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Gute Reise, Rififi
Nach wochenlanger Hitze beschließen wir unsere Runde im freundlicheren Klima an der namibischen Küste. Walvisbay und Swakopmund sind in den letzten Jahren explodiert. In Walvis hat ein internationaler Flughafen eröffnet, in Swakop gibt es jetzt sogar schicke Hippstercafés und einen Bio-Laden.
Außerdem fährt jeder Overlander mindestens einmal durch die Hauptstraße, so dass wir mehr Langzeitreisende treffen als in den letzten Monaten zusammen. Hier lässt es sich gut aushalten und die nächsten Abenteuer planen…
Im Niemandsland zwischen Sesriem und der Küste gibt es abgelegene Orte wie diese Höhle, von der man einen schönen Blick in die Umgebung und vor allem auf unseren LKW hat. Der Sternenhimmel ist nachts so klar, dass man die Sternbildern nur kurz nach dem Sonnenuntergang erkennen kann. Danach strahlt die Milchstraße mit ihren Millionen Lichtern so hell, dass die Leitsterne in der Masse einfach verschwinden. Wir beobachten Satelliten und Sternschnuppen, bis es im LKW kühl genug ist, um Schlafen zu gehen.
Solitär
Als wir 2011 zum ersten Mal nach Solitär kamen, gab es neben der Tankstelle noch einen dunklen Gemischtwarenladen, einen kleinen Campingplatz und vor allem das Cafe. Solitär war berühmter für seinen „besten Apfelkuchen Namibias“, als Helmeringhausen es sich je erträumen könnte. Für das Cafe und den Apfelkuchen war Moose zuständig, ein kräftiger Mann mit großen Händen, ein ausgezeichneter Bäcker und freundlicher Gastgeber. Leider verstarb er 2014.
In den letzten Jahren wurde Solitär dann langsam zum Touristennepp umgebaut. Der Apfelkuchen hat nur noch Industriestandard. In dem Restaurant, in dem man uns zwei rohe Hamburger serviert, prahlt der Besitzer mit seinen Plänen für die „Exklusive Weinkarte“. Der Gemischtwarenladen wurde zum touristischen Highlight deklariert und die Preise für die gleiche Ware vervierfacht. Für andere mag das funktionieren, wir verabschieden uns von Moose und Solitaire ohne den Wunsch, wieder zu kommen.
Fast alles Land, vor allem aber die eindruckvollsten Gebiete im südlichen Namibia sind fest in privater Hand. Da besitzt jemand viele, viele Quadratkilometer Land mit Bergen und Wüsten, gibt ihm einen Namen, macht einen Zaun drumherum, und dann darf da keiner mehr hin, außer wenn er bezahlt.
Bodo kommt gar nicht über diesen Zustand hinweg, als wir an der Straße das Tor zur Farm Namtib öffnen und die 13 Kilometer bis zum Farmhaus durch die schönsten Landschaften fahren.
Aber die Campsite ist wirklich schön.
Nur ein weiterer Sonnenuntergang ganz für uns allein.
So fahren wir keinen Meter mehr
Bei einer Pinkelpause mitten im Nirgendwo fällt Bodo auf, dass der Batteriekasten schief hängt. Sehr schief. „So fahren wir keinen Meter mehr“, ist sein Kommentar, und er wechselt in die Arbeitsklamotten. Immer ein schlechtes Zeichen. Und tatsächlich, alle 4 Bolzen, die den Batteriekasten inklusive der Bremsanlage halten, sind gebrochen. Theoretisch kann so etwas gar nicht passieren.
Zum Glück haben wir uns in Kapstadt mit Bolzen eingedeckt und können alles wieder befestigen. Nur ein paar Stunden Arbeit. Wären wir aber ahnungslos weiter gefahren und der Kasten hätte sich mit Batterien und vor allem Bremsleitungen mitten auf der Piste verabschiedet…
Glatt abgerissen. Wie auch immer so etwas geschehen kann…
Für Kaiser, Reich und Krone
Die Stadt Gibeon hat eine bewegte Geschichte, vom zweifelhaften Ruhm, die größte Pockenepidemie direkt nach Gründung überlebt zu haben, über die wechselvolle politische Geschichte der Witbooi-Familie (aktuell auch der lächerliche Streit um die Peitsche) bis zu zentralen Schlachten während des Deutsch-Südafrikanischen Kriegs.
Auf dem Soldatenfriedhof hier liegen sie alle beinander, die sich gegenseitig getötet haben für Kaiser, Reich und Krone. Ich habe mich ein wenig in die Schlacht um Gibeon am April 1915 eingelesen. Unverständlich und schrecklich ist das für jemanden wie mich, der noch keinen Krieg mitmachen musste. Divisionen schlagen sich durch den dornigen Busch und vermuten nur, wo, wie stark und wie entschlossen der Gegner ist. Die Deutschen hatten gesiegt und feierten, als die unerwartete und stärkere Nachhut der Briten anrückte. Zurück bleiben Grabsteine in Reihen.
