Warum werden unsere Gespräche immer oberflächlicher? Ein Erklärungsversuch...
Endlich habe ich mal wieder etwas mehr Zeit über Dinge nachzudenken, die mich beschäftigen. Nein, ich bin kein typischer Tourist, der jetzt von Attraktion zu Attraktion rennt, um danach sagen zu können, was er alles gesehen hat. Gegenstände sind nicht mein Hauptfokus. Begegnungen mit Menschen in den Orten sind das, was ich anstrebe. In den Tag hineinleben zu können, empfinde ich als ein großes Geschenk.
Um nun meine Frage klären bzw. aus meiner Perspektive beleuchten zu können, finde ich es als Erstes wichtig zu erläutern, wie wir im Groben so ticken und warum. Das mache ich gerne und oft, da ich es für essenziell halte.
Unser Gehirn ist dazu ausgelegt “faul” zu sein. Aus diesem Grund bildet es sich für alle unsere Abläufe Routinen, damit diese unterbewusst durch das Großhirn ablaufen können, ohne zu viel Leistung vom Frontalkortex, Frontallappen zu beanspruchen. Das ist der Part des Gehirns in unserer Stirn, in dem wir Dinge bewusst wahrnehmen. z.B. wenn wir etwas neues Lernen, wird das dort ver- bzw. bearbeitet. Ein schönes Beispiel dafür ist das Autofahren. Nachdem wir uns dazu eine Routine gebildet haben, müssen wir nicht mehr groß überlegen, in welchem Gang wir jetzt sind, wann wir in welchen schalten müssen… Dies geschieht automatisch.
Im Prinzip ist das ein bisschen wie in einem Computer nur umgekehrt. Das Großhirn ist wie die Festplatte. Die ist zwar wie im Computer größer, aber dafür nicht langsamer, sondern schneller, als der Arbeitsspeicher (Frontlappen). Dieser ist im Computer schneller, beim Menschen aber langsamer und hat nur eine begrenztere Kapazität. So erkläre ich mir das im Groben zumindest.
Hinzu kommt, dass unser Hirnstamm (also der Part in unserem Gehirn, welcher evulotionär am ältesten ist. Ja, unser Gehirn hat sich auch über die Zeit hinweg entwickelt…) in Bildern denkt. Er wird auch als Reptiliengehirn bezeichnet. Wir speichern also unsere Erlebnisse in Bildern und Geschichten ab. Genau genommen mit allen unseren Sinnen. So kann es sein, dass wenn wir einen bestimmten Geruch wahrnehmen, ein Erlebnisnetzwerk (Erfahrungen) angesprochen wird und wir uns schlagartig gut oder schlecht fühlen. Nur ca. 15% unserer Verbindungen im Auge sind zudem nach außen gerichtet. Also darauf, unsere Außenwelt wahrzunehmen. Der Rest wird durch Bilder aus unserem Unterbewusstsein “aufgefüllt!, “beeinflusst”. Ware Objektivität gibt es somit nicht.
Ein Neurobiologe würde da lachen und dies als zu vereinfacht dargestellt bezeichnen. But it works for me.
Hinzu kommt noch mein lieblingsthema des Konstruktivismus. Dieser besagt im Groben, dass wir uns unsere wahrgenommne Wirklichkeit selbst erschaffen. Viel von dem, was wir z.B. wahrnehmen, wenn wir auf einem bestimmten Festival sind hängt davon ab, welche Erfahrungen wir in diesem Kontext bereits gemacht haben. Das hört sich so easy an, hat aber soooo immens große Auswirkungen auf uns. Die gebildeten Routinen und Erfahrungen bestimmen sehr sehr stark, wie wir eine Situation wahrnehmen und uns dann auch verhalten. Ich z.B. habe eine schlechte Erfahrung mit einem Festival gemacht, auf dem Dub Step lief. Meine zweite Erfahrung war dadurch auch bereits negativ vorgeprägt und wie sollte es anders sein, auch nicht wirklich toll. Stichwort Self fulfilling prophecies. Jedes Mal, wenn ich jetzt Dub Step Musik höre, wird dieses negativ geprägte Erlebnisnetzwerk in meinem Gehirn aktiviert und ich fühle mich sofort unwohl.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Routinen die wir uns bilden (und dann zumeist nicht mehr bewusst wahrnehmen, geschweigedenn hinterfragen) sehr stark mit unserem Umfeld zu tun haben. Also wie und wo wir sozialisiert wurden. Wenn wir z.B. eine Mutte haben, die wenig Vertrauen in einen hat, oder dauernd an einem rumnörgelt, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir diese Routinen auch übernehmen, ohne dass es uns bewusst ist. Es ist also sehr gut möglich, dass wir dadurch mit nichts und niemanden! zufrieden sein können. Wenn es ganz dumm läuft, nicht mal mit uns selbst…
So. Das war jetzt mal wieder eine super lange Herleitung, aber ohne diese für mich so essentiellen Grundgegebenheiten von Menschen, können gesellschaftliche Entwicklungen wie “Warum werden unsere Gespräche immer oberflächlicher” aus meiner Sicht nicht erklärt werden.
