Wie eine Bürgerzeitung entstehen kann, zeigt sich exemplarisch an einem Beispiel in Reichenbach im Vogtland. Die Bürgerzeitung Reichenbach ist ein Projekt im Rahmen des Bundesprogramms "Zusammenhalt durch Teilhabe"des Bundesinnenministeriums. Dabei geht es um die Stärkung der Demokratie insbesondere in ländlichen Räumen.
Bürgerinnen und Bürgern wird in diesem Projekt journalistischer Input vermittelt wie sie beispielsweise Texte erstellen und Themen bearbeiten können damit sie ihre eigene Bürgerzeitung erstellen können. Die aus dem Projekt hervorgegangene Bürgerzeitung "Die Lupe" ist erstmals im Dezember im vergangenen Jahr erschienen. Mit einer Auflage von 25.000 Stück wird sie in den Ortschaften an die Bürgerinnen und Bürger verteilt. Auf acht Seiten finden sich Themen von Bürgern für Bürger. Inzwischen hat sich eine Kerngruppe von vier Redakteuren gebildet, weitere Aktivisten helfen zum Beispiel bei der Recherche. Es arbeiten sowohl Jugendliche als auch Senioren mit.
"Kurier"-Geschäftsführer Michael Rümmele: „2034 erscheint letzte gedruckte Zeitung"
Die gedruckte Tageszeitung ist ein Auslaufmodell. Davon geht Michael Rümmele aus.
Der Geschäftsführer der in Bayreuth erscheinenden Tageszeitung Nordbayerischer Kurier“ sagte ausgerechnet beim „Forum Lokaljournalismus“ vor 180 Chefredakteuren und leitenden Redakteuren von Lokalzeitungen, dass er der gedruckten Zeitung keine Chance gibt. Weiter: newsroom.de
Welche Kraft, Energie und Identitätsbildung in einer Kommune steckt zeigt sich dieser Tage in der Gemeinde Rimbach im Kreis Bergheim. Eine Journalistin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hatte über ihre Kindheit und Schulzeit in ihrem Heimatort Rimbach im Kreis Bergheim einen Artikel geschrieben und den Ort als Odenwaldhölle bezeichnet. Seit dem gehen die Menschen in Südhessen auf die Barrikaden.
Schnell wurde unter der Bezeichnung Odenwaldhölle eine eigene Facebook Seite geschaltet, die mittlerweile mehr als 10.000 Fans hat. Interviews mit jungen Menschen wurden geführt, T-Shirts mit wohlmeinenden Texten bedruckt und angeboten. Kein Tag vergeht, an dem nicht die Menschen ihre Realität beschreiben und sich mit ihrer Gemeinde beziehungsweise Region identifizieren. In einer bemerkenswerten Weise üben sie sich in Solidarität und ein Selbstbewusstsein. Sie wollen die Zustandsbeschreibung von damals nicht einfach hinnehmen. Sie wehren sich. Natürlich ist in Rimbach sicher nicht alles Gold. Aber gerade auch die Diskussion über Defizite macht Hoffnung auf Veränderung.
Das Ereignis in Rimbach zeigt zweierlei. Erstens, welche Relevanz Medien in der Gesellschaft haben, indem sie Themen setzen und Dialoge befeuern und Zweitens, welche ungeheure Kraft Wir-Gefühle und Zusammenstehen in einer Gemeinde erzeugen können.
Deutlich zeigt sich, wie Digitalmedien und Printmedien sich miteinander verschränken, sich gegenseitig stimulieren und damit insbesondere den Dialog fördern. Auch wenn die Wahrheit bekanntermaßen in der Mitte liegt zeigt dieses Beispiel, wie wichtig sowohl Öffentlichkeit als auch lokale Berichterstattung sind.
Am Ende haben alle gewonnen: Die Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Menschen und Institutionen vor Ort aber auch die Medien.
Niederlausitz aktuell ist eine reine Online-Zeitung für die Niederlausitzer. Hinzu kommen Nachrichten aus Brandenburg. Sie wurde von engagierten Bürgern gegründet und hat mehr als zwei Millionen Seitenaufrufe im Monat. Zum Mitmachen werden ausdrücklich weitere Bürgerinnen und Bürger eingeladen. "Mit Bürgern für Bürger" ist das Ziel.
Das Spektrum der Berichterstattung umfasst alle zentralen Bereiche des Lebens, der Wirtschaft und der Kultur. Besondere Rubriken wie "Im Gespräch mit", "Menschen der Region", "Kommentare" und "Reportagen" geben Einblicke in die Region Niederlausitz. Rankings wie die "Top 15 der Woche" zeigen Artikel mit den meisten Aufrufen.
