Brief an einen Menschen, der es sich ganz früh anders überlegt hat.
Liebe Hilde,
endlich finde ich die Ruhe, Dir zu schreiben. Ich hatte ja nicht einmal die Ruhe mit Dir zu reden, als Du angeklopft hast. Das tut mir leid.
Du bist in mein Leben getreten, als es mir sehr gut ging. Es war der Sommer 2015, ich hatte die längsten Sommerferien meines Lebens, ein volles Bankkonto mit geliehenem Steuergeld, großartige Freunde, den großartigsten Brieffreund und war bereit, dass sich etwas Großartiges ändert.
Im Sommer 2015 hatte ich das Gefühl,das alles passieren kann. Ich war endlich bei mir und in Berlin angekommen.
Ich weiß nicht, ob Du mich schon hören konntest, wenn ich in sternenklaren Nächten nach oben geschaut habe und mir mit Sommersprossen Wunschkraft gewünscht habe, dass alles gut wird.
Ich weiß auch irgendwie nicht, ob Du zu Besuch warst, um mir zu flüstern, dass alles gut wird, aber wow, Du hast mich ganz schön durcheinander gebracht. Kein Wunder. Es war wahrscheinlich an der Zeit, dass jemand anderes mal alles durcheinander bringt und nicht immer nur ich selbst.
Wenn ich jetzt zurückblicke auf die kurze Zeit, die wir hatten, dann war das wie der größte Drogenrausch, den ich je hatte. Inklusive aller Nebenwirkungen. Die größte Freude, die größte Angst, die größte Liebe und die größte Verletztheit. Unendliche Mengen an Albernheiten, an Klarheiten und an Zweifeln. Und die Gewissheit, dass ich nun 33 Jahren endlich erwachsen geworden bin. Endlich. Ich bin wie verrückt umher gelaufen so viele Tage und Stunden. Und diese kleine Hilde Seele hat es mir gezeigt. Danke dafür. Und ich verspreche Dir, dass ich trotzdem immer ein kleines albernes Mädchen, eine wilde Pubertierende und eine selbstbewusste Frau bleiben werde. Du hast mich in gewisserweise komplett gemacht. Und das sage ich gerade unter Tränen in einem hellblauen Kinderzimmer mit abgelaufenen Stöckelschuhen neben mir.
Es tut mir unbeschreiblich leid, dass ich zulassen konnte, dass der falsche Papa Dich angeschoben hat. Denn ich wünsche mir nichts sehnlicher für Dich, als eine ganze glückliche Familie, die es kaum erwarten kann, dass Du endlich herkommst und wir die Chance bekommen, jemandem Neues zu zeigen, wie wundervoll und bunt und ehrlich und fantastisch diese Welt und dieses Leben sein kann. Und wie schön es ist geliebt zu werden auch wenn mal Gewitterwolken am Himmel sind und Nerven wie Seiltänzerseile gespannt sind.
Ich weiß nicht, ob Du gehört hast, als ich mir bei Mamas dritter Hochzeit gewünscht habe, dass Du noch ein bisschen wartest, bis ich dir das perfekte Himmelbett gebaut habe und einen rosa Glitzerteppich ausgerollt habe.
Wenn Du das gehört hast und Dich deshalb schnell aus dem Staub gemacht hast, dann hoffe ich, dass Du verstanden hast, dass ich voller Vorfreude auf Deine Ankunft bin, und ich muss sagen, dass ich jetzt schon beeindruckt bin von Deiner Intelligenz und Deiner Rationalität und Deinem Verständnis für die Welt. Aus Dir wird sicher mal etwas ganz Großes und Besonderes. Und 100% gewollte, geliebte und gewunschene Zellen und Gene und Körperteile sind sowieso viel hübsche anzusehen als nur eine Hälfte. Das Potenziert sich nämlich dann beim Erscheinungstermin ums millionenfache.
Und Mamas vierte Hochzeit (oder die Silberhochzeit mit Friedhelm ) feiern wir hoffentlich dann zusammen.
Bitte glaube mir, ich wollte Dir nicht weh tun, und ich möchte gar nicht darüber nachdenken, wie ich mich jetzt fühlen würde, wenn ich die Entscheidung gegen Dich hätte treffen müssen. Denn erst jetzt verstehe ich, dass Du ein Teil von mir bist und immer sein wirst.
Bitte komm wieder, wenn Dir danach ist. Und such Dir einen guten Papa aus, kannst mir ja flüstern, wenn es soweit ist, dann höre ich auch sofort zu rauchen auf, versprochen.
Bis dahin werde ich nun alles dafür vorbereiten. Und wenn Du beschließt doch nicht mehr zu kommen, weil Du einen Ort gefunden hast, der Dir lieber ist, dann richte schöne Grüße ins Wunderland aus, und bitte verzeih mir, dass das Trampolin noch nicht für Dich bereit stand in Deinem Nest. Ich wusste es nicht besser und bin wohl auch nur ein Mensch.
