RASSISMUS, SEXISMUS AM SCHAUSPIELHAUS ZĂRICH - Ărger im Paradies
 Teil 2 eines SelbstgesprĂ€chsÂ
(in Teil 1 erfahren sie, was dieses SelbstgesprĂ€chs begrĂŒndete und was SelbstgesprĂ€ch mit Max Frisch zu tun hat)
Hier: LINKÂ zu Teil 1.
ganzer Artikel, LINK SPIEGEL ONLINE
Peter
Happig. Dieser 46jÀhrige Schauspieler und Regisseur bist also du?
Samuelâš
Genau, das bin ich.
Peter
âšUnd der erwĂ€hnte Regisseur da?
Samuel
âšDas ist Stephan MĂŒller. Diese SprĂŒche fielen in den Vorbereitungen zu dem Projekt âMax Frisch -Ărger im Paradiesâ (Premiere 7.April 2018) zu der ich eine Inszenierung beitragen sollte. Wir waren auf Locationscouting auf der Kasernenwiese. Das war aber nur einer dieser SprĂŒche: Stephan MĂŒller sprache auch von vier N****, die im April 2018 das ZĂŒrcher Publikum durch ZĂŒrichs lotsen wĂŒrden. Er benutze diese Begriff wohl absichtlich, um mich oder das Team zu provozieren. âšâš Und auf dem Weg fragte er mich eben die Frage nach den Geschlechtsteilen dunkelhĂ€utiger Frauen und erzĂ€hlte er mir noch Witze, die, so meinte er, vor allem Frauen lustig fĂ€nden.  MĂ€nner wĂŒrde da immer schockiert reagieren.
SamuelÂ
Ja, Ich empfand es als ĂŒbergriffig, zumal ich (noch) keinen Vertrag hatte, ich aber doch schon von in einem  Arbeitsprozess stand, der durchaus ganz kreativ anfing.  Von so einem Vertrag wurde zwar die ganze Zeit gesprochen, im Sinne, dass so einer er bald auf uns zu kĂ€me und nur so eine FormalitĂ€t sei. MĂŒller lachte beim Essen: Wir hĂ€tten uns aber auf wenig Geld vorzubereiten, aber schliesslich ginge es ja um was âGrossesâ. Das ging  dann wochenlang so weiter. Ich lieferten Ideen, Konzepte, Szenen, und immer war die Rede von einem Vertrag, der dann bald komme, wenn alles âtechnischeâ geklĂ€rt sei. Als wĂ€ren wir irgendwie in einem halbseidenen Milieu-GeschĂ€ftsbeziehung und nicht an einem Projekt ĂŒber âMax Frischâ.  Wenn ich beim BetriebsbĂŒro nachfragte, hiess es immer von dem Produktionsleiter Jörg Schwahlen: Der Vertrag kommt dann gleich. Man mĂŒsse noch etwas rechnen - als wĂ€ren die Personalkosten weniger wichtig als irgendwelche Lampen.  Nun ja. Das ganze hat ein Muster, das an solchen Betrieben durchaus bekannt ist: Wenn man auf Proben - in so ungewissen ArbeitsverhĂ€ltnissen - so âintimâ angegangen wird, wird von diesen âMeisternâ durchaus gezielt die IntegritĂ€t verletzt, nicht nur aus Spass.  Matthias Hartmann beispielsweise piekste mir immer den RĂŒcken in der Kantine - durch diese permanenten Angriffe auf Körper oder Seele  wird die LoyalitĂ€t gegenĂŒber dem âMeisterâ geprĂŒft - letztlich wird versucht, eine Art psychische AbhĂ€ngigkeit zum âMeisterâ  herzustellen.  Ich kenne das schon  aus Bochum, solche Spielchen -  ich arbeitete da ja unter Matthias Hartmann.  Und wollte das nie mehr erleben. Man kommt ganz rasch in mentale Sklavenhaltung, wie auf dem Schulhof, wenn man gequĂ€lt wird, aber mitgrinst, weil man nur so meint, die WĂŒrde behalten zu können. Das kennen die Frauen natĂŒrlich nur GenĂŒge in Beziehungen zu mĂ€chtigen MĂ€nnern, aber es geschieht  auch unter MĂ€nnern. Ja, und so war das auch mit Stephan MĂŒller und mir bei diesen Zoten.  Und wie das Schauspielhaus  nun beweist -  in dem es mir fĂŒr die sechsmonatige Arbeit nichts zahlen will - war ich in diesen sechs Monaten  tatsĂ€chlich nur MĂŒllers fleischliche Manövriermasse mit dem er so ein bisschen spielen darf - die die im Idealfall auch noch Content generiert, den man klauen kann, eine ManovriermĂ€sse,  die noch nicht unter dem Schutz einer Anstellung steht.  Leute, muss man da ihnen zurufen. Habt ihr einen Knall? Wir hatten lĂ€ngst eine Abmachung, die juristisch gĂŒltig ist, schon nur, weil auf eurer doodes Locationscouting mitbekommen bin und wir uns die HĂ€nde geschĂŒttelt haben.  Ich bin seit zwanzig Jahren Produzent. Ich weiss haargenau, wann eine Anstellung beginnt, dazu braucht es nicht zwingend schriftliche VertrĂ€ge.  Ihr habt es hier nicht mit irgendeinem RegieanfĂ€nger zu tun (und auch den sollte man nicht so behandeln!), sondern mit einem mehrfachen PreistrĂ€ger nationaler, kantonal und stĂ€dtischer Theaterpreise zu tun (inklusiv dem Zinema Zombie Award in Bogota. Kolumbien), Â
POLDER gewann nebst dem MĂ©liĂ©s dâargent fĂŒr den besten europĂ€ischen Science Fiction Film auch den ZINEMA ZOMBIE AWARD in Bogota.Â
Samuel
(dezidiert)
Ja, das heisst, dass ich von euren schĂ€bigen Stadttheater-Flohzirkus-Ritualen nicht abhĂ€ngig ist, sondern sonst mit Google, Occulus, Samsung und anderen Bösewichten erfolgreich verhandle fĂŒr meine transmedialen Horror-Sci-Fi-Fantasy-Grossprojekte, in den Menschen gefressen, Körper geschĂ€ndet werden, aber das nicht aus dem Geiste des Max Frisch Sexismus, sondern mit dem hohen Bewusstein von Gender, ZĂ€rtlichkeit und EqualitĂ€t. Wir lachen nur nur eure lĂ€cherlichen Provokationen und sexistischen Witzchen auf euren piefigen StadttheaterbĂŒhnen. Ja, ich bin einer mit einer grossen Klappe. Und ich werde euch nun mit meinen Juristen grillen -  ihr habt es nicht anders verdient.Â
(winkt mĂŒde ab)
NatĂŒrlich denkt man nicht gerne so martialisch, das ist auch zu ungesund.Â
Peter
Was fĂŒr Witze waren das denn?