Die Arbeit geschieht ehrenamtlich. Insbesondere für die Weiterentwicklung der Page und die Erweiterung des Netzwerkes werden finanzielle Mittel benötigt. Die Online-Zeitung hatte deshalb im Jahr 2012 ein Crowdfunding Projekt gestartet um finanzielle Unterstützung zu finden. Evt. Gewinne wollten die Herausgeber der Zeitung direkt an Vereine der Region spenden. Darüber hinaus sollte das Engagement der ehrenamtlichen Autoren und Fotografen durch Spenden pro Beitrag an vorher von den Spendern ausgewählte Vereine der Region honoriert werden. Dadurch wollte Niederlausitz aktuell ihre soziale Verantwortung als meinungsbildendes Medium nachkommen und die ehrenamtliche Tätigkeit stärken. Das Projekt war allerdings nicht erfolgreich, von den angestrebten 10.000 Euro waren lediglich 286 Euro gezeichnet worden. Das tat dem Projekt aber keinen Abbruch.
Eine Fundgrube und echtes Highlight für Bürgerjournalismus und die neue digitale Zeitungswelt ist die 1999 im Netz gegründete Berliner Gazette. Die experimentelle Plattform lebt vom Dialog mit Offline-Formaten. Aber auch vom grenzüberschreitenden Austausch unter wissenschaftlichen Disziplinen, kulturellen Lebenswelten oder Altersgruppen.
In der Berliner Gazette stehen Themen im Vordergrund und nicht Nachrichten. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Themen Zukunft der Zeitung und Zukunft des Zusammenlebens. Das Magazin versteht sich auch als Transformator, dass Wissen der Internet-Eliten der digitalen Mehrheitsbevölkerung zugänglich zu machen.
Das nach eigenen Angaben derzeit zweiköpfige Team als Herausgeber und Redaktion betreut bis zu 800 Autorinnen aus fünf Sprachkreisen. Die Wissensvermittlung geht über das schreiben und veröffentlichen hinaus, organisiert werden auch Symposien und Seminare u.a. mit verschiedenen Kooperationspartnern aber auch Initiativen. So werden die Themen des Gazette-Feuilletons in einem Netzwerk von Kulturschaffenden entwickelt. Dadurch entstehen neue Wissensformen. Die Berliner Gazette hat in den letzten Jahren mehrere Preise und Auszeichnungen erhalten, so wurde sie 2012 im Rahmen des Wettbewerbs "365 Orte der Initiative Deutschland - Land der Ideen" ausgewählt und als Plattform des Bürgerjournalismus in der Kategorie "Kultur" prämiert. Leser finden in der anspruchsvollen Berliner Gazette neben den Themen Kultur und Digitalisierung auch Dossiers zur Zukunft des Journalismus in der digitalen Welt und viele Tipps für Bürgerjournalismus.
Ein bemerkenswertes Beispiel für eine digitale Bürgerzeitung ist der Blickpunkt Arnsberg-Sundern. Die Region im Sauerland wurde besonders durch den Rückzug der WAZ-Gruppe aus der lokalen Berichterstattung durch Schließung von Lokalredaktionen betroffen. Schnell entwickelte sich mit dem Journal Blickpunkt Arnsberg-Sundern eine Alternative.
Das Journal ist übersichtlich strukturiert. Alle Hauptmeldungen haben einen lokalen bzw. regionalen Bezug. So wird über den Bau eines neuen Kindergartens, über die städtische Jugendarbeit bis hin zur Windenergie und über viele Initiativen aus der Kommunalpolitik berichtet. Eine Rubrik “Blaulicht” informiert über aktuelle Polizeimeldungen. Auch auf Facebook und Twitter ist das Journal präsent.
Der Blickpunkt Arnsberg-Sundern ist eine unabhängige und überparteiliche Online-Zeitung für die Städte Arnsberg und Sundern und deren Umgebung. Herausgeber ist der Verein zur Förderung neuer Formen der Kommunikation. Dieser Verein ist gemeinnützig und trägt sein Ziel im Namen. Er will „neue Formen der Kommunikation“ fördern.
Die Mitglieder des Vereins und die Macher des Blickpunktes sind Journalisten, Politikwissenschaftler, Fotografen, Juristen und viele weitere am politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben interessierte Männer und Frauen aus Arnsberg und Sundern. Mit der Online-Zeitung hat der Verein zur Förderung neuer Formen der Kommunikation ein erstes Instrument geschaffen, um das Vereinsziel zu erreichen.