Der beste Apfelkuchen
Helmeringhausen ist eigentlich keine Stadt, sondern eine Farm mit einer Tankstelle, einem Laden, einem Hotel und 11 permanenten Einwohnern. Ein Deutscher namens Hester erwarb die Farm 1919, nachdem er in der Schutztruppe gekämpft hatte und danach in Namibia bleiben wollte. Und obwohl er nicht zurück nach Haus wollte, gab er der Farm den Namen seiner Geburtsstadt.
Helmeringhausen lag mitten im Nirgendwo, die nächste „größere“ Stadt Bethanie war 80 Kilometer oder 4 Tagesreisen entfernt. Trotzdem fuhr Hester, so die Geschichte, in den ersten Jahren nach der Gründung zweimal die Woche nach Bethanie, um Waren und Post zu transportieren. So etablierte er seine Farm als Zentrum für umliegende Farmen und Durchreisende. Das hat sich bis heute nicht geändert.
Ein Schild verspricht den besten Apfelkuchen Namibias. Damit locken einige Orte hier in Namibia und wenn wir in der Nähe waren, sind wir auch immer darauf reingefallen. In Helmeringhausen ist der Apfelkuchen das Zentrum, um den sich Tische im Garten, ein Shop mit T-Shirts sowie eine Speisekarte mit ausführlichen Erklärungen zur Geschichte sammeln. Sogar ein einheimischer Koch mit weißer Uniform sonnt sich müde vor dem Haus und erwartet unser Urteil. Der Helmeringer Apfelkuchen ist teuer, sehr süß und schmeckt wie ein Rezept aus dem Kochbuch meiner Oma, in dem vor allem mit Zucker und Margarine gebacken wurde. Bodo vermisst die Rosinen, ich den Zimt. Insgesamt trotzdem nicht schlecht.
Über den Koch muss ich noch länger nachdenken. Da hat er diesen einen Apfelkuchen gelernt. Vielleicht mag er ihn sogar. Das Geld der Touristen, die für einen Apfelkuchen einen vollen namibischen Tageslohn hinlegen, nimmt er natürlich gerne. Aber als einheimischer Namibier muss ihm das Deutschtum mit allen Eigenarten doch fremd sein, diese Entschlossenheit, dieses Getriebensein. Wir Deutschen erwarten eine weiße Kochschürze, dann trägt er eben eine weiße Kochschürze, was bei dem Sand hier nicht viel Sinn macht. Es gibt keine Kommunikation hier, keinen Austausch. Mit dem Rezept des Apfelkuchens steht die Zeit still im Kolonialismus, für beide Seiten.
Die Kalahari ist eigentlich keine Wüste, denn dafür bekommt sie zu viel Regen ab. Jetzt, im Hochsommer, sind die Temperaturen aber wirklich wüstenhaft. Nach langer Trockenzeit kündigt sich der erste Regen an, in wilden Wolkenformationen, Stürmen und Gewittern. Regenmassen kommen herunter, aber nur auf kleinen Gebieten, die dann überschwemmt werden, weil der Boden diese Wassermassen gar nicht aufnehmen kann. Das ist eine gute Zeit für die Tiere, weil sie Wasser und Futter finden, aber auch eine gefährliche, wenn sie von plötzlichen Überschwemmungen überrascht werden.
Das Letztere gilt auch für Camper und man muss wissen, dass sich auch Flussbetten fernab der Regengüsse schnell füllen können. Wir haben gestern nacht einen Regenguss und ein großartiges Gewitter sicher abgesessen, aber am heute morgen ist die Straße noch kilometerweit überschwemmt.
Für diesen Oryx liegen die Löwen genau zwischen ihm und dem Wasserloch. Was tun? Eine Stunde lief er nervös von rechts nach links, kam aber nicht näher. Dann fing er an zu röhren, um die Löwen zu einer Reaktion zu bewegen. Vergeblich. Am Ende rückte er ab, durstig.
Der nächste Teil meiner neuen Reihe: Die Wahrheit über Afrika.
Solche Autogruppen in Nationalparks weisen immer auf Löwen (oder Leoparden, Geparden, Hyänen etc.) hin. Diese Löwen hier entspannten sich stundenlang voll gefressen im Schatten der Akazie und ließen sich durch nichts stören, auch nicht durch Touristen, die sie gnadenlos umzingeln.
Dieser Mann zielt mit einem 800er Tele auf den Löwen, der vier Meter vor ihm liegt. Was er wohl fotografiert: Fleischreste zwischen den Zähnen? Flöhe im Ohr? Wir wissen es nicht.
Da liegen sie, ein Löwe und zwei Löwinnen, im Schatten einer Akazie, lecken sich das Blut ihres letzten Opfers vom Fell, recken und strecken sich, schlafen. Vieles im Verhalten der Löwen ist uns von unserer Katze so vertraut, aber die typische Hauskatzen-Lässigkeit kommt bei ihnen eher als Herrscher-Ignoranz rüber. Sie strahlen Kraft aus, und Gefahr.
