Ich bin verschlafen und werde gar nicht wach. Ein Blick auf den Wecker verrät mir, dass ich noch liegen bleiben kann. Es ist halb neun und ich habe heute Urlaub. Ich knautsche mir eine kalte Ecke vom Kopfkissen an mein warmes Ohr, schließe die Augen und denke darüber nach, warum ich heute frei habe.
Mein 30. Geburtstag. Eigentlich hatte er schon letzte Nacht um punkt null Uhr mit diesem ultranervigen Schlümpfegeburtstaglied (wovon es ein ganzes Album geben muss...) begonnen.
Nun schlafe ich aber erstmal aus.
“Alles Gute zum Geburtstag mein Mäusepüpslein.” haucht mir mein Liebster ins Ohr und kratzt dabei mit seinem Bart hinter der Stelle am Ohr. Wir bleiben noch viel zu lange liegen und reden über den Verlauf unseres gemeinsamen Tages, statt ihn einfach mal zu beginnen.
An Kopf und Körper mit Handtüchern umwickelt, betrete ich noch etwas triefend meine Küche, da wird mir ein Muffin mit einer funkensprühenden Wunderkerze in Herzform überreicht, während mir ein Ständchen gesungen wird. Es gibt Geschenke. Ein Buch mit persönlicher Widmung und einer Protagonistin, die so heißt, wie ich. Leider nicht das Buch, was ich mir ganz ausdrücklich gewünscht habe. Theaterkarten. <3 Kein Cupcake (was ich mir aufgrund des Preises denken konnte). Dann ziehe ich meinen neuen Jumpsuit an, der nur auf heute gewartet hat und lass’ mir beim Friseur noch die Augenbrauen aufhübschen bevor ich mich ganz besonders sorgfältig schminke. Mit dem Laugengebäck, welches mit Schnittlauchbutter beschmiert wurde als Frühstück im Zug geht es nach Lübeck, da chill’n wir für eine eine Zigarette an der Trave bis wir Richtung Puttgarden umsteigen.
Bei der Haltestelle ‘Timmendorfer Strand’ steigen wir aus und laufen gute 1,5 Kilometer zum Strand. Aber den erreichen wir nicht direkt. Wir machen noch einen Umweg durch “die Tiefsee”. Die Otter sind vom Niedlichkeitsfaktor her schon so’n kleines Highlight (obwohl jetzt eher nicht so Tiefsee). Aber die Königskrabben, Riesenkrebse, Seepferdchen, Nemos, Quallen, Katzenhaie (mit teilweise durchsichtigen, befruchteten Katzenhaieiern) sind pures Vergnügen für mich. Diese Artenvielfalt auf diesem Planeten ist so beeindruckend, finde ich. Vom Seestern, bis zum Seeigel. Vom Hai bis zu meinem persönlichen Highlight: Diese wunderschöne Riesenschildkröte. Das ganze Becken ist hübsch angelegt und man kann durch einen durchsichtigen Tunnel unter den schwimmenden Tieren hindurchgehen.
Ich bin alt genug, um zu wissen, dass die Tiere sich dort nicht wohlfühlen können, so klein wie ihr Lebensraum ist aber das ist, wie im Tierpark... Ich liebe es einfach so sehr, mir das Wunder dieses Planeten vor Augen zu führen.
Nach gut 90 Minuten haben wir jede Schildkröte, alle Krabben, Fische, Algen, Schwämme und so weiter ausreichend begutachtet. Es ist bereits 17 Uhr. Wir haben noch 20 Minuten am Strand und 20 Minuten für die schöne Parkanlage auf dem Rückweg. In Lübeck sind wir so hungrig, dass wir uns dort ein Restaurant suchen. Zur happy hour. Nach zwei Cocktails und einer Vorspeise zu viel in meinem Bauch, laufen wir zum Bahnhof. Während der Zugfahrt fällt mir erleichtert auf, dass ich entgegen meiner Erwartungen nicht den gesamten Tag mit Schlümpfegeburtstagsliedern genervt wurde. Es ist fast zehn, als wir Zuhause ankommen. Wir sind beide vollkommen erschlagen. Ich bin total glücklich und die Schlümpfe rauben mir noch einmal kurz die Nerven bevor sich mein Geburtstag vorbei anfühlt.
