fünfzehn Jahre Glück, ungefähr kniehoch
ein Jahr ist es her, dass ich diesen Text geschrieben hab, ein Jahr bist Du schon nicht mehr da. und ich weiß noch, dass es sich am Anfang angefühlt hat, als würde dieser Schmerz nicht mehr weggehen. das Loch, das jetzt dort war, wo Du grade noch warst. aber natürlich wurde es besser. und ich weiß, dass Du jetzt im Nirvana Rehe jagst. ich lieb Dich immer noch, und hier ist Dein Text jetzt veröffentlicht. und ich verdrück eine Träne für Dich, meine Prinzessin.
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10:35 Uhr: wir spazieren durch den Park am Altenheim und ein anderer Hund begegnet uns. Er zieht wie verrückt an der Leine und das Herchen muss ihn ganz fest halten. Lotti guckt interessiert hin, aber mehr auch nicht. Sie läuft ganz normal und guckt zu dem Hund hin. Der Mann hält seinen ganz fest und als wir vorbeigehen sagt er zu ihm: komm weiter, die interessiert sich nicht für dich!
Lotti. Interessierte sich nie für andere Hunde. Läuft auch eiskalt und total cool durch den Westpark, und andere Hunde an der Leine eskalieren.
Wir spazieren am Stadtbad vorbei und schnüffeln noch einmal überall. Alles riecht so spannend. Und ich heule die ganze Zeit. Und am Ende fängt es auch noch an zu regnen. Der kleine Hund und ich kommen klitschnass zuhause an. Und einmal noch muss Lotti das furchtbare Leiden durchleben, mit dem rosa Snoopy-Handtuch abgetrocknet zu werden.
Ich räume ein bisschen und Lotti ist froh, wenn ich das in der Küche tue und sie liegen bleiben kann. Ansonsten, also wenn ich in andere Räume gehe, muss sie mir die ganze Zeit hinterher laufen und das ist ziemlich anstrengend.
Anstrengend ist auch, wenn wir so aller 15-20 Minuten raus gehen, damit Lotti pinkeln kann. Die vier Stufen vor unserer Wohnungstür sind ganz schön viel und mit jedem mal schaut sie mich länger an, wenn sie am Fuß des vierstufigen Treppchens steht. Ein paar mal versuche ich ihr dann zu helfen, aber es ist schwer bis unmöglich, sie hochzuheben, ohne ihr wehzutun. Mein kleiner armer alter kaputter Schnuffo. Fünfzehn Jahre und acht Tage. Der beste Hund der Welt, an jedem einzelnen Tag.
Den Nachmittag verbringen wir mit Grey’s Anatomy. Lotti direkt neben dem Sofa. Sie atmet schwer, so hat sie früher nur im Traum geschnauft, wenn sie schlafend gejagt hat. Das ging gestern nach dem Abendessen los, das war schon total anstrengend und sie hat nur ein bisschen gefressen. Lotti ist richtig dünn am Bauch. Und den Kampf in ihrem Bauch kann man richtig sehen.
Nun liegt sie hier und döst. Die Augen offen. Nein, jetzt grade sind sie sogar zu und die Atmung ist ein bisschen besser. Jetzt darf ich mich nicht bewegen.
Jetzt träumt sie sogar. Sie rennt im Schlaf. Die Nase zuckt und die Pfoten auch, wie früher, und jetzt ist sie von ihrem Zucken wach geworden.
Nochmal bissl pieschern im Garten. Dieser braune Schnuffo im grünen Gras ist das schönste Bild von allen. Aber selbst ein bisschen dem Apfel hinterher, ganz langsam, tut weh. Meinem kleinen Wuffo tut alles weh, was sie liebt. Ball jagen. Essen. Laufen. Mein kleiner Schnuff hat das über-Wiesen-jagen geliebt wie nichts sonst, konnte immer rennen bis zum umfallen.
Das ist nicht meine Lotti. Liegen und schnaufen. Nicht spielen können, nicht rennen können. Mein Schnuffo leidet und das sollte sie nie. Der Bauch ist so offen, dass es mir weh tut. Sie kann kaum Wasser lassen, ohne das es wehtut, kommt die Treppen selbst nicht hoch und ich kann ihr kaum helfen, ohne dass auch das weh tut.
Abends bringen wir Dich zurück nach Hause, kleiner Hund. Wir wissen, dass Du zu letzten Mal bei uns zu Besuch warst. Wir nehmen alle Deine Sachen mit zu Mama, Deine Decken, Deine Futternäpfe, restliche Leckerlis - denn selbst die magst Du kaum mehr essen.
