Im Herbst erscheint eine neue Publikation von mir im AutorenVerlag Matern: “Über Natur” (https://www.autorenverlag-matern.de/index.php/buecher/philosophie.html). Vorab sind bereits die Einleitung als auch die ersten beiden Abschnitte (Kapitel) des Essays veröffentlicht worden. Ich nutze diesen Ort, um alle Bestandteile gemeinsam vorzustellen.
Es gibt kaum ein Wort der deutschen Umgangssprache, das missverständlicher gebildet ist als die Lautreihe ‚Natur‘. Nicht soziale Konvention, sondern der verfügbare Wissensstand könnte genutzt werden, um ein relevantes Wort ‚Natur‘ zu bilden. Dies ist gesellschaftlich nicht der Fall. Indem kulturelle, mithin primär eine menschlich soziale Tradition in den Vordergrund rückt, wird ein möglicher Einfluss von veränderlichen Wissensständen minimiert. Der staatlich und sozial als normativ geltende Duden, der seinerseits bloß ein Sammlesurium der gesellschaftlichen Schriftsprache ist, verhindert sachbezogene Neubildungen in gesellschaftlicher Breite, verschiebt relevante Diskussionen in Expertengremien aus Wissenschaftlern, in diesem Fall aus Naturwissenschaftlern mit ihren Expertensprachen, erschwert eine rudimentäre Bildungsmöglichkeit der Bevölkerung im Erlernen von Sprache. Resultat ist die sozial vorherrschende Umgangssprache und ihre sachliche Unrelevanz. Ich fasse dies als ‚gesellschaftliche Esoterik‘.
Kaum ein Wissensgebiet hat seit dem 20. Jhd. solche rasanten Veränderungen erleben lassen wie die Naturwissenschaften. Seit den 20er Jahren - im Zuge von physikalischen, speziell quantenmechanischen Experimenten -, gibt es keine Naturgesetze mehr, sondern lediglich Naturwahrscheinlichkeiten, die auf statistischen Annahmen beruhen. Diese sind relativ, z.B. im Fall der Gravitation, die nicht nur auf dem Mond der Erde anders ausfällt als auf der Erde, wie Videos leicht demonstrieren können, sondern auch auf dem Mars. Solche Veränderungen lassen sich sogar auf der Erde erleben: während eines Parabelflugs; auch von solchen Flügen gibt es Aufzeichnungen. Die Gravitation ist keine absolute Kraft, sondern ein relativer Wert, in Abhängigkeit von den jeweiligen Bedingungen.
Statistische Wahrscheinlichkeiten von eventuell erwartbaren / voraussagbaren Vorgängen bzw. Ereignissen stehen nicht nur in Relation zu jenen, die unabhängig von menschlichen Einflüssen geschehen - die jeweilige Gravitation lässt sich bislang von Menschen nicht verändern -, sondern auch zu menschlichen Verhaltenweisen. In der Soziologie und in der Wirtschaftswissenschaft gelten ebenfalls statistische Wahrscheinlichkeiten, keine absoluten Gesetze. Die Sicherheit von Voraussagen ist im Zusammenhang mit Menschen zwar geringer, aufgrund der jeweiligen menschlichen Wahlmöglichkeiten, dennoch bietet jeder kausale Erklärungsansatz für menschliches Verhalten eine mögliche (stastistische) Determination. Menschen sind methodisch lediglich eine der tierischen Arten, von denen sich Menschen umgangssprachlich abgegrenzt sehen.
Natürlich gibt es über die Stellung der Menschen auch wissenschaftlich Streit. Besonders einige Archäologen und Anthropologen betonen einen Unterschied zu anderen Tieren: Menschen würden nicht nur irgendwas als Werkzeug nutzen, sondern fertigen auch Werkzeuge an. Diese Ansicht ist verhaltensbiologisch allerdings veraltet, wie z.B. ein Blick auf Krähen zeigen kann. Verantwortlich für die Kreativität unter Tieren ist die relative Hirngröße zur Körpergröße. Bei einer Reihe von Tieren fällt die relative Hirngröße überdimensional aus. Wissenschaftlich ist eine soziale Herrschaft des Menschen nicht zu retten, auch wenn es immer mal wieder Journalisten gibt, die eine alte, ehemals religiös motivierte Herrlichkeit der Menschen feiern.
Die Erfindungsgabe von Menschen wäre ohne Annahmen darüber, wie Natur funktioniert, kaum gediehen. Die Statik von Gebäuden hätte niemals ermittelt werden können, die Eigenschaften von Materialen zur weiteren Verarbeitung wären unbekannt geblieben, über die Natur hinaus reichen lediglich religiöse oder metaphysische Spekulationen, nichts, was tatsächlich innovativ gewesen wäre.
In dem Essay „Über Natur” kläre ich darüber auf, was Natur ist und was alles auf Annahmen über Natur beruht, über die unbelebte als auch belebte. Ein Balkon ist in diesem Zusammenhang nichts als ein Naturphänomen, weil dieser und seine Statik den Naturwahrscheinlichkeiten unterliegt, unabhängig davon, welche Bedeutungen bzw. Relevanzen ihm von menschlicher Seite aus zukommen mögen. Mein primärer Gegner ist die menschliche Einbildung.
