Woke ist nichts Neues!
von KIP SUPERNOVA
Wir leben in einer Zeit, wo sich erwachsene Menschen über eine Arielle die Meerjungfrau aufregen, die von einer farbigen Schauspielerin gespielt wird. Ein Disney Anmationsfilm mit dem Titel "Strange World" wird der Aufreger Nummer Eins, weil man "woke Themen" wie gleichgeschlechtliche Liebe, veganes Essen und Patchwork-Familien "in die Fresse geklatscht" bekommt.
Star Wars - Young Jedi Adventures : Hat die Hauptfigur Kai eine dunkle Hautfarbe und die Figur Nash Durango zwei Frauen als Eltern, weil hinter der Serie "woke Gutmenschen" stecken oder ist das Ziel einfach kreative, interessante Charaktere zu zeigen und Kindern Toleranz und Empathie zu lernen? (Bildquelle: Disney Plus)
Ich kenne Leute persönlich, die tatsächlich sagen: "Wenn ich sehe, dass es nur so eine Woke-Scheiße ist, dann schaue ich mir den Film erst gar nicht an."
Das sind harte Worte, ist doch der Film eine wundervolle Kunstform seit über 100 Jahren. Und in dieser Zeit hat sich die erzählende wie darstellende Kunst immer wieder weiter entwickelt, und zwar nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich. Klar, man kann nicht alles gut finden, und Geschmäcker sind verschieden, aber wenn es vor rund 20 Jahren noch völlig okay war, bestimmte Genres oder Filmreihen gut zu finden und andere nicht zu mögen, ist der Maßstab heute immer mehr die politische Kombonente. Oder besser gesagt: Man will vielleicht eine politische Aussage in Dingen sehen, die vielleicht gar keine politische Aussage haben wollen.
Wenn wir die Aussage von meinem Bekannten nochmals heranziehen - einfach der totale Boykott bei Filmen, die "woke" aussehen - dann grenzt dies schon an den Glauben einer Verschwörung: Dass irgendwelche Gruppierungen im Hintergrund die Fäden ziehen und bestimmen, dass "Arielle" jetzt mal dunkelhäutig, "Spiderman" schwul oder der neue Captain der "Enterprise" eine Frau sein soll. Weil man ja gerecht und "gut" sein möchte. Nehmen wir mal an, das wäre wirklich so: Was wäre so schlimm daran? Klar, manche Helden so zu verdrehen, dass sie jedem Zuschauer_In gerecht werden, widerstrebt der Kunstfreiheit und würde manche Filme ins Absurde führen: Ein veganer James Bond, der nicht ein "Bondgirl" hat und mit dem Superganster dessen Schandtaten bei einer Tasse Tee durch diskutiert und am Ende dazu bewegt, dass Blofeld oder Goldfinger sind selbst der Polizei stellen? Na ja, das wäre ja dann kein James Bond mehr. Und ein Actionfilm ohne Action … wäre schon sehr fahde und lächerlich zugleich.
Sprechen wir aber von einer farbigen Arielle, einem schwulen Charakter in einem Disney Film oder einem James Bond, der nicht mehr raucht … wer will uns da was "aufzwingen" und wenn ja, wieso? Dass wir gefälligst gesünder leben sollten? Dass Menschen mit dunkler Hautfarbe auch positive Identifikationsfiguren brauchen oder auch schwule Teenager sich aufführen wie weibliche Teenies, die verrückt nach ihrem Schwarm sind? Ich bin der Meinung: Es ist vollkommen okay und hat auch seine Daseinsberechtigung. Und … es ist nichts Neues!
Bereits in den 1960ern brach Gene Roddenberry mit "Star Trek" alle Rollenklischees und Konventionen, die in dieser Zeit völlig normal waren. Zu einer Zeit, wo Farbige nicht jeden Platz im Bus nehmen und nicht jede Toilette und jeden Trinkbrunnen benutzen durften (in den USA), taucht plötzlich eine farbige Frau in einer Science Fiction Serie auf. Und sie spielt keine Putzfrau oder die "dicke Mami", sondern einen Leutnant in Uniform auf einem Raumschiff: Grace Dell „Nichelle“ Nichols, besser bekannt als Ltd. Uhura. Und um noch einen drau zu setzen findet in der Episode "Platons Stiefkinder" der erste Fernsehkuss zwischen einem weißen Mann (William Shatner / James T. Kirk) und einer farbigen Frau (Nichelle Nichols / Uhura) statt - zum Ärgernis aller aufrechter Patrioten und konservativen Politiker jener Zeit, wo es Begriffe wie "Woke" oder "Gutmensch" noch gar nicht gab.
Doch warum ist der Aufschrei gerade in der heutigen Zeit, wo vermeintlich so viel Aufklärung und Toleranz herrschen, so groß, wenn eine Regenbogenfahne geschwungen wird oder Filme boykottiert werden, weil sie schwule Charaktere haben? Ich kann nur Vermutungen anstellen, Beweise habe ich leider keine, dafür aber zumindest Indizien: Es ist ein gezieltes Aufbauen eines vermeintlichen Feindbildes. Der "Gutmensch", der aus Güte einfach zu jedem gerecht sein will macht Traditionelles und Vertrautes "kaputt": Die vegane Currywurst, Harry Potter in türkischer Fassung, farbige Schauspieler die vermeintlich "weiße Charaktere" verkörpern. Dabei sind dies alles Dinge, die keinem schaden - und die auch niemand in Anspruch nehmen muss! Niemand ist gezwungen, einen "Arielle Film" zu schauen und darf weiterhin seine Wurst vom Metzger essen, aus echtem Fleisch. Es existiert kein Gesetz, das Gendern verpflichtet oder Fleischkonsum verbietet. Doch bestimmte Gruppierungen lassen es so aussehen, als würden "links grün versiffte Gutmenschen" die Welt überrollen und uns anständigen Bürgern ihre gesunde und empathische Weltanschauung aufzwingen wollen.
Leider werden diese Hirngespinste, dass "Gutmenschen" "unsere Kultur" kaputtmachen würden, von vielen Menschen geglaubt. Und der automatische Boykott bei einem vermeintlich "woken" Film zeigt mir, dass zumindest latent ein Glaube an einer Art Verschwörung in den Menschen steckt. Und die automatische Verweigerung einer Sache, nur weil sie scheinbar aus einer bestimmten Richtung kommt, erfüllt für mich zumindest im Ansatz bereits den "Tatbestand" eines Vorurteils! Und Vorurteile lassen uns blind werden für Neues. Und wer Neues verweigert, verweigert Entwicklung. Denn heute wird verweigert, weil es vermeintliche "Woke Scheiße" ist, morgen wird bereits boykottiert, weil der Schauspieler schwarz ist (der spielt doch da bestimmt nur mit, weil ein Farbiger dabei sein soll), und irgendwann haben wir wieder das Selbe wie in den 1960ern, wo es normal war, Menschen nach Aussehen, Geschlecht oder Herkunft zu trennen und entsprechend zu beurteilen.
Dabei ist "Woke" nichts Neues, sondern das gab es schon immer! Und wer eine farbige Arielle oder einen schwulen Superhelden nicht sehen will, muss ihn nicht sehen. Doch sollte die Entscheidung, einen Film zu schauen nicht darin liegen, weil mit einer Konvention gebrochen wurde, sondern ob einem die Story des Films anspricht oder nicht. Denn darum sollte es doch am Ende gehen.