Wir heulen die ganze Zeit.
Mama kommt gerade aus dem Spreewald zurück, wo sie am Wochenende war, und wir besprechen uns. mein Partner und ich sagen, was wir gesehen, wie wir Dich erlebt haben. Dass Du nicht geschlafen und schwer geatmet hast, dass Du die vier Stufen nicht nehmen konntest, alles das.
Mama sagt, dass sie die Tierärztin morgen anruft und einen Termin Ende der Woche ausmacht; Mama hat Anfang der Woche viele Termine, sagt sie. Ich denke, so lange kannst Du nicht warten. So lange solltest Du nicht weiter leiden, denn das tust Du. Aber ich sage nichts und wir verbleiben so, Mama muss die Entscheidung treffen und ich vertraue ihr.
Ich heule noch den ganzen Abend. Packe meine neuen Fahrradtaschen für die Arbeit und kann nicht glauben, dass ich morgen ganz normal auf Arbeit gehe, während es Dir so geht. Mein iPad-Hintergrund ist ein Foto von Dir am Strand von Pobierowo, im Sonnenuntergang, wie Du glücklich mit einem Stock vor Dir in die Kamera guckst, die Ohren hängen leicht, weil Du so selig bist. Das ändere ich, weil ich sonst morgen auf Arbeit den ganzen Tag heulen muss, wenn ich auf das Tablet schau.
Ich sitze halbwegs benommen im Büro und habe kaum was gearbeitet, als Mama anruft. Es ist ungefähr halb neun. Mama weint fürchterlich und sagt, wir hatten recht, es geht Dir nicht gut, sie hat in der Nacht selbst gesehen, dass Du nicht schläfst und zitterst und schnaufst und so hat sie die Tierärztin angerufen. Und die kommt heute Abend, ab fünf.
Oh Himmel. Mein kleiner Hund. Wir lassen Dich einschläfern. Es ist ein Horror. Jemand hat mir das Herz direkt aus der Brust gerissen, so fühlt es sich an und meine Mama fühlt sich ganz genauso. Ich radle heim, auf Arbeit melde ich mich ab.
Dann fahren Mama und ich nach Hause. Zu Dir.
Du freust Dich über mich. Ich mache ein letztes Mal ein Video, wie Du mir aus der Haustür entgegengewedelt kommst und könnte da schon heulen. Mach ich vielleicht, ich weiß nicht mehr.
Wir sind ein bisschen im Garten, essen dann Mittag, während Deine Decke mitten in der Küche liegt, damit Du mitten drin sein kannst.
Nachmittags buddelt Mama die Blumen aus dem Beet an der Stelle, wo Dein Grab hin kommt. Du bist dabei.
Dann gehen wir eine letzte Runde mit Dir spazieren. Hinten bei Buchheims lang und auf den Friedhof, wo inzwischen ein Hundeverbotsschild an der Mauer hängt. Fuck the system. Du benimmst Dich seit 15 Jahren ganz hervorragend auf diesem Friedhof und für mich gehörst Du auch irgendwie dazu. Selbst zum Grab bepflanzen haben wir Dich mitgenommen. Weiß gar nicht, ob ich jemals ohne Dich auf den Friedhof gegangen bin in 15 Jahren, vielleicht eine Handvoll Male.
Wasser aus der Gießkanne schlabbern, das gehört für Dich dazu. Das machst Du also auch heute.
Nach dem Spaziergang sind wir dann zuhause und Menschen kommen zu Besuch.
Eine Nachbarin, die auch gar nicht mehr gehen will. Maxi, die Pancakes mitbringt. Weil heute Dein letzter Tag ist, darfst Du so viele essen, wie Du willst. Du kriegst von Mama auch ein Schnitzel und Käsescheiben von mir. Alles erlaubt heute.
Die Sonne scheint so schön und wir sitzen vor dem Haus. Die Zwillinge kommen vorbei und machen noch Ei-Ei mit Dir. Du schwänzelst um sie herum und passt auf. Du willst sogar nochmal spielen, ich habe ein Video gemacht, wie wir beide an Deinem Spielzeug zerren. Aber viel sachter als früher.
So wie du rumschwänzelst, schaut Mama mich immer wieder mit diesem zweifelnden Blick an - tun wir das richtige?
