Wider den Klischees - Afrikanischer Underground
Popmusik ist eigentlich immer postkolonial. Weil sie stets mit Weltkarten verbunden ist - und für bestimmte kulturelle Eigenheiten steht. Aber kann Musik nicht auch hybrid und heimatlos sein? Ist nicht gerade Clubmusik in der Lage, sich von den Lasten kultureller Klischees zu befreien? Und das Fremde zu betonen, indem sie das Universelle hervorhebt und Differenzen zulässt, ohne sie aufzulösen?
Das Festival In/Audible Sounds auf Kampnagel in Hamburg (12.-18.8) umkreist dieses Spannungsfeld: Zwischen lokal und global, zwischen essentiell und hybrid, zwischen westlich und nicht-westlich. Afrika ist mit seinen vielen neuen Clubmusikstilen einerseits Avantgarde, andererseits florieren neue alte Subkulturen wie Death Metal. Das zeigen nicht nur neue Stile wie Gqom aus Durban, sondern auch KünstlerInnen wie der Rapper Okmalumkoolkat aus Südafrika, Portable aka Bodycode oder die Death Metal-Band Overthrust aus Botswana, die zuletzt ihr Europa-Debüt auf dem Wacken Festival gaben. Ihre Musik steht für ein junges, selbstbewusstes, rebellisches, hippes Afrika. Jenseits der romantischen Bilder „authentischer“ Weltmusik, jenseits einer „authentischen“ Folklore, die bis heute den Diskurs vergiften und den langen Weg zu einer polyzentrischen Welt versperren.
An drei Abenden werden die Musiker und Bands jeweils im Verbund mit deutschen Stilvertretern (Kyoka, Robot Koch und Ultha) auf Kampnagel spielen, um ihre Version von zeitgenössischer Clubmusik und Metal vorzustellen. Während Portable druckvollen Chicago House mit Minimal Wave und seinem, an Soul geschulten Gesang verschaltet, ist Okmalumkoolkat sowas wie der post-zeitgenössische 2 Pac Afrikas. Seine synkopierten Reime sind, mal in Zulu, mal in Afrikaans, mal in Englisch gerappt, stets eingebunden in den Sound der angesagten Clubmusikstile, vom südafrikanischen Mgqashiyo bis hin zu den diversen zeitgenössischen Spielarten britischer Bassmusik zwischen UK Garage, Grime und Dubstep. Overthrust hingegen, sind mit ihren ultrakurzen Songs zwischen stil-ikonischen Blast-Beats und Horrorfilm-artigen Lyrics von Bands wie Cannibal Corpse beeinflusst.
Ihre Musik mag lokalkulturelle Elemente enthalten. Doch im Gegensatz zur Weltmusik, die das vermeintlich Lokale in einer euro-amerikanischen Ästhetik erstickt, stehen sie für eine selbstbewusste Musiker-Generation, aber auch für einen transnationalen Sound, der physische und kulturelle Grenzen einreißt.
Während Overthrust die lange Tradition des Metal ohne jegliche Exotisierung fortsetzen, knüpfen Okmalumkoolkat und Portable an die Urszene der elektronischen Clubmusik an: Die Vereinigung auf dem Dancefloor, sei es in Berlin oder Kapstadt, mit der wohl schönsten, weil spürbarsten Universalie von Musik, dem Bass. Denn Bass verstehen alle. Seine Wellen reisen bekanntlich am weitesten.