1. Was ist eine naturwissenschaftliche Perspektive?
Perspektivismen sind u.a. als relativierende Erkenntnishaltungen von Philosophen des 19. Jhds. und von Ethnographen des 20. Jhds. berüchtigt. Sie reichen historisch jedoch viel weiter, sind z.B. auch bei Leibniz zu finden (vgl. König, G., 1989, S.362-375). Ohne mich historisch zu verlieren: Was könnte eine naturwissenschaftliche Perspektive sein? Bei den Worten ‚Perspektive‘ handelte es sich in jenen relativierenden Fällen um soziale Metaphern, die auf individuelle oder gruppenspezifische Sichtweisen zugeschnitten waren. Bei Metaphern ist jedoch Vorsicht geboten, wie Kai Pege im Kontext über Metaphern erläuterte (vgl. Pege, K., 2014, S.16-22.). Ob andere Perspektiven wissenschaftlich relevant sein können, ist mit der Wahl ‚naturwissenschaftliche Perspektive‘ nicht gesagt. Als soziale Metapher könnte ihr Bezug den gesamten Wissenschaftsbereich umfassen, in Abgrenzung vom alltäglichen Umgang und von Esoteriken.
Zu betonen ist, dass die naturwissenschaftliche Herangehensweise unter Menschen keineswegs üblich ist. Die Methoden, Zeichen und die Sprache sind relativ vielen Menschen fremd, auch innerhalb der Wissenschaften. Im Zentrum der Naturwissenschaften stehen Fragen nach kausalen Abläufen von Ereignissen, nach relevanten Einflussgrößen, die dabei helfen können, nicht nur vergangene Ereignisse besser zu verstehen als bislang, sondern auch zukünftige. Die aktuell betriebene Klimaforschung ist ein typisches und durch die Medien bekanntes Beispiel solcher Hinwendungen, auch wenn über die konkrete Arbeit, über detaillierte Fragestellungen und Probleme innerhalb der Klimaforschung, öffentlich wenig zu erfahren ist.
Allgemein lässt sich zunächst formulieren, dass es aus naturwissenschaftlicher Perspektive relevant ist, etwas über die konkreten Bedingungen zu erfahren, unter denen etwas Spezielles geschieht. Kausalität zu erforschen, ließe sich als das Auffinden von Bedingungen eingrenzen, die ein bestimmbares Ereignis entstehen lassen können.
Fragen nach kausalen Wirkungen reichen jedoch nicht aus. Die Parameter der Bedingungen müssen prüfbar sein, und sei es durch wiederholte Messungen. Es würde keineswegs ausreichen, eine Meinung oder einen Glauben zu vertreten, wie es z.B. in den Perspektivismen des 19. und 20. Jhds., im Journalismus oder in einer Religion üblich sein kann, oder in einem belletristischen Essay.
Außer einer Relation zur Empirie ist jedoch noch etwas erforderlich, das sich nur in der relevanten Sprache und in der Mathematik findet, etwas, das zu einem zweiten Kriterium taugt: Logik. Weil es um zwei unterscheidbare Kriterien ginge, wäre es fatal, das Wort ‚Wahrheit‘ zu einem Sammelbegriff werden zu lassen, eventuell ähnlich einem Müllsack. In diesem Kontext wäre es angemessener, auf die Vokabel ‚Wahrheit‘ zu verzichten und konkret zu werden (vgl. ders., 2016, S.9-19). In Frage stünde die abstrakte und eineindeutige Abbildungsfunktion eines wissenschaftlichen Modells, das sich im Vergleich ermitteln und durch einen Vergleich prüfen ließe (vgl. ders., 2015, S.7-27) und die logische Vereinbarkeit des sprachlichen und des mathematischen Materials.
Die gegeben Erläuterung der naturwissenschaftlichen Perspektive reicht allerdings philosophisch nicht aus. Außerhalb stände die Frage nach geeigneter, nach sachlich angemessener Sprache, die bezugsrelevant wäre. Diese Aufgabe lässt sich nicht auf die Erläuterung von naturwissenschaftlichen Modellen begrenzen.
Historisch gibt es ein Wort, ‚Interpretation‘, Davidson hat sich z.B. damit philosophisch beschäftigt (vgl. Davidson, D., 1994). Ich möchte die Frage nach ‚Interpretation‘ in diesem Kontext jedoch nicht detaillierter stellen, lediglich darauf hinweisen, dass die Philosophie keine naturwissenschaftliche Perspektive und damit keine naturwissenschaftliche Forschung verfolgt. Ihr Material ist primär die Sprache, analytisch und erläuternd, vielleicht sogar analytisch differentiell, wie Pege dies im Kontext der Frage nach Angemessenheit vorgeschlagen hat (vgl. Pege, K., 2015 S.8). Um die naturwissenschaftliche Perspektive jedoch abzugrenzen, war es erforderlich, eine Alternative anzuführen.
Davidson, D., 1994, Wahrheit und Interpretation, Frankfurt.
