Die allererste Sinuskurve, die ich zu Gesicht bekam, entstammte keiner Naturwissenschaft, sondern einer Kulturtheorie. Bis man uns darĂŒber aufklĂ€rte, diente sie aber nur zur Orientierung auf der Zeitachse der Epochen. Deren Abbildung in Form von Bergen und TĂ€lern galt es als Gestaltungsmerkmal der Infotafel anzuerkennen. Ohne das Wissen ĂŒber Sinuskurven machten die Beulen zwar einen eher willkĂŒrlichen Eindruck, doch dank der makellosen Kalligraphie-Schrift unserer Lehrerin, in welcher alle relevanten Namen in sie reingeschrieben waren, war deren Anblick dennoch befriedigend. Der holprige Zeitstrahl erfĂŒllte seinen Zweck ĂŒber gute fĂŒnf Jahre.
Die erste Bemerkung zur verdĂ€chtigen Schwingung kam recht knapp vor dem Abitur und erfolgte nach einer ausdrĂŒcklichen Warnung. Das Modell samt Sinuskurve und ErklĂ€rung der kulturellen Zeitachse sollte sich uns in einem SekundĂ€rtext ĂŒber das Wirken von Friedrich Nietzsche, dem bedeutendsten Popularisator der Theorie, erschlieĂen. Es wĂŒrde uns viel kosten Nietzsche zu verstehen, hieĂ es, und es wĂ€re nicht so schlimm, wenn es uns nicht gelinge. Eigentlich waren wir dabei eine gute Klasse, die jeder Erwartung gerecht werden konnte. Nicht die LektĂŒre eines 1000-seitigen Gesellschaftsromans aus dem Fin de SiĂšcle, sondern ausgerechnet Nietzsche sollte also eine Gefahr fĂŒr uns darstellen?
Der damalige Hinweis war der erste von vielen. Nahezu eine HĂ€lfte aller ZugĂ€nge zu Nietzsche, die ich bisher ĂŒberbrĂŒckte, war mit einem metaphorischen âBetreten auf eigene Gefahrâ-Schild versehen. Was auf den Schildern wörtlich stĂŒnde, dazu einige Beispiele:
âWie Sie diese Sendung ĂŒberstehen werden, das wissen wir natĂŒrlich nicht. Wie wir diese Sendung ĂŒberstehen⊠Das werden Sie ja dann sehen jetzt.â
( Harald Lesch â Denker des Abendlandes â 36 â Schopenhauer und Nietzsche )
âDer Ăbermensch trat in 'Also sprach Zarathustra' auf â einem langen dithyrambischen Gedicht von nahezu unertrĂ€glichem Bombast und Ernst, dessen vollkommene Humorlosigkeit von abscheulichen Bestrebungen nach Ironie und Leichtigkeit ungemindert bleibt. Gleich Dostoyevsky und Hesse ist es unlesbar â auĂer wenn man pubertiert.â
( Paul Strathern â Nietzsche in 90 minutes )
âKönig Lear sagt am Rande des Wahnsinns:
' â will solche Dinge tun â / Was, weiĂ ich selbst noch nicht; doch solln sie werden / Das Graun der Welt.'
Das ist Nietzsches Philosophie in kĂŒrzester Form.â
( Bertrand Russell â Philosophie des Abendlandes )
Einer meiner Lehrer glaubt, dass man nach der LektĂŒre von Nietzsche nur zwei Optionen zur Auswahl hat: seine Theorien gĂ€nzlich zu bejahen oder kategorisch zu verwerfen. Zwar möchte ich ihm nicht folgen, um alle Zitierten zu Nietzsche-Hassern zu erklĂ€ren. Lesch gibt dem Denker immerhin tief gehenden Einfluss auf seine Nachkommen zu; Strathern und Russell â Konsistenz der veröffentlichten Thesen und alle von ihnen (so scheint es) â ein, wenn nicht lobenswertes, so zumindest beeindruckendes Gesamtwerk.
Ob innerhalb einer Gesellschaft oder eines einzigen Individuums â Nietzsche polarisiert. Hat man alle Warnungen misachtet und mindestens eins seiner Werke gelesen, hat man mit grenzgĂ€ngigen GefĂŒhlen zu rechnen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie bei Nietzsche vielerorts selbst zum Thema werden.
