gestern beim equality festival. so viel zu erzählen und ganz schwer ist das in Worte zu fassen. eine bisexuelle Freundin hat mich eingeladen. es war ursprünglich als fröhliches event geplant, das in zwei bekannten bars/restaurants/clubs stattfindet. sehr gemütliche, bekannte locations, nichts schrilles. es war geplant filme zum Thema Homosexualität zu zeigen und Diskussionen zu führen. auch ein abschidedsparty war geplant und es stand siecher noch mehr am Programm, aber ich hab mich nicht erkundigt. ich wollte hin und für die studentenzeitschrift eine Reportage über Homosexualität in lviv schreiben, weil ich bemerkt habe, dass ich einerseits einen sehr offenen Freundeskreis habe, andererseits manche Studenten dem Thema sehr konservativ gegenüberzustehen scheinen.
ich hab in den tagen davor von einer Kollegin, die mit mir diesen Artikel schreiben will, gehört, dass die locations abgesagt haben und es einen druck gibt, von Seiten der Kirche und einiger Politiker, das festival abzusagen. die Veranstalter haben es dann doch durchgezogen. und das obwohl der Stadtrat ein Gerichtsverfahren (im schnelldurchlauf) gegen olena schevtschenko (die Organisatorin und Leiterin der NGO “insight”) gewonnen haben. das urteil war, dass das festival nicht stattfinden darf. trotzdem wurde eine location gefunden, die das event unterstützte, sie wurde allerdings bis zum letzten moment geheimgehalten.
ich war dort, aber ich kam zu spät, weil ich erst im Nachhinein von der location erfuhr. als ich ankam, waren draußen sicher schon über 50 maskierte Hooligans. drinnen waren wir 30. später waren wir ca. 35 drinnen, draußen laut medienberichten 200. es wirkte nicht wie ein individueller protest. ich habe schon Demos in der ukraine gesehen und wie überall findet man dort die unterschiedlichsten Leute. es gibt Banner und bestimmte dinge für die man steht, was auf den Bannern steht. aber das war anders. maskierte Hooligans. junge Männer, keine Banner. lange sind sie nur herumgestanden, um das hotel sind sie gezogen. es hat gewirkt, als sollte es wirken, als ob sie es stürmen wollten, aber wenn sie es wirklich wollten, warum haben sie es nicht getan? es wirkte organisiert. ein persönlicher Eindruck, der auch von meinen ukrainischen Freundinnen geteilt wird. so etwas gibt es hier nämlich. Armut, perspektivenlosigkeit und natürlich auch eine generelle Abneigung gegen schwule.
naja, die Geschichte geht noch weiter. wir waren jedenfalls 35 in einem kleinen gläsernen Seminarraum im Erdgeschoss. nur diese komischen vorhänge, die in Wahrheit solche dicken stoffrechtecke sind, die man drehen kann, verdeckte unseren direkten blick auf die Meute. angespannte Stimmung, aber man hat sich so gut es geht nichts anmerken lassen.
eigentlich wäre es ohne die Hooligans ein sehr langweiliger event gewesen. ein Kurzfilm über coming-outs. eine doku über “die 5 Geschlechter” in Indonesien. danach eine Diskussion mit Müttern von homosexuellen. nichts schrilles, weltbewegendes, provokantes. in meinen augen. aber jeder hat da natürlich einen anderen blick darauf.
der Leiter einer NGO in Kyiv erzählt mir eine Geschichte. sie haben ein Klubhaus und als dort eine Veranstaltung stattfindet, stürmen 3 maskierte Männer das haus. sie durchschlagen ein Fenster und stehen plötzlich im Raum. und dann blicken sie die Leute verdutzt an. und die Leute blicken verdutzt zurück. zwei der drei laufen weg. der dritte wirft eine rauchbombe, aber davor schaut er noch mal verdutzt und dann läuft er schnell weg. er hat nicht damit gerechnet, dass wir ganz normale menschen sind. dass wir Kinder haben, die auch auf den Veranstaltungen sind. das erzählt mir dieser typ.
wir müssen derweil den Standort im hotel ändern. wir fahren mit dem lift in den obersten stock des hotels. einen schönen Ausblick gibt es dort und es ist auch lustig auf die Meute herabzublicken.
wir sitzen in einem riesigen Konferenzsaal, in dem die Gruppe noch kleiner wirkt als sie eigentlich ist. die Diskussion wird mit der zweiten Mutter fortgeführt. sie fragt: gibt es hier jemanden, der ein coming out machen will? meine Freundin hebt die hand. es wird diskutiert, was sie machen soll. sie kommt aus einer sehr traditionellen Familie. wir kommen nicht mehr dazu, mehr zu hören. die dritte Mutter kommt überhaupt nicht mehr dazu, ihre Geschichte zu erzählen. uns wird gesagt, dass wir wieder den Standort wechseln.
wir stehen kurz darauf im restaurant des hotels. kein Hotelgast zu sehen, aber die Kellnerinnen decken die tische. meine Freundinnen und ich jammern über unseren Hunger. okay, hauptsächlich bin ich es, die jammert. ich erfahre von den anderen, dass wir evakuiert werden. es hat eine Bombendrohung gegen das hotel geben. die Evakuierung wurde schon vorbereitet, wir müssen nur möglichst schnell raus und in zwei militärbusse steigen, die dort warten. keine Fotos machen, nicht lange umsehen. nur einsteigen. die situation wurde von einem Journalisten gefilmt, ich werde den link vielleicht später reinstellen. wir wurden also in die Busse gepfercht, wobei von einer echten Evakuierung keine rede sein kann, weil die Kellner und das personal vor Ort nicht gegangen sind. es ist eine Farce, aber allen ist das klar. wir sind unerwünscht. die Polizei schirmt die Meute ab, aber wie wir später hören, wird niemand verhaftet. sie werden auch nicht daran gehindert, unsere Busse mit steinen und rauchbomben zu bewerfen. in der zeitung wird später auch etwas von Feuerwerkskörpern stehen, aber das glaube ich nicht. es hat geknallt und es war gruselig. wir sind zusammengekauert im gang des Busses gesessen. die vorhänge waren zugezogen. aber es war auch alles absurd. niemand dachte, dass die uns wirklich töten wollen. sie wollten uns angst machen. und auch das haben sie nur teilweise geschafft. viele Leute im bus scherzen. lustigerweise scherzt die Miliz, die uns beschützt, mit. wir fahren zu einem geheimort, von wo wir in Zweiergruppen “entlassen” werden. wir müssen uns erst orientieren, wo wir sind und fahren dann zu einer der Freundinnen. wir bestellen Pizza und scherzen weiter: zu ihrer silvesterfeier, meint eine Freundin, wären mehr Leute gekommen. gut, dass das diese Hooligans nicht wussten, scherze ich. und trotzdem wissen wir alle, dass das alles nicht wirklich lustig war. auf facebook posten schließlich auch ca 35 Hooligans ein Foto, das sie mit Hitlergruß zeigt.
meine blase ist geplatzt. ich weiß nun umso mehr zu schätzen, dass ich mich in einem sehr offenen Freundeskreis bewege.