König, G., 1989, Perspektive, Perspektivismus, perspektivisch, in: Joachim Ritter u.a., Hg., Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 7, Darmstadt, S.362-375.
Pege, K., 2014, Analytische Philosophie?, in: ders., Hg., 2014, Analytische Philosophie?, eBook, Duisburg, S.9-49.
Pege, K., 2015, Eine Theorie des selektiven Bezugs, eBook, Duisburg.
Pege, K., 2016, Was sind philosophische Essays?, in: Talmi, K., Hg., 2016, Im Wettbewerb, eBook, Duisburg, S.9-19.
Doch auch menschliche Sprache könnte, methodisch ähnlich wie das Erdklima, kausal erforscht werden. Irgendwann ist Sprache während der menschlichen Evolution entstanden, unter eventuell präzisierbaren Bedingungen. Und sie wird sich vermutlich in Zukunft weiterentwickeln, in welche Richtung auch immer. Das Forschungsproblem ist: die fragliche Zeitspanne der Entstehung liegt sehr weit zurück; Aufzeichnungsmöglichkeiten waren vermutlich noch nicht entwickelt. Sich auf philosophische Auseinandersetzungen über relativ aktuelle Sprache und auf ihre Interpretation zu konzentrieren, reicht keineswegs aus, um sie den Naturwissenschaften zu entziehen.
Im ersten Kapitel wurde, außer der gestellten Frage nach Perspektiven, allgemein über Wissenschaften gesprochen, anhand von Kriterien. In diesem Kontext fehlt noch eine Präzisierung: Sprache kann Bezugsrelevanz haben und sich aufgrund einer erfolgten Prüfung auf etwas beziehen. Erforderlich für eine Bezugsrelevanz ist ein relevanter Kontext, aus dem lesbar wird, über was gesprochen wird. Zeichen hingegen, auch abstrakte, z.B. die eines wissenschaftlichen Modells, lassen keine Bezüge zu, aber einen Vergleich, insbesondere mit Messdaten, die aus der Wirklichkeit gewonnen werden können (vgl. Pege, K., 2015, S.7-27). Bezug und Vergleich unterscheiden sich, und gemeinsam mit einer wissenschaftlich erforderlichen logischen Vereinbarkeit lassen sich bereits drei Kriterien angeben, die relevant sind.
Meine Aussonderung der Philosophie aus den Naturwissenschaften hat etwas mit der Tradition universitärer Fächer zu tun, weniger mit der Sache. Cassirer (1874-1945) hatte z.B. eine Differenzierung in Natur- und Kulturwissenschaften vorgenommen (vgl. Cassirer, E., 1994, S.56-86), der ein grobes Missverständnis der Natur zugrunde liegt: „Eigenschafts=Konstanz und Gesetzes=Konstanz sind die beiden wesentlichen Züge der physikalischen Welt.“ (Vgl. ebd., S.74.) Diese Sichtweise, die aus dem 19. Jhd. stammt, war freilich schon damals (1942) veraltet. (Vgl. Freedman, W.L., 1993, mit dem historischen Hinweis auf E.P. Hubble 1929). Die physikalische Wirklichkeit ist, wie die gesamte Natur, dynamisch. Auch die physikalische Wirklichkeit ist entstanden und unterlag dabei sich ändernden Bedingungen. Mehr über das junge Universum zu erfahren, ist inzwischen ein Bestandteil der physikalisch kosmologischen Forschung (vgl. z.B. Aravena, M., u.a., 2016, S.1-27). Cassirers Vokabular ist vermutlich durch Unkenntnis geprägt, das aus einer alten Umgangswirklichkeit zu kommen scheint, die seiner Ansicht nach „radikal entseelt“ wurde (vgl. Cassirer, E., 1994, S.75). Mit Wissenschaft hat dies nichts zu tun, mit Erlebnistraditionen allerdings schon.
Teufels Küche hatte sich mir durch die möglicherweise mangelhafte Berücksichtigung von Logik aufgetan, indem ich zunächst der traditionellen Ordnung der Disziplinen folgte und die Philosophie durch Verweis auf ihr primäres Material, die Sprache aussperrte. Es wird Zeit, konkret zu erörtern, was denn Natur tatsächlich ist.
Aravena, M., u.a., 2016, THE ALMA SPECTROSCOPIC SURVEY IN THE HUBBLE ULTRA DEEP FIELD: SEARCH FOR [Cii] LINE AND DUST EMISSION IN 6 < Z < 8 GALAXIES, arXiv.org (https://arxiv.org/abs/1607.06772), S.1-27.
Cassirer, E., 1994, Dritte Studie: Naturbegriff und Kulturbegriff, in: Zur Logik der Kulturwissenschaften, Darmstadt, S.56-86.
Freedman, W.L., 1993, Die Expansionsgerschwindigkeit des Universums, in: Spektrum der Wissenschaft (https://www.spektrum.de/magazin/die-expansionsgeschwindigkeit-des-universums/820581).
Pege, K., 2015, Eine Theorie des selektiven Bezugs, eBook, Duisburg.