Buchpräsentation am 12.3. 21 Uhr im Bellaria Kino
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@erwinsfreifahrt
Buchpräsentation am 12.3. 21 Uhr im Bellaria Kino
Buchpräsentation im Essl Museum vor einem Gemälde von Martin Schnur. Photo: Christoph Gauster
Ein Bericht zur Buchpräsentation im Essl Museum mit anschließendem Gespräch mit Martin Schnur.
Buchtrailer
Schanze
Einen blondhaarigen Mann mit kantigem Gesicht fragte er nach dem Weg zur Sprungschanze. Der Mann lachte und zeigte nach Süden. Hinter einem Bürokomplex sah Erwin die Schanze. Wie ein exotischer Drachen thronte sie über der Stadt. Mit der Straßenbahn 3 drei Stationen, danach müsse er umsteigen und die 1 nehmen, erklärte ihm der Mann. Ein riesiges Adlergesicht klebte auf der gegenüberliegenden Bushaltestelle. Erwin stieg in die Straßenbahn. Fassaden alter Häuser zogen vorbei. Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch die Fensterscheiben. Die Berge schienen bei Tageslicht noch näher und bedrohlicher. Der Waggon war beinahe menschenleer. Nur in der letzten Bank saßen, vor sich hindösend, zwei Burschen. Erwin wechselte die Straßenbahn. An der Endstation fragte er eine Frau in blauem Jogginganzug, die ihre beiden Hunde spazieren führte, wie er zur Schanze weitergehen müsse.
„Einfach geradeaus, dann den Waldweg entlang. Ist nicht zu verfehlen.“
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah er einen Friedhof, weiter hinten eine Autobahnbrücke. Erwin stieg einen schmalen Weg hoch, vorbei an Fichtenbäumen, bis er zu einem Gebäude kam. Kaiser-Jägermuseum, las er auf der Fassade. Erwin mochte keine Jäger, die Jagdprüfung hatte er nie gemacht. Nur auf den Hochsitzen saß er gerne, oft stundenlang. Erwin blickte ins Tal, die Berge waren nun nicht mehr so nah. Zwischen den Bäumen schimmerte die Schanze hervor. Erwin ging weiter. Vor einem verlassenen Kassahäuschen blieb er stehen. Neun Euro Eintritt für Erwachsene. Arbeitslose und Präsenzdiener acht Euro, las er. Acht Euro erschienen Erwin für eine Schanzenbesichtigung zu viel. Außerdem würde die Kassa erst um neun öffnen. Der Eingang war mit hohen Gitterstäben und einem Drehkreuz versperrt. Erwin schaute durch die Stäbe hinauf zur Schanze. Sie kam ihm noch größer vor als im Fernsehen. Erwin schlich einen Drahtzaun entlang. Hinter Sträuchern fand er ein kleines Loch; er zwängte sich durch und erklomm den Auslaufhügel. Die Schanze stand nun entblößt in ihrer ganzen Pracht vor ihm. Der Turm ragte hoch in den Himmel. Erwin blickte auf die darunterliegende Stadt, auf den Friedhof. Sein Blick schweifte zur Autobahnbrücke, die Autos darauf glichen kleinen Zündholzschachteln. Franz Klammer Olympiasieger 1976, stand auf einer steinernen Tafel, die ihn ein wenig an die Gedenktafel von Kriegsgefallenen in der Kirche seines Dorfes erinnerte.
Erwin ging an den verrosteten olympischen Ringen vorbei. Auf der Seite, neben dem Aufsprunghügel, stieg er die Treppen hinauf. Erwin stellte sich vor, wie er über den Schanzentisch fuhr und hinuntersegelte, fanatische Zuseher kreischten seinen Namen. Im letzten Abschnitt erfasste ihn ein Aufwind und er stellte einen neuen Schanzenrekord auf. Mit einem perfekten Telemark landete er, seine Hände riss er zu einer Siegerpose hoch.
