Die Basis sagt Ja zum Vertrag
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Die Basis sagt Ja zum Vertrag
Plakate gegen Gabriels Vorhaben: "Der Politikwechsel ist wichtiger als die große Koalition"
Gabriel vs. Jusos
Nun hätte Gabriel zu seinem Flugzeug aufbrechen müssen. Doch er redete weiter. Die Jusos hatten sich an der Flüchtlingspolitik im Vertrag gestoßen. Das wollte der Parteichef so nicht stehen lassen. Und dann kam er zu dem Punkt mit der Linkspartei und alles schaukelte sich hoch bis zum Ausruf, in der CDU gebe es Rassisten.
Herr Oppermann, wie schalten Sie eigentlich ab?
"Um abzuschalten, gehe ich in den Wald. In Göttingen gibt es einen wunderbaren Stadtwald. Wenn ich dort eine Stunde laufe, habe ich den Kopf frei."
Wunschputsch. 8. Dezember
Ich habe gelesen, der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz hatte zusammen mit der NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft einen Putsch geplant, falls die Bundestagswahl im Desaster enden würde. Das tat sie. Und dennoch habe ich nichts von einem Putsch mitbekommen. Irgendwas läuft in dieser Partei merkwürdig. Irgendwas läuft vielleicht auch im Journalismus merkwürdig. Als wir Olaf Scholz jedenfalls nach dem Interview für die „Welt am Sonntag“ diesem Gespensterputsch fragen, lächelt er.
Ein besonderes Interview
Mitgliedervotum. Staatskrise? 1. Dezember
Staatsrechtler kritisieren das Mitgliedervotum, weil damit indirekt ein Auftrag an die Abgeordneten erteilt werde, was wiederum rechtlich bedenklich sei, da es die Unabhängigkeit des Mandats betrifft, aber von Sigmar Gabriel in einem emotionalen TV-Interview mit Marietta Slomka als kompletter Quatsch dargestellt wurde, da hier mit einer merkwürdig aufgebauschten theoretischen Debatte basisdemokratischer Mut angepinkelt werde, wir jetzt aber alle wissen, was da genau passiert und es manchmal vielleicht besser ist, wenn Sigmar Gabriel nicht mehr Stimmen als Oma Else hat.
Andrea Nahles in der "Welt am Sonntag" - gemalen von Karl Lagerfeld
15 Kaffee, bitte! 30. November
Der Koalitionsvertrag steht. Jetzt trommelt die Parteiführung. Für Schwarz-Rot und für ihre eigene Zukunft. Vom Interview mit Andrea Nahles bleibt vor allem ein Eindruck: Sie erzählte uns nach dem Gespräch, dass sie zuletzt während der Verhandlungen mehr als 15 Tassen Kaffee am Tag getrunken hat. Dann zog sie weiter. Zum nächsten Termin. Ich blieb baff stehen. Ich weiß nicht, was 15 Tassen in mir anrichten würden.
Gabriels Publikumsbeschimpfung. 23. November
Der Parteichef betreibt Publikumsbeschimpfung. Das wirkt. Vor seiner Rede bei der Regionalkonferenz – noch immer steht kein Koalitionsvertrag – ist so etwa die Hälfte der 300 Mitglieder im Saal schlecht auf das Bündnis zu sprechen. Am Ende, nach einem etwa dreistündigen Hin und Her, gibt sich der Saal mit Standing Ovations geschlagen. Nur rund 15 Jusos bleiben sitzen. Die wollen keine GroKo, wie man nun überall sagt. Keinen GroKo-Deal und so. Lieber wollen sie schon jetzt die Linkspartei umarmen. Gabriel will das nicht, sagt er. Er will Schwarz-Rot. Vor allem will er sozialdemokratische Politik (Was ist das überhaupt?) umsetzen. Gregor Gysi, der ginge sogar, sagt Gabriel. So sei aber nicht die gesamte Linke. Die müsse sowieso erst einmal ihr Verhältnis zu Israel klären. Ich höre das, tippe es stur in meine Tasten und frage mich dabei, warum ich davon beim Parteitag in Leipzig nichts gehört habe. Ist Gabriel doch offenbar wichtig. Wichtig war ihm übrigens auch, darauf hinzuweisen, dass die Sozialdemokratie für Jahrzehnte in eine Krise stürze, die Führung zurücktrete würde und die Partei ohne Geld für einen Wahlkampf dastehe, wenn das Votum nicht so laufe wie er es gern möchte. Das kann man durchaus eine Drohung nennen. Die Standing Ovations deuten allerdings darauf hin, dass es hier offenbar so mancher mag, zurechtgestutzt zu werden. Aber warum?
