MAINZ - Irgendwie spürt man sie heute noch, die noble Vergangenheit der Kaiserstraße. Der großzügige Straßenraum, die Aufweitungen an den Enden mit der Christuskirche als zentralem Blickpunkt – die Achse hatte den Namen Boulevard, wie sie bis 1888 genannt wurde, in der Tat verdient. Geblieben sind nach Krieg und Wiederaufbau aber nur der gewichtige Kuppelbau und die schiere Breite. Von Kaisers Zeiten mit ihrem wundervollen Stilmix von Gotik bis italienischer Renaissance künden zwischen Rhein und Parcusstraße gerade mal noch 16 Bauten.
Sage und schreibe 30 Jahre brauchte es, bis der Boulevard komplett bebaut war. Denn Mainz erlebte als eingezwängte Festungsstadt nur langsam den wirtschaftlichen Aufschwung, der sich dann aber in wachsender bürgerlicher Wohlhabenheit ausdrückte. Einhergehend mit dem Bau prächtiger Gebäude, wie sie eines Boulevards würdig waren.
Aus der Frühzeit steht nur noch das Haus Kaiserstraße 22/ Ecke Neubrunnenstraße, das 1877 für den Senf- und Liqueurfabrikanten Rombach erbaut worden war, während vom gleich alten Nachbarhaus 24 nur die Einfahrt mit einem reich ornamentierten Torgitter blieb.
Der Bombenkrieg hat fürchterlich gewütet. Oft gezeigt, aber immer noch erschütternd ist das Bild der brennenden Kuppel der Christuskirche, doch konnte das Gotteshaus 1954 wiedereröffnet werden. Ganz anders erging es den meisten Wohn- und Geschäftshäusern, bei denen der erste Band der Mainzer Denkmaltopografie gerade mal noch 16, oft nur noch teilweise erhaltene Gebäude für die Kaiserstraße aufführt. Und doch gibt es viel zu entdecken. Hier das besagte Torgitter, dort ein originales Türblatt, ein Treppenhaus, eine fassadenhohe Werbefläche, Erker, Türmchen, Fassaden im Stil italienischer Renaissance, dann wieder gotische Formen, etwas Jugendstil, manchmal beides vereint. Es lohnt, zu verharren.
Das Erwachen ist dann erschütternd genug. Schmucklose Wohnblockfassaden künden von der Eile, mit der in den frühen 50er Jahren Wohnraum für die Mainzer gebaut werden musste. Viele lebten da noch als Ausgebombte in Barackenlagern etwa im Park an Römerwall und Römerlager oder als Evakuierte im rheinhessischen Hinterland.
Da tat Eile not, und die Architekten hatten ohnehin keinen Sinn mehr für detailbeladene Fassaden. Mancher Hausbesitzer auch nicht, weshalb man am Hotel Mainzer Hof, das die Bomben überlebt hatte, den reichen Jugendstilschmuck abschlug. Gerade Linien, gern mit Rasterfassaden wie bei der Bundesbahn-Direktion (heute Sparda), das war der neue Stil – wenn der Bauherr Ambitionen hatte. Oft war das aber nicht der Fall.
Quelle: http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/der-boulevard_14897766.htm vom 2015-01-03