Flieg liebe Hilde Seele, schau Dir die Welt an, nein gleich das ganze Universum. Sei mir einen Schritt voraus und wenn Du kannst, berichte mir von Deinen Abenteuern.
Und sei Dir sicher, dass noch nie ein Zellklumpen so sehr geliebt wurde, wie Deiner.
das leben ist nicht gerecht. wir bekommen es geschenkt und es wird uns wieder genommen. so ist wohl der deal. wir können es nur dankbar annehmen und genießen.
und jeder der es nicht tut, also dankbar sein, derjenige ist ungerecht denen gegenüber, die früh gehen mussten.
Zwischen Hauptbahnhof und Einflugschneise: Anna träumt
Anna wurde von einem Elefanten abgeholt und als sie aufwacht liegt sie nackt auf einem ekligen Fliesenboden, umarmt ein Klo, wird von einer Frau mit Strickmanie, der es eigentlich viel schlechter geht als ihr, gestreichelt, von jugoslawischem Schnarchen, chronischem Würgen vorne links, dem Brummen der Stadt und einer Ladung Schmerzmittel in den Schlaf befördert. Und weil der Körper nicht mehr kann und der Kopf aber noch an ist schreibt sie mit Tinte und Füllfederhalter ihren ersten Song. Auf grob-grauem Toilettenpapier mit hübschen Glitzerpartikelchen drin:
Anna schreibt:
Ich sage Ruhe und kriege Krankenhaus, ich sage Blumen und kriege Blumen,
jeder kriegt was er verdient. Man muss es sich verdienen. Der Fernseher bleibt trotzdem aus, die Aussicht ist genug.
Es kann immer schlimmer kommen, das kann es immer.
Dann wache ich von Sägeblattmusik und Realitätsgeräuschen ab.
Jetzt wünsche ich mir keine Blumen mehr sondern einen Elefanten und/oder etwas in einem schönen Dunkelblau. Oder einen schönen dunkelblauen Elefanten. Dass die Socken tiertechnisch zum Saft passen, das kann wahrlich kein Zufall sein. Das Krankenhaus-mein Gefängnis mit Aussicht. Es berichtet live und in Farbe aus dem im Antibiotika Königreich:
Die Seiltänzerin mit dem Konfetti im Blut.
+++Plus großes Extra: Wir berichten, die knallhart recherchierten Highlights der einzelnen Stockwerke+++Eilmeldung: Im 19. Stock ist es definitiv die Aussicht+++Großes Gala Candle Light Dinner im Frack am Samstag Abend zum Sonnenuntergang geplant+++Die Frage bleibt: Wer bringt Steak mit und malt Anna die Lippen rot+++Morgen berichten wir von der "verspielten" 14. Etage+++Es bleibt spannend+++Over and Out aus der Charité in Mitte.
dann möchte ich gerne aufhören zu träumen. Dafür muss ich wohl erstmal schlafen gehen.
Ich bat das Universum um Wunder und bekomme Wundern, jeder muss sein Päckchen tragen, ich bekomme meine per Post, oder per Kurier, der aber lieber nicht meine Hand schütteln will, damit ich nicht aufwache.
Ich bin mir gerade nicht so sicher, ob ich vielleicht einfach nur ein Traum eines anderen bin, oder eine Geschichte, die gerade irgendwo anders erzählt wird.
Die Andeinanderreihnung wundersamer Momente in meinem Leben lässt mich lachen und weinen zugleich, denn so sehr ich rosarote Wolken liebe, wünschte ich mir doch einfach nur eine Wiese und einen Menschen oder viele, aber vor allem das Gefühl, wie es sich anfühlt, echt zu sein.
Wenn mir noch irgendwer einen Kuchen per Post schickt oder noch irgendein Schlüssel mit mir sprechen will:
Ich verstehe Euch nicht. Ich kann es sehen, aber nicht hören, ich kann es lesen aber nicht fühlen. Ich bin das Spiegelbild meiner selbst und werde gleich mal versuchen mich im Spiegel zu umarmen, um mir zu sagen, dass ich nicht verrückt bin, sondern alle Anderen.
Keine Zeichen mehr. Keine theoretischen Anspielungen auf etwas, dass ich nicht greifen kann.
If dreams are my reality, dann möchte ich bitte aufwachen und beginnen zu leben. In echt. In schön. Ohne Worte.
The Kids are alright.
Es ist ein durchschnittlicher Mittwoch Abend. In Wuppertal werden gerade die Brettchen vom Abendbrottisch weggeräumt und der Fernseher eingeschaltet.
In Berlin gibt es schon lange keine Holzbrettchen mehr.