Am Schanzentisch bemerkte er eine Treppe, die neben der Spur im Schanzenanlauf hinauf auf den Turm führte. Er legte seine Tasche um die Schultern und kletterte über die Absperrung. Die Häuser unten in der Stadt wurden immer kleiner. Mit jedem Schritt kam er den Wolken näher. Als er sich über den Schanzenrand beugte und hinunter auf den Beton sah, wurde ihm schwindlig. Er setzte sich auf die Stufen und blickte direkt auf den Friedhof. Die Treppen führten steil nach unten. Er bräuchte nur auszurutschen und er würde über den Schanzentisch hinauskatapultiert werden. Nie würde er die Treppen wieder hinunter kommen. Abwärts war es immer viel schwieriger, das wusste er vom Almgehen. Ein schwarzer Vogel kreiste um die Schanze. Als Kind wollte er immer fliegen können. Einmal war er mit dem Regenschirm von der Leiter gesprungen, die hinauf zum Heustall führte. Dabei hatte er sich den Knöchel verstaucht. Vor sich sah er das Restaurant im Schanzenturm. Neben der Autobahn zog sich ein Fluss durch die Landschaft, dahinter die Berge. Erwin raffte sich auf und stieg die restlichen Stufen hinauf, bis zu einer Ebene von der die Skispringer abfuhren. Erwin blickte wieder auf den Friedhof. Am Eingang, neben dem Kassahäuschen, sah er die ersten Leute durch das Drehkreuz kommen. Was er hier zu suchen habe, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich. Als er sich umdrehte, stand ein grauhaariger Mann in blauer Uniform vor ihm. Er habe hoffentlich keine seelischen Probleme. Erst letzten Monat habe sich ein junges Pärchen vom Schanzenturm gestürzt, fuhr der Wachmann fort, an dessen Jacke ein Knopf fehlte. Er näherte sich Erwin und drückte ihn mit seinem massigen Körper gegen die Betonwand.
„Da unten sind sie gelegen.“
Erwin roch sein Rasierwasser. Die Fichtenbäume unten erschienen ihm plötzlich ganz nah. Wieder wurde ihm schwindlig. Der Mann machte einen Schritt weg. Misstrauisch betrachtete er Erwin. Wie komme er übrigens um diese Zeit auf den Turm, wollte er von Erwin wissen. Habe er überhaupt eine Eintrittskarte. Erwin schwieg. Das spitze Gesicht des Mannes erinnerte Erwin ein wenig an das Adlergesicht an der Bushaltestelle. Der Wachmann öffnete die Tür hinter sich und schob Erwin in den Schanzenturm. Normalerweise müsse er die Polizei verständigen.
„Ich wollte bloß mal die Schanze sehen“, erklärte Erwin, während sie in den Lift stiegen.
Der Wachmann musterte ihn wieder. Möglicherweise wäre ein guter Schispringer aus ihm geworden. „Der richtige Körper.“
B
Westbahnhof
Erwin nahm auf einer Bank Platz, zwei Männer setzten sich neben ihn. Der etwas Größere von beiden trug einen schäbigen blauen Anzug. Zudem löste sich bei seinen braunen Schuhen die Sohle. Sein Kollege war stämmiger und hatte einen dichten braunen Bart. Sein blau kariertes Hemd war brustweit geöffnet, in seinen Händen hielt er einen gelben Plastiksack. Eine Weile saßen sie still neben Erwin. Der Größere wollte von Erwin wissen, ob er auch hier wohne. Erwin merkte anfangs gar nicht, dass er mit ihm sprach. Erst als der Fremde die Frage wiederholte und auch der andere Mann ihn anschaute, verstand er ihn. Erwin schüttelte den Kopf.Der Mann blickte Erwin ernst an und meinte, er solle aufpassen, vor allem nachts gebe es hier Diebe. Was er in Wien mache, fragte der Fremde. Erwin erwiderte, er warte auf seine Verlobte, die bald kommen werde. „Tatsächlich?“, wandte sich nun der kleinere, bärtige Mann Erwin zu. „Die Verlobte ist Wienerin?