DIE FASZINATION JAPANS (Awajishima, 27. Oktober)
Es ist schwierig zu erklären was die Faszination Japans ausmacht. Es ist ein Mix aus Kultur, alter Traditionen, Handwerk, wilde Grossstädte und ganz klar das Essen. Am besten erkläre ich das mittels einem ganz “normalen” Reisetag.
Die Nacht war nicht ganz ruhig und die Sonne scheint schon um 5.30 gegen das Zelt. Totale Stille gab es nur in der Mongolei, hier ist man fast immer in der Nähe einer Durchgangsstrasse. Wir hören eine Stimme um unser Auto, jemand hat wieder unser CH-Nummernschild oder die Aufschrift “Miyamoto” entdeckt und drückt sein Erstaunen mit “oohh, eehhh” jemand anderem oder sich selbst aus..
Wir kochen Kaffee und essen Müesli aus Reis und Mais (mit Getreide gibt es nicht im Supermarkt). Brot mit Butter und Honig würde unser Reisebudget zerstören. Eigentlich sollten wir sowieso Salat, Reis und Fisch essen wie das die Japaner zu tun pflegen. Wir biegen auf die linke Fahrbahn und müssen bereits nach 40m bei der ersten Ampel halten und nach weiteren 70m bei der Zweiten….usw.
Ein Café für den Znüni gibt es nur in den Grosststädten, auf dem Land gibt es einen Iced Coffee von der Vending Machine zusammen mit einer Zigarette im Auto. Denn Rauchen im Freien ist nur in designierten Zonen (klar markiert) gleich neben dem Aschenbecher erlaubt. Wieso durfte man uns gestern im Izakaya (Bar) einräuchern, macht es aber gleichzeitig an der frischen Luft so schwer??
Wir gehen in ein Museum über Samurais, wo es natürlich auch einen Fanshop hat mit Keksen und Eis. Die Leute kaufen wie wild Kekse auch wenn Samurais ganz bestimmt keine Kekse, geschweige denn Eis hatten. Beim betrachten der Ausrüstung und Wohnungseinrichtung der Samurais sieht man, dass sie schon vor Jahrhunderten total detailbesessen waren und ein Auge für schöne Dinge hatten. Marco muss kurz aufs WC.. Wieso hat es im Pissoir ein Berg von Eiswürfel??
Wir gehen ins nahe gelegene Restaurant. Die Serviceangestellte begrüsst uns lautstark als wären wir die ersten Kunden am heutigen Tag, sogar aus der Küche schreien sie “Seemasee”. Doch das Restaurant ist schon fast voll. Rund um uns herum schlürfen sie ihre Suppen. Bevor wir uns auf den Tatami setzen können, bekommen wir ein Glas Wasser serviert und ein warmes Tuch um die Hände zu reinigen. Fabienne bestellt kalte Soba und Marco eine Udon-Suppe, die Bestellung wird von der Serviceangestellten auf den Knien entgegengenommen damit wir keinesfalls zu ihr hochsehen müssen.
Die Speisen werden in schönem Geschirr auf einem Tablett serviert und wenn man die Speisen genau betrachtet könnte man meinen sie seien für einen Wettbewerb hergemacht worden. Wir lachen uns schlapp ab einem Mitvierziger der ein T-Shirt trägt “JESUS OR SATAN?”. Wahrscheinlich kennt er beide nicht aber die Farben haben ihm gefallen. Neben ihm sitzt eine Frau mit farbigen Zehensocken, gepunkteten Hosen, XXL-Pulli und einer Baumwollmütze. Beim bezahlen staunen wir, dass das ganze bloss CHF 15 gekostet hat. Trinkgeld bezahlt man grundsätzlich nicht, die Serviceangestellte verabschiedet uns trotzdem euphorisch und macht zusätzlich noch zwei Verbeugungen.
Fabienne sieht einen Shop mit japanischem Geschirr. Beim betrachten staunen wir nicht schlecht über die Preise. Wer um Himmels Willen bezahlt CHF 430 für eine Teetasse oder CHF 4’100 für einen Teller?? Wir fahren weiter und fragen und wieso bei jeder Baustelle mindestens zwei Fahnenschwinger stehen. Ist das Teil eines Beachäftigungprogramms?? Denn eigentlich hat man ja Ampeln erfunden vor ein paar Jahrzehnten.
Bei der Tankstelle staunen sie Bauklötze ab unserer Maschine. Der Diesel ist mit CHF 1.23 ziemlich preiswert. Der Tankschlauch wird von der Decke herunter gelassen, das spart Platz. Benzin für unseren Kocher können sie unmöglich in unseren Kanister abfüllen. Offenbar steht das unter Strafe und da Japan nach wie vor die Todesstrafe kennt, möchten wir lieber nichts riskieren.
Der allabendliche Kampf um Onsen, Restaurant und Schlafplatz geht los. Nachdem uns das erste Hotel abgelehnt hat - ab 17 Uhr nur noch für Gäste - finden wir im zweiten Anlauf eine heisse Quelle und bezahlen je CHF 4 in den Badetempel. Frisch geduscht gehen wir in ein Izakaya, das von einem Ehepaar geführt wird. Beide sind stark beschäftigt, jedoch so freundlich und aufmerksam wie heute beim Mittagessen. Am Nebentisch haben sie schon eine Flasche Shochu intus und so wird es immer lauter. Nach einer Weile überwindet sich jemand und fragt uns in gebrochenem Englisch woher wir kommen. Danach ist die Konversation schon wieder zu Ende. Wir schlürfen Tee, weil auch in Japan 0.0 Promille am Steuer gilt und bestellen Edamame, gegrillter Squid, einen Salat und etwas Sashimi. Vor dem Bezahlen am Tresen, möchten alle Besucher noch ein Erinnerungsfoto mit uns. Landen die zu Hause im Wohnzimmer, am Kühlschrank oder sogar auf dem Nachttisch??
Dann der Grosse Schock, wo ist der 10’000er (CHF 90) den Fabienne vorher noch in der Tasche hatte? Sie springt aus dem Restaurant und er liegt tatsächlich noch eine Stunde später vor dem Auto auf der Strasse. Wir sind erstaunt aber nicht überrascht. Als wir schon fast aus der Türe raus sind, folgt uns die ziemlich gestresste Besitzerin und überreicht uns je eine Tüte Schokolade, weil sie so riesig Freude hatte uns zwei als Gäste gehabt zu haben. Wirklich rührend!
Auf dem Heimweg machen wir einen kurzen Halt im Convenience Store. Marco nimmt ein Reisball gefüllt mit süssen Bohnen und Fabienne einen Baumkuchen.
Da wir keinen besseren Platz finden, fahren wir in der Dunkelheit zum Michi-no-eki, wo wir beruhigt unser Zelt aufschlagen können und ein schönes WC in der Nähe haben. In der Dunkelheit haben wir Mühe die Ampeln zu erkennen im Dickicht von blinkenden Lichtern und Schildern, die wohl der Erhöhung der Verkehrssicherheit dienen sollten, ihr Ziel wohl aber ganz klar verfehlen. Müde rollen wir uns in unseren Schlafsack.