Erwachsen sein ist scheiße
Was kann ich?
Kann ich überhaupt irgendetwas?
Wieso habe ich kein Talent, bzw. mein Talent noch nicht entdeckt?
In weniger als einem Monat werde ich 26.
Mit 18 bin ich zur Bundeswehr gegangen. Dort wollte ich Feldwebel werden. Bei den Jägern. Das ist niemand der Tiere tötet, das bedeutet einfach, dass ich größtenteils zu Fuß unterwegs bin und kämpfe. Also bin ich mit frischen 18 zur Bundeswehr gegangen und habe hochmotiviert mein Leben dort begonnen. Die Grundausbildung war hart, aber okay und machbar. Teilweise hat es auch wirklich Spaß gemacht. Man freundet sich dort schnell mit den Leuten an und schon ist alles gleich viel weniger hart.
Nach meiner Grundausbildung wurde ich versetzt. In meine Stammeinheit. Aus meiner Grundausbildungstruppe war ich die einzige die an diesen Standort kam und dementsprechend aufgeregt war ich. Die ersten Monate fielen mir schwer. Als fast einzige Frau nur unter Männern und dann auch noch in der kämpfenden Truppe. Nicht im Geschäftszimmer oder im Sanitätsbereich, sondern mit draußen. Da ich eben die erste dort war, wurde ich teilweise sehr unfreundlich aufgenommen. Einige Männer sagten mir direkt, dass ich dort als Frau nichts zu suchen habe und man mich in der Infanterie nicht wolle. Andere interpretierten mein Frau-sein als Einladung dazu, mir nachzustellen und zu erwarten, dass ich ja sowieso eine ‚Schlampe‘ sein müsse. Sonst wäre ich ja nicht zur Bundeswehr gegangen. Auf Dauer war mir das zu anstrengend, also gab ich den Titel ‚Feldwebelanwärter‘ ab und verkürzte meine Verpflichtungszeit somit von 12 auf 3 Jahre. Ich wurde dann beim ‚VU‘, dem Versorgungsunteroffizier eingesetzt und hatte zum ersten Mal seit meiner Grundausbildung wieder richtig Spaß. Meine Chefin dort im Büro war ebenfalls eine Frau, somit war ich schon mal vor dummen Sprüchen oder Anmachen sicher. Fast schwebte ich nach Dienstschluss auf meine Stube, weil ich kaum fassen konnte wie toll das ist. Meine Hauptaufgaben bestanden darin, morgens an die Männer Waffen auszugeben und diese abends wieder zurückzunehmen. Ich fuhr raus ins Gelände und teilte Verpflegung aus, ich forderte Material an und trug dieses zusammen und, und, und. Jedenfalls hat es Spaß gemacht. Geistig gefordert hatte es mich für meinen Geschmack zu wenig, also begann ich mein Abitur per Fernstudium nachzuholen. Kurz gesagt: alle 3 Monate kommt ein Paket mit zu bearbeitenden Lernheften. Diese reicht man online ein und bei ca. 50% bearbeitetem Lernmaterial wird man dann für die Abiturprüfung zugelassen.
Bei mir war es 2016 so weit. Mittlerweile hatte ich auch auf 8 Jahre bei der Bundeswehr verlängert und durfte ab Oktober 2016, vom militärischen Dienst freigestellt, ein Studium beginnen, sofern ich mein Abi bestand. Dies hatte ich geschafft. Also fing ich im Oktober 2017 an, an einer Universität zu studieren. Ein Studienfach, was, so wie ich dachte und so wie es beschrieben war, aus Germanistik bestand, nur eben etwas technischer aufgebaut war, damit man eben auch mit den digitalen Hürden des heutigen Zeitalters zurecht kommt.
Hochmotiviert und noch im Glückstaumel darüber, so wahnsinnig intelligent zu sein, ein Fernstudium mit einem Abi-Schnitt von 2,5(wurde schnell darüber belehrt, damit eher zu den Schlechteren zu gehören) bestanden zu haben. Dieser Taumel wurde nach 2 Wochen schon getrübt, als ich feststellte, mit dem Informatik- und Matheteil (welcher 99% meiner Zeit fraß), so gar nicht klar zu kommen. Im Februar dieses Jahres war es dann so weit. Die Klausuren. Informatik: 5,0. Mathe: 5,0. Grammatik: 5,0. Das läuft ja bei mir. Mathe war mir klar, Programmieren war zumindest nachvollziehbar und bei Deutsch dachte ich mir, naja, ich habe mich eben zu sehr auf die anderen Fächer konzentriert, da ist das etwas untergegangen.