“, fragte er weiter. „Polin.“ „Ein schönes Land. Ich hab` Verwandte dort. Ich bin übrigens Christian“, meinte er und reichte Erwin die Hand.„Sprichst du Polnisch?“ Erwin schüttelte den Kopf. „Ich kann dir Polnisch beibringen.“Erwin blickte zu seiner am Boden liegenden Tasche und schob sie zwischen die Füße. „Dzieki heißt Danke.“ „Mein Freund ist ein guter Lehrer“, mischte sich der andere ein. Erwin roch den Wein in seinem Atem. Zahlen könne er nichts, erwiderte Erwin und presste seine Füße gegen die Tasche. Das Gespräch verstummte. Am Bahnsteig hielt ein Zug.Eine Menschenmenge schwappte in die Halle. Christian stand auf und ging zu einem Kiosk. Erwin schaute ihm hinterher. Plötzlich fragte ihn der Mann im schäbigen Anzug, ob er ihnen nicht helfen könne. Sein Kollege sei sehr krank, habe irgendwas im Kopf. Man wisse zwar nicht genau was, doch sei davon auszugehen, dass es sich um einen Tumor handle, erzählte er mit besorgtem Gesichtsausdruck. Bestimmt habe er nicht mehr lange zu leben.Erwin blickte zum Kiosk, wo der bärtige Mann etwas kaufte. Wenn er auch nicht krank aussah, konnte man es doch nicht gänzlich ausschließen, dachte Erwin. Wie er denn helfen könne, fragte Erwin, obwohl er sich vorgenommen hatte, kein Geld zu geben. Sie müssten dringend in ein Krankenhaus, erklärte der Mann. Aber sie seien nicht krankenversichert. Die einzige Möglichkeit wäre, sich besinnungslos zu besaufen, dann würde sie die Rettung ins Krankenhaus bringen. Dort könne man seinen Kollegen genau untersuchen und seinen Tumor bestimmt feststellen. Erwin schaute ihn verblüfft an. Drei Wodkaflaschen würden seiner Meinung nach genügen, setzte der Mann fort. Er selbst komme mit einer aus, da er keinen Alkohol vertrage. Sein Kollege hingegen bräuchte zwei Flaschen, da er trinkfester sei. Erwin fragte ihn, warum auch er ins Krankenhaus müsse. Er könne seinen Kollegen unmöglich alleine seinem Schicksal überlassen. Und im Übrigen gebe es bei den Ärzten solche und solche, erklärte er ihm. Ob er ihnen nicht mit einer Flasche Wodka aushelfen könne. Es sei ja für einen guten Zweck.
Christian setzte sich wieder zu ihnen. Erwin schaute ihn nun genau an. Ein kleiner Teil seines rechten Vorderzahnes fehlte. Seine Augen waren blutunterlaufen. Vielleicht stimmte es ja wirklich. Erwin dachte an seine durch eine glückliche Fügung wiedergefundene Tasche. Selbst wenn ihn der Mann anlügen sollte, wäre es kein großer Verlust. Erwin kramte in seiner Jacke und gab ihm zehn Euro. Der Mann steckte den Geldschein in sein blaues Sakko und schüttelte ihm kräftig die Hand.Erwin stand auf und fuhr mit der Rolltreppe einen Stock tiefer.
Erwin ist ein seltsamer Kerl. Er lebt alleine am Rande einer Kleinstadt. Sein Leben plätschert dahin. Bis der Vater ihm eines Tages eine Jahreskarte der Österreichischen Bundesbahnen schenkt. Erwin beginnt ziellos durch die Gegend zu fahren. Sein Herumtreiben gerät ihm immer mehr zum Abenteuer, das so manche skurrile Wendung nimmt: So verliebt er sich nach einer kurzen Begegnung in die junge Polin Agnieszka ... und macht sich auf die Suche nach ihr.
In seiner neuen Erzählung erweist sich Josef Kleindienst als Meister der Atmosphäre und Charakterzeichnung. In knappen Sätzen beschreibt der Autor das Schicksal eines Getriebenen ohne Antriebskraft.
http://www.josefkleindienst.com/
http://www.sonderzahl.at/
Directed by: Maria Bruckmoser