Kapitel neun
Obwohl Tammos Entschluss, gegen die Bücherwürmer in den Kampf zu ziehen, felsenfest stand, hatte er Angst, wie ein Sechsjähriger vor einem Horrorfilm. Was würde geschehen? Würden sie einen Weg finden, die Bücherwürmer auszuschalten? Würde Tammo es schaffen, aus der Sache lebend herauszukommen? Er konnte kaum glauben, dass er sich dazu entschlossen hatte, ein Held zu werden. Die Tatsache, dass er dabei tatsächlich sterben könnte, sickerte kaum zu ihm durch, er realisierte es nur vage, wollte nicht zulassen, dass dieser Gedanke Besitz von ihm ergriff und Angst in ihm verbreitete. Ich kann jederzeit gehen, dachte er. Das stimmte. Er könnte abhauen, wann er wollte, nur würde er Rikigaku und Jittah dann ihrem grausigen Schicksal überlassen. Die beiden Mechaniker hatten ihm gestern eröffnet, dass in ihrem Buch tatsächlich zur Zeit ein Bücherwurm sein Unwesen trieb und Stück für Stück ihre Geschichte anknabberte, weshalb sie besonders dankbar waren, dass Tammo ihnen zur Seite stehen wollte. Heute Abend hatten sie sich dazu verabredet, den Wurm zu beobachten und Informationen über sein Verhalten zu sammeln, um sich wenigstens ein wenig auf den Kampf vorzubereiten. Es war das erste Mal, dass im Buch seiner beiden Freunde ein Wurm Unheil anrichtete, deshalb war die ganze Welt in Aufruhr, lebte in Angst und Schrecken und konnte einfach nichts dagegen tun. Der Umstand, dass Tammo ihnen wirklich helfen konnte, gab ihm Mut. Er würde es mit Sicherheit schaffen. Es gab so viele Charaktere, die ihm helfen würden und mit Rikigaku und Jittah an seiner Seite konnte einfach nichts schief gehen.
Tammo hatte an diesem Tag Nachmittagsschicht. Das war schlecht, denn das hieß, dass er bis zum Abend arbeiten musste und sich nicht wie die Tage davor in seiner Freizeit hochschleichen konnte. Noch dazu war die Bibliothek heute sehr gut besucht. Doch er würde das Risiko dennoch eingehen und sich mit seinen Freunden treffen. Es war wichtig, so schnell wie möglich zu handeln, bevor der Bücherwurm noch mehr Schaden anrichtete.
Eine halbe Stunde vor Feierabend passte Tammo einen sehr ruhigen Moment im zweiten Stock ab und sprintete so leise er konnte die Treppe hinauf. Gut, der Schlüssel steckte immer noch, hier schien seit Tagen keiner außer ihm gewesen zu sein. Das war ein Umstand, der ihn hätte beunruhigen sollen, doch Tammo war in Eile und zu aufgeregt, um länger darüber nachzudenken. Er war einfach dankbar, dass er noch immer ohne Probleme in den dritten Stock kam. Wenige Momente später stand er mit dem Buch in der Hand zwischen den Regalen und las. Die Umgebung um ihn herum verschwamm, und der zusammengewürfelte Raum in Rikigakus und Jittahs Behausung erschien um ihn herum. Als er auftauchte, waren die Jungs gerade dabei Taschen mit Proviant zu füllen und auf einer Karte, die an einigen Stellen mit Kreuzen übersäht war, eine Route auszumachen.
Jittah bemerkte ihn zuerst. Er sah von der Karte auf und winkte ihn zu sich heran. „Da bist du ja endlich! Komm mal her, ich zeig dir, wo genau wir hinfliegen!“ Fliegen? Davon war bei ihrer Verabredung nicht die Rede gewesen. Sie hatten doch nicht etwa vor, zu ihrem kleinen Rendevouz mit dem Bücherwurm zu fliegen? Tammo wurde etwas mulmig in der Bauchgegend. Er hatte Höhenangst. Als er nah genug an der Landkarte war, zeigte Jittah auf die Kreuze. „Wir haben brav unsere Hausaufgaben gemacht und durch ein paar Augenzeugenberichte herausgefunden, wo der Wurm überall gesichtet wurde.“ In einem Gebiet mit einigen Seen und viel Wald waren die meisten Kreuze gesetzt worden. „Hier hält das Mistvieh sich wohl auf und frisst den Wald auf. Ich bin froh, dass dort kaum Menschen wohnen, aber ein paar Förster und Jäger sind da unterwegs und wir haben keine Ahnung, ob da nicht ein paar gefressen wurden. An sie erinnern wird sich niemand.“ Und da war sie wieder. Diese Wut auf die Würmer. Sie fraßen die Bevölkerung, die Landschaft, tranken die Seen leer, sie nahmen einfach alles. Er ballte die Fäuste. „Und dorthin werden wir fliegen.“ Jittah bemerkte Tammos Nervösität und lachte wieder sein bellendes Lachen. „Rikigaku und ich sind ausgezeichnete Piloten, mach dir keine Sorgen!“ Die beiden warfen sich belustigte Blicke zu, die Tammo ganz und gar nicht gefielen. Mittlerweile kannte er seine neuen Freunde gut genug, um zu wissen, wie leichtsinnig und abenteuerlustig sie waren. Der Flug würde alles andere als eine Spazierfahrt werden, oder wohl eher, alles andere als ein Spazierflug. „So, alles gepackt! Notizkram, Fernrohre, Waffen für den Notfall, was zu Mampfen, alles dabei!“ Rikigaku reichte Tammo und Jittah je einen Rucksack und schulterte selbst einen, dann kletterte er die Leiter zu seinem Dachboden hinauf. Tammo und Jittah folgten ihm. Als sie hochgeklettert waren, hatte Rikigaku die Tür in der Wand geöffnet und Tammo sah nun, was sich dahinter verbarg. Eine atemberaubende Aussicht ließ ihm den Atem stocken. Nirgendwo in der Wohnung waren Fenster gewesen, er hatte nicht gesehen, wo sie sich überhaupt befanden.