Samuelâš
Ich erinnere mich an einen  Witz ĂŒber eine Frau namens âUschiâ oder âOtzeâ und so..
(winkt gelangweilt ab)
Ach, man kann sich vorstellen um was es in dem Witz geht. Nicht wirklich lustig. Naja, nicht lustig ist verharmlosend: pubertĂ€r, primitiv ist das.  Peinlich fĂŒr einen Mann seines Alters. Und ja. Ăbergriffig. Ich meine, der Mann ist in dem Moment der Chef. Ăber ihn lĂ€uft alles. Und man will ja in so einer Situation ja nicht gleich als humorloses âGĂŒetziâ outen - auch wenn das natĂŒrlich nix mit Humor zu tun hat, sondern mit VerĂ€chtlichkeit. Es sind Witze im Geiste von âPanâ,  ja, dem Balg von Hermes, der nur Blödsinn im Sinn hat, dieser Faun.Â
SamuelÂ
Ich verstehe ja auch, dass das eine wichtige Basis-Energie ist im Theater. Inhaltlich, nicht strukturell.  Der Teufel, Dionysos, Pan. Letzterer ist der, der in den BĂŒschen wartet und MĂ€dchen packt - und von der Esoterik verharmlost wird, resp als Rechtfertigung  fĂŒr âĂbergriffeâ benutzt wird. Diese Energie ist da dauernd um MĂŒller herum. FĂŒr mich gehört diese Energie - wenn schon denn schon - dann aber auf die BĂŒhne.  Vorausgesetzt sie sie ist dann auch lustig. Das war es aber da nicht. SpĂ€ter zeigte Stephan MĂŒller dann noch so total unlustige  Videos mit SprĂŒchen von Mike MĂŒller in irgendeinem Swimming-Pool und âGirlsâ. Ich fand das total unlustig.  Die ganze Zeit herrschte so eine witzelnde AtmosphĂ€re.Und ich dachte mir: Oh, mein Gott, was sind denn das fĂŒr Leute hier?
Peter
Und wie bist du in den Schlamassel reingekommen?
Samuelâš
Ou, lange Geschichte. Darauf möchte ich dann bei Teil 3 reden
Peter
Ich meine, wusstest du denn nicht, dass dieser MĂŒller so drauf ist?
Samuel (denkt lange nach)
âšDoch, eigentlich schon, aber wie das eben so geschieht: plötzlich steckt man drin. Dumm, aber wahr. Ich muss auch zugeben, dass Stephan MĂŒller manchmal eben auch was suggestives, ja verfĂŒhrerisches hat. Ich mag ihn ĂŒbrigens auch. Er ist einnehmend und âwitzigâ - auf den ersten Blick.  Man verfĂ€llt ihm rasch. Wir hatten damals an der Schauspielschule junge SchauspielerschĂŒlerinnen, die konnten nicht schlafen vor dem Unterricht mit ihm. Ich kannte auch einen SchauspielschĂŒler, der hat ihm Liebesbriefe geschrieben. Legionen von Dramaturgen und Dramaturginnen von Pforzheim bis Wien waren oder sind Stephan MĂŒller verfallen. Wieso? Der Trick ist einfach, aber effektiv: Er lĂ€sst alle -MĂ€nner und Frauen-  sofort an seiner âMachtâ teilhaben durch solche SprĂŒche. Das hat starke suggestive Kraft - vor allem auf unvorbereitete Seelen.  MĂŒller  kann - so scheint mir - Beziehungen zudem auch fast nur denken in Meister und SchĂŒler Beziehungen. Er ist da âasiatischâ gesprĂ€gt - resp so eine europĂ€ische autoritĂ€re Interpretation von âasiatischâ - waldorf-asiatisch -  vielleicht wie bei Jean Jaques Annaud, diesem Altâ 68 er Regisseur, der Tibet und die âNaturâ vergöttert -  und âdas Weibâ. Vereinfacht gesagt. Und doch genau so ist es. Stephan MĂŒller  ist ja kulturpolitisch konservativ, das weiss man, Heidegger-Leser, Anthroposoph. Und ich war ja mal - in den 90ern sein - nun ja - sein  âSchĂŒlerâ. Dass er versucht mich in diese SchĂŒler-Position zu rĂŒcken, ist fĂŒr mich natĂŒrlich nicht mehr tragbar.  Aus so einer Obi-Wan-Kenobi-Luke-Skywalker, besser noch Senator Palpatine Annakin Beziehung von Meister und SchĂŒler kommt man  nur mit krĂ€ftiger Abstossung los. Und die sei somit geschehen. Etwas spĂ€t, nun aber definitiv. Aber:
(er lacht und winkt etwas mĂŒde ab)
Naja, mal sehen. Das sagte ich nun im meinem Leben schon ein paarmal. Und immer wieder kam so ein GebĂŒsch mit einem MĂŒller dahinter.  Er ist eine wichtige Figur in meinem Leben. Womit ich solches Verhalten natĂŒrlich auf gefĂ€hrliche Weise wieder zu legitimieren scheine. Das möchte ich nicht. Seine zweifellos positiven Eigenschaften bleiben aber durch diese Kritik ohnehin unangetastet.Â
Peter âš
Und: Â wie hast du reagiert?âš
Samuel
Also ich bin bereits im Dezember aus dem Projekt âĂrger im Paradiesâ 2017 ausgestiegen.