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Alles ist darauf ausgerichtet zu wachsen und gerankt zu werden. Spätestens in der Schule beginnt dieser Prozess der uns so stark prägt. Durch das technologische, digitale Zeitalter, werden wir mit Informationen überflutet. Auf allen Kanälen. TV, Radio, Facebook, YouTube, Zeitung, Gespräche mit Anderen, Schule, Ausbildung, Studium…
Wir sind die ersten in dem Zeitalter und haben noch keine wirklichen medienpädagogischen “Maßnahmen” ergriffen, mit dieser Flut fertig zu werden bzw. umgehen zu können. Zudem sind wir gewohnt alles zu ranken und dies passiert auch mit allen Informationen. Wir filtern sehr viel davon heraus, nachdem wir entschieden haben wie wichtig die Information für uns ist. Dafür ist im Gehirn übringens der Hippocampus und im ganz rudimentären Bereich die Amygdala zuständig. Das hat zur Folge, dass wir uns dafür eine unterbewusste Routine gebildet haben. Sobald eine Information nicht als relevant eingestuft wird, fühlen wir uns gelangweilt, oder hören einfach nicht mehr zu. Auch bekommen wir nur noch Informationsfragmente vorgelegt. Siehe Bildzeitung. Eine Schalgzeile, ein Bild und möglichst wenig Text. Lange seine Aufmerksamkeit auf eine Sache zu richten, habeb wir bereits oft verlernt.
Wenn uns jetzt ein Freund etwas von seinem Tag erzählt, ranken wir diese Infos zumeist hinter für uns wichtigeren wie, wann das neue iPhone raus kommt, oder wie mein Fußballteam gespielt hat. Diese betreffen uns einfach direkter, als der Streit zwischen unserem Freund und einem seiner Kollegen. So kommt es aus meiner Sicht, dass wir uns nur noch sehr oberflächlich unterhalten. Nur kurze Informationsfragmente austauschen.
Wenn ich zum Vergleich meine Elterngeneration nehme. Diese erzählen sich, wo sie auf der Autobahn nach XY abgefahren sind, was im Supermakrt wohin geräumt wurde… Für mich sind das alles unnütze Informationen, die ich mir nicht auch noch merken will. Das ist aber sehr schade. Weil genau diese banalen Gespräche der Grundstein für Vertrauen und eine tiefere Bindung sind. Also die Basis für tiefergehende Gespräche, wie es einem wirklich geht, was einen bedrügt, oder erfreut.
Diese finden nicht mehr statt, da wir lieber alle 10min auf Facebook checken, welche neuen, krassen Dinge sich auf der Welt getan haben.
Dazu kommt noch, dass viele die in großen Unternehmen arbeiten gelernt haben, sich nicht mehr richtig klar zu äußern. Weil dafür könnte man zur Verantwortung gezogen werden. Wenn man sich eher “politisch”, vorsichtig äußert, kann man Verantwortung in unserem System gut umgehen. Also versucht man sich so wenig wie möglich “angreifbar” zu machen. Dies macht man dann auch im Privatleben. Gefühle zeigen, oder tiefergehende Gespräche zu führen ist dann nicht mehr wirklich möglich.
Für mich sind diese Entwicklungen sehr beängstigend oder besser sollten viel transparenter gemacht werden. Man sieht doch den zunehmenden Stress, die Unzufriedenheit, Gier, Neid, abnehmende soziale Kontakte im realen Leben. Alles passiert nur noch auf einem sehr oberflächlichem Level online.
Versucht einmal selbst euch und euer Umfeld zu reflektieren. Wie gut kennt ihr eure Freunde? Wisst ihr, was diese beschäftigt? Was mögen diese? Was nicht? Wie stehen sie zu kritischen Themen wie z.B. der gesellschafttlichen Entwicklung in Deutschland? Wie zu unserem Bildungssystem? Was möchten sie in ihrem Leben erreichen? Was ist ihnen wichtig?
Dies ist natürlich alles nur eine Hypothese von mir. So wie ich mein Umfeld wahrnehme und wie ich versuche mir die Geschehnisse zu erklären. Es spielen da noch viel mehr Faktoren mit rein. Es gibt nur noch bei Maschinen kausale Zusammenhänge (Ursache/Wirkung; wenn A, dann B). Alles Andere sind Wechselwirkungen die sich Gegenseitig beeinflussen. Was viel viel komplexer ist, als kausale Zusammenhänge. Wir haben aber nur gerlent in kausalen Zusammenhängen zu denken. Systemsiches, vernetztes Denken sind leider noch sehr wenig ausgeprägt. Das unsere Medien da einen großen Anteil haben (auch in unserem Sozialisierungsprozess und somit auch darin, welche Denkroutinen wir uns gebildet haben) sollte jedem noch abschließend klar sein.
Wer nur Shows auf RTL oder RTL2 guckt, auf denen alles soweit simplifiziert wurde, das selbst ein Affe oder teilweise sogar ein Stück Brot die Sendungen verstehen könnte, muss nicht davon ausgehen, dass er damit seine Fähigkeit stärkt, komplexe Sachverhalte begreifen und damit umgehen zu können.
Er erreicht damit nur alles (auch seine privaten Gespräche) auf einem leicht verständlichen, oberflächichem Level zu halten.
Das schöne ist, das z.B. NLP (Neurolinguistische Programmierung) Methoden bereitstellt sich diese Routinen bewusst zu machen bzw. diese ändern zu können. Wir sind alle unbegrenzt lernfähig. Wir müssen es nur wollen. Dann sind Veränderungen für uns in jedem Alter leistbar. So sagt dies zumindest die neurobiologische Forschung.
Also lasst uns versuchen wieder mehr und tiefergehend mit einander zu sprechen. Uns gegenseitig länger und besser zuzuhören. Was auch mir sehr schwer fällt…
Denn sind es nicht die Verbindungen und Gespräche zu und mit anderen, die unser Leben erst wirklich lebenswert und positiv machen?