Festival-Ratgeber, Juni 2015, AMPYA (alte Website offline)
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10 Dinge, die ihr auf Festivals lernt
Es ist wieder soweit: Mit dem Sommer gibt's nicht nur hin und wieder Sonnenschein, sondern auch endlich wieder Outdoor-Festivals. Gerade wenn ihr völlig unbeleckte Frischlinge seid, haben wir für euch ein paar Weisheiten parat, die sich andernfalls erst nach Jahren zwischen Zeltschnüren, Schlamm, Tetra-Pak-Unfällen und Urinlachen bilden würden.
Die heilige Saison der Festivals ist in vollem Gange - von daher ist es höchste Zeit, das Wissen Sachkundiger zusammenzutragen und euch mit Weisheiten der Redaktion zu füttern, die keinen geringeren Zweck verfolgen, als euch in so manch aussichtsloser Situation den Arsch zu retten. Wenn ihr nicht gerade auf dem Rock im Revier oder Immergut wart, sondern vielleicht frisch von so exquisiten innerstädtischen Veranstaltungen wie dem Primavera oder Berlin Festival kommt, dann werden euch einige der folgenden Lebenserfahrungen vielleicht etwas spanisch vorkommen. Doch seien wir mal ehrlich: Eigentlich wart ihr somit gar nicht auf einem echten Festival. Es ist völlig wumpe, ob ihr 16 oder 66 seid, besucht ihr das erste Mal ein Großevent mitten in der Pampa, seid ihr in diesem Punkt so grün hinter den Ohren wie Madonna bei ihren ersten Nacktfotos. Deswegen gibt's für euch nachfolgend einige Tipps, mit deren Hilfe alles nur halb so schlimm wird, wie es klingt - und ansonsten sammelt ihr zumindest witzige Geschichten.
FESTIVAL-KLUGSCHEISSEREI, DIE NUR DIE ZEIT BRING
Punkt 1 - Schlafplatz: Zelten ist Scheiße - nicht zelten auch. Wenn ihr noch minderjährig seid oder gerade erst diesem Alter entschlüpft, wird es der Gedanke an eine versnobte Unterkunft oder gar ein Hotelzimmer gar nicht erst in eure Gehirnwindungen schaffen. Spätestens ab Mitte 20 schwirrt das Wort "Bett" jedoch zumindest ganz kurz mal durch euer Oberstübchen, bevor ihr es beschämt verdrängt. Letztlich ist es die Wahl zwischen Pest und Cholera. Unterkunft ist lame, im Zweifel braucht man sogar ein Fahrzeug oder latscht sich so lange die Haxen wund, bis man eh schon wieder nüchtern ist, dafür aber trocken und hygienisch einwandfrei. Auf dem Zeltplatz hingegen dröhnt die volle Breitseite von Rammstein bis Scooter durch die Gehörgänge und ihr bekommt sogar die Chance, euren oberkörperfreien Campingnachbarn mal auf einen Schnack einzuladen.
Punkt 2 - Hygiene: Es gibt einen kollektiven Zustand, der sich Festival-Amnesie nennt. Hierbei handelt es sich weder um den Standort des Zeltes, der auch noch an Tag vier ganz offensichtlich ein anderer ist, noch um den Menschen, der euch gestern bei "So perfekt" mit Tränen in den Augen in seine verschwitzten Achseln drückte - obwohl das gar nicht so fern ist. Es geht um die gestörte Erinnerung an Hygiene-Standards. Wenn ihr zu den Menschen mit Schälchen und Einwegwaschlappen gehört, Glückwunsch. Dies ist die gereifte Lösung, genießt ihr nicht den Luxus des VIP-Campingplatzes. Ansonsten sind die Duschen ungefähr so weit von eurem Zelt entfernt, wie euer Zuhause. Wenn es heiß ist, stellt sich zurück am Zelt die Frage, ob man noch nass oder schon wieder durchgeschwitzt ist. Ist das Gegenteil der Fall, dann habt ihr nach zwei Minuten wieder den Schlamm vom letzten Regenguss an den Beinen. Zu den Dixies: Das erlebt ihr besser selbst.
Punkt 3 - Wetter: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Diese nette Floskel setzte wohl George Harrisons Mentor Ravi Shankar 1969 beim Woodstock in die Welt, als sein Konzert wegen Starkregen abgebrochen wurde. Wie es danach auf einem Feld aussieht, berichten euch gerne Besucher des Dockville 2011. Petrus ist ein fieser Spielverderber und eure Wetter-App lügt. Seid von subtropisch bis Polarkreis auf alle klimatischen Bedingungen vorbereitet. So können euch die gefühlten 1000 Grad um 12 Uhr mittags im Zelt ebenso wenig umhauen, wie der eisige Hurrikan mitten auf dem Gelände.
Punkt 4 - Begleitung: Ein Festival ist nicht der rechte Ort, um die Beziehung zu deinem frisch gekürten BFF das erste Mal in trauter Zweisamkeit auf die Probe zu stellen. Was sagt dein neuester Homie eigentlich dazu, dass du es überflüssig findest, dich bei dem ganzen Schlamm nicht einmal in vier Tagen zu duschen? Ob er es wohl auch so süß findet, dass du im Schlaf ständig redest? Und wie sehr begrüßt es dein "Bro" wohl, wenn du dich als Schedule-Adolf entpuppst? Weißt du nicht? Dann spar' dir den bevorstehenden Krach lieber und überrede ein paar weitere Freunde, mitzukommen, die plappern dann notfalls über das bedrückende Schweigen blank liegender Nerven.