Peter âš
Das meine ich nicht. Wie hast du vor Ort reagiert  als er diese SprĂŒche und Witze brachte? Im Moment.Â
Samuelâš
Ich war beschĂ€mt.  An was ich mich noch erinnere: Ich hab dann noch diesen Aufsatz von Max Frisch ins GesprĂ€ch eingebracht, bei der Frisch 1952 durch Harlem spaziert und (auch fĂŒr 1952) bedenklich dummes Zeugs ĂŒber den Geist des N**** schwafelt.  Ein Text, den ĂŒbrigens Stephan MĂŒller zu dem Zeitpunkt - wie mir schien - noch gar nicht kannte (Frisch in Harlem:  Interessanter LINK)  Diesen Aufsatz von Frisch hat MĂŒller dann spĂ€ter als ErklĂ€rung gebracht, nachdem ich ihn kritisiert habe. Er habe ja nur auf diesen Aufsatz als Referenz genommen mit seinen SprĂŒchen und Witzen. Ich habe ihm aber von diesem Aufsatz erzĂ€hlt, erst nachdem er diese rassistischen Witze und SprĂŒche gebracht hatte. Er kannte diesen Text damals noch nicht.Â
PeterÂ
Und sonst, hast du was gesagt, gleich im Anschluss?Â
Samuel
Ich wollte zu dem Zeitpunkt den Job. Und man macht da instinktiv - leider - nicht grad sofort auf Querulant - an so einer Ortsbegehung. Man ist ĂŒberrumpelt und tut so, als wĂŒrde man einen solchen Ăbergriff gar nicht merken. Hey:  Kasernenareal fĂŒr ein Outdoor-Projekt am Schauspielhaus ZĂŒrich. Das ist was! Am  âTheater der HumanitĂ€tâ arbeiten. Das will man!  Man ist  motiviert. Inhaltlich. Da erwartet man nicht solche SprĂŒche. Man will die Sache fokussieren: Max Frisch. Bertolt Brecht.Â
Peterâš
Brecht? Ich meine es ging um Max Frisch.
Samuelâš
FĂŒr mich ging es, als ich einstieg - um die Beziehung von Max Frisch zu Brecht. Das war der Grund, weshalb ich mich ĂŒberhaupt mich auf das Schauspielhaus-Projekt einliess, weil ich wusste, hey, das Projekt am Schauspielhaus wird  Premiere haben am 7. April 2018  das ist inhaltlich die die perfekte Verbindung zu unserer PrĂ€senz in der Buchhandlung am Helvetiaplatz. Wir planen ja seit zwei Jahren dieses Reenactment am 23. April 2018, siehe folgende Einladunngskarte von 1948:
23. April 2018 - Reenactment 1948 - mit Hagar Admoni Schipper als Helene Weigel, mit Ted Gaier als Max Frisch, Wanda Wylowa als Therese Giehse, Gina dâOrio als Ruth Berlau, Meret Hottinger als Bertolt Brecht, Samuel Schwarz als Nina âQuerfrontâ Hagen und Philippe Graber als wahnsinnige Monade
Samuel
Wir wollen alles identisch, akribisch wiederaufstehen lassen und dann die Jahre 1948 und 2018 vergleichen. Diese inhaltiche Qauerverbindungen der AnlĂ€sse war auch der Grund, weswegen auch meine Mitarbeiterinnen damals meinten, ich solle unbedingt im Schauspielhaus-Projekt drinbleiben. Es gab zwar auch Stimmen bei 400asa/DigitalbĂŒhne, die meinten: Das muss sofort an die Presse etc. Stell den an den Pranger! Das wollte aber ich zu dem Zeitpunkt nicht.  Das heisst: Ich habe das Problem rationalisiert, weil ich mir zu alt vorkomme fĂŒr eine solche Schluck-den-Dreck-Nummer und noch am gleichen Tag mit meinen Leuten gesprochen und die Frage in den Raum geworfen:  Soll ich aus diesem Schauspielhaus-Projekt aussteigen? Aber wir entschieden im Kollektiv, ich soll drinbleiben. Als dann der Spiegel im Umfeld von #METOO und Harvey Weinstein im Oktober Stories aus der hiesigen Branche suchte, habe ich diese Erfahrung schon mal anonym eingeschickt.
Samuel
Einfach als emotionale Entlastung. So Sachen stressen einen extrem.  Ich wollte mir auch bewusst machen, dass ich grad feige bin, aufgrund eines höher gesteckten Ziels. Und das dass wohl vielen so geht, auch all den Frauen, die sich betatschen lassen mĂŒssen von einem Harvey Weinstein oder Horst GrĂŒntzel an irgendeinem Landestheater. Und ich wollte durchaus diesen Max Frisch-Komplex entlarven und dafĂŒr hĂ€tte ich in Kauf genommen, kurzfristig im Kontext sexistischer und rassistischer SprĂŒche und unlustigen Komikern zu arbeiten.
(er lacht bitter)
Ich meine, das Leben ist kein Ponyhof, man muss durchaus auch mal unter ruppigen Bedingungen seine Feldrecherchen betreiben.
Peter
Wieso bist du dann doch ausgestiegen?
Samuel âš
Weil es mir dann doch einfach zu blöd wurde.  Es gab dann noch einen weiteren triftigen Grund, hat auch mit dem Thema zu tun,  aber ĂŒber den Reden wir dann in Teil 4. Einer der GrĂŒnde war auch: ich hatte knappe drei Monate vor Probeginn immer noch keinen Vertrag. Und das am Schauspielhaus ZĂŒrich.  Ich sagte mir lange: Das wird teuer fĂŒr das Schauspielhaus. Wenn ich denen - unter den lauwarmen intellektuellen Bedingungen von Mike Stephan MĂŒller Witzen  - sozusagen der intellektuelle Stachel im Fleisch der geistigen Bequemlichkeit sein soll, dann mĂŒssen sie mir SEHR VIEL zahlen. Ich stellte mir die Endproben vor. Nö du. Als ich dann aber keine Zahl zu hören kriegte im Dezember, also nicht wusste wie hoch meine Gage sein wĂŒrde und ich eh schon genug vorhatte im FrĂŒhjahr 2018 (und ich auf meine Kubareise verzichten mĂŒsste wegen Mike Stephan MĂŒller), dachte ich: FUCK YOU.  Ich sagte ab, buchte die Kuba-Reise und nahm noch einen spannenden Auftrag des Schauspiel Dortmund zur Eröffnung der Digital-Akademie an. Und holte mir einen Anwalt, schliesslich hatte ich doch ein halbes Jahr gearbeitet fĂŒr diese Damen und Herren.Â
(er lacht)
Und den halben Max Frisch lesen mĂŒssen. Â
Peterâš
Also, kehren wir zum Thema zurĂŒck. Was interessiert dich an der Konfrontation von Brecht und Frisch.
