Rogue One: Eine Rezension
Schmachtend sitze ich vor meinem Bildschirm während die letzten Mitwirkenden langsam entschwinden und die Credits enden. Rogue One ist wahrlich eine imposante Inszenierung - resümiere ich. Bildgewaltig ausgezeichnet, orchestral würdevoll untermalt und technisch raffiniert angefertigt! Zwar bin ich seit Kindheit an Star Wars fan, habe jedoch glücklicherweise seit jeher eine kritische Distanz wahren können, die es mir erlaubt, unverblendet das Gesamtkonzept zu betrachten. Denn eines muss deutlich gesagt werden: Nach den Fehlentwicklungen ab Episode I, schimmert seit Episode 7 hoffnungsvoll ein neuer Stern in der Galaxis. Und so auch in Rogue one. Politisch notwendige Veränderungen wurden vollzogen und ein neues Geschlechterrollenbild hat Einzug gehalten! Während die weiblichen Charaktere anfangs noch bloß passive Begleiterin neben den "heldenhaften" Männern gewesen sind (man denke an Prinzessin Leia), avancieren seit 2015 Frauen zu den Protagonistinnen. Zunächst war ich jedoch leicht skeptisch. Schien mir die Charakterisierung Jyn Ersos (Felicita Jones) durch die Trailer erzwungen "Cool" und "lässig", beinahe hysterisch, gezeichnet zu sein. Diese voreilige Annahme meinerseits hat der Film dann aber glücklicherweise doch nicht bewahrheitet. Jyn wird konsequent intelligent, tiefsinnig und körperlich stark gespielt. Neben einer vorbildlichen visuellen Vorstellung kann auch das Auditive auf ganzer Linie überzeugen. Michael Giacchino gelingt es die Musik so zu komponieren, dass einem der vertraute Klang John Wiliams zu Ohren kommt. Mir ist musikalisch nicht ein einziges Mal dieser Austausch aufgefallen. Soundeffekte brillieren ebenfalls auf höchstem Niveau. Inhaltlich schließt der Film die Lücke zwischen Episode III und IV. Nachträglich wird aufgedeckt wie die Pläne des Todessternes in die Hände der Rebellion gelangt sind. Kleckerweise werden Reminiszenzen eingestreut um das Star Wars feeling komplettieren: Neben R2-D2, C3PO und Lord Vader gibt es viele weitere bekannte Gastauftritte. Auch bei den Kostümen und der Kulisse wurde sich am "Original" orientiert. Erfolgreich wird ein nahtloser Übergang zwischen dem Prequel und dem Sequel herzustellen. So viel Lob sei vorweg angebracht. Doch der Film hat auch seine Schattenseiten. Und das ist (wie von einem Blockbuster nicht anders zu erwarten) sein durch Symbolik vermittelte Inhalt.
Grosso Modo handelt der Film existenzielle Seinsfragen ab. Die zugrundeliegende Frage an den Zuschauer lautet: Wie würdest Du Dich unter Herrschaft verhalten. Wärst Du bereit alles der Freiheit willen zu opfern? Philosophisch wird Sartres Diktum "Nie waren wir freier als unter der Herrschaft der Nazis" zur Grundlage der Gestaltung genommen. Beiden Momenten (Sartres Theorem und der filmischen Adaption) ist die bewusste Entscheidung zur Widerständigkeit treibende Kraft. Hinnahme stillschweigendem Erdulden herrschaftlicher Unterdrückung wird Cineastisch kontrastiert mit der freien Entscheidung nach selbstaufopferndem Aufbegehrens, welche die eigene Freiheit transzendiert und sie universal werden lässt. Unweigerlich wird man an Hegels Herr-Knecht-Verhältnis erinnert. Dies Zwangsverhältnis wird dialogisch mehrfach eingebettet. Exemplarisch wenn Jyns Helfer und Mitstreiter Cassian Andor (Diego Luna) konstatiert wird, sein Gefängnis wäre mentaler Art und nicht physischer. Erst die geistige Befreiung hat die Reale zur Folge . Oder philosophischer (indem einem die ganze Tragweite vor Augen geführt wird):
(Saw) "Du erträgst es also, dass das imperiale Banner über der ganzen Galaxis liegt?" "(Jin) Es is kein Problem, wenn man nicht hoch sieht."
Generell formuliert: Das Spannungsverhältnis von Knechtschaft und Befreiung bildet das schöpferische Potential des Films. Doch bleibt es nicht bei der versinnbildlichten Herrschaft durch das Imperium. Die Gewalt (als Abstraktum) gerät grundsätzlich in den Fokus der Kritik. In einer markanten Szene beispielsweise wird ein Kind symbolisch für zivile Opfer gängiger Kriege ausgestellt. Dieses Kind ist mitten in die Front eines Feuergefechts von Widerständlern und Imperialen geraten und visualisiert hierdurch symbolisch allgegenwärtiges kriegerische Leid.
