Zur Abwechslung mal was Positives: Review zu “Pornografie und Selbstmord” von Nicolas Mahler (Österreicher sind ja auch ein bisschen deutsch).
Von Denis Klook (www.comic-empfehlomat.blogspot.com)
Verlag: Reprodukt
Autor/Zeichner: Nicolas Mahler
Erscheinungsjahr: 2010
«NIKI! Das Wichtigste ist die Familie!
Die anderen Leut‘ sind nur zur Unterhaltung da.»
Mahlers Geschichten in diesem Buch sind wie so oft autobiografisch, was einen Spannungsbogen überflüssig macht. Wieviel von seinen kurzen Geschichten wirklich auf Beobachtung basiert, und was seiner Fantasie entstammt, bleibt ungewiss. Meist geht es um seinen Alltag als Zeichner, den Besuch von Museen und Festivals und vor allem die Schrulligkeit seiner Mitmenschen.
Mahler ist – wie Sherlock Holmes – ein Meister der Deduktion! Immer wieder stößt man auf Situationen und Szenen, die man zwar aus dem Alltag kennt, aber verblüfft feststellt, daß andere Menschen das auch so wahrnehmen. Zumindest geht mir das so. Zum Beispiel folgender Satz: “Eine der schwierigsten Übungen im menschlichen Sozialverhalten ist wohl, ein Gespräch vorzutäuschen, während man eigentlich versucht, die viel interessanteren Dialogfetzen vom Nebentisch zu erlauschen.”
Mahlers Geschichten fühlen sich oft etwas schwerelos an. Man steht daneben, wie der Protagonist selber daneben steht und passiv dem Geschehen um ihn herum seinen Lauf lässt. Dann kommt aus dem Hinterhalt sein Kommentar dazu und schlägt ein wie eine Bombe. Treffend, skurril und trocken.
Die Effizienz seiner Pointen ist faszinierend. Es bringt mich dazu, laut zu lachen und ich denke öfters in meinem Alltag an Passagen seiner Werke und muss wieder schmunzeln.
Meine Meinung zu den Zeichnungen:
Die minimalistischen Figuren kommen allesamt ohne Augen und Mimik aus. Mahler kompensiert das aber gekonnt durch kleine Kunstgriffe wie Schweißperlen, konfuse Kreise oder Wirbel über dem Kopf, die auf den momentanen Geisteszustand der Figur hinweisen. Oder einfach durch peinliche Stille. Kaum einer kann eine Situation so gekonnt in einem Raum wabern lassen, wie Mahler. Die Figur Mahlers selbst ist hager und hochgewachsen mit einer grossen, gurkenhaften Nase, wobei seine Mitmenschen fast ausschließlich mopsig untersetzt daherkommen, was die Drolligkeit der Geschichten und die Banalität der Situationen unterstreicht. Da alles in schwarz gehalten ist, kriegt der Comic einen melancholischen, fast poetischen Touch, der einfach stimmig ist.
Ich müsste mir etwas aus den Fingern saugen, dann lasse ich es lieber bleiben. Das Buch ist geil!
Während ich den Comic lese und dazu diese Rezension schreibe, fragt mich mein Kollege gegenüber, worüber ich so lachen muss und ich drücke ihm das Buch in die Hand. Ich sehe ihn zwei Minuten später mit vor Lachen tränenden Augen und muss erneut sagen: Das Buch ist geil!