Der Tod war so plötzlich und so unerwartet. Ein Schock für alle, nicht zuletzt für ihn selbst. Mit einem mal war er nicht mehr und Calean ganz allein. Der Rüde sah in den Himmel, versuchte dort irgendein Stückchen Hoffnung zu enddecken. Doch es gab keine mehr. Der graue Horizont erstreckte sich über das Land, schien endlos. Es war der gleiche bittere Grauton, der die Herzen aller Verruchten befleckte. Caleans Blick schweifte vom trüben Himmel zu den Wölfen. Alle waren gleich erbärmlich, in allen Herzen steckte sich Leere und die Sucht nach Mord. Bei manchen ist die Vergangenheit schuld, doch manche wurden schon so dunkel geboren, bekamen ebenso nie Liebe zu spüren wie er. Doch er war nicht wie die anderen, er war ein Außenseiter, ein Ausländer. Doch es war auch nicht Caleans Wunsch sich in die Gruppe zu integrieren. Sie würden ihn nur aufnehmen wenn er so wäre wie sie und dagegen weigerte er sich. Der Braune will nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten, will nicht so werden wie er. Nein, das wollte er nie.
Liebe, danach hatte er sich immer gesehnt, auch heute noch. Wie es wohl ist geliebt zu werden? Fragte er stumm in den Wind hinein. Seine Augen funkelten bei den warmen Erinnerungen der Geborgenheit die er bei seiner Mutter verspürte. Viel zu schnell ist ihr letztes Blatt gefallen, viel zu schnell hat sie ihn verlassen. Was wäre ich jetzt, wenn sie noch bei mir wäre..? Wahrscheinlich kein Trauerkloß, der versucht trotz der hasserfüllten Umgebungen sich das Herz nicht verdunkeln zu lassen. Der Rüde lachte bitter und es klang schrecklich verzerrt.
Er kann sich kaum noch an seine Mutter erinnern. Da war ihr freundliches Lachen, die Wärme die ihre braunen Augen ausstrahlten und dann, Filmriss. Es war einfach zu lange her. Viel zu viele Blattwechsel gab es und sie kamen einen unendlich lang vor. Manche Tage zogen sie in die Länge wie Kaugummi, endeten erst Millionen Atemzüge später als das sie es sonst immer tuen. Die schlimmsten waren die, an dem das Rudel besonders aggressiv war, denn an wen sollten sie ihre Laune sonst auslassen als an Calean? Die Tage an denen er nur abfällige Bemerkungen bekam waren längst verblasst. Meist waren es Demütigungen, manchmal aber auch so schlimme Sprüchen die ihm wortwörtlich das Herz zum Brechen bringen. Wie kann man nur so herzlos sein? Wie kann man nur so stark der Dunkelheit verfallen? Das Herz völlig an Satan selbst verkaufen?
Trauer lag in dem Blick, den er den anderen schenkte. Ja, auch Mitgefühl. Mitgefühl für die gleiche hässliche Vergangenheit die auch er hinter sich hatte. Auch wenn sie ihn nicht verdunkelt hatte wie allen anderen bemitleidete er die Wölfe. Auch wenn sie ihm wehtaten, äußerlich sowie innerlich. Sie werden sich wahrscheinlich nie mehr ändern. Aber war dies Leben? Leicht und kaum merklich schüttelte Calean den Kopf. Nein, Leben war dies nicht. Leben verspricht Fröhlichkeit, Liebe und ein Lächeln. Wie lange hatte er nicht mehr gelächelt? Es musste ewig her sein. Tod konnte man dies nennen. Ja, Tod war genauso. Er ist auch so kalt, traurig und voller Hass. Seine goldenen Augen verloren sich wieder im Himmel, beobachteten eine dunkle, kleine Wolke die sich langsam veränderte. Sie wurde breiter, ähnelte jetzt einer Schlange.
Während der Rüde in den Himmel blickte lauschte er dem Orchester der Vögel. Ein wildes, durcheinandergewürfeltes Orchester. Da waren laute und leise Gesänge. Hohe und tiefe, fröhliche und traurige. Calean schloss die Augen. Es roch frisch. Es war der gleiche Geruch den man nach dem Regen verspürte. Außerdem roch es nach Blumen, Rosen vielleicht? Oder eher kleinere, übersehbare? Jedenfalls roch es gut, es roch nach Frieden. Wenn man so die Umgebung war nahm, ohne sehen zu können, würde man glauben man sitze in einem Paradies. Dann öffnete Calean die Augen und vor ihm lag die graue Welt in der er lebte.
Das Sonnenlicht durchdrang die Wolkendecke und hinterließ ein spielerisches Lichtkonzert auf des Rüdens Fell. Trotz den warmen Temperaturen wehen einem immer öfters kühle Briesen um die Ohren die einem zum Frösteln brachten. Auch jetzt blieben sie nicht aus, doch der vierjährige genoss sie. Es waren die ersten Anzeichen die der Herbst sande, als Ankündigung zu seinem Kommen. Die Sommermonate haben sich unheimlich in die Länge gezogen, wollten nie enden. Und nun, im Spätsommer vergingen sie noch langsamer. Wahrscheinlich lag es daran, dass man wusste das seine nachfolgende Jahreszeit nah ist und doch noch so fern. Calean mochte die bunte Zeit. Er mochte es wenn sich die Blätter rötlich, gelb oder braun färben und er mag auch das kältere Wetter das dazu gehörte. Sie brachten einem ein angenehmes Gefühl, ein gemütliches. Eins, wo man sich, egal wo man sich gerade befindet, zu Hause fühlte und eine innere Ruhe vermittelte.
Der Rüde, ihm gegenüber blickt traurig. Seine Augen sind leer. Sein Fell wirkt spröde. Er presst seine Lippen fest zusammen, sie bebten vor Schmerz. Calean streckte seine Pfote aus, wollte ihn trösten, doch was er berührte, war nur das eisige Flusswasser in dem sich sein Spiegelbild zeigte. Und dann fiel er, zu groß ist die Last auf seinen Schultern. Ihm stockte der Atem als er das kalte Wasser durchbrach. Der Fluss zog ihn immer weiter nach unten, seine Arme umfingen ihn und hielten ihn fest. Dunkelheit überkam ihn und Schwärze machte sich in seinem Körper breit. Es war ein wohliges Gefühl. Sie begrüßte ihn, endlich schien er willkommen. Seine Augen fixierten die Oberfläche wo sich das Licht spiegelte. Man verspürt den Drang nach oben zu schwimmen und zu leben. Doch die Realität ist hart, sterben ist schöner. Man will nur von seinen Träumen leben, ernährt werden von einem Märchen. Du willst Liebe geben und Liebe erhalten, als dass sind Wünsche. All dies hat es noch nie gegeben. Das Leben ist bitter, hart und frostiger als Schnee. Caleans Augen wurden starr, als alles Leben in ihn erlosch. Er zitterte leicht vor Kälte und vor Trauer und dann war er nicht mehr. War das Leben?