Aber sobald Du liegst, sieht man, spürt man, dass Du nicht okay bist. Sitzen geht schon gar nicht mehr. Irgendwann hole ich Deine Decke raus in den Garten und Du legst Dich sofort hin, bist kaputt, aber auf dem Boden liegen, das ging nicht.
Draußen sein ist schön. Die Sonne scheint, Du trinkst die Vogeltränke leer und Mama und ich kraulen Dich. Und dann kommt auch noch mein Partner. Auch davon gibt’s ein Video, Du freust Dich so. Ich mache das letzte Foto von Dir in Mamas blühendem Garten rund um den Teich und es sieht aus wie immer, denn davon gibt es ungefähr 50 Ausgaben.
Inzwischen hat mein Stiefpapa mit einem Freund Dein Grab ausgehoben. Ihn sieht man aber sonst nicht, er versteckt sich in der Garage und später wird mir klar, wieso.
Wir bewegen uns auf die Zahl des Horrors zu, ab 5 hieß es, könne die Tierärztin vorbei kommen. Wir hängen rum und streicheln und kraulen Dich und versuchen, nicht zu weinen, denn Du sollst Dich wohlfühlen und das Gefühl haben, dass alles ok ist. Du sollst einen ganz wunderbaren Tag haben mit Leuten und Dingen, die Du liebst. Draußen sein. Essen. Schnuppern. Spazieren. Mama, mein Stiefpapa, mein Partner und ich.
Irgendwann wird es uns ein bisschen zu viel, dass die Nachbarin nicht geht und Mama nimmt allen Mut den ich nicht finde zusammen und schickt sie heim. Das war sicher schwer, denn sie leidet offenbar auch wie verrückt, aber wir wollen in Familie sein. Hoffentlich versteht sie es, jedenfalls geht sie dann.
Langsam wird es kühler und wir gehen rein.
In der Küche liegst Du in der Mitte und wir sitzen im Dich rum, kraulen Dich und reden. Und reißen uns zusammen, nicht zu weinen.
Das letzte Foto ist von 18:48 Uhr. Du liegst mit Deinem Kopf an mir und ich kraul Dich.
Was man auf dem Foto nur ahnen kann, ist, wie es Dir geht. Du atmest schwer und bist kaputt, das merkt man.
Zehn nach sieben kommt die Tierärztin. Sie erklärt uns, was sie macht. Du bekommst eine Narkose und danach die Spritze, die Dich einschlafen lässt.
Die Tierärztin ist toll. Du wunderst Dich zwar, dass sie da ist, aber bist wie immer ganz normal. Du bist einfach ein unglaublicher Hund. mein Stiefpapa sagt später, dass Du freundlich warst, und das stimmt. Ich habe nie erlebt, dass Du jemandem gegenüber feindselig warst, wir haben immer Witze gemacht, wenn jemand einbricht, wedelst Du ihn an und freust Dich. Oft hatte ich Angst, wenn ich aus einem Geschäft herauskomme, hat Dich einfach jemand mitgenommen, denn gewehrt hättest Du Dich kaum.
Jedenfalls ist die Tierärztin ganz ruhig und piekst Dir schließlich die Narkose in den Hintern. Und Du? Du tust, was Du halt immer tust. Unruhig ein bisschen rumlaufen und nochmal eine Runde um den Tisch drehen.
In den letzten Schritten wirst du wackelig und knickst schließlich ein und fällst auf die Seite. Ich sehe noch vor mir, wie Du mich anschaust, Du schaust wie „was passiert hier? Hilf mir?“, bevor Du auf die Seite fällst, dort auf der Stelle, wo Deine Decke immer an der Heizung liegt.
Mama setzt sich auf die eine Seite neben Dich, zwischen Tisch und Heizung, ich quetsche mich irgendwie neben den Mülleimer und dazwischen dann die Tierärztin. Mama und ich kraulen und streicheln Dich, während Dein Atem hektisch geht. Die Tierärztin gibt Dir die Spritze.
Dein Bein blutet an der Einstichstelle, sie sagt, Deine Gefäße sind sehr alt. Sie sagt auch, Deine Wunde am Bauch hat Dir auf jeden Fall wehgetan.
Ich streichle Deinen Kopf und schließlich wird Dein Atem flacher. Deine Lefze pustet sich auf.
Schließlich atmest Du aus. Es ist 19:21 Uhr und mein kleiner Hund ist gegangen.
Meine Mama und ich brechen in Tränen aus.