Unter ihnen bis zum Horizont breitete sich eine gewaltige Stadt aus. Zahlreiche hohe, schmale Türme stachen in den Himmel und aus Unmengen von Schornsteinen paffte unablässig Rauch. Rohre rankten sich um die Gebäude, wie Schlingpflanzen um Bäume, die meisten Türme waren metallen. Doch nicht nur die Aussicht ließ Tammo den Atem stocken. Abgase aus den Schornsteinen brannten in seinen Lungen, über der ganzen Stadt lag ein Schleier aus Smog, der von der Nachmittagssonne durchleuchtet wurde und ein diffuses Licht erzeugte. Die Gebäude wirkten heruntergekommen, alt und dreckig, das bräunlich, bronzefarbene Metall wurde von einer feinen Schicht Ruß überzogen. Durch die Lüfte flogen riesige Zeppeline, kleine Flugzeuge und Gefährte, bei denen Tammo sich wunderte, wie sie sich überhaupt in der Luft halten konnten. Von Turm zu Turm, von den obersten Spitzen bis hinunter in die dreckigen Straßen transportierten sie Passagiere und Handelswaren. Sie mussten sich selbst in einem Turm befinden, denn Tammo sah dies alles von einem sehr hohen Standpunkt aus. Vor der Tür befand sich eine Art großer Balkon oder Steg, auf dem ein kleines Flugzeug parkte. Ausgelegt auf eine Zweimann-Besatzung, Propeller an Nase und Tragflächen erinnerte es an ein altes Militärflugzeug aus vergangenen Kriegen. Das Metall der Verkleidung war mehrmals geflickt worden und in abgeblätterten Lettern, stand der Name des Flugzeugs Oma Augusta am Rumpf. Vorsichtig versuchte Tammo zu atmen. Rikigaku und Jittah waren bereits zum Flugzeug vorgegangen, um es startklar zu machen. Im selben Moment, als er sich fragte, wie es starten sollte, fiel ihm am Ende des Stegs auf, dass dort kein Geländer angebracht war, sondern eine steile Rampe am Gebäude hinunter führte. Oh nein. Das konnte nicht wahr sein. Nein, nein. Sie konnten unmöglich so starten. Es war gefährlich und lebensmüde. Doch am gegenüberliegenden Gebäude sah er zeitgleich, wie von genauso einer Rampe ein Flugzeug in rasender Geschwindigkeit hinunterfuhr und am Ende durch die aufwärts gerichtete Biegung der Rampe in die Lüfte geschleudert wurde. Tammo wurde mehr als nervös. „Jetzt komm schon, wir haben nicht ewig Zeit!“, rief Rikigaku vom Flugzeug aus. „Los, steig ein…“ Er brach ab und starrte auf einen Punkt hinter Tammo. Was hatte ihn unterbrochen? „Wer is’n das?“, meldete Jittah sich zu Wort, der ebenfalls auf etwas hinter Tammo starrte. Der Junge war schon nervös, doch das Verhalten seiner Freunde machte ihm erst recht Angst. Was war da? Langsam drehte er sich um. Hinter ihm stand ein großer, schlanker Mann in einen altmodischen Anzug gekleidet mit grau-braun meliertem Haar und sah ihn aus dunklen, kalten Augen an.
„Guten Abend, lieber Tammo. Ich erwische Sie gerade, wie Sie während ihrer Schicht anderweitig mit nicht arbeitsplatzbezogenen Aktivitäten beschäftigt sind. Das wird negativ in Ihrem Arbeitszeugnis auffallen, sollte so etwas erneut passieren.“
Eine aalglatte, tiefe Stimme, gewohnter Autoritätstonfall. Tammo musste nicht nachfragen, um zu wissen, wer vor ihm stand. Es war sein Vorgesetzter, sein Chef, den er nie zuvor gesehen hatte, Herr Doktor Angbard.
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Ouh, wenn das nicht mal nach Ärger riecht? Oder wie würde euer Chef reagieren, wenn er euch während der Arbeitszeit beim nicht-Artbeiten erwischen würde? Es bleibt spannend! Nächste Woche Montag kommt das nächste Update :)