Samuel
Max Frisch hielt ja 1948 eine  - nun ja - durchaus etwas âschleicherischeâ Einleitungsrede zu dieser Lesung, dem einzigen öffentlichen Auftritt von Brecht.
Wir machen am 23. April ein Reebactment. Das machen wir sowieso. Das Thema ist aber so stark und krĂ€ftig, dass es durchaus bei dem  Schauspielhausprojekt auch BezĂŒge gegeben hĂ€tte. Max Frisch ohne Brecht zu machen ist wie bei einer ernstzunehmenden Auseinandersetzung mit Hannah Arendt Heidegger nicht zu erwĂ€hnen. Das gehört zusammen.Â
Eine echte Trouvaille. Text von Max Frisch, Einleitung zu dem Anlass zu Brechts 50. Geburtstagtag am 23. April 1948 in der Buchhandlung am Helvetiaplatz
SamuelÂ
Und mich interessierte diese GegenĂŒberstellung von Max Frisch und Brecht/Weigel/Giehse. Dass Brecht von Max Frisch nicht wahnsinnig viel hielt, kann man ja an seinen doch sehr despektierlichen Bemerkungen ĂŒber die Schweizer Architektur nachlesen, und zwar bei Brecht selber - aber auch bei bei Frisch.
Aus Frischs Tagesbuch 1966-1971. Erinnerungen an Bert Brecht
Peter
Diese Frisch/Brecht Begegnung. Das wĂ€re doch perfekt gewesen um diese Begegnung in dem Schauspielhaus-Kontext zu erweitern.  Gerade von der Konfrontation von Frischs pubertĂ€ren und dĂŒmmlichen Gedanken zu SchauspielerInnen von 1948  erwartete ich mir natĂŒrlich sehr viel. Gerade im Schauspielhaus-Kontext wĂ€re das spannend gewesen- Was schrieb Frisch 1948 ĂŒber die Schauspielerin?
âDas WidermĂ€nnliche: das scheinbar Uneigene des Weibes, das sich formen lĂ€sst von jedem, der da kommt, das Widerstandslose, Uferlose, Weiche und Willige, das die Formen, die der Mann ihm gibt, im Grunde niemals ernst nimmt und immer fĂ€hig ist, sich anders formen zu lassen: das ist, was der Mann als das Hurenhafte bezeichnet, ein Grundzug weiblichen Wesens, das Weiblich-Eigene, dem er niemals beikommt. Man könnte es auch das Schauspielerische nennen. Das Spiel der Verwandlung, das Spiel der Verkleidung. Der Mann, der sich in KostĂŒme hĂŒllt, hat er nicht immer einen Stich ins Verkehrte, ins Weibische, ins WidermĂ€nnliche.â (Aus âĂber die Schauspielerâ, Max Frisch)
SamuelÂ
Ach, so ein Schwachsinn versetzt mich grad wieder nach Kuba.Â
 Rihanna und SÀmi at the same place, Havanna 2018. Wer formt wen?
Peter
Lass uns bitte wieder ernsthaft werden.Â
SamuelÂ
Gerne. Ich hatte mich gerade zu dem Zeitpunkt mit Brecht in der Schweiz 1947 und 1948 intensiv auseinandergesetzt, u.a. mit der Beziehung von Brecht zu Frisch. Mich hat vor allem diese Unterwerfung von Frisch interessiert.  Frisch war ja in den Dreissigern noch ziemlich strammer Nationalist gewesen, forderte Schweizer Quoten, polemisierte gegen Ferdinand Rieser in nationalischer Studentenzeiten, publizierte in Naziverlagen Romane, die mit ihren altmodischen Frauenbildern und rassistischen Beschreibungen âslawischerâ Menschen offen sexistisch und rassistisch waren. Sein Roman âJĂŒrg Reinhardtâ erinnert auch stark an den Euthanasie Nazifilm âIch klage anâ (die schöne sterbende Frau, die Giftspritze kriegt, unglaublicher Schwachsinn, den ich alles lesen musste fĂŒr das Schauspielprojekt!!)  Dann 1945 - mit den Siegen der Allierten - wurde MĂ€xchen plötzlich - von einem Tag auf den anderen - Demokrat, und 1948 ging er schon vor dem âgrossenâ Brecht auf die Knie. Aber eben auch mehr, weil dieser ihm âGrossâ erschien, im Sinne von erfolgreich, weniger, weil er ihn wirklich politisch verstand  Eigentlich verachtete Frisch den Brecht politisch. Wie Brecht ĂŒbrigens glaube ich auch Frisch verachtete.  NatĂŒrlich, ich ĂŒbertreibe. Aber eben nicht nur.
