"Adios, guapa/linda/rica/flaquita/jovencita/mamacita"
Das höre ich und alle Frauen in Nicaragua tagtäglich, hinzukommen Gepfeife, Geschmatze, Luftküsse. Was beschrieben nur halb so schlimm klingt, ist eine tägliche Tortur, eine Farce und an manchen Tagen einfach nur ätzend bis hin zu Gedanken wie: "Ich hau dir eine rein/ Warum hab ich kein Pfefferspray/ Wo ist die Machete aus dem Garten?/ Hat Papa die Revoluzzerkalaschnikov noch?". Ich übertreibe hier ganz bewusst aber es soll verdeutlichen, dass Frauen auf der Straße ständig (und mit ständig meine ich ständig) den Anmachen und Sprüchen der Männer ausgesetzt sind. Es wird selten Handgreiflich, aber es passiert, auch mir.
Wie also reagieren? Was unternehmen? In der Regel begegne ich all den Anmachen mit Ignoranz und geh einfach weiter, manchmal ist es jedoch dermaßen widerlich (und dummerweise kann ich so gut Spanisch, dass ich es verstehe), dass ich reagieren muss. Warum? Wegen mir und für mich. Ich kann und will nicht immer meine Klappe halten, ich weiß, dass es das Problem nicht löst, aber ich fühle mich nicht mehr so beschmutzt und gedemütigt von ekligen Männerfantasien, wenn ich reagiere. Meine Reaktionen sind keineswegs intellektuell und schön artikuliert, sie reichen von "Cállate" (Halt's Maul), "Lárgate" (Hau ab) bis hin zu unschönen deutschen Wörten, die mir in meiner Wut oft schneller einfallen als das spanische Pendant.
In der Regel sind viele Männer überrascht, dass sie eine negative Reaktion bekommen, einige sind dann auch einfach still (leider die Minderheit). Die meisten fühlen sich erstrecht herausgefordert, kann ja nicht sein, dass eine Frau sie auf der Straße anpisst, nur weil sie gesagt haben, dass sie bestimmt gut schmecken würde. Obwohl es die ursprüngliche Situation oft noch verschlimmert (erst diese Woche war einer kurz davor handgreiflich zu werden, weil ich ihn lautstark beschimpfte), fühle ich mich besser.
Ich habe keine Ahnung, ob meine Art mit den Machos hier umzugehen richtig ist, ich habe lange darüber nachgedacht. Bei meinem Aufenthalt 2006 habe ich mir alles angehört und ich habe für mich entschieden, dass es Grenzen gibt. Wenn einer versucht handgreiflich zu werden ist solch eine Grenze überschritten und wenn einer eindeutig sexuelle Anspielungen macht ist die Grenze ebenfalls überschritten. Manchmal ist es auch einfach der Tonfall, der das Fass zum überlaufen bringt.
Trotz allem schränke auch ich mich ein, denn ich kleide mich anders als ich es in Deutschland bei 30°C tun würde. Röcke/Kleider mindestens Knielang, keine kurzen Hosen, keine tiefausgeschnittenen T-Shirt. Ich habe den Selbsttest gemacht. Kurze Hose, einfaches, weites T-Shirt: Anmachen auf einer Strecke von etwa 15 Minuten und zurück nach Hause: gefühlte 300. Lange Jeans und T-Shirt, selbe Strecke: etwa 10 Anmachen. Um mir das Leben nicht noch schwerer zu machen schwitze ich dann eben und muss sagen, dass es das wert ist.