Eingeladen sind Bürgerinnen und Bürger über Vereine, Verbände, Kulturtreibende und deren Veranstaltungen, über Politik, Wirtschaft und die Kunst in der Region zu berichten und online zu diskutieren.
Journalistische Qualität und eine umfassende Information der Bürgerinnen und Bürger ist Anspruch des „Blickpunktes Arnsberg-Sundern”. Die digitalen Zeitungsmacher verstehen den Blickpunkt als Forum für eine aktive Bürgergesellschaft in der Region.
Die Bürgerzeitung Mönchengladbach & Umland versteht sich nach eigenen Angaben als multimediale Mit-Mach-Zeitung, wirtschaftlich und politisch unabhängig, aber nicht unpolitisch.
Herausgeber ist eine Privatperson aus Mönchengladbach. Für die Stadtteile gibt es eigene Redakteure bzw. Autorenteams. Die Ressorts sind breit aufgestellt, angefangen von Hilfen & Tipps über die Fraktionen im Rat, Meldungen aus den einzelnen Stadtbezirken, Berichte aus Rat, Gremien und Beteiligungen sowie Themen wie Kunst, Kultur, Mobilität, Gesundheit und Soziales, Wirtschaft und Handel, Natur aber auch Ordnung, Sauberkeit, Schutz und Hilfe.
Im Editorial heißt es, das in der Bürgerzeitung Bürger für Bürger das aufschreiben, was sie sehen und hören, was sie wissen, was ihnen zugetragen wird und was sie erfragen. Weiter heißt es: „Bisher hatte der Bürger in Mönchengladbach für diese Art der Berichterstattung keine Plattform. Man war im Wesentlichen zu einer schweigenden Mehrheit verdammt, die nur alle paar Jahre mit einem Kreuz (oder zwei) auf einem Wahlzettel die Möglichkeit hatte, in gewisse Entscheidungsprozesse einzugreifen. Die Bürgerzeitung bietet als neues Alternativ-Medium Möglichkeiten, die eine „normale“ Zeitung nicht bietet: Der Leser kann seine Leserbriefe ohne Kürzung dem entsprechenden Artikel zuordnen“. Weiter wird die Bürgerzeitung als gesellschaftlich-politisches Gedächtnis der Stadt bezeichnet. Sie wirbt aktiv in den Kommunen und im Umland für das Engagement als Bürger-Journalist und Stadt-Reporter.
In einem Seminar für Sozialwissenschaftler an der Universität Osnabrück fragte ich im Herbst 2013 Studierende nach ihrem Leseverhalten in Sachen Lokalzeitung. Nur drei von 13 Anwesenden sagten, dass sie ihre papierbezogene Lokalzeitung als Informationsquelle nutzen würden. Der überwiegende Teil informiert sich im Netz über lokale, regionale, nationale und internationale Angelegenheiten.
Es war keinesfalls so, dass lokale Nachrichten uninteressant waren. Das Medium Papier hat für sie allerdings nur noch eine geringe Bedeutung. Das Verhalten der Studierenden ist natürlich nicht repräsentativ. Aber es ist ein interessanter Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Die lokale Nachricht stirbt nicht aus. Sie wird auch künftig ihren Stellenwert haben.
Wenn sich das Medium des Nachrichtentransportes allerdings ändert - und das ins zweifellos der Fall - dann ändern sich auch die Geschäftsmodelle. Die gläserne Oberfläche von Smartphones und Tablets fordert die Verleger heraus. Die klassische, papierbezogene Zeitung steht in harter Konkurrenz zu digitalen Produkten. Print gegen Glas, könnte die Überschrift lauten. Hinzu kommt ein weiterer Trend. Neues entsteht. Die Menschen entdecken das Urbane. Stadtmagazine werden aufgelegt, Straßen werden beschrieben, Redakteure ziehen in Städte und schreiben über ihre Erfahrungen und neuen Eindrücke aus journalistischer Perspektive. Flaneur heißt eine solches Magazin, welches gerade auf großes Leserinteresse stößt. Das alles ist ermutigend. Viele Menschen nehmen es nicht hin, dass sich Verleger, wie zum Beispiel die WAZ-Gruppe, in Teilen von Nordrhein-Westfalen durch Schließung von Lokalredaktionen aus der örtlichen Berichterstattung zurückziehen. Bürgerinnen und Bürger engagieren sich hier besonders in Aktionsgruppen, Vereinen oder anderen Institutionen und erstellen als Alternative eigene digitale Bürgerzeitungen. Journalisten, interessierte Bürger, Wissenschaftler und Experten arbeiten Hand in Hand zusammen und beschreiben im Netz die lokale Wirklichkeit.