SEX HAT MAN AUF FESTIVALS GENAUSO WENIG WIE NETZEMPFANG
Punkt 5 - Sex: Egal, welche abenteuerlichen Geschichten ihr dazu gehört habt, wer auf Festivals in wessen Zelt wen verräumt - es gibt keinen Sex auf Festivals. Die Gründe sind einfach: Keiner wäscht sich, alle schwitzen wie die Schweine und es gibt keine Privatsphäre. Natürlich existieren auch hier Ausnahmen von der Regel, denn es gibt auch Mütter, die ihre Kinder nicht lieben, Katzen, die an der Leine laufen und Teenies, die keine Pickel haben. Spätestens wenn ihr einmal in den Mief eines Zeltes steigen musstet, in dem andere gerade geschnackselt haben, werdet auch ihr dieses Gesetz der Enthaltsamkeit als eure Maxime anerkennen - andernfalls bringt euer schmerzendes Steißbein euch am nächsten Morgen dazu. Amen!
Punkt 6 - Gadgets: Getränke, insbesondere Alkohol, sind natürlich ein wichtiges Thema auf musikalischen Großveranstaltungen. Die Kühltruhe ist euer Partner in Crime. Jetzt fragt man sich natürlich, was bitte so eine riesige Yuppie-Kühlbox an einem Ort zu suchen hat, an dem Luxus eigentlich verboten gehört. Doch sie leistet euch nicht nur den Dienst eines gekühlten Bieres, nein, sie schmuggelt auch eure Vodka-, Pfeffi- und Mate-Flaschen auf den Campingplatz. Spätestens wenn der Security-Mensch die dritte Packung (gefrorener, weil somit länger haltbarer!) Steaks aus diesem Wunderkasten puhlt, hat er es so satt, dass euer verbotenes Glas am Boden der Truhe direkt unentdeckt bleibt.
Punkt 7 - Saufen: Gerade bei den eher 16- als 66-jährigen Freiluftgängern lassen sich die oft prekären Lebensverhältnisse kaum mit den Getränkepreisen vor der Bühne vereinen. Doch auch hier gibt es andere Möglichkeiten, auf dem Gelände blau zu bleiben, als mit einer Spritze Stroh 80 in euer Hohes-C-Tetra Pak zu injizieren. Kurze, oder wahlweise die kleinen Mini-Vodkafläschchen vom Discounter in 0,1 Liter, finden an all den Stellen eures Körpers Unterschlupf vor den Securities, an die ihr nicht mal selbst mehr nach dem ersten Tag fassen wollt (gemeint ist im BH, der Unterhose oder den Socken, ihr Ferkel!). Ach und noch was: Tetra Pak plus Blubberbrause ergibt nach spätestens 100 Metern einen großen Knall.
Punkt 8 - Kommunikation: Bestimmt ist Papas Idee, statt des 700 Tacken teuren iPhones lieber das alte Nokia 7210 mitzunehmen, ein gut gemeinter und scheinbar weiser Ratschlag. Doch auch dieses Stück Geschichte, das dir höchstens von Sammlern und Nerds abgezogen werden könnte, bringt in der Hölle, die man Netzüberlastung bei Großveranstaltungen nennt, rein gar nichts - außer vielleicht einen Einsatz als adäquater Flaschenöffner auf dem Campingplatz (solltest du es dank Nr. 6 geschafft haben, Flaschen reinzuschmuggeln). Das Telefon kann also gleich ganz zu Hause oder im Zelt gelassen werden. Wer gar nicht drauf verzichten will: Alte Festival-Hasen wissen, dass es ein paar Netzanbieter gibt, bei denen die Chance auf Empfang besteht - wir ersparen uns die Schleichwerbung.
Punkt 9 - Style: Zum richtigen Festival-Erlebnis gehört natürlich auch, dass ihr in der aktuellen Glamour oder GQ-Style den neuesten Festival-Chic auscheckt und euch die entsprechenden Outfits schon frühzeitig auf euer Pinterest-Pinnwand zusammenstellt. NICHT. Es ist hart, aber wenn ihr den ersten Tag ohne Bierdusche, Staub oder Matsch an den Beinen sowie Dreck oder Essensreste unter den Nägeln übersteht, dann habt ihr wohl doch die falsche Abzweigung genommen und seid auf dem Stadtfest in Bremen und nicht auf einem Festival gelandet. Auch die Temperaturschwankungen in unseren Breitengraden fördern ein Coachella-Outfit à la Kendall Jenner (Kardashian-Clan-Girlie, lies mehr Gossip) nicht gerade.
Punkt 10 - Musik: Festivals sind nichts für Soundfetischisten. Natürlich sammeln sich selten so viele passionierte Musikfans auf derart engem Raum, wie auf einem Festival. Da ihr aber entweder so dicht vor der Bühne steht, dass die Servietten-Fetzen in den Ohren jegliche Höhen und Tiefen auslöschen, oder die Bühne in der Ferne nur noch durch das Flackern der Scheinwerfer zu erkennen ist, bleibt der Hörgenuss auf der Strecke. Der beste Platz ist irgendwo am ersten Wellenbrecher mittig. Solltet ihr nicht an Klaustrophobie leiden, sind die Gegebenheiten dort verhältnismäßig ideal.
©Josephien Albrecht/AMPYA