Hier kann man das ĂŒbrigens nachhören. Vor allem Minute 8.20 zeigt es, wie Frisch opportunistisch funktionierte.Â
                        Minute 8.20
SamuelÂ
Genau so passte er sich dann spĂ€ter dem westeuropĂ€ischen âDiskursâ an. Aber im Kern blieben diese Charaktereigenschaften bei Frisch. Das macht ihn fĂŒr mich fast unlesbar. Weil: wenn mir Frisch-Texte anfangen zu âgefallenâ, dann befĂ€llt mich Selbstscham. Die geistige Bequemlichkeit von Max Frisch - diese Prosa der Angst- die durchaus sehr sĂŒffig ist und unterhaltsam, dieser Flow von Selbstreflexion, in die der bĂŒrgerliche Mann - trotz aller scheinbarer Selbstkritik dann eben doch wieder wohlig schlĂŒpfen kann - vielleicht wie der bĂŒrgerliche Regisseur in seine gemĂŒtliche Pantoffeln, die ihm von der Assistentin  bereitgelegt werden - die machen Max Frisch fĂŒr mich toxisch. Max Frisch tut mir nicht gut. Da bin ich nicht der einzige, der das so sieht. âBiedermann und der Brandstifterâ beispielsweise ist mittlerweile eine Art AfD-KultstĂŒck geworden (Link auf einen Artikel zum Thema), aber auch sein  scheinbar so aufklĂ€rerisches StĂŒck âAndorraâ - das ĂŒbrigens schon 1963(!) unter Antisemitismus-Verdacht stand -  ist bedenklich in seiner inneren Logik. Das ganze StĂŒck âfunktioniertâ ja nur, weil Andri kein Jude ist. Was, wenn er einer wĂ€re? HĂ€tten es dann die biederen Andorraner weniger verdient von Frisch angeklagt zu werden? Das StĂŒck ist doch- was seinen logischen-moralischen und ethischen Aufbau angeht - leider ziemlicher Quark, auch weil wenn man seinem âFlowâ gerne folgt. Das war ja auch Fokus meiner Andorra-BeschĂ€ftigung am Theater Basel, fĂŒr die ich angefeindet wurde als âJudeâ
(Video der Generalprobe von ANDORRA). Â Â
Samuel
Ja, finde ich auch. Interessant auch, dass Max Frisch mittlerweile der Lieblingsautor der âWeltwocheâ geworden ist und dort immer wieder benutzt wird fĂŒr den âGenderâ-Diskurs. Wobei natĂŒrlich Frisch das Genie ist und Ingeborg Bachmann die neidische Feministin. All diese Dinge zu verarbeiten in einer Schauspiel-Inszenierung. Wau. Das wĂ€re schon interessant gewesen. Zumal man davon ausgehen muss, das 40% des NZZ lesenden Schauspielhaus-Publikums sich von einer Max Frisch Demontage natĂŒrlich erst recht hĂ€tten provozieren lassen, denn diese grĂŒn und friedensaktivistisch angehauchte mittelstĂ€ndisch klein-bis grossbĂŒrgerliche Schauspielhaus- Klientel findet ja im Moment Gefallen an dieser Art neo-chauvinistischem Gedankengut - die sehen ja auch  Daniele Ganser und Ken Jebsen als  âAufklĂ€rerâ.  Aber an einem solchen Ansatz war man am Schauspielhaus gar nicht interessiert. Auch an den diese provokativen und brisanten Recherchen von Charles Linsmayer (Link auf einen Auszug aus seinem Text) , die den ganzen Max Frisch-Komplex sehr genau beieuchten, schien das Schauspielhaus nicht wirklich interessiert. Sie kannten diese Recherchen auch nicht. Das ist ja dann auch, was einen dann sauer macht. Man beliefert diese Leute naiverweise sogar noch mit IDEEN.  Also wĂŒrde es wenn es mich nicht wundern, wenn das Schauspielhaus dieser Charles Linsmeyer nun doch einen (abgeschwĂ€chte) Version seiner Recherchen im Programmheft abdrucken lassen wird. Interessanterweise findet man diesen brisanten Text ĂŒbrigens auf linsmayer.ch nicht mehr. Bin gespannt ob Charles Linsmayer vom Schauspielhaus angefragt wurde fĂŒr einen dieser Programmheft-Texte.Â
Peter
Eines interessiert mich nun aber schon noch.
Darf ich dich noch was fragen?
Peterâš
Wieso reagierst du so heikel, um nicht zu sagen, âempfindlichâ auf diese Blackfacing-Thematik, auf diese Nennung von N**** Wörtern. Um den russischen Verteidigungsminister Sergei Wiktorowitsch Lawrow zu bemĂŒhen:
Bist du eine P***y?
Samuelâš
Ja, und wenn auch.  Aber das Schauspielhaus muss sich schon unangenehme Fragen gefallen lassen. Als man mich einlud, bei diesem Projekt mitzuwirken, wussten alle am Schauspielhaus, dass ich eine klare Haltung vertreten habe, beispielsweise zu âBlackfacingâ und N-Wörtern. Ich kritisierte die Inszenierung von K.U.R.S.K und die âHeilige Johannaâ am Schauspielhaus -  ich hatte aber auch schon vor zwei Jahren (zusammen mit Raphael Urweider)  in Leitmedien publiziert gegen die Blackfacing-SRF-Comedy (u.a. von Mike MĂŒller), Leitartikel im Tagesanzeiger (kann man HIER nachlesen). Auch wenn diese Jungs meinen, sie seinen auf der âwild sideâ, sie sind es nicht. Es ist schĂ€bigster BĂŒnzli-Humor. Aber eben. Ich stand im Ring, ich habe mich exponiert.Â
Sinnloses Schattenboxen mit Andreas  Thiel zum Thema Rassismus?Â
Wer wissen will, um was es geht, soll den Sketch Minute 3:30 zuerst gucken
SamuelÂ
