studio visit (2017)
HD Video Duration: 12 min 17 sec
Hallo Dave. Schön, dass wir uns endlich begegnen. Jeden Tag bin ich an deiner Seite und doch hatten wir noch nicht die Gelegenheit uns vorzustellen...
In meiner Bachelorarbeit "studio visit" wird eine Geschichte erzählt, die zunächst einmal auf einer Selbstbeobachtung basiert. Jeden Tag benutzen wir das Internet, lassen uns von unseren Smartphones den Weg erklären, gehen schnell mal auf Amazon shoppen oder scrollen durch die neuesten Katzenvideos auf Youtube. Auch ich bin da keine Ausnahme. Ich würde sogar behaupten, dass ich mich an manchen Tagen, zumindest geistig, längere Zeit in der digitalen als in der realen Welt aufhalte. Man könnte nun einwenden, dass dieses Verhalten unserer modernen, digitalen Gesellschaft geschuldet ist und somit keinen Anlass zur Sorge darstellen sollte. Dieses “moderne” Verhalten ist jedoch, zumindest für mich, mit einem bitteren Beigeschmack versehen.
Im Zuge meiner Beschäftigung mit diesen Verhaltensweisen habe ich einige bedenkliche Veränderungen an mir selbst ausmachen können. Etwa die Entwicklung von Automatismen, wie beispielsweise alle fünf Minuten völlig geistesabwesend auf den Screen meines iPhones zu blicken. Oder der schleichende Verlust von eigenen und unabhängigen Meinungen im Angesicht von personalisierten Suchergebnissen und dem vermehrten Aufenthalt in virtuellen “Echo-Chambers”. Oder die damit einhergehende Unlust, Diskussionen mit realen Menschen zu suchen und zu führen. Kurzum, die ständige Benutzung der neuen Medien hat bei mir zu einer Stärkung meines Unbewusstseins gegenüber der Realität geführt. Dieses an mir selbst beobachtete schwindende Bewusstsein vor dem Hintergrund einer immer stärker digitalisierten Umwelt hat mich dazu veranlasst, eine intensivere Auseinandersetzung mit dieser Thematik zu suchen. Zunächst begann ich mit Videoaufzeichnungen meiner alltäglichen Benutzung von Computer und Smartphone in meinem Atelierraum. Im Laufe dieser Dokumentation reifte dann der Gedanke, diese Selbstbeobachtung in ein Narrativ einzubetten, das meine ambivalente Sichtweise auf diesen Konsum in überspitzter Weise wiederspiegelt. Die Sichtung meiner Videoaufnahmen offenbarte eine erschreckende Abhängigkeit von diesen Geräten und löste von Anfang an ein Gefühl der Beklemmung in mir aus. Somit stand relativ bald fest, ausgehend von Videoaufnahmen, die ich aus der Ego-Perspektive angefertigt hatte, einen vom Horror- und Sci-Fi-Genre angehauchten Kurzfilm zu drehen. Viele Bildideen, die in "studio visit" mit eingeflossen sind, basieren einerseits auf Entdeckungen und spontanen Einfällen während der Sichtung meiner Videoaufzeichnungen und der Recherche für meine theoretische Arbeit. Andererseits beziehe ich mich mehr oder weniger deutlich auf diverse Filme aus besagten Genres. Zum Beispiel die Kombination einer klischeé-behafteten „Geburt des Bösen“ mit einem Unboxing-Video, das aus der Perspektive eines Smartphones gezeigt wird. Oder der sprechende, frei umherschwebende Mund, der als Manifestation von digitaler Intelligenz den Protagonisten aufsucht und diesen für seine unbewusste Lebensweise „straft“. Auch das Konzept einer offenen Erzählung, eines erzählerischen Loops, ist eine schon oft verwendete Methode im klassischen Film, bezieht sich aber gleichzeitig auch auf die automatisiert wirkenden und sich wiederholenden Verhaltensweisen, die ich an mir selbst im Umgang mit dem Smartphone feststellen konnte. Im letzten Drittel von "studio visit" betritt der digitale Geist auf der Suche nach dem Protagonisten über das Smartphone die reale Welt. Am Ende ist es der Protagonist selbst, der zu eben jener körperlosen Intelligenz transformiert wird, die ihn aufgesucht hat. Die Geschichte beginnt wieder von vorne. Niemand kann sagen, ob wir uns in Zukunft zu digitalen Wesen ohne physischen Körper weiterentwickeln werden. Möglich wäre es, zumindest gibt es schon erste Anzeichen dafür. Die bloße Vorstellung daran löst bei mir gemischte Gedanken aus, von denen einige mit Angst und Unbehagen verbunden sind. Meine Arbeit "studio visit" geht auf diese Gefühle und Gedanken ein und wirft Fragen zu einer ungewissen Zukunft auf, deren Auswirkungen bereits in unserer Gegenwart spürbar sind.
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