Im Rahmen eines kontinentalen Ausflugs entschied ich mich, âDie Geburt der Tragödieâ zu lesen â eine der frĂŒhen Schriften Nietzsches, die die misteriöse Sinuskurve bis zu ihrem Ursprung in die Antike zurĂŒckverfolgt.
Die Pole, welche sie umschlieĂen, nennen sich jeweils apollinisch und dionysisch. Welcher von ihnen an der Infotafel unserer Lehrerin den Plus-Pol bzw. Minus-Pol darstellte, weiĂ ich nicht mehr â und wenn ich es auch wĂŒsste, spielt es wahrscheinlich eh keine Rolle. Weder bei der Autorin der Grafik noch bei Nietzsche gab bzw. gibt es Tendenzen festzustellen, einen der Extrempunkte abzuwerten. FĂŒr das Wesen der Tragödie, welche die Pole geformt haben sollen, sind bei Nietzsche beide ausschlaggebend: sowohl der instinktive, schöpferische, mystische Rausch im Zeichen Dionysus als auch das Deskriptive, Analytische und Rationale, welches Apollo zugeschrieben wird. Ersteres soll in reinstmöglicher Form in der Musik auffindbar sein; zweiteres â in der bildenden Kunst.
Wohlbemerkt â in reinstmöglicher Form. Nicht notwendigerweise in reiner Form also. Trotz einer anfangs sehr systematischen Spaltung ist die Grenze zwischen dem Apollinischen und Dionysischen mit keiner Mauer zu vergleichen, sondern eher mit einer Membran, die viele Wechselwirkungen zulĂ€sst.
Die Charakteristik des Malers, wie Nietzsche ihn sich vorstellt, Ă€hnelt der eines Wissenschaftlers. Das Werk des KĂŒnstlers zeichnet sich durch KomplexitĂ€t aus, welche seine Geschlossenheit als Summe von penibel ergrĂŒndeten Details erkennen lĂ€sst. Das Darzustellende ist stets die Natur, welche aufmerksam studiert werden muss. Das Resultat des malerischen Schöpfens wird in erster Linie durch die Erscheinung des Abzubildenden bestimmt. Die Ăsthetik der Abbildung liegt in der VerstĂ€ndlichkeit des dargebotenen Anblickes â trotz der Schwierigkeit, die das Analysieren der Natur mit sich bringt, ist das Abgebildete im Endeffekt ohne weitere Anstrengung eindeutig identifizierbar.
Anders verhĂ€lt es sich mit dem Musiker, der dem Maler in âDer Geburt der Tragödieâ zum Gegenteil wird. Das von ihm Geschaffene erschlieĂt sich nicht direkt â weder ist es visuell, noch aus dem systematischen Aufbau des StĂŒckes deutbar. Die Musik sei ânicht Abbild der Erscheinungâ, schreibt Nietzsche, sondern âzu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller Erscheinung das Ding an sich (âŠ)â. WĂ€hrend die bildende Kunst von der Aufspaltung von Ganzheiten und der Darbietung von Beispielen lebt, besteht das Wesen der Musik in der Generalisierung von Einzelheiten. Gerade das macht sie abstrakt und somit sehr schwer begreifbar.
Die Notation ihrer KlĂ€nge, die das apollinisch-formale zum Teil des dionysischen Werkes werden lĂ€sst, bestimmt nicht die Wirkung, welche durch sie ausgelöst wird. Parallel besteht der Wert der bildenden Kunst nicht allein in ihrer wissenschaftlichen QualitĂ€t, sondern auch in der rauschartigen Hingabe des KĂŒnstlers und der gefĂŒhlvollen Rezeption der Betrachter. Die Wechselwirkung der beiden GegensĂ€tze spiegeln sich laut Nietzsche in jeglichen Versuchen der WelterklĂ€rung â ob durch Dramaturgie oder Disziplinen anderer Art. Seine Leserschaft darf sie auch bei ihm selber feststellen â das kulturelle PhĂ€nomen, grĂŒndlich auseinandergenommen, bietet sich, wie man es von Nietzsche kennt, untermalt durch poetische Sprache voller Pathos, welcher, gleich dem eines MusikstĂŒcks, nicht allein aus ihrer Syntax zu folgern ist.