Es ist gar nichts vorbei. Nach zwei Tagen werde ich durch mein Viertel gehetzt, zur Post, zum Eisdealer... Bei letzterem kommen wir nicht an. Weil ich binnen drei Sekunden gefühlte fünf mal in eine andere Richtung navigiert werde, bin ich ultimativ genervt und sage meinem Freund das auch lautstark. Wie sich das gehört, beim Überqueren einer Ampel. Wir biegen ab und plötzlich höre ich jemanden laut “Scheiße!” sagen. Was ist scheiße? fragt sich mein Kopf und ragt plötzlich vermutlich fünf Zentimeter höher. Da steht meine Mutter. Vor meiner Schwester, die noch versucht sich zu verstecken. Mit ihrer riesigen Reisetasche.
Das soll wohl eine Überraschung sein aber keiner sagt so etwas, wie Überraschung.
“Wollen wir Kuchen kaufen?” fragt meine Mutter. “Hab ich gerade gebacken.” antwortet ihr mein Freund. Ich geh’ schnell Kaffeebohnen kaufen und dann geht die Kaffee- und Kuchenparty in meiner Küche auch schon los. Ich will meine Schwester und meine Mutter nur zum Stadtteilbahnhof bringen, aber mein Freund fragt mich, ob ich das nicht etwas unhöflich fände in Anbetracht dieser Mühe. Er sei so hungrig, erzählt er mir noch und er würde das Essen vorbereiten. “Schreib doch bitte, wenn du am Hauptbahnhof in die Bahn steigst, damit ich das Essen in den Ofen schieben kann.” Ich wundere mich, wie engagiert er ist... warum er in meiner Wohnung bleibt, obwohl er doch in seiner kochen will und sage auch noch scherzhaft zu meiner Mutter, dass mein Freund den Eindruck mache, als wolle er gleich weiter feiern. Als sie nicht reagierte, hätte ich stutzig werden sollen.
Aber ich bin zu sehr damit beschäftigt Pipi in den Augen zu haben, als ich Mutter und Schwester in den Zug gen Osten setze. Zu dieser wehmütigen Stimmung gesellt sich ein aufdringlicher Ghanaer. Beides brauche ich gerade nicht. Noch genervt von 15 Minuten Geschwaller in sehr akzentstarkem Englisch, biege ich fußläufig in meine Straße. Ich fühle mich schon wieder gehetzt, als mein Freund wartend am Fenster steht. Gereizt gebe ich zu verstehen, dass ich erstmal in Ruhe Frau xyz zu ihrem Geburtstag gratulieren muss. Ich mach’n Video, schau’s mir noch mal an und wackel hoch zum “Shameless”-Abend.
Es riecht nicht nach frischem Essen und ich fragte mich ja auch sowieso schon, was es wohl geben würde. Es gibt Papierschlangen, die ehemalige Mitbewohnerin mit Verlobtem, die Coole mit Freund, die Biologin und noch mehr Geschenke!!! So viel Tee, kann ich jetzt trinken und das Wunschbuch gab es nun doch noch. Selbstgemachtes Chiliöl auch. Noch mehr Blumen. Und überhaupt war das eine total schöne Überraschung. Obwohl ich gar nicht vorhatte zu feiern, weil mich die Vorbereitungen immer so sehr stressen, dass zur Feier meine Laune im Keller ist, ließ ich mich nun doch feiern. Das hat wirklich Spaß gemacht. Ich bin ganz hingerissen.
Insbesondere habe ich rückblickend bemerkt, wie oft ich an diesem Tag meinen Freund angeschnauzt habe. Das ist mal gar nicht so, wie ich eigentlich sein möchte. Das kann ich aber immerhin an mir ändern. Was ich nicht wirklich ändern kann, ist mein Alter. 30.
Das Buch, was ich mit mir selbst als Protagonistin geschenkt bekommen habe, ist tatsächlich ziemlich cool, weil sich das nach Krimi mit Romanze liest. Romanze mit ‘nem Typen, der zufälligerweise so heißt und aussieht, wie mein Liebster. <3