Die Tierärztin verabschiedet sich und mein Partner sagt, er geht das Grab etwas vergrößern.
Mama und ich sitzen neben Dir und heulen Rotz und Wasser. Jetzt bist Du weg.
Mama geht irgendwann raus und auf Toilette und ich lege mich so hinter Dich, wie wir das seit fünfzehn Jahren machen. So Löffel-artig mit meinem Bauch an Deinem Rücken. Ich kraule Dich, stecke meine Nase zwischen Deine Ohren und beweine Dich und vermisse Dich und schluchze laut. Als Mama wieder reinkommt, kommt sie zu uns.
Und irgendwann kommt mein Stiefpapa rein. Der sich den ganzen Tag kaum hat blicken lassen, sich versteckt hat. Er steht in der Tür, ich hocke wieder vor dem Mülleimer und kraule Dich, und er guckt mich absolut reglos an. Dann kommt er zu mir und hockt sich hin, umarmt mich schwer und fängt an zu weinen. Ersticktes Schluchzen bricht sich Bahn, er weint und weint, und ich weine und wir umarmen uns fest. Das erste, was er zwischen den Schluchzern sagt ist: „jetzt tut es nicht mehr weh“, das zweite: „jetzt jagt Lotti Rehe im Nirwana“.
Wir legen Dich auf Deine Decke. Begraben werden wir Dich in einer anderen, einer gelben mit einem grünen Kleeblatt drauf. Das passt zu Dir. Du warst unser Glück.
Wir legen Dich also auf Deine und auf die Kleeblatt-Decke und legen Dich so hin, wie Du immer gelegen hast. Und wie immer klappt Dein (rechtes) Ohr dabei um. Du liegst auf der linken Seite, so, wie Du eingeschlafen bist. Ich tupfe Dir das Blut von Deinem Bein und wir machen Dein Halsband ab. Wir legen Dich hin und Du wirst langsam kälter. Und so widerstandslos kennen wir Dich auch nicht.
Wir legen Dich hin und verabschieden uns alle von Dir. Während vier Menschen um Dich kleinen Hund herum stehen und alle vier weinen wie verrückt, denke ich, wie schön das ist. Dass wir Dich alle so sehr lieben. Und dass wenn Du uns alle nur einen Bruchteil davon geliebt hast, das schon ganz schön viel war und wir wirklich glücklich.
Wir wickeln Dich in die Decke, ganz fest, ein kleiner gelber Lotti-Wrap. Dann legen wir noch ein Laken darunter, damit wir Dich behutsam in dein Grab legen können. Mama und mein Partner tragen Dich schließlich raus.
Raus aus dem Haus, das ich nur mit Dir drin kenne. Fünfzehn Jahre. Wir lebten hier keine 3 Monate, da brachte mein Stiefpapa Dich mit und das werd ich nie vergessen. Er kam an einem Sonntagabend aus Elsterwerda, ein Kumpel hatte Geburtstag gehabt, und er kam zur Küchentür rein und hatte eine Beule in der jeansbejackten Brust. Und aus der Jeansjacke raus gucktest Du.
Und wie wir mit Dir die ersten Momente auf dem Küchenboden verbracht haben, damals noch vor der Renovierung, halb Fliese, halb Teppich, so verbrachten wir die letzten Momente mit Dir auf diesem Küchenboden. Irgendwie verrückt. Irgendwie schön. Und trotzdem auch irgendwie traurig.
Mama und mein Partner tragen Dich raus und wir legen Dich erst noch samt Decke neben das Lagerfeuer, das wir anmachen. Wir setzen uns alle vier um das Feuer und trinken auf Dich. Den besten Hund der Welt. Du hättest das gemocht, alle zusammen um ein Lagerfeuer.
Dann lassen mein Partner und ich Dich in Dein Grab herab und jede:r von uns gibt Dir noch was mit auf Deinen Weg ins Nirwana. Mama hat außerdem vier wunderschöne Blüten vorbereitet, jede:r von uns kriegt eine. Mama wirft ein kleines Holzherz in Dein Grab, mein Stiefpapa Dein Halsband, mein Partner Dein Spielzeug und ich eine Scheibe Käse. All das hättest Du gemocht. Und ich sage: auf Reisen sollte man immer was zu essen dabei haben. Wir lachen. Stimmt ja auch. Und Du hättest mich von uns vieren am liebsten gemocht, gemessen an der Grabbeigabe.