Die Basis der Welt, so Nietzsche, sei metaphysisch. Demzufolge hĂ€tten alle Erlebnisse und die dazugehörigen instinktiven Akte und Leidenschaften, welche direkt an sie angelehnt sein sollen, einen ontologischen Vorzug gegenĂŒber ihrer Darstellung, die die apollinische Kunst vornimmt. Ohne die letztere hingegen könne kein Wesen jeglicher Dinge ins menschliche Bewusstsein geraten, was alle Formen der Forschung, Objektivierung und Beschreibung zum Ausschlaggebenden fĂŒrs Erkennen dieser Dinge werden lĂ€sst. Wie man die Metaphysik treffend beschreibt â darauf liefert Nietzsche keine Antwort mehr. Zwar sei sie abbildbar, immerhin, doch: ob gezielt, oder nur wahllos? Von der Vielfalt der Kunst- und Weltdeutungs-Formen samt ihren Differenzen abgesehen, bleibt jeder Mitstreiter dieser Disziplinen ohne Gewissheit, absolut geltende Dinge an sich statt schier bedeutungslosen EindrĂŒcken ihrer selbst ergriffen zu haben.
Bis zu dem Moment jedenfalls, in dem Alfred Ayer um die Ecke kommt und sich an die Desillusionierung macht. Die Begriffe bleiben ĂŒber Jahrzehnte gleich: auch bei Ayer gibt es KĂŒnstler und Metaphysiker. Nun, statt auf zwei weitestgehend auseinander gelegenen Gipfeln platziert zu werden, stecken sie jedoch unter einem Dach. Sie bekommen gemeinsame Eigenschaften zugeschrieben und sind bei Ayer im philosophischen Sinne gar gleich bedeutend. Genauer gesagt â ĂŒberhaupt nicht.
Metaphysik, so Ayer, messe sich die FĂ€higkeit zu, das Unbeobachtbare zu erklĂ€ren. Diese Aussage sollte soweit keinem Sorgen bereiten â auch nicht den Metaphysikern, die in der Ontologie bekanntlich ihren Raum zum wissenschaftlichen Ausdruck sehen. Diesen will ihnen Ayer jedoch nicht zugeben. Auch er teilt die Ideenwelt in zwei: PrĂ€positionen, die verifizierbar und somit fĂŒr jegliche Forschung relevant sind, und Aussagen, denen weder ein Wahrheitswert noch wissenschaftliche Wichtigkeit zugeschrieben werden kann.
Verifizieren lieĂe sich analytisch, also durch einen logischen Beweis, oder empirisch, durch Beobachtung und Wahrnehmung des Beschriebenen. Letzteres scheint in der Metaphysik besonders schwer zu sein â als Aufgabe stellt sie sich immerhin, an das Wesen aller Dinge, ja an das Wesen des Wesens aller Dinge zu kommen. Ob die menschliche Wahrnehmung zwischen Atome und Quarks passt und auf all Dasein bis zu seinem Ursprung, âvorâ den Anfang des Universums zurĂŒckblicken kann, ist zu bezweifeln. Doch die analytische Verifikation, der sich auch laut Ayer so mancher Metaphysiker fĂ€hig zu sein glaubt?
Auch hier gĂ€be es eine Grenze. Von all Analytischem könne nur aufgrund seines sich selbst beschreibenden Charakters ausgegangen werden. Die Beziehungen zwischen PrĂ€positionen in einer analytischen Verifikation sind intern und dĂŒrfen nicht auĂerhalb der verwendeten Logik verstanden werden. Eine Aussage, die nicht nur logisch, sondern auch physisch (oder etwa âsubphysischâ?) gelten soll, sei also keinesfalls rein analytisch, ohne Hilfe anderweitiger Gesetze, ableitbar.
Logische VerknĂŒpfungen sind sprachlich. Die behandelten PrĂ€positionen beziehen sich nicht notwendig auf ein wirkliches Seiendes â die Aufgabe der Logiker ist es, sie auch inhaltslos als Teil eines Zusammenhangs zu verstehen und auszuwerten.
