Das Ende...
Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende. - Oscar Wilde
Flora hat auf ihrem Blog https://wodiekaenguruswohnen.wordpress.com/ ĂŒber ihren Auslandsaufenthalt in Australien so tolle und zutreffende Worte gefunden, dass ich es mir erlaubt habe, sie fĂŒr die bestmögliche Beschreibung meiner eigenen Erfahrungen zu verwenden. Lange, lange habe ich diesen Eintrag vor mir hergeschoben. Denn es wird der letzte sein. Und ich mag das AbschlieĂen nicht, das er impliziert. Klar, fĂŒr mich wird es keinen so endgĂŒltigen Schluss geben wie fĂŒr den GroĂteil der anderen Freiwilligen. Ich bleibe in Strasbourg, wurde dort an der Uni zugelassen und werde ab Herbst anfangen, Psychologie zu studieren. Aber dennoch⊠Das FAM werde ich verlassen mĂŒssen. Besuche sind angekĂŒndigt, aber es wird nun einmal nicht mehr dasselbe sein. Viele liebgewonnene Menschen werde ich dann nicht mehr auf tĂ€glicher Basis sehen. Das muss den Freundschaften nicht schaden, aber es ist schade. Denn mein Dienst zeigte mir, dass es tatsĂ€chlich nicht wichtig ist, an welchem Ort wir uns befinden, wenn nur die Menschen stimmen. Wohl fĂŒhle ich mich dort, wo es die offensichtlichen Seelen gibt â jene, denen man ihren einzigartigen Charakter förmlich ansehen kann, die einfach ehrlich und integer sind. Dazu zĂ€hle ich meine Kollegen und die anderen Freiwilligen, aber vor allem auch die Bewohner. Und auch ich hatte das GlĂŒck, auf diese Weise zu leben zu dĂŒrfen, weil der Umgang mit ihnen es mir erlaubte. Vorgespult im Leben finde ich mich in einem neuen Heimatland wieder und ein ungeahnter Ort und ein BĂŒndel neuer Menschen fangen mich auf. Ich sehe mich um, nur um plötzlich zu bemerken, dass ich jeden Tag genieĂe â weil ich mittlerweile LebenskĂŒnstlerin bin, gewissermaĂen, und gelernt habe, mich ĂŒberall zu Hause zu fĂŒhlen und jeden Menschen zu Freunden und Familie zu machen. Absurderweise hat das, was sich hier abspielt, nicht immer etwas mit Frankreich zu tun. Nicht direkt jedenfalls, dies ist nicht nur die Kultur eines Landes, dies ist vor allem die Kultur einer Spezies, Freiwillige genannt und wir haben uns unsere BĂŒhne hier nur gefunden. Wir kommen von ĂŒberall her, laufen zusammen wie energiegeladene Murmeln und hĂŒpfen hoch, haben Durst auf ErfĂŒllung und GlĂŒck, Freiheit und sind voll von Ăbermut. Wir sind die noch Suchenden, denen daheim etwas fehlte, dessen AusmaĂ in Ferne gigantischer wird, als je geahnt. TĂŒren öffnen sich, die waren vorher unsichtbar. Dazuzulernen ist kein Zufall, sondern Alltag, bunte Kessel tauschen ihre kochenden Funken. Tausend Menschen kennengelernt, Millionen Geschichten erzĂ€hlt und nahegelegt, Kulturen getauscht, Gedanken verdreht und gesponnen, fortgefĂŒhrt und verinnerlicht. Gesichter geprĂ€gt, Freunde gefunden. Eine Ansicht jagt die nĂ€chste und jeder Mensch gibt sich vor allem so, wie er ist. Daheim ist man nur unter Vertrauten, aber man bleibt bei dem stehen, was man miteinander teilt, Entwicklung wird bisweilen in AnsĂ€tzen unterdrĂŒckt, aus Angst, etwas Bekanntes zu verĂ€ndern und das GefĂŒge zu zerstören. Ich glaube, dass wir dadurch zu Hause auch vor uns selbst unbemerkt manchmal VerĂ€nderung verstecken, unterlassen, verleugnen, damit wir der Erwartung an uns entsprechen. Hier herrscht die Freiheit, einfach vollkommen ehrlich zu sein, nichts ist zu verlieren und die Menschen lernen sich genauso kennen, wie