Dieser Widerstand gegen diese rassistische BĂŒnzlitum ist Teil meiner âKĂŒnstlerbiographieâ. Ich sage in AnfĂŒhrungszeichen, weil mir solche Begriffe natĂŒrlich suspekt sind.  Als ich aber diesen Sketch sah auf SRF dachte ich mir: Sogar fĂŒr einen Fox-News CEO wĂ€re das ein Todesurteil. Bei uns lĂ€uft das zur bei SRF zur Prime-Time und niemand sagt wirklich was. Also:  Wer zofft sich schon mit Andreas Thiel auf Tele ZĂŒri ĂŒber Blackfacing? Ich. Wieso eigentlich ich? GĂ€be es nicht bessere, die sich da Ă€ussern könnten? Doch, aber die lĂ€sst man nicht an den Screen. NatĂŒrlich gibt es sehr viele wertvolle Arbeit im Hintergrund auf die wir - also Urweider und ich, die das SRF anzeigten- uns damals  stĂŒtzen konnten. Aber die Schweizer Theaterszene hielt sich da fein raus. Nur weil man Kolleginnnen nicht beleidigen will (wie evtl Isabel Menke mit ihrem auch fragwĂŒrdigen Blackfacing bei Sebastian Baumgarten), halten alle die Klappe zu diesen rassistischen Kulturtechniken. Urweider und ich habe natĂŒrlich Support bekommen, von Institut neue Schweiz, von Franziska Schutzbach, und natĂŒrlich von Leuten aus dem BĂŒhnen-Watch-Kontext (Link zu buehnenwatch) .  Aber von Theater-Leuten hier. Nein. âWir dĂŒrfen dasâ. âBlackfacing ist doch harmlosâ. Man scheint da gar zu denken:  âMit Blackfacing schafft man es zum Theatertreffen, deshalb kritisieren wir es lieber nichtâ. Nur: Wer mich also engagiert und mich hineinlockt eine Raum in dem ich inszenieren soll - und mich dann bei einer der ersten Proben mit solchen Witzen konfrontiert, der sollte sich nicht wundern, wenn das dann Ărger gibt. Ich bin kampflustig. Juristisch und auch sonst. Und ich wĂŒnsche mir, dass nicht nur ich - der wohl  zu Recht auch unter dem Verdacht der Rechthaberei steht und sich immer in diesem mĂ€nnlich konnotierten Ăffentlichkeitskampf bewegt - das Maus aufreisse, sondern dass auch andere sich gegen solche Herabsetzungen erheben. âPeople of colourâ, aber eben nicht nur âPeople of colourâ. Herabsetzungen erfahren in diesem Kontext ja auch andere.  NatĂŒrlich - weil sie als niederrangiger gelten - besonders die Frauen.  Da tut sich aber was und das ist gut. Es gibt ein neues Netzwerk der Frauen im Theaterbetrieb, Es gab ja dieses Treffen der Theaterfrauen in Bonn.  (LINK auf einen Artikel der SĂŒddeutschen Zeitung).Â
(Zitat aus dem Artikel der SĂŒddeutschen Zeitung)
"Das bleibt einfach schwierig", sagt die Schauspielerin Veronika Nickl. "Wenn ich anfange zu erzĂ€hlen, was mir wo passiert ist und mit wem, werde ich als hysterisch, zickig und systemschĂ€digend hingestellt." Die MachtfĂŒlle von Intendanten sei gewaltig. "Als Schauspieler bist du jederzeit auf der Abschussliste, da gibt es keinen ausreichenden Schutz. Ich kann es mir nicht erlauben, meinen Job fĂŒr eine Wahrheit zu riskieren."
Die Schauspielerin Jele BrĂŒckner kann ihr da nur beipflichten: "Die aktuellen Debatten haben das System noch nicht so verĂ€ndert, dass man offen reden kann, ohne seine Existenz zu gefĂ€hrden. Das dauert lĂ€nger. Wir sind noch nicht an dem Punkt."
Jele BrĂŒckner kenne ich gut. Eine tolle Schauspielerin. Und ich möchte ihr zurufen: Doch, nenne Namen, es ist Zeit! Das wĂ€re eben nun auch schon wieder paternalistisch. Sie nennen eben aus gutem Grund keine Namen.Â
Sie hat natĂŒrlich total Recht mit ihrer Vorsicht. Diese Typen und mĂ€chtigen Frauen sind wirklich unerbittlich. Ich kann das sagen nun beispielsweise auf die wirklich tollen Schauspielerinnen Meret Hottinger und Wanda Wylowa, die in meinem Team mitarbeiten.  Nur weil sie mit mir arbeiten - und ich mich auch ein/zwei mal kulturkritisch gegen die Stadttheater geĂ€ussert habe -  wurden sie in den letzten 15 Jahren nicht ein einziges Mal eingeladen an irgendeines dieser ZĂŒrcher Stadttheater.  An kein einziges Vorsprechen! Meine Kritik richtete sich ja nie gegen das Stadttheater an und fĂŒr sich, sondern nur gegen die veralteten Hierarchien. Das reicht fĂŒr die Ăchtung. Zudem haben wir mehrmals bewiesen, wie man Stadttheater macht, das wirklich Debatten auslöst.  Das mit Geldern der öffentlichen Hand finanzierte Stadttheater ist eine Errungenschaft der Zivilisation, aber nicht, wenn es stehenbleibt im 20.Jahrhundert. Meine Kritik an dem Stadttheatersystem fĂŒhrt zwar zu gewisser Relevanz - beispielsweise in Debatten auf âNachtkritikâ - vor Ort an den HĂ€usern aber ganz konkret zu Sippen-Ăchtung. Fakt ist: An den Stadttheater arbeiten leider also nicht die besten, sondern jene, die am besten hinknien können vor der Macht der Intendanz.  Â
Peter
Und wie sieht es mit der Mitschuld der Dramaturgie aus?
Samuel
Die ist gross. Beispielsweise diese Dramaturgin Gwendolyne Melchinger, die Stephan MĂŒller, aber auch diesen Alvis Hermanis betreut? Was geht der Frau durch den Kopf? Ist sie nun einer dieser Frauen, die lachen, wenn Stephan MĂŒller so Witze ĂŒber âUschisâ erzĂ€hlen? Was legimiert solche Personen eigentlich dann noch ĂŒber andere zu richten? Wieso kriegt so eine wie Melchinger eigentlich immer  wieder einen Job (die zieht tatsĂ€chlich weiter nach Stuttgart - was zeichnet diese Frau aus? Ist es ihr Mut? Ihre wahnwitzigen Ideen? Ihre GrĂŒndlichkeit? Davon habe ich wenig gespĂŒrt, ich muss es zugeben) Warum kann so eine Frau ĂŒber Körper von SchauspielerInnen richten? Wieso lĂ€sst diese Dramaturgin den Alvis Hermanis - ĂŒber den wir dann bei Teil 3 reden - nationalistische Parolen im Umfeld der Trump-Wahl ins Programmheft drucken? Die hĂ€lt einfach den Mund -  so meine Vermutung und bewundert und verachtet wohl diese MĂ€nner fĂŒr die arbeiten muss gleichermassen. Wieso fordert sie nicht eine andere Dramaturgie ein? Die ist doch sicher intelligent. Hoffe ich zumindest.  Ja: Ich wĂŒnschte mir in den Tat sowohl andere Regisseure, andere Dramaturginnen an diesen HĂ€usern. Und eine andere Struktur.  Eine Stuktur, in der Schauspielerinnen, die endlich mal das Maul aufreissen dĂŒrfen. Ich wĂŒnschte mir Leute mit scharfen Verstand, die auch schon nur aus Fragen des Geschmacks auf solche MĂŒller-Witze verzichten wĂŒrden, oder im Minimum von diesen Herren bessere Witze einfordern (die sie ja sicher auch drauf hĂ€tten).Â
Peter
Ist es nicht auch eine Generationenfrage?