Das ist äußerst schade. Schließlich wird axiomatisch davon ausgegangen, dass Gewalt grundsätzlich verdammenswert sei, und nicht in seiner doppelten, dialektischen Funktion, als treibende Kraft, die nicht nur destruktiv, sondern auch konstruktiv sein kann, verstanden. Vielmehr wird Gewalt reichlich platt mit "Extremismus" (Saw Gerrera, Forest Whitaker) gleichgesetzt, sowie durch "Militanz" und "Wahnsinn" konkretisiert und in eins gesetzt, was in einer überaus pathetischen Szene durch die bekannte und geschätzte Admiralin Mon Mothma (Genevieve O'Reilly) monologisch verballhornt wird. Hieraus kulminiert die Botschaft, Krieg (egal welcherseits) sei stets fatal und niemals nütze. Dies mag paradox anmuten in einem actiongeladenen Sci-Fi-Film, wo wiederkehrende Gefechte die Hälfte des Gesamtinhalts ausmachen. Jedoch ist hierbei die Beziehung zur Gewalt essentiell, die Perspektive welche man der Gewalt gegenüber einnimt: denn Gewalt (als Abstraktum) ist integraler Bestandteil menschlicher Ontologie und wird erst als moralisch "Bosheit" konstruiert. Folglich nimmt der Film eine falsche und leider auch inkonsequente Haltung diesem gegenüber ein. Für tatsächliche Veränderungen muss sich der Gewalt bedient werden. Befreiungskriege haben gerade die Gewalt zur Voraussetzung. Krieg dem Krieg also. Das stellt der Film auch dar, aber stets aus bürgerlich-moralischer Perspektive. Gewalt ist schlicht nicht böse. Sie ist allseitiger Widerspruch des Lebens und wertneutral. Rebellion wird durch diese gewaltaversive Haltung vielmehr als Debattierclub verkauft - denn letztlich soll alles vor dem Senat geklärt werden: "Rebellion entsteht aus Hoffnung." Hoffnung auf Frieden ideeler, anstatt praktischer Natur. Denn Hoffnung erwachse aus Liebe - in Rogue One die familiäre. Denn a priori sei die Liebe treibende Kraft allem Weltgefüges. Über diese These könnte endlos diskutiert werden, doch stelle ich dem eine dialektisch-materialistische Perspektive gegenüber. Deutlich wird dieser Fehler insbesondere in der Erkläung jener Herrschaft über die Galaxis: Abstrakt und zugleich wird der gewaltsamen Bosheit die Grundlage in Charaktereigenschaften zugeschrieben, anstatt sie aus den Verhältnissen abzuleiten. Die Gier nach Macht des Imperators steht symbolisch für die charakterverderbende Gier der Menschen; der Film möchte sagen, dass man die alles zerstörende Begierden bekämpfen (entsagen) muss und dem eine Vernunftbasierte Lebensweise entgegenzusetzen. Leider verkürzt sich somit eine wirklich treffsichere Analyse. Denn Gier ist niemals abstrahiert von der Welt zu betrachten. Diese bringt sie erst hervor! Sie ist keine isolierte Eigenschaft, die einige (wenige) Menschen besitzen. Sondern sie entwickelt sich notwendig emergent aus den Seinsbedingungen der Menschen. Nur wenn die Seinsbedingungen verändert werden, hat man einen Einfluss auf Denkweisen - nicht indem man personifiziert und zuzuordnen versucht.
Ein weiterer Wermutstropfen ist die unnötig dramatisierte Aufopferung der Rebellen im Kampf für die Übermittlung der Pläne des Todessterns. (Spoiler Alert) Gegen Ende fallen die Figuren reihenweise und werden stets überzogen melodramatisch untermalt. Schon zu Anfang bekommt man zu verstehen, dass Krieg leidvoll ist (erinnern wir uns an das Kind). Diese übertriebene Dramaturgie unterläuft die ansonsten hübsche Inszenierung. Um hingegen Tränenreichtum zu provozieren braucht es qualitativen Eindruck, nicht quantitative Anhäufung leidvoller Szenen (Wenngleich die Schlussszene auf Scarif im Ansicht des Todes ausnahmsweise gut dramatisiert worden ist). Diese Schwachpunkte werden dem Film letztlich zum Verhängnis und verhindern, dass aus einem summa summarum guten, ein sehr guter Film geworden wäre. Rogue One kann dennoch aufgrund seiner guten Darbietung bedenkenlos angeschaut werden wenn seichte Unterhaltung ohne tief gehende Ansprüche gewünscht wird.
Regisseur Gareth Edwards hat es geschafft einen guten Film zu produzieren. Beeindruckende visuelle Effekte überschneiden sich mit überzeugenden schauspielerischen Leistungen. Die versuchte Gratwanderung zwischen philosophischem Tiefgang einerseits, sowie massentauglichem Sci-Fi-Abenteuer war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zwar verfehlt die sublime Kritik leider ihren Gegenstand und weicht auf durchschnittliche Annahmen eines Umgangs mit Widerstand aus, schafft es jedoch den Zuschauer zu animieren selbst über gegenwärtige Verhältnisse zu reflektieren. Was bleibt ist die Hoffnung, dass hieraus eine treffendere Kritik erwächst.
Im Anschluss noch ein paar eigens aufgenommene Impressionen um das geschriebene zu untermauern.
“Soll das ein Witz sein? Ich bin blind!” Zeitweise doch ein paar gute Kalauer.