Das Buhlen geht los. 22. November
Mein erster Besuch bei der Basis. Südlich von Stuttgart will Generalsekretärin Andrea Nahles mit den Mitgliedern den Koalitionsvertrag diskutieren. Schließlich sollen alle bald über das schwarz-rote Werk abstimmen. Das Problem an diesem Abend mit recht vielen weißhaarigen Menschen im Publikum: Der Vertrag steht noch gar nicht. Klar, Eckpunkte stehen. Doppelpass für irgendwen und irgendeinen Mindestlohn – dies präsentiert Nahles schon jetzt. Die etwa 150 Mitglieder im Saal finden das gut. Fast genauso doof finden die Schwaben jedoch, dass von Steuererhöhungen nun keine Rede mehr ist. Sie waren zentrales Wahlkampfthema und sollten helfen, für ein bisschen mehr Gerechtigkeit in der Bevölkerung zu sorgen. Das hat die Parteiführung nun abgesagt. Tumulte gibt es deshalb aber nicht. Eher wird hier gekuschelt. Die Andrea und die Basis sprechen sich gegenseitig Mut zu: 25,7 Prozent sind schon schlecht. Aber so schlecht sind wir gar nicht. Eigentlich ist die Union viel schlechter. Am Ende klingt das hier so, als könnten die Mitglieder irgendwann sogar wieder daran glauben.
Wen wählen? Das besprechen die Landesgruppen hinter den Kulissen
Parteitag II. 15. November
Das ist alles doch noch zu viel für mich. Überall Gesichter, die ich bisher fast nur aus dem Fernsehen kenne. Peer Steinbrück war gestern noch Kanzlerkandidat. Nun ist er der einzige, der sich hier noch zitiert – und das gleich zwei Mal. Sigmar Gabriel hält gleich zwei Reden. In der ersten kriecht er vor die Mitglieder. Dafür wird er wieder zum Parteichef gewählt. In der zweiten poltert er gegen die Union, die endlich liefern soll. So spät auf dem Parteitreffen sind zwar nur noch wenige Journalisten da. Aber nach dieser krachenden Wahlniederlage geht es ja eh vor allem darum, die rote Partei wieder zu flicken. Ich schreibe ein paar Texte über das alles. Stecke die ersten Visitenkarten mit Partei-Logo ein. Und laufe dem neuen Vize Thorsten Schäfer-Gümbel so lange hinterher, bis er mir ein paar Fragen beantwortet. Um dann später bei der Autorisierung die einzigen beiden frechen Sätze herauszustreichen. Gescheitert bin ich wohl auch am Abendprogramm. Feiern können die Sozialdemokraten, das habe ich nun schon gelernt. Alle stehen, lachen und trinken. Gestern im alten Schwimmbad. Heute in einem Kellerclub. Und morgen auch schon wieder irgendwo. Mein Kalifornien-Kreislauf kann das noch nicht. Hier geht zu viel. Ich gehe. So ziemlich als erster. Ich verlasse Leipzig und stelle fest, dass sich fast niemand mehr im Land darüber aufregt, dass die SPD von nun an auch mit der Linken zusammenarbeiten würde.
Leipzig, Parteitag.
Parteitag in Leipzig. 13. November
Ich bin hier falsch. Mein Herz, mein Kopf und vor allem diese Müdigkeit ticken noch voll nach Kalifornien-Zeit. Vor ein paar Stunden erst ist mein Flugzeug gelandet. Nun schon stehe ich hier vor diesem Raumschiff, das sich die neue Messe Leipzig nennt. Mein erster SPD-Parteitag. Und das mit neun Stunden Zeitverschiebung im Nacken. Die Piraten sind untergegangen, ich aber bleibe Hauptstadtjournalist und suche eine Aufgabe neben dem Schreiben über Innere Sicherheit. Ich helfe nun meinem Kollegen Daniel Friedrich Sturm. Der weiß so ziemlich alles über die SPD, ich nur ein bisschen mehr als nichts. Das soll sich natürlich ändern. Ich werde versuchen, diese Partei zu verstehen. Über diesen vielleicht unmöglichen Versuch schreibe ich hier. Bitte helfen Sie mir, kommentieren Sie, fragen Sie nach, geben Sie mir Hinweise. Klopfen wir diesen Laden ab. Das ist sogar wichtig. Die SPD will bei der nächsten Wahl ja schließlich den Kanzler stellen. Ob das klappt? Mal sehen. Zunächst wird das hier bestimmt ein bisschen oberflächlich. Entschuldigung. Ich verspreche aber, dass ich versuche, mich tiefer in die Parteiseele zu graben.