Gedanken
10.10.2021
Ihm ginge es nicht gut deswegen würde er jetzt schon schlafen gehen, sagte er zu Oma.
Er ging auf die Toilette, lief an mir vorbei und ich fühlte mich seltsam.
Als er zurückkam stand ich immer noch in der Küche.
Anders als sonst verabschiedete er sich nicht mit einem müd gegrummeltem „Gute Nacht“, sondern kam zu mir.
Ich wendete mich ihm zu und er strich mir mit seinem rechten Zeigefinger über die Wange.
Das hatte er noch nie zuvor getan und ich fühlte mich noch ein bisschen seltsamer.
Er schein das gar nicht bemerkt zu haben und ging ins Bett.
Als meine Mutter am nächsten Morgen in meiner Zimmertür stand und mir erzählte, dass er letzte Nacht gestorben sei, dachte ich erst sie machte einen Witz.
„Darüber solltest du keine Witze machen“, wollte ich erst antworten.
Stattdessen sagte ich: „Was?“
Sie erklärte, dass er wohl eingeschlafen ist und dann wahrscheinlich an einem Herzinfarkt gestoben sei. Das ließe sich jetzt nur noch schwer feststellen und würde nichts bringen.
Zu wissen wie er gestorben war, würde ihn nicht wieder zurückbringen.
Alles war taub. Ich könnte mich nicht bewegen, nichts sagen und auch nicht weinen. Ich konnte gar nichts tun. Ich saß nur da und war fassungslos.
Ich legte meine Hand auf meine Wange und dachte an seine seltsame Berührung vom Abend zuvor.
Hatte er gewusst, dass er stirbt und sich so im Stillen und ohne das ich es wusste von mir verabschiedet?
Alle weinten, sogar mein Vater und ich war überfordert. Immer wenn meine Oma anfing zu weinen verließ ich fluchtartig den Raum.
Ich kann nicht daran denken geschweige denn darüber reden. Weil ich selber nicht weiß was ich eigentlich fühle. Weil ich selber nicht weiß was ich tun soll und weil ich selber nicht weiß, ob ich überhaupt etwas tun soll.
01.12.2021 17:07 Uhr
Und jetzt ist auch sie gegangen und mit ihr ein Teil meiner selbst. Sie hat ihn mir genommen, dass er jetzt für immer verloren. Da ist kein Gleichgewicht mehr. Da ist gar nichts mehr. Und das Einzige, woran ich denken kann, ist diese eine Person. Diese Person, der ich blind vertraute, der ich alles sagte, die immer da war und mich so vor dem Fallen bewahrte.
Die Lücke, die sie hinterlassen hat, fühlt sich an wie eine klaffende Wunde direkt in der Mitte meines Herzens. Und diese Wunde ist so tief, dass alles in ihr zu verschwinden scheint.
Ich suche einen Ausweg, ein Ventil und werde fündig.
Doch ich verliere mich in meinem Ausweg, weil er mich, nur für einen kurzen Moment vergessen lässt.
Er lässt mich vergessen all die Erinnerungen, die Fragen, die Zweifel und die Schmerzen.
Er lässt mich, mich vergessen.
Er lässt mich vergessen wer ich bin und wer ich war und ich genieße es meinen Gedanken für einen kurzen Moment zu entkommen.
Währenddessen distanziere ich mich immer mehr und mehr von den wichtigsten Menschen.
Aber alles was ich damit erreiche ist, dass ich mich selbst immer mehr und mehr zerstöre.
Ich mache mich selber immer mehr und mehr kaputt, weil das was mich immer heil gemacht hat, diese eine Person, jetzt fehlt.
Und ich habe das Gefühl ich werde nie wieder ganz heil sein, weil niemand, wirklich niemand, mich so heilen kann, wie sie es getan hat.




















