spur von Blutspritzern vom Vorhof zum Eingang - das Ganze sieht mehr nach dem Tatort einer Krimiserie aus als nach der Weimarer Nordvorstadt. Nach 3 Minuten ist mein Kunde wieder da und beschwört mich, dass ich mein Geld "wirklich heute nacht noch" bekommen würde, ich solle ihm vertrauen, er sein "kein Loser".
Ist er aber doch, denn sein memmenhaftes Rumgejammer nervt mich so sehr, dass ich ihm schließlich sage. "Pass auf, ich hab keine Zeit mir anzuhören, wie du in meiner Taxe rumheulst. Ich sehe, dass du ein Problem hast und gerade nicht weisst was du machen sollst. Hier ist meine Karte und meine Nummer, ruf mich an wenn du meine Kohle hast und gut ist."
Er bedankt sich servil für mein Vertrauen (das gar keins ist, an diesem Punkt will ich den Faschodeppen nur noch loswerden), drückt mir die Hand und verschwindet.
Ich düse ab - hoffend, dass er tatsächlich versucht, die beiden "Drecksneger" erneut zu stellen und dann noch mal ordentlich auf die Rübe kriegt.