Zwei Kinder & eine Mama unter Schlafmangel, oder: Gelassenheit im Trotzalter ist eine hohe Kunst
Bevor ich selbst Kinder hatte, habe ich mich immer über diese grantigen Mütter gewundert, die man so auf der Straße und im Supermarkt sieht. Die, die so total entnervt an ihren Kindern zerren („komm, gemma weiter!“) oder mit ihren plärrenden Zöglingen schimpfen. Dann vor ein paar Wochen war es so weit: Ich, mit schreiendem Glücksbaby am Arm, hab ganz laut mit dem Glückskleinkind geschimpft, weswegen habe ich vergessen. Plötzlich fühlte ich mich wie diese Mama aus „Malcom mittendrin“ (kennt die Serie noch jemand?), die einfach immer nur schreit mit ihren Söhnen. Immer! Und noch dazu in diesem schrillen Mama-Ton. Pah, die hab ich nie ausgehalten, diese Frau. Und nun hatte ich mich in sie verwandelt!!!! Das war ein riesiger Schock kann ich nur sagen. Am selben Tag bin ich glücklicherweise über ein Buch gestolpert, das mir das Glücksmama-Leben gerettet hat, zumindest habe ich es bei der Lektüre so empfunden: „Das Trotzalter: Rat für Eltern in Schwierigen Zeiten“ von Gertrud Teusen aus dem Urania Verlag. Die Autorin beschreibt in ihrem Buch viele Situationen mit Kleinkindern im Trotzalter und gibt wertvolle Tipps, wie man Wutanfälle bei Kindern schon vorweg umschiffen oder zumindest besser verstehen und dadurch auflösen kann.
Zum Beispiel sagen Kleinkinder in der Trotzphase sehr oft nein. Alles, was Mama oder Papa vorschlagen, erbitten oder befehlen wird mit einem lauten „NEEEEEIIIIIIIIIIINNNNN!!!“ quittiert. Teusen schreibt dann, dass man sich als Mutter oder Vater einmal vor Augen halten soll, wie oft man oder frau selbst das Wort nein am Tag verwendet, wenn das Kind etwas will. Und dass es ganz natürlich ist, dass sich das Kind bei so vielen Regeln und Verboten auch mit diesem Wort abzugrenzen versucht. Das ist logisch, aber darauf muss man erst einmal kommen! Ich habe dann nachgedacht, wie oft ich nein sage. Das fängt schon vor dem Frühstück an, intensiviert sich am Nachhauseweg von der Krippe (StoPP, da ist die Straße!) und hört erst auf, wenn das Gl ückskleinkind die letzte Gutenachtgeschichte als die wirklich letzte Gutenachtgeschichte akzeptiert und sie nicht noch fünf Mal hören will.
Teusen ermuntert Eltern, ihre Vorstellungen über Bord zu werfen (So quasi: Stellen Sie Ihre Designer-Couch in den Keller oder akzeptieren Sie Flecken ohne Kommentar) und sich wirklich auf ihr Kind einzulassen und sich als dessen Komplize und nicht als Widersacher zu verstehen.Ein wahrer Schatz ist dieses Buch! Mit vielen Fallbeispielen, bei denen man sich als Mama oder Papa oft ertappt fühlt. Kurz zusammengefasst: Love is the answer. Und nicht zu viele Regeln, die merkt sich ein Kleinkind sowieso nicht.
Ergänzend dazu kann ich das Buch „Mit Kindern wachsen: Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie“ von Jon und Myla Kabatt-Zinn aus dem Arbor-Verlag empfehlen. Der Autor ist Achtsamkeitstrainer und hat in den USA das Zentrum für MBSR – mindfulness-based stress reduction – gegründet und seine Frau Myla ist Hebamme. Gemeinsam haben sie drei Kinder großgezogen und ihre Erfahrungen in das Buch einfließen lassen. Auch diese Lektüre hat mir zu mehr Gelassenheit verholfen und mir die Augen geöffnet. Die Überschrift eines Unter-Kapitels – „Eltern sein ist die volle Katastrophe“ – hat mich gleich magisch angezogen. Hier werden die umwälzenden Veränderungen beschrieben, die mit der Geburt eines Kindes passieren: Chaos, Stress, keine Zeit für sich oder andere, ständige Selbstzweifel, nie enden wollende Besorgungen und Aufgaben, Lärm und viele Gelegenheiten, bei denen man sich alt, überfordert und unwichtig fühlt. Gleichzeitig aber ist man plötzlich auf eine ganz neue Weise mit seiner Umwelt und dem Universum verbunden und sieht zwischenmenschliche Belange in einem neuen Licht. Jon Kabat-Zinn vergleicht Kinder mit Zen-Meistern, beide können uns vieles lehren, wenn wir bereit dafür sind. Ganz wie in der Meditationspraxis beginnt man täglich, ja sogar in jedem Augenblick, von Neuem mit der Achtsamkeit. Es werden viele Parallelen zwischen der Meditation und dem Leben mit Kindern gezogen, und interessanterweise helfen Zen-Buddhistische Weisheiten in beiden Sphären. Somit bietet dieses Buch einen spirituellen Hintergrund zum Thema „Trotzphase“ bzw ganz allgemein zum Leben mit kleinen und großen Kindern.
Das dritte Buch im Bunde ist eines für den kleinen Trotzkopf: „Der Dachs hat heute schlechte Laune“ von Moritz Petz und Amélie Jackowski aus dem NordSüd Verlag. In diesem wunderschön illustrierten Bilderbuch lernen Kinder und Eltern, dass jeder einmal schlechte Laune hat und das auch völlig okay ist, wenn man sie nur nicht an anderen Leuten auslässt. Sonst haben die dann nämlich auch schlechte Laune und spielen den Ball wieder zurück. Das Buch vom Dachs, der seine schlechte Laune verbreitet, ist bei Klein und Groß sehr beliebt, wird in vielen Krippen und Kindergärten vorgelesen (so auch in unserer Krippe) und als moderner Kinderbuchklassiker gehandelt. Zurecht! Unser Glückskleinkind liebt es und sogar Omama ist ganz begeistert.
Hier noch einmal mein persönlicher Must-have-Kinder-Trotzphase-Dreierpack:
Gertrud Teusen. Das Trotzalter: Rat für Eltern in Schwierigen Zeiten. Urania Verlag, 2009.
Jon und Myla Kabat-Zinn. Mit Kindern wachsen: Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie. Arbor Verlag, 2015.
Moritz Petz, Amélie Jackowsky. Der Dachs hat heute schlechte Laune. NordSüd Verlag, 2004.
Egal ob mit guter oder schlechter Laune, sogar die Trotzphase ist irgendwann vorbei!
P.S.: Unser Glückskleinkind ist nun aus der NEIN!-Phase in die DOCH!-Phase gekommen. Immerhin, es tut sich was!