Kein Problem, einen Monat später würde es eine Wiederholungsprüfung geben. Ich erfuhr nur leider erst 2 Wochen vorher von der Prüfung, aber auch das war kein Problem, so dachte ich. Ich erstellte einen Plan und lernte fleißig jeden Tag 4 Stunden mit den von uns im Seminar bearbeiteten Büchern, schrieb Zusammenfassungen, Karteikarten und fühlte mich extrem gut vorbereitet und konnte am Ende sogar alles auswendig. Als ich dann in der Prüfung saß, hatte ich tatsächlich gute Laune und fühlte mich noch immer super. Keine Spur von Prüfungsangst oder Sorgen. Ich war gut vorbereitet. Meine Motivation fürs Studium war neu erwacht und diese Woche startete ich ins neue Semester, mit dem Ziel, zum Wintersemester in das Fach Deutsch zu wechseln. Heute kam dann die Info, dass ich auch die Wiederholungsprüfung mit 5,0 abgeschlossen hätte.
Jetzt sitze ich hier. Wieder demotiviert und weiß nicht was ich tun soll. Ich werde nächsten Monat 26. Allzu viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Andere in meinem Alter sind ihre eigenen Chefs, haben jahrelange Berufserfahrung und ich…, ich war beim Bund. Juhu.
Also. Was soll ich tun? Studieren? Kann ich offensichtlich nicht. Irgendwas ‚Leichtes‘ studieren? Was ist leicht? Bin ich nicht vielleicht sogar dafür zu dumm? Eine Ausbildung? Mit 26? Davor habe ich ehrlich gesagt Angst. Da sitzen dann die 16-Jährigen Realschüler, die 23-Jährigen Ausbilder und Berufsschullehrer, und ich…. Mich selbstständig machen? Mit was? Ich habe nichts und ich kann nichts. Zivilversager? Offenbar. Jetzt nimmt dieser Begriff endlich mal Formen an.
Ich habe den 12. Test absolviert. Wo meine Stärken und wo meine Schwächen liegen. Stärken: Sprachen, Kommunikation, Offenheit, bla, bla. Schwächen: Mathe, Zahlen, Informatik (oh Wunder) und so weiter.
Alles Dinge die ich schon weiß. Nur leider bringt mich das auch nicht weiter. Kein Stück.
Was würde ich gerne machen? Naja. Ganz ehrlich? Meine Wünsche sind wohl kaum für irgendeinen realistischen Beruf machbar. Ich hätte gerne ein gutes Gehalt. Jap. Von der Bundeswehr verwöhnt. Leider. Vielleicht ist das die Taktik die Zivilversager schafft. Füttere sie an. Lass sie dann gehen. Sobald sie merken sie können nur das und verdienen ‚draußen‘ nichts, kommen sie zu dir zurück.
Also zurück zum Thema. Was will ich? Gutes Gehalt. Natürlich. Nicht übertrieben. Einfach zum Leben genug, ohne unendlich viele Sorgen. Ich würde gerne kreativ arbeiten. Slogans entwerfen, Logos entwerfen, Texte schreiben, Bücher schreiben, Bücher verlegen. Ich will nicht jeden Tag in ein und dasselbe graue Gebäude schlurfen und in ein und dasselbe graue Büro gehen und mich mit meinen ebenso traurigen und grauen Kollegen über unsere schrecklichen Leben austauschen. Ich hätte auch gerne mit Tieren zu tun. Aber ich möchte auch ein bisschen Freizeit. An den Wochenenden Zeit mit meinem Freund verbringen, nicht sehr viel mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten. Keine Ahnung. Ich will doch einfach nur glücklich sein.
Jeder der das jetzt liest, würde sagen, naja studiere doch einfach irgendwas und stell dich nicht so an. Germanistik oder so. Aber soll ich jetzt für die vage Möglichkeit, irgendwann, eventuell, einen Beruf erreichen zu können, der mir liegen könnte, 3 Jahre studieren, um dann doch nichts zu bekommen?
Soll ich mich trauen eine Ausbildung zu machen? Soll ich ein Praktikum machen und dort dann glänzen und hoffen, dass sich mir dadurch, ohne Studium und Ausbildung, plötzlich ungeahnte Möglichkeiten eröffnen?
Oh man. Erwachsen sein ist scheiße!






