Frühmorgens. Es ist noch nicht 5:00 Uhr, aber die Vögel um die Brunnenstube zwitschern schon. Meine Knochen tun weh, und ich taste nach meinem Hals, aber der ist unversehrt und die Ader pocht gleichmäßig, wie in den letzten 23 Jahren. Kalter Schweiß bedeckt meine Haut und sie fühlt sich schmierig an, aber ich habe immer noch Ansprüche auf Eleganz, denn ich krame meinen Kamm heraus und bringe meine verlegenen kurzen blonden Haare mit wenigen Handbewegungen in Form. Das Herausputzen lohnt sich nicht, denn es ist niemand da, aber mir wird von dem Kämen doch ganz warm. Ich stehe auf, streiche die Jacke und die Hose glatt, hole meine Sportschuhe aus dem Zipbeutel und ziehe sie mir an. Dann falte ich sorgfältig meine Schlafsachen, rolle den Schlafsack zusammen und schnippe eine vorwitzige Spinne fort, die sich in meinem Schlafsack ihr Nest bauen wollte.
Die Brunnenstube gluckert fröhlich. Die Sandsteinwände glänzen vom Regen, der gestern über mich gekommen ist. Da erinnere ich mich an die letzte Nacht. Es begann mit einem leichten, fast zarten Grollen. In der Ferne schlug der Hammer auf den Amboss das Donnern kam näher. Zwischen den tanzenden Eichenwipfeln zischten Blitze, die die dahinjagenden Wolken auseinanderbrachen wie Schokoladentafeln, die auf Kacheln zerbrechen.
Ich bin wach geworden gegen Mitternacht, war wieder eingeschlafen und gegen 2:00 Uhr müsste es sein, als mich das anrollende Gewitter wieder weckte. Ich hatte tatsächlich etwas Angst bekommen in dieser Nacht. Was wenn ein Blitz einschlagen würde, der Baum auf mich fallen würde? Ich presste mich gegen das Gitter und blickte nach oben. Zwischen den Schlägen des Donners hörte ich ein Raunen. Ich schloss die Augen, atmete durch und konzentrierte mich darauf.
„Der Herr, der die Aufgaben verteilt, wählt nicht frei, sondern ist gebunden an die Gaben.“ Die Stimme, die ich hörte, war die eines alten Mannes und ich wunderte mich, denn sie kam mir bekannt vor.
„Bist du der Brunnengeist?“, fragte ich. Zum Zeitpunkt kam mir nicht der Gedanke, dass ich vielleicht träumen würde, was ja typisch dafür war, dass ich träumte. Es handelte sich tatsächlich um einen sonderbaren Traum, aber in dem Moment war das mir unwichtig. Um mich herum wurde es graublau. Die Bäume verwandelten sich in Klippen. Ich fühlte um mich Wasser, doch ich konnte atmen. Ich tastete an meinen Hals und spürte mehrere Schlitze. Ich hatte Kiemen und schwamm unter Wasser.
Aus dem Dunkel des Wassers schob sich etwas Längliches an mich heran. Es hatte einen menschenähnlichen Rumpf, doch es hatte vier Arme, die in Scheren, wie von einem Krebs, endeten. Um die zwei gewaltigen Beine schlängelte sich ein schuppiger Schwanz, dessen Spitze hinter dem Brustkorb verschwand. Der Kopf war trichterförmig und hatte ein gewaltiges Geweih, doch das Geweih war nicht aus Knochen, sondern aus Rückenpanzern von Krabben, jedoch nicht hell, sondern tiefschwarz mit grauen Linien umgeben. Gänsehaut bildete sich über meinen ganzen Körper aus. Bei dieser Albtraumfigur hätte ich spätestens merken müssen, dass ich träumte, aber ich war gefangen von diesem Anblick. Das Wesen bewegte seine Arme und kam schwimmend auf mich zu.
„Folge mir und du bekommst, wonach du dich sehnst“, sagte das Wesen. „Ich bin das Kind des Wassers.“
Ich spürte, dass dies eines dieser Momente war, bei dem man die Möglichkeit hatte, etwas außergewöhnliches zu tun, auch wenn es gefährlich war. Es war eine Situation, die man als Teufelspakt kannte.