Über Angst und mögliche Welten
Mein Gesprächspartner ist Terrorist. Nicht in Wirklichkeit jedoch, sondern nur möglicherweise. Dies ist ihm wohl bewusst. Er ist es, der das Thema anspricht und der mir diesbezüglich ein Geständnis macht. Er hätte Angst vor dieser Möglichkeit. Ob er Angst hätte, ein Terrorist zu werden, frage ich. Nein, antwortet er. Er fürchte die Möglichkeit, einer geworden zu sein. Dabei nehme ich an, dass mein Gesprächspartner kein Terrorist ist. Wovor er sich fürchtet, ist also wahrscheinlich nicht mal Sache. Und das scheint mir unbegreiflich. Um verstanden zu werden, ängstigt man sich lieber vor der Zukunft. Hat eine Grausamkeit noch nicht stattgefunden und steht sie dennoch möglicherweise bevor, kann man sich vor ihr fürchten, ohne seine Mitmenschen in Verwunderung zurückzulassen. Anders verhält es sich mit einer Angst wie die des armen Nicht-Terroristen. Sie wundert mich schließlich genügend. Diese Angst beziehe sich doch auch auf die Zukunft, denkt sich jetzt jemand. In 15 Minuten hätte sich der Genosse, wäre er denn Terrorist, genauso gut in die Luft sprengen können oder Schulkinder zu Geiseln nehmen. Richtig! Ob er dazu bereit wäre, entschied sich jedoch in der Vergangenheit. Klar hätte er sich vor unserem Gespräch vom Terrorismus überzeugen lassen können, was auch seine Zukunft beeinflussen sollte. Seine Vergangenheit war jedoch eine andere und ermöglicht ihm nun kaum, Fanatiker zu werden. Selbst wenn ihn der Beschluss künftig reizen mag, scheint dies gar nicht seine Sorge zu sein. Die Zukunft ist meinem Gesprächspartner bekanntlich nicht unheimlich genug, um sich in ihr als Terrorist zu erwägen. Was ist es also, was er sich in seiner Angst vorstellen mag? Ganz sicher nichts Wirkliches, auch keine wirkliche Vergangenheit. Bislang passierte in unserer Welt kein Zeitpunkt zweimal und somit bleibt mein Gegenüber für immer von einer nicht-terroristischen Vergangenheit gesegnet. Ihr Gegensatz wäre lediglich möglich gewesen. Zeitlich gesehen. Physikalisch also. Die physikalische Möglichkeit des Befürchteten wird entgültig gestrichen. Doch nun tauchen meine Gesellschaft und ich tiefer ab, setzen Physik außer Kraft und räumen uns ihr Fundament ein: die logische Möglichkeit. Neben unserer Welt gibt es hier auch viele andere, mögliche Welten zu untersuchen, die ohne Rücksicht auf physikalische Gesetze und Kausalketten als gleichberechtigt angenommen werden dürfen. Jede von ihnen ist eine Ganzheit und beinhaltet die Summe aller Dinge. Die Summe bzw. die Dinge selbst variieren jedoch, so dass man jeder möglichen Welt ein Eigenmerkmal zuschreiben kann. Sind zwei Welten um ein Atom verschieden, reicht es schon aus, um sie als zwei Welten auseinander zu halten. Wie viele Kombinationen sich dann aus 1089 Atomen ergeben mögen? Was ist mit möglichen Welten, in denen es weniger oder gar mehr Atome gibt? Nun bekomme ich selber Angst, denn wo soll ich in dieser unendlich scheinenden Anzahl von Welten meinen Gesprächspartner wiederfinden und wo genau ist er jetzt ein Terrorist? Ich schränke die Suche ein und schaffe Voraussetzungen. In allen Welten, vor denen sich mein hierzulande unfanatischer Begleiter ängstigen mag, soll er zumindest als dieselbe Person existieren. Zunächst ohne Rücksicht auf seine terroristischen Neigungen. Die Hälfte aller möglichen Welten werde ich so los. Was bleibt, ist trotzdem immer noch eine Unmenge. Zweite Voraussetzung also: in allen Welten, die meinen Gesprächspartner enthalten, muss er bis zum Zeitpunkt, der in unserer Welt seinem Geständnis entspricht, Terrorist geworden sein. Wieder fällt eine Hälfte weg. Nur eine Hälfte? Erwartet habe ich eine einzige mögliche Welt, vor der es meinem Gegenüber graut. Tatsächlich sind es aber genauso viele wie die ohne seinen Terrorismus. Logisch gesehen hätte der Arme in 50 % aller Fälle seiner möglichen Entwicklung zum Terroristen aufwachsen können. Und, wie ich gerade feststellen muss, gilt dasselbe auch für mich. Dies reicht aus, um auch mir einen kalten Schauer den Rücken runter zu jagen. Ob es Grund genug ist, Angst zu behalten, anstatt sich über die Erfüllung der anderen 50 % zu freuen? Von der Suche nach diesem Grund würde ich dem Helden dieses Textes abraten. Im Laufe des Gesprächs stellten wir fest, vom Terrorismus als von dem islamistischen zu denken. Sollte er gerade dieser Gruppe beigetreten sein, wäre er, wenn auch Terrorist, dann ein schlechter. Ein guter Dschihadist ist schließlich tot. Anders gesagt: gute Dschihadisten gibt es nicht. Meinen Gesprächspartner, den ich oder der Leser bei Omegle treffen mag, soll ein großer Dank erreichen.