sie sind. Ich begreife nun, dass jeder Mensch hier wunderbar ist, ich habe gröĂtenteils an Ăberheblichkeit verloren und höre zu â die Geschichten der Menschen scheinen unfassbar, mein Auge wird geweitet und ich lerne dazu. Das Ausland macht uns am freisten, denn die Erwartungen an uns selbst, von innen und auĂen, schwinden. Bilder tauchen auf und verschwimmen und stellen Fragen, geben viele Antworten auch, und ich verstehe, wie man durch die Distanz, die man zu sich selbst und den heimatlichen Mustern durchs Reisen gewinnt, alles besser versteht, worin man verwickelt ist. Nun sehe ich, dass ich weiterkomme. Habe die ganze Zeit schon gewusst, dass ich mich verĂ€ndere auch, doch jetzt fĂ€llt mir der eigene Fortschritt auf und ich werde trotz allem Austoben, dass hier gröĂer ist, als noch daheim, und freier, erwachsen. Wir stimmen hier ĂŒberein, wer kann es uns je wieder nehmen?! Das âvolle Lebenâ war Floskel und nimmt Gestalt an; was wie ein Traum wirkt, selbst nach Monaten, ist wahr! Wir werden high von dem Gedanken. In Fluten zu thronen fĂŒllt Herzen, die Seligkeit wird hochgeschĂ€tzte Konstante und die einzige Angst besteht darin, das GefĂŒhl zu verlieren. Ausgerechnet jetzt wird alles bald ein Ende haben. Wie sehr wir uns lieben wird nun mehr gewahr, da wir uns wieder verteilen, wir schwemmen auseinander und begreifen das Unbegreifliche. Es geschieht und vergeht, es wird sich danach zurĂŒckgewĂŒnscht. Mit groĂen Augen und Erstaunen haben wir irgendwann festgestellt, dass jeder Einzelne Begeisterung verspĂŒrt ĂŒber die AtmosphĂ€re, die wir schufen. Niemand kann benennen, was wir erlebten. Zusammen erlebten wir unfassbare Zeiten. GroĂartiges GlĂŒck. Formten die Welt, sodass sie perfekt war. Wir stimmen darin ĂŒberein, dass wir das nie vergessen. Dass wir Geschichten weitertragen, die neidisch machen und nach denen wir uns selbst wieder die Lippen lecken, wenn wir uns ihrer erinnern. Die VerrĂŒcktheit mancher Momente wird jetzt erst bewusst. Und das Wunder wird bestaunt, in dem wir ein KloĂ von sich liebenden Menschen waren, die einander und das so geteilte Leben nicht mehr lassen wollten. GeflĂŒgelte Worte entstehen und in den Liedern sehe ich noch immer uns alle auf dem BĂŒrgersteig und in Parks, in den StraĂen von Strasbourg und hochgehobenen TrĂ€umen. Denke an die Runden, die Musik, die GesprĂ€che, den Wein, die Zigaretten, die Gedanken, die TĂ€nze, die Mahle, die Scherze, die gekreuzten Beine und lehnenden RĂŒcken. Ich weiĂ genau, wie jeder Einzelne lacht, wie wir aneinander kleben in Gedanken und ich bin dankbar fĂŒr das Vergangene. Es war das Ăbereinstimmen jung-alter Menschen in VerrĂŒcktheit, das Zusammentreffen jener SehnsĂŒchtigen, die die Ferne lieben. Nicht die rein geographische Ferne, sondern die geistige, in der man frei ist von allem Bekannten und allen Regeln, frei von der Gesellschaft, frei von allen Vorurteilen, frei von jeglichem Verhaltenskodex, frei von Sorgen, frei von Zukunft. Es lebe der Moment, es leben die Collagen Ă€hnlich gesinnter Seelen! In guter Hoffnung und Zuversicht sage ich mir jedoch: letztlich sind es immer die Menschen und ihre Taten, die eine Zeit gestalten. Wenn man seinen Weg weiterhin so geht, wie es sich richtig anfĂŒhlt, wird all das, was man liebt, automatisch folgen. Ein Hoch auf die Erinnerung, sie wird bestehen, ein Hoch auf die kommende Zeit! Auf dass es gut wird!