Samuel
Vielleicht. Das meinte dein Namensvetter Peter vom aktuellen Neumarkt-Theater zuletzt auch auf âdeutschlandfunkâ. Da Ă€ndert sich was. Was frĂŒher möglich war, kommt nun unter verschĂ€rfte Kritik. Volker Hesse, bei dem ich 2000 und 2001 am Maxim Gorki arbeitete, sprach im Unterricht mit StudentInnen und an Castings oft auch von âF****nâ, um die Schauspielerinnen âeinzuwĂ€rmenâ - und als eine Schauspielerin -  , beklagte sich beim Maxim Gorki Vorsprechen ĂŒber diese âBehandlungâ, meinte Volker Hesse nur sĂŒffisant zu den kichernden Dramaturginnen: âEtwas bieder das MĂ€dchenâ. Es wĂŒrde mich beispielsweise interessieren, ob sich Beate Heine, heute Dramaturgin am Schauspiel Köln, auch an diesen Fall erinnert. Sie sass auch im Saal.  Beate Heine soll mir ruhig widersprechen, wenn sie diesen Fall nicht mehr erinnert oder ihn anders in Erinnerung hat. FĂŒr mich war das damals ein Schock und es scheint mir heute noch: Die âWhite Supremacyâ dieser Machtmenschen (meistens MĂ€nner, aber nicht nur) ist angewiesen auf weisse AufseherInnen und folgsame systemgekrĂ€nkte Schauspielerinnen beider Geschlechter. âWhite Supremacyâ sage ich nun natĂŒrlich auch nicht grundlos. Denn die Kultur der Verachtung zeigt sich natĂŒrlich auch in den nach wie vor identitĂ€ren Besetzungspolitik an den SchauspielhĂ€usern. Die SchauspielerInnen sind in den KĂ€figen ihrer IdentitĂ€t gefangen, als sexy SchauspielerInnen, als junge SchauspielerInnen, als alte SchauspielerInnen,  als weisshĂ€utige und dunkelhĂ€utige SchauspielerInnen - und das fĂŒhrt dann eben - weil diese identitĂ€re Besetzungspolitik immer noch Usus ist - auch zu fast rein âweissen Ensemblesâ. Das ist ganz einfach nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die SchauspielerInnen werden grundsĂ€tzlich verĂ€chtlich behandelt, obschon natĂŒrlich dunkelhĂ€utige, durch Ausschluss - oder kitschig konzipierte Inklusion bei denen sie ihre IdentitĂ€t als ExotInnen bestĂ€tigen mĂŒssen - besonders schlecht behandelt werden. Der Geist von âMax Frischâ (siehe Zitat oben) ist nach wie vor der Geist vieler dieser SchauspielhĂ€user. Maxim Gorki Theater und Kammerspiele MĂŒnchen sicher schon mal (teilweise) ausgeschlossen.Â
Peter
Interessant. Nur: wer nimmt denn diese Verachtung auf sich?
Samuel
Ja, das ist eine gute Frage. Die Schauspieler, die solchen Sexismus in der âgoldenen Epocheâ des Theater Neumarkts unter Hesse/MĂŒller ĂŒber sich ergehen liessen, duldeten (oder ihm heftig widersprachen?)  spielen heute fast alle am Schauspielhaus ZĂŒrich. Wieso hört man von denen  (beispielsweise) von Susanne Maria Wrage nichts, wenn man laut und öffentlich ĂŒber âAlvis Hermanisâ streitet? Wieso sagt Michael Neuenschwander (Link: MEIENBERG UND DIE NZZ) nie etwas zu solch brisanten Themen? Von mir sollen sie auch flammende Bekenntnisse zu Alvis Hermanis von sich geben. NUR SAGT MAL ENDLICH WAS! Nur:  Das scheint nicht dem Berufsbild dieser Schauspielerinnen zu entsprechen, dass man sich zu politischen Dingen Ă€ussert. Man ist ganz Marionette des Ingenieurs der Regie. Letzteres ist ĂŒbrigens ein Denkbild von Gordon Craig. Sehr spannendes Thema. DarĂŒber dann in Teil 3. Aber eben: Wieso immer diese SchauspielerInnen?
Peter
Ja, Wieso eigentlich grad die? Also nichts gegen die, die sind natĂŒrlich toll, aber trotzdem....