Eine Gruppe Jugendlicher in mittdreißiger Maskerade betritt das Restaurant. Eine Frau im Tantenlook aus Hong Kong, trägt einen fluffigen Pelzlmantel über einem engen, hochtaillierten Mattlederrock. In dem Spiegel, der den Speisesaal vom Club trennt, bindet sie sich ein rot gepunktetes Seidentuch um den Kopf, als wolle sie gleich in einem 1966er MG Roadster die Côte d'Azur entlangfahren.
Tut sie aber nicht. Sie setzt sich an einen Tisch der mit rosa Rosen und Plastikdiamanten dekoriert ist und befiehlt der Kellnerin zischend, dass es schnell gehen muss, schließlich habe sie hunger.
In ein paar Stunden ist der 20. Geburtstag eines Bekannten. Im weißen Jackett sitzt er an der Stirnseite des Tisches und schüttelt gerade ein Pulver in seinen Champagner, als die Sängerin beginnt, Wicked Game zu hauchen. Die Runde ist betont laut und ausgelassen und ignoriert die anderen Gäste des Restaurants bewusst.
Das Essen wird zur Nebensache, satt sind alle, nachdem entdeckt wurde, dass der silberne Teller sich so vorzüglich zum Koksen eignet.
Das Rinderfilet an Kartoffelrisotto und Parmaschinkenschaum bekommt keine weitere Aufmerksamkeit, dieses Tier ist wohl umsonst gestorben und fühlt sich ungeliebt. Einen kurzen Moment überlegt es, ob es in die Jackentasche des Waschbärmantels der Asiatin zu springen, um dort etwas zu kuscheln, doch schon räumt die Kellnerin das tote Tier ab, weil die Gruppe Platz für die KadeWe Torte und ein paar mitgebrachte Flaschen Lidl Prosecco braucht. Weder dem extra für sie verstorbenen Tier, noch der Kellnerin wird gedankt.
Plötzlich sprechen alle nur noch gebrochenes englisch.
Auch von etwas Distanz ist klar, wie hier die Hierarchien sind. Eine hat das Geld, die anderen spielen Freund.
Nur einer meint es anscheinend ernst. Er bemüht sich ständig, er hat auch schon stunden vorher die Rosenblätter drapiert und der Sängerin eine handgeschriebene Playlist gegeben. Jetzt hält er nervös Wunderkerzen in der Hand und versteckt sich kurz vor 12 hinter einer Ecke um euphorisch von zehn auf null runter zu zählen.
Leider hört ihn niemand.
Es ist Mitternacht. Er kommt hervorgesprungen und singt Happy Birthday. Das Geburtstagskind in James Last Gedenkjacke dreht sich genervt um. Denn er telefoniert gerade mit jemandem, der vorbeikommen wollte, es aber nicht geschafft hat und drückt nebenbei seine Zigarette im Deckel der Wasserflasche aus.
Beim Weg nach draußen, passiere ich den Tisch. Obwohl ich diese verzogenen Kinder am liebsten allesamt schütteln und würgen möchte, und auch ganz froh bin, keinen Waffenschein zu besitzen, reiße ich mich zusammen und wünsche ihm Alles Gute mit dem größten Lächeln was ich noch aus meinen Zellen hervorquetschen kann. "Was für ein Glück er habe, so einen tollen Geburtstag organisiert bekommen zu haben. Mit Torte, Livemusik und erst recht diese niedliche Tischdekoration. Sein Freund mit den Wunderkerzen muss wirklich ein toller Freund sein, er könne stolz auf ihn sein."
Ich weiß nicht, ob er mich verstanden hat. Wahrscheinlich nicht.
Wieder was gelernt. Wer zu lange sein gebrochenes Herz und seine verlorene Seele feiert, hat am Ende nur noch die hübsche Hülle. Leer, ohne jeglichen Inhalt, so wie man es sonst nur von der Karl Marx Allee in einer durchschnittlichen Mittwoch Nacht kennt.
Wie schön, dass mein Berlin dreckig und liebvoll ist.
These vagabond shoes....Are not longing to stray anymore
This morning I woke up in New York.
No more music in my head. Cold feet. Shocked. My vagabond shoes have left their body.
These vagabond shoes have carried me through the whole world. Over the oceans and through the jungle. What am I going to to without them?
These vagabond shoes, made it all around the world, to finally arrive in New York.
So maybe they should stay here. They are not longing to stray anymore.
Now they are longing to fly, high above the city. If they can make it there, they make it anywhere. So I said goodbye, turned around and didn´t look back, ignoring the signs in front of me. What could signs do to someone, that has just left her body?
Now it is up to you. New York, New York!
And they became smaller and smaller. The stories related felt far away.
One last glimpse.
One door closes...
And another one opens.
Welcome to my life, new vagabond shoes! Step by Step make me happy and alive. May the world be ours!
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