Dann schaufelt mein Stiefpapa das Loch zu. Mama darf nur kurz. Schließlich stellt Mama eine Kerze oben drauf und einen Strauß aus den Blumen, die vorher in dem Beet waren, wo Du jetzt bist.
Wir sitzen noch lange am Feuer und reden. Unter anderem darüber, was wir mit Deinem Grab machen. Einen Stein drauf, eine Platte mit Gravur?
Schließlich stellen wir fest: am besten hättest Du einen riesigen Stock gefunden. Also, sagt Mama, gehen wir morgen früh in den Wald und suchen einen. Schon da denke ich zwei Sachen: erstens, ohne Hund in den Wald, wie sinnlos ist denn das? Zweitens, dass ich mir seit ungefähr fünf Jahren vorgenommen hatte, mit Dir ins Königsholz zu gehen und es nie gemacht habe. Es tut mir leid. Ich habe die ganze Zeit gewusst, dass unsere Zeit zusammen begrenzt ist, und ich hätte gerne mehr mit Dir unternommen.
Mama und mein Partner sagen, ich soll mir keine Vorwürfe machen. Und dass vor allem durch Corona und Home Office Du und ich in den letzten beiden Jahren so viel Zeit miteinander verbringen konnten wie seit meinem Rück-Umzug nach Hause während meines FSJ eigentlich nicht mehr. Und das stimmt natürlich. Es stimmt auch, dass Du mir nicht böse gewesen bist. Aber ich bin’s halt.
Irgendwie schlafen wir dann alle. Am nächsten Morgen frühstücken wir gemeinsam, dann fährt mein Partner auf Arbeit und Mama und ich tatsächlich in den Wald. Wie bekloppt, denke ich immer noch.
Vorher waren mein Partner und ich im Sonnenaufgang noch an Deinem Grab. Der Tau glitzerte, auch auf Deiner orangenen Decke und dem braunen Kissen, die noch im Gras neben der Feuerstelle lagen. Deine Kerze brannte noch und man hörte Vögel zwitschern und entfernt Hunde bellen. Du mochtest die Morgen im Tau-Gras. Du mochtest alles, was draußen war.
Mama und ich also schließlich im Corsa auf dem Weg in das Königsholz. Wir spazieren und reden und reden über ganz vieles, aber auch viel über Dich. Wir finden einen super Stock. Und sammeln circa drei Kilo Moos. Beides drapiert Mama später so wahnsinnig schön auf Deinem Grab, wie es überhaupt nur geht.
Die Sonne scheint. Dein Grab sieht aus wie ein Ort, an dem Du Dich wohlgefühlt hättest. Mama legt noch Ostsee-Steine drauf, denn die Ostsee hast Du geliebt. Auch darüber reden wir viel in diesen Tagen, wie glücklich Du am Meer warst, als wir dort waren. mein Partner sagt, Du wurdest schlagartig 5 Jahre jünger, als Du das Meer sahst, und das stimmt.
Nachdem Mama ungefähr drei Stunden lang das schönste Hundegrab baut, was man sich nur denken kann, hauen wir uns aufs Sofa und gucken die Alben nach Lotti-Fotos durch. So viele gibt es gar nicht, aber eins ist mal klar: Du warst hinreißend. Und man sah Dir die 15 Jahre dann doch ganz schön an. mein Partner sagt später, als ich ihm die Fotos zeige, dass ihm da richtig klar wird, wie alt Du warst. Er kannte Dich ja „nur“ sieben Jahre. Die schlanke, sportliche Lotti mit Jagdhund-Look, die kennt er gar nicht. Und die kleine Welpen-Lotti, so hinreißend, dass man unweigerlich diese Bewegung mit den Augenbrauen machen muss vor Verzückung.
An den Bildern sieht man vor allem an uns, an den Menschen die dabei sind und an dem Haus und Garten, WIE lange 15 Jahre sind. Du hast uns durch Baustellen und schlimme Frisuren begleitet, mich durch Teenagerjahre (puh) und durchs Studium, Mama von der Schichtarbeit bis in die Selbständigkeit. meinen Stiefpapa von blond zu grau. Anfangs ist der Garten regelrecht kahl auf den Bildern, der gleiche Garten wo jetzt meterhoch Bäume stehen und Büsche und Pflanzen in die Höhe schießen. Und mittendrin immer ein kleiner brauner Fleck. Du.