Demokratie ohne Öffentlichkeit gibt es nicht. Öffentlichkeit gibt es auch nicht ohne Demokratie
Der (Lokal)Journalismus hat eine herausragende Bedeutung, Öffentlichkeit herzustellen und damit Demokratie möglich zu machen. Das geschieht über vielfältige Medien. Die Globalisierung und neue Technologien und hier besonders das Internet verändern die Welt der Medien fundamental. Das betrifft Zeit und Ort der redaktionellen Arbeit aber auch die Produktion und damit der Bereitstellung von Informationen.
Mit zunehmender Digitalisierung gewinnen Metainformationen an Bedeutung. Mit der Information über die Information entstehen insbesondere durch das mobile Internet immer mehr Daten, die in ihrer Beziehung zu einander zu neuem Wissen führen. Die fünf Dimensionen Inhalt, Ortsbezug, Personalisierung, Zeit und Geschwindigkeit bilden die Architektur einer neuen Wissenslandschaft. Diese zu kuratieren ist eine neue Aufgabe von Datenjournalisten.
Längst erreichen uns Informationen in Echtzeit. Egal, wo auf der Welt ein Ereignis passiert, wir sind sofort mitten drin!
Die klassischen Geschäftsmodelle der Verleger geraten an ihre Grenzen. Mit voller Wucht fordert sie die Digitalisierung heraus. Alles was digital werden kann wird auch digital. Das gilt auch für die Medien. Zunächst war es die Musikindustrie, jetzt sind es die Buchverlage und morgen die Zeitschriftenverlage. Wer sich auf diesen Wandel nicht frühzeitig einstellt, hat schon verloren.
Der Journalismus ist gerade in der digitalen Welt so wichtig wie nie zu vor. Journalisten können aus Big-Data Smart-Data machen, analysieren, Zusammenhänge erklären, Ereignisse oder Dinge in einen Kontext stellen, interpretieren, hinterfragen, kritisieren, aufdecken, unterhalten und Geschichten erzählen sowie mit Meinungen Diskussionen anstoßen.
Wenn der Wandel erfolgreich gestaltet werden soll, muss er vom Nutzer aus betrachtet werden. Das Medienverhalten der Nutzer hat sich stark verändert. Dies trifft besonders für die junge Generation zu. Sie schaut heute immer weniger Fernsehen und nutzt Youtube nicht nur zur Information, sondern auch zur Eigenproduktion. Getrieben wird dieser Wandel auch durch die Entwicklung der Smartphones. Mehr als 40 Millionen gibt es allein in Deutschland, Tendenz steigend. In den nächsten drei bis fünf Jahren werden alle rund 110 Millionen Mobilfunkgeräte in Deutschland in Smartphones ausgetauscht sein. Das sind dann 110 Millionen Lesegeräte für digitale Zeitungen, Magazine und Bücher.
Erstaunliches tut sich derzeit in den Städten und Gemeinden. Immer mehr digitale Bürgerzeitungen entstehen. Dahinter stehen ganz unterschiedliche Konzepte, mit oder ohne Journalisten, organisiert in Vereinen, mit Unterstützung der Kommunen oder anderer Partner. Viele dieser Ansätze sind noch nicht ausgereift und auf Dauer angelegt. Wie nachhaltig ist eine solche digitale Bürgerzeitung? Wie finanziert sie sich? Welche Qualitätsmaßstäbe werden angelegt? Wer macht die redaktionelle Arbeit? Können sog. Bürgerredakteure auch für andere Städte schreiben? All das sind mehr Fragen als Antworten.
Wir sollten die Entwicklungen nicht an den klassischen Printmedien messen. Disruptiver Wandel ist mehr als Innovation. Es geht nicht nur um Verbesserungen, sondern um einen kreativen Neubeginn, deren Prozess gerade erst begonnen hat. Mit anderen Worten, es geht um mehr, als um die Digitalisierung der Zeitung auf der Basis von E-Paper.
Liquid Journalism ist vielleicht ein neues Vorgehen im Zeitalter des Kontexts, die sich ständig veränderte individuelle Wirklichkeit neu abzubilden.
Im Verlauf dieses Blogs werden digitale Bürgerzeitungen vorgestellt.
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