Nietzsches dramaturgische Membran wird bei Ayer zur Sprachbarriere. Auf einer Seite dĂŒrfen wir Ayer selbst, zusammen mit ein paar Positivisten, erahnen. Sie sehen ihre Berufung nicht mehr in der ErklĂ€rung der Welt, sondern in der BeschĂ€ftigung mit Fragen sprachlich-logischer Art. Schon bei Nietzsche bekommen ihre Vorfahren ein paar Worte eingerĂ€umt: die Rede ist von einer reinen, verstĂ€ndlichen Sprache, die einer klaren und insofern schönen Denkart entspringt. Dieses PhĂ€nomen sei dabei jedoch nichts als eine Abwehrreaktion, die nach der Auseinandersetzung mit rĂ€tselhaften, unbeherrschbaren Inhalten der Metaphysik eintritt.
Die Praktizierenden dieser Disziplin, Ă€hnlich wie bei Nietzsche als Weltdeuter im mystischen Rausch skizziert, streben auf der anderen Seite der Barriere an, die Wirklichkeit zu transzendieren. Hier lasst uns zusammen mit Ayer viel zu viele vermuten, die es in unsere Allgemeinbildung, aber nicht in den Kanon des analytischen Kreises geschafft haben. Selbst âSprache, Wahrheit und Logikâ, die ruhig als Manifest gegen Metaphysik gelten kann, gibt ihnen trotzdem eine Errungenschaft zu. WĂ€hrend sie oft als âDichter am falschen Platzeâ bezeichnet wĂ€ren, mĂŒsse man hinter der Mystik immerhin eine gefĂŒhlsbezogene Absicht vermuten, gleich wie bei einem KĂŒnstler wie dem nietzscheanischen Musiker. Im Gegenteil zum Wissenschaftler, der sich das AusdrĂŒcken wahrer Aussagen zum Ziel macht, möge der Metaphysiker Erfahrungen vermitteln und somit ein eher Kunst begierendes Publikum fĂŒr sich gewinnen. Der Wahrheitswert spiele hier, gleich wie bei anderen wertvollen Sinneserfahrungen, keine Rolle.
Seit der AufklĂ€rung zur kulturellen Sinuskurve fragte ich mich oft, wo unsere Generation auf ihr einzuordnen wĂ€re â seien wir eher kĂŒhl und rational oder energiedurchtrieben und gefĂŒhlvoll? Die Entscheidung fiel nie ohne wenn und aber. Hier Leistungsdenken, da Konsumgesellschaft. Hier Rollenteilung, da Individualismus. Hier StahltrĂ€ger, da BlĂŒmchenmuster. Der Urteil ist nie gefallen.
Das Vorhandensein beider Extreme zur gleichen Zeit zuzugeben ist schwer â vor allem in einer Phase, in der alles nach System strebt. Ăhnlichkeiten, die ich zwischen Nietzsche und Ayer (angenehm ĂŒberrascht) feststellen musste, deuten dem letzteren an, möglicherweise eine etwas ĂŒbertrieben rigorose Trennung vorgenommen zu haben. Bewusst oder nicht, schrieb er immerhin ein Werk, welches an Nietzsche denken lĂ€sst. Ob er ihn auf seiner Seite, bei den Gegnern der Metaphysik, zu haben glaubte? Eher nicht.
Bedeutend und durchaus optimistisch finde ich jedoch seinen Gedanken, dass Wissenschaft und Kunst einen eigenartigen, unvergleichbaren Wert besitzen und folgerichtig nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Nietzsches kulturelle Gipfel, beides Werte einer einzigen âFunktionâ, lassen durchaus Vergleiche und gar KĂ€mpfe zu.
Vor dem Vergleich der (im Sommer wie erwĂŒnscht) kĂŒhlen âSprache, Wahrheit und Logikâ mit der leidenschaftlichen âGeburt der Tragödieâ erwartete ich durchaus, einen Konflikt entfachen zu können. Nun entpuppten sich beide Schriften als zum groĂen Teil miteinander kompatibel. EnttĂ€uscht bin ich jedoch nicht. Punkt an beide Herren.