Später bringt Mama mich nach Hause. Verrückte Tage und Stunden waren das. Wir alle waren so eng, irgendwie verbunden durch die Trauer, das klingt ganz fürchterlich abgedroschen aber stimmt halt total. Also, genau so war es. Der Schmerz war in uns allen riesengroß sind wir haben einander gehalten. Dafür finde ich wenig Worte. Aber es war furchtbar und furchtbar gut.
Wir reden noch viel. Über Dich, über Deinen letzten Tag auf dieser Welt und dass das eigentlich der letzte Tag war, wie man sich den wünscht. Nochmal lauter schöne Sachen machen mit den Menschen, die man gern hat, und dann scheint auch noch die Sonne, und abends schläft man ein, umgeben und gekrault von besagten lieben Menschen.
Wir reden darüber, dass es Dir jetzt nicht mehr weh tut. Dass es Dir in den letzten zwei, drei Wochen sicher furchtbar wehgetan hat. Noch vor vier Wochen war die Wunde an Deinem Bauch deutlich kleiner, die Wunde, die seit dem Frühjahr plötzlich da war. Aber die Tierärztin sagte auch, was ich auch gespürt habe, dass Dein Bauch voller Tumoren war und ganz fest.
Wir reden über alles, was Dich ausgemacht hat, vom freundlich sein über das Kreise-um-Möbel-drehen bis zu Deinem Jammern, wenn wir Dich irgendwohin mitgenommen haben und Du es blöd fandest. Darüber, dass Du Dich mehrmals im Kreis um die eigene Achse drehtest, wenn man im Begriff war einen Stock zu schmeißen. Über das Phänomen, wie man Dich von der Leine abmachte und Du losschnipstest wie angestochen. Und über den Jubel, wenn man wieder kam - von einer Reise, aus einem Geschäft oder aus dem Nebenraum.
Wir reden darüber, wie wir Deinen Tod erlebt haben. Mama und mein Partner denken an ihre beiden Hundetode, die beide ganz anders waren. Beide sind dankbar für diese Erfahrung, das dabei-sein-können. Linda erzählt mir später, wie das bei Emmi und Cora bei ihr war und was für ein Glück es war, dass wir das mit Dir so haben konnten.
Und das stimmt auch. Ich weiß, dass es stimmt. Dass Du ein unglaublich langes Leben hattest, dass 15 Jahre ein stolzes Hündinnenalter sind. Und dass nicht nur wir es ganz schön gut hatten mit Dir, sondern Du auch bei uns. Wir haben so gut zusammen gepasst, das gibt’s eigentlich nicht.
Deshalb beweine ich nicht Dich, denn Du hattest ein tolles Leben und einen schönen Tod, und wir wollten niemals dass Du leidest. Und jetzt tut es Dir auch nicht mehr weh. Ich beweine nicht Dich, ich beweine mich. Ich habe meine beste Freundin verloren. Ich kann Dich nie wieder streicheln, mich nie wieder über Dein leichtes Hüpfen beim Spaziergang freuen, Dir beim Schlafen zusehen oder die Nase in Dein weiches duftendes Fell stecken. Ich kann nie wieder Deinen Kopf in meine Hände nehmen und in Deine Augen schauen, und deshalb weine ich. Du warst perfekt für uns drei, für Mama, meinen Stiefpapa und mich. Du hast zu uns gepasst wie Arsch auf Eimer.
Du warst freundlich zu allen.
Wie gesagt, ich hatte wirklich manchmal Schiss, ich komme aus dem Laden raus und Du bist mit jemandem mitgegangen, der Dich geklaut hat. Du hast Dich über jede:n gefreut, die:der Dir begegnete.
Du wolltest rennen und spielen und auch ein bisschen gekrault werden.
Spaziergänge allein im Dorf waren zwar schlimm verboten, aber gemacht hast Du sie trotzdem. Ohne Leine übers Feld toben. Oft genug Rehen, Katzen oder Hasen hinterher. Was für ein Hundeleben. Und wer einmal ein Spielzeug angefasst hatte, hatte dann den Salat und wurde von Dir bis aufs Blut genervt, zu spielen.
Du hast furchtbar gerne gegessen.
Gern Käse vom Frühstückstisch oder Schnitten von der Arbeitsplatte. Leckerlis in Jackentaschen wurden auch im hohen Alter sofort erschnüffelt. Wenn was runterfiel, warst Du im Himmel. Christine bist Du schon wild entgegengehüpft zum Schrank, in dem die Leckerlis gebunkert wurden.
Und Du wolltest immer bei uns sein.
Das bist Du noch. Für immer.