SamuelÂ
Ja, wieso spielen eigentlich nicht andere Schauspielerinnen da?  Ich wĂŒrde noch manch andere Schauspielerin kennen, die da theoretisch spielen könnten. Freche, coole, grossmaulige Schauspielerinnen.  Ist die Unterwerfung unter den dreckigen âPanâ immer noch Bedingung fĂŒr so eine Festanstellung? Vielleicht ja. Vielleicht auch nicht. Von Barbara Frey beispielsweise, die ganz sicher sehr viel mitbekommen hat von Matthias Hartmann Kultur der Verachtung, habe ich bis jetzt noch kein Statement gehört gegen diese Kultur der Verachtung. Bei der Laudatio zum Theaterpreis 2016 (an dem sie wie 400asa auch PreistrĂ€gerin war), hat sie zwar âihreâ Schauspielerinnen hochgehalten - aber: auf eine paternalistische Weise. Die BurgschauspielerInnen haben vor kurzem einen offenen Brief veröffentlicht, bei dem sie sich beklagten ĂŒber den Sexismus und Rassismus an der Burg unter Hartmanns Leitung. Ich hĂ€tte mir in den letzten Wochen durchaus ein Statement von Barbara Frey zu Matthias Hartmann vorstellen können - gerade auf diesen Brief (Link: offener Brief der EnsemblemitgliederInnen.) Schliesslich arbeitete Frey regelmĂ€ssig  an diesem Burgtheater des Grauens - und ganz sicher hat sie auch von ihren MitarbeiterInnen gehört, was fĂŒr eine Kultur am Schauspielhaus ZĂŒrich unter Hartmann vorherrschte.  Eines weiss ich. âšâšIch bin geschwĂ€cht von solchen Mechanismen. Vielleicht bin auch ich krank geworden von diesem Apparat. Es scheint mir aber eindeutig, dass diese Strukturen, an denen wir alle scheinbar so sĂŒchtig hĂ€ngen wie Junkies, anderes Theater, besseres Theater, klareres, hellsichtigeres Theater verhindern. Durch Donald Trump, die AfD Performanz und die damit verschobenen AnsprĂŒche an die âcrazy âPerformanzâ der Stadttheater verrĂŒckt sich grad einiges. Die Theater haben anderes zu tun als diese CRAZYNESS zu doppeln.  Deshalb rĂŒcke ich nun mit dieser konkreten #METOO Geschichte raus. Und ich stelle, wieder mal die Frage:  Wann streiken denn endlich die Pferde? Dieses unten verlinkte Hörspiel produzierten wir 2005 von 400asa, als die Schauspielhaus-Techniker streikten, weil Matthias Hartmann sie damals systematisch  zu schikanieren versuchte.  Am Schauspielhaus war - unter dem zum Teil immer noch gleich besetzten Verwaltungsrat - dieser Sexismus von Hartmann auch geduldet, ja, er war Kavaliersdelikt. Da hatte Hartmann damals  nicht mit den Technikern gerettet. Bei den stolzen und coolen ZĂŒrcher TechnikerInnen reichte es nicht - wie in Bochum - eine Kiste Bier zum Dank hinzustellen.   Die ZĂŒrcher TechnikerInnen haben dieses âPorschlochâ zurecht in den Senkel gestellt. Ich wĂŒnschte solche Courage  an den Stadttheatern? NENNT NAMEN! In der ganzen deutschsprachigen Theaterrepublik. . Â
Ganz am Ende des Hörspiels kommt die berechtigte Frage: Wann streiken die Pferde?
Peter
Letzte Frage: Bist du nicht wahnsinnig selbstgerecht? Warst du denn nicht selber auch ein Arschloch in solchen Stadttheater-ZusammenhÀngen?
SamuelÂ
Oh, doch. Ich erinnere mich, dass ich eine Ensemble- Schauspielerin sehr schlecht behandelt habe - und dabei von der Leitung gedeckt wurde.  Das war am Schauspielhaus Hamburg. Es hatte mit âSchlĂŒmpfenâ zu tun. Ich war ein kleiner tyrannischer Schwarzschlumpf.  Es war zwar nur ein kurzer Vorfall, ist mir aber heute noch peinlich.Â
Als Zombies noch ein NischenphĂ€nomen waren. ZOMBIES - Herbst der Untoten von Urweider/Schwarzam Schauspielhaus Hamburg 2002Â
Peter
Ruft denn du denn nun nicht zu einer âHexenjagdâ auf, wenn du den SchauspielerInnen sagst: Nennt Namen!
SamuelÂ
Nein, die MĂ€nner und Frauen, die da böses taten und âverĂ€chtlichâ handelten, Leute herabsetzten, machten dies in einem Umfeld - in dem sie fĂŒr diese verĂ€chtliche Handlungen belohnt wurden.  Diese TĂ€terinnen sind weder bösere noch bessere Menschen als die Opfer. Aber die systemimmanente Gewalt, diese starre Struktur, die verdirbt auf lange Sicht den Charakter - sowohl der TĂ€terInnen als auch der Opfer.  Deshalb ist die Systemdebatte zu fĂŒhren. Und die Strukturen sind zu reformieren. Es ist einfach eine LĂŒge, dass diese fixe Hierarchie âdem Theaterâ eingeschrieben sein soll. Wenn man so argumentiert hĂ€tte - in anderen gesellschaftlichen Bereichen - hĂ€tten wir heute alle noch keine Schulpflicht und keine obligatorische Krankenversicherung.  Klar wird es nach wie vor seelische Verletzungen geben an Theatern, denn wo gehobelt wird, fallen SpĂ€ne blabla. Das ist aber keine Rechtfertigung fĂŒr diesen systematischen Ăbergriff auf Körper und Seelen. Kurz: man muss sich zoffen dĂŒrfen, ohne dass einseitig die Entlassung droht. Das tĂ€te zudem auch der QualitĂ€t des Theaters auf der BĂŒhne gut. Wenn nun also ĂŒber gewisse Ăbergriffe, die fĂŒnf, zehn, fĂŒnfzehn Jahre zurĂŒckliegen, endlich mal gesprochen wĂŒrde - dafĂŒr braucht es wohl punktuell auch die Nennung von Namen - dann wĂŒrde das - nebst einigen nötigen ZerwĂŒrfnissen - in vielen FĂ€llen auch zu viel seelischer Entlastung fĂŒhren. Und auch die Möglichkeit von âEntschuldigungenâ wĂ€re dann gegeben. Zudem ist das System stark genug, fĂŒr dass die Helden von gestern nicht gleich entzaubert werden durch eine solche Diskussion. Hesse&MĂŒller bleiben nach wie vor die Helden des Neumarkt-Theaters, auch wenn ich hier etwas aus dem NĂ€hkĂ€stchen plaudere. Und diese Helden bleiben sie wohl auch zu Recht.Â
Peter
Harvey Weinstein ist aber kein Held mehr - ausser fĂŒr die âWeltwocheâ.
Samuel
Stimmt.  Seine Filme aber bleiben gross. Vielleicht hat der im Moment auch eine gute Zeit in seiner Kur. Der hat ja sicher auch gelitten unter seiner Macht-Sucht. Und wenn er jetzt trotzdem leiden wĂŒrde, dann wĂ€re auch das nur gerecht.  Â
(ĂŒber das spannende Thema Schauspielhaus2019)