Gefährliche Tiere am Wegesrand
Morgen möchten wir in den Kgalagadi Nationalpark, der berühmt ist für seine vielen Löwen. Heute Abend bleiben wir aber noch auf einer Campsite direkt vor den Parktoren und sehen schon eine Menge gefährlicher Tiere.
Eine junge Leoparden-Schildkröte sprintet vor uns über die Straße, aber wir können noch ausweichen. Und sie sicher über die Straße tragen. Trotzdem ist sie empört und zischt wütend.
Horden von Buschhörnchen haben die Straßenränder in einen Schweizer Käse verwandelt. Sie beherrschen die Kunst, die Zeit anzuhalten oder zu beschleunigen, denn man sieht sie entweder stocksteif oder als Blitz im Augenwinkel.
Mangusten sind selbstbewußt, neugierig und immer fassungslos über unsere Katze. Sobald sie sich gegenüber stehen, ist unsere Katze recht entspannt, während die Manguste droht, schimpft, lockt, schnattert und Gesichter zieht.
Zwischenstopp Koës
Koës ist eine Tankstelle und drei in der Hitze leer gefegte Straßen. Einmal im Jahr treffen sich DIY Ralley Fans zur ziemlich verrückten Pan Rally. Ansonsten ist der Ort recht leblos.
Wir fahren im Schritttempo durch das gleißende Mittagslicht und suchen den Käsekuchen, den es nach einem Tipp von Giel, dem Farmer, hier irgendwo geben soll. Wir müssen dem einsamen Pferd auf der Straße folgen, stellt sich heraus. Es führt uns zu einem Haus mit grünem Garten, Hunden, Katzen, Vögeln - und Käsekuchen.
Ein zahmes blaues Rosenköpfchen akzeptiert Bodo als neuen Freund und inspiziert sorgfältig jedes Barthaar in seinem Gesicht. Auf den Boden gesetzt, damit wir Kuchen essen können, zerstört er sorgfältig Bodos Schnürsenkel. Ein sympathischer kleiner Plagegeist und ein schöner Stopp am Nachmittag.
Wie gut, dass die Dünen der Kalahari so rot sind. Wir fahren an einer Menge von Lodges vorbei, die darauf zurück greifen konnten, der „Kalahari Red Dunes Logde“, dem „Red Dune Camp“ und den „Red Dunes Safaris“. Für 350 Euro pro Nacht bekommt man: „Eine beruhigende, liebliche Stimmung geht von der Kalahari Red Dunes Lodge aus. Unaufgeregt und herzlich zieht Afrika Sie hier in seinen Bann. Es scheint das Flair Afrika- Safaris vergangener Jahrhunderte über der Landschaft zu liegen. Erleben Sie die Kalahari. Die Kalahari Red Dunes Lodge ist ein besonderer Ort – lassen Sie sich verzaubern.“
Wir finden einen schönen Platz mitten in den Dünen, kochen was leckeres und erleben die Kalahari ganz für uns alleine.
Der Mesosaurus
Ein ist ein heißer Tag im Sommer 1988. Der Farmer Giel Steencamp fährt über seine Farm westlich vom namibischen Keetmannshoop und kontrolliert die Wasserrohre. Mit dabei ist sein kleiner Sohn, der durch die Gegend streunt, wenn sein Vater beschäftigt ist. An diesem Tag findet er einen merkwürdigen Stein mit einem Riss und erkennbaren Formen. Er bringt den Stein zum Vater, der ihn gegen einen anderen Stein klopft. Nun hat Giel zwei Hälften in der Hand, auf jeder ein gut erkennbarer Skelett-Abdruck eines ihm unbekannten Tieres.
Da Gils Bruder im südafrikanischen Stellenbosch an der Universität als Biologe arbeitet, schickt ihm Gil den Stein. Er solle doch herausfinden, um was es sich hier handele. Der Bruder findet einen Fachmann, der das Skelett als Mesosaurus identifiziert.
Stolz erzählt uns Giel heute, wie es anhand dieses Fossils gelang, die These der Kontinentaldrift, die Grundlage der Plattentektonik zu beweisen und damit auch die Existenz des riesigen, früheren Gesamtkontinents Gondwana.
Der Mesosaurus hat der Familie Glück gebracht. Das Farmland kann keine zwei Familien unterhalten. Als der Sohn nach dem Studium zurückkehrte, investierte er in Tourismus, baute kleine Gästehütten, einen entlegenen Campingplatz mitten in der Wildnis (für so Verrückte wie uns) und nannte das Ganze Mesosaurus Camp. Reisegruppen und Experten aus der ganzen Welt lassen sich nun von Giel die Fossilien der Farm zeigen, und seine Gästebücher sind voll zufriedener Gäste, inklusive uns.