Ein pfeifendes Kreischen fegt durch die leere Halle. Die Rückkopplung schallt auch aus den Kopfhörern, die auf dem riesenhaften Mischpult im Front of House liegen, in dem Marius sitzt. Die Kopfhörer hat er vorsorglich abgesetzt, als er gesehen hat, daß der Sänger auf der Bühne am anderen Ende der Halle schon wieder zu nah an die Monitorboxen hingelaufen ist.
Er drückt den Sprechknopf an seinem Mischpult und beugt sich nach vorne zu dem kleinen Mikro, das über dem Mischpult in seine Richtung baumelt.
“Bleib von den Monitoren weg! Das stell ich erst noch ein”, schallt seine Stimme gelangweilt durch den Saal.
Als er sich wieder auf das Pult konzentrieren will, vibriert sein Handy.
Million Monkeys – neue Quest. AKZEPTIEREN?
Ach ja, nice. Die Quest lockert den Arbeitsalltag ein Bisschen auf. Das Abmischen von diesen Dilettanten macht er mit einer Hand, während er den ‘Akzeptieren’-Knopf antippt.
MISSION: 12:00:00 – Paket übernehmen. Inhalt: 4 Druckflaschen. Tanks der Nebelwerfer über der Bühne durch Flaschen ersetzen.
750 XP! Nicht schlecht. Aber dafür muß er über der Bühne in diesem Scheißgerüst rumklettern.
Er sieht auf die Uhr. Kurz vor zwölf. Aus dem Augenwinkel bemerkt er jemand, der hinter den Absperrgittern seines zweieinhalb Quadratmeter großen Arbeitsplatzes steht. Es ist ein großer, breitschultriger Mann im Anzug. In einem Ohr steckt ein Kopfhörer, von dem sich ein Kabel in seinen Kragen hinunterkringelt.
“Hallo. Wie lange braucht Ihr hier denn noch?” fragt der Mann, ohne sich vorzustellen. “Ich muß die Halle hier absichern wegen morgen.”
Stimmt, morgen ist hier ja so ein Politikerding. Irgendwas mit Wahlkampf, aber Marius interessiert sich nicht für Politik. Egal welche Deppen an der Regierung sind, man wird eh nur belogen und betrogen.
Am Eingang der Halle bemerkt er eine Frau mit einem Paket unter dem Arm, die sich fragend in der Halle umsieht. Das muß das Paket aus der Mission sein.
Wie komm ich jetzt an das Paket und hoch an die Nebelwerfer, ohne daß der Schrank Verdacht schöpft?
“Wir sind in 10 Minuten fertig!”, sagt Marius dem Schrank-Mann und schiebt die Regler des Mischpults routinemäßig so hin, dass es irgendwie nachher nicht scheiße klingen wird. Sein Lehrmeister würde sich im Grabe umdrehen, wäre er schon unter der Erde. Dann, als der Security-Mensch sich gerade prüfend in der Halle umsah, geht er schnell zu der Frau hinüber und nimmt ihr wortlos den Karton ab, was der Mann glücklicherweise nicht mitbekommt. Besonders helle scheint der auch nicht zu sein.
Mit dem Karton läuft er durch die Halle und versucht dabei möglichst normal auszusehen. “Was ist denn jetzt?”, fragt einer der Musiker ungehalten. “Ich muss noch etwas reparieren, aber ich bin mit Ihnen auch soweit fertig, Sie können also gehen.”, gibt Marius zurück. Deppen fügt er in Gedanken hinzu.
Marius klettert seitlich auf eine der Leiter hinauf und geht auf dem Gerüst zur ersten Nebelmaschine.
“Hey, was machen Sie denn da?”, ruft der Security-Mensch mit einer unglaublichen Selbstherrlichkeit. Marius ist es schon lange gewöhnt derartig angeredet zu werden und er hat gelernt, seine Wut in Ecken seines Körpers zu verbannen, die selten frequentiert werden, um nicht auszurasten. “Ich muss noch eine Überprüfung durchführen.”
“Uns wurde zugesichert, dass an der Anlage, die von uns geprüft worden ist, nichts mehr verändert wird!”, ruft der Security-Mensch von der Bühne nach oben. Auch das noch. Er erinnerte sich an diese Scheißvereinbarung. Noch fünf Minuten, um den Typ loszuwerden.
“Natürlich halte mich daran, ich führe, wie gesagt, nur eine Überprüfung durch.”
Hoffentlich verzieht sich das Arschloch. Er machte aber bedauerlicherweise keine Anstalten dazu.
Da kommt Marius etwas, was er in seinem durch das Internet verursachten Englisch-Deutsch-Mischmasch als ‘mad idea’ bezeichnet hätte, denn ‘verrückte Idee’ taugt ihm nicht. Er erinnert sich nämlich an den Hauptschalter dieser Traverse. Klick. Es wird dunkel. Marius hört einen überraschten Laut aus dem Dunkel unten, aber keine Worte.
Erster Nebelwerfer. Auf. Leise. Behälter raus. Behälter rein. Zack – erster.
Auf. raus. rein. Zack – zweiter.
Auf. raus. rein. Zack – dritter.
Auf. raus. rein. Zack – vierter.
“Alles in Ordnung hier oben!”, ruft Marius.
“MISSION ACCOMPLISHED”, sagt das Handy.
Unter Marius breitet sich die plötzlich wieder erleuchtete Halle aus. Und in der Mitte der Halle steht der Schrank, die Hände in die Hüften gestemmt und blinzelt nach oben ins Scheinwerferlicht.
“Was zur Hölle war das denn gerade? Was machen Sie da oben?”
„Nunja, Sie wollen doch nicht, dass Ihrem Politiker ein Scheinwerfer auf den Kopf fällt, was?”
„Naja, eigentlich nicht, aber…”
„Na, eben”, schnitt Marius dem Schrank das Wort ab, „Dazu muss ich an der Traverse die Scheinwerfer und so überprüfen! Das geht geht halt bei einer stromlosen Traverse halt ganz gut”
„Aha, mh-hm”, machte der Schrank und glubschte fischartig zu Marius hoch, „Und was hat da so geklackt?”
Mist, das war der wunde Punkt. Doch Marius schaffte es irgendwie freundlich, „Ich habe noch Sicherheitshalber Leuchtmittel ausgetauscht.” zu sagen.
Das waren dann wohl endgültig zu viele Fachbegriffe für den Schrank. Er blieb stumm stehen.
Marius schnappte sich den Schlüssel und machte am FoH die Hauptschalter aus. Im Gehen rief er: „Kommen Sie? Ich muss zusperren bevor ich nach Hause gehe…”