Woke is not tot
In der letzten Zeit bin ich irritiert darüber, dass sich die Welt einig zu sein scheint, das Woke jetzt vorbei ist. Selbst im kulturellen Spektrum ist das jetzt so. Bei Die sogenannte Gegenwart, dem Kultur-Podcast der Zeit, wird Woke als Kasperletheater bezeichnet und spaßhaft gedroht, dass man gleich noch anfängt zu gendern.
So viel Ablehnung verwundert.
Die Grundlinien der Wokeness sind doch eigentlich so, dass sich alle darauf einigen müssten: in diese Welt läuft offensichtlich vieles falsch. Eine der Ursachen: Ein paar kulturelle Gruppen haben mehr zu sagen als andere. Der weiße, heterosexuelle Mann hat am meisten zu sagen. Damit ist nicht gemeint, dass jeder einzelne Mann über alles bestimmen kann oder dass er selbst keine Probleme hätte. Oder dass er händereibend herumschleicht und sich überlegt, wen er als nächstes unterdrücken kann.
Gemeint sich eben diese drei Faktoren: männlich, heterosexuell, weiß.
Männer regieren seit Jahrtausenden die Welt. Das ist keine Woke Annahme. Es ist eine Tatsache, die in jedem beliebigen Geschichtsbuch, über jeden Zeitabschnitt an jedem Ort der Welt nachzulesen ist. Gibt es ein Gegenbeispiele? Sind sie im kulturellen Gedächtnis? Sind Amazonen nicht sexy? Eben.
Die Fokussierung auf Heterosexualität ist nicht Tausende von Jahren alt. Sie ist eine Erfindung des Bürgertums, die es seinerseits vom Christentum übernommen hat. Der Fokus auf die Familie als Instanz ist deshalb wichtig, weil die Familie als Arbeitseinheit verstanden wurde. Jeder musste arbeiten, einer musste das Sagen haben. Später kam mit der Industrialisierung noch die Familie als Rückzugsmöglichkeit hinzu. Stichwort: Hausfrau.
Die Fokussierung auf die weiße Hautfarbe ist noch jünger. Sie ist während der Kolonialisierung wichtig geworden. Die Ausbeutung fremder Völker musste mit der christlichen Nächstenliebe zusammenpassen. Dass die unterschiedliche Hautfarbe eine unterschiedliche Qualität des Menschsein repräsentiert - in diesem Zusammenhang eine angenehme Annahme.
Das alles versucht Woke zu benennen. Es versucht es über den Weg der Symbolik, wie zum Beispiel dem Gendern. Das ist künstlich und irritierend. Soll es auch sein, denn es sollen ja verschiedene Geschlechter und Minderheiten auf einen Level gestellt werden. Ungewohnt. Man könnte argumentieren, dass es gerade deshalb so künstlich erscheint, weil wir bisher immer in der Sprache der weißen heterosexuellen Mannes sprechen. Malcom X hat mal gesagt, dass Schwarze zwar das Wort "Nigger" verachten, aber von "Negro" sprechen. Negro ist das Gleiche wie Nigger, nur auf spanisch, führte Malcom X aus, was ihr also sagt, ist, es ist ok, wenn ihr mich Nigger nennt, aber bitte auf spanisch.
Man muss die neue Sprache nicht nicht mögen. Man kann auch die Art unsympathisch finden, mit denen einige Menschen Wokeness nutzen, um ihr Umfeld zu belehren. Aber man sollte es nicht als Kindertheater abtun. Es ist Teil einer Auseinandersetzung, die sich über Symbole abspielt. So ist das immer. Deshalb haben wir den Fakellauf zu Olympia. Den haben die Nazis eingeführt, um dem Sportfest eine archaische, tiefe Note zu verleihen. Hat funktioniert. Es ist irgendwie immer ergreifend, wenn die Flamme brennt. Und doch ist sie zu nichts nütze, als eben eine Tiefe zu symbolisieren. Das Gendern ist zu nichts anderem nütze als Vielfältigkeit zu symbolisieren. Die Tiefe von Olympia ist ein nettes Beiwerk: wir, verbunden mit der Antike. Die Vielfältig ist Realität.














