Eine schöne Illustration der Körpersprache: Donald Trumps Handbewegungen spielen uns den Soundtrack der kommenden Präsidentschaft.
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@netrhetoric
Eine schöne Illustration der Körpersprache: Donald Trumps Handbewegungen spielen uns den Soundtrack der kommenden Präsidentschaft.
"Ich empfehle dabei, selbst auf Beschimpfungen zu verzichten" Im dem oben verlinkten Buch-Excerpt finden sich Ratschläge an uns, an die Politik und die Medien, wie man mit Hasskommentaren umgehen könnte.
Die Werbeplätze vor rechten Propaganda-Clips auf Youtube werden von einer Initiative gebucht, um Flüchtlinge zu Wort kommen zu lassen.
Im obigen Beispiel wurden die offenen Türen von "Asylkritikern" eingerannt, um ihre Timelines auf Facebook und Twitter zu hacken.
Die Kreisel der rechten Gedanken
Sascha Lobo hat sich in die Niederungen der rechten Rhetorik begeben und für uns ein paar Stilformen kategorisiert. Ein ständiges Opfergefühl und krude Untergangsfantasien äußern sich mit aggressivem Sarkasmus, ironischen Andeutungen, rhetorischen Fragen statt Aussagen, zynisch gelebten Widersprüchen und offen geäußerten Rachegelüsten, die physische Gewalt gegen Andersmeinende nicht mehr ausschließen.
Ausgerechnet im Netz hat der Pluralismus keine Lobby
Carolin Emcke weist in einem wichtigen Text darauf hin, dass wir uns nur noch selten das ‘Denken’ erlauben. Sie meint damit ein wissenschaftliches, neugieriges Denken, das seinen Ausgang noch nicht kennt und einen Gedanken nicht aufgrund seines Autor oder vom verwendeten Sprachstil her bewertet. Sie wünscht sich, dass wir uns wieder der Plausibilität verpflichten und gegenüber anderen unsere Ansichten erläutern. Hierzu gehöre die Annahme, dass die eigene Begründung andere nicht zu jeder Zeit überzeugen kann und dass dies in vielen Fällen auch an der Begründung selbst liegen mag. Doch eine solch offene, selbstkritische Haltung ist im Netz der persönlich empfundenen Dauerfronten rar.
Für mich ist dieser Rückgang der Gesprächsbereitschaft und die mangelnde Fähigkeit, andere Ansichten auszuhalten, bereits länger Thema, zugespitzt als “Ende des Pluralismus’ und in anderen Texten.
Inwiefern unser Denken und unser Diskurs inzwischen von überwältigenden Opfer-Rollen dominiert und reduziert wird, kann man in diesem Rant nachlesen.
Soweit.
Gruß in die Runde,
eubulia
Die Medienkritik kommt über das Stadium des Hofnarren nicht hinaus. Wolfgang Michal beschreibt in einem hervorragenden Beitrag die Mechanismen und Abhängigkeiten zeitgenössischer Medienkritik. Er scheut dabei nicht den Vergleich des heutigen Mediensystems mit der katholischen Kirche, die der kritischen Aufklärung ihren damaligen Anlass und Gegenstand gab. Insgesamt eine lesenswerte Analyse.
Ein Journalist traut den Medien nicht, weil...
Auf Krautreporter macht Rico Grimm transparent und plausibel, wie er sich fremden Artikeln nähert und welche Fragen er an diese hat, bevor er sie als Quelle ernst nimmt.
Neben den Anforderungen ‘Plausibilität’, ‘Kontext’, ‘Sorgfalt’ und ‘Ausgewogenheit’ sollte ein Artikel demnach wohl von langjährig praktizierenden Journalisten verfasst werden und werbefrei auf Krautreporter erscheinen. Meinungstücke sind für Grimm offenbar keine Erzeugnisse der Presse und lediglich das Ergebnis nackter Fakten. Hier zeigt sich abermals, dass das Selbstverständnis des Journalismus eher wissenschaftlich geprägt ist und in Sachen Rhetorik weiter seinen blinden Fleck pflegt. Um nur ein Beispiel unter vielen zu bringen: Dass bei dem Aspekt Kontext nicht mal der Kairos, also der richtige/falsche Moment der Veröffentlichung, mitgedacht wird, zeigt, wie eng und verschult die Köpfe in der deutschen Journalisten-Innung weiterhin stirnen. Das Netz ist performativer und diskursiver als die Vorstellungskraft eines gewöhnlichen Handwerkers wohl fassen kann.
Die hier besprochenen Beiträge, waren näher am rhetorischen Puls der Zeit:
“Wie emotional darf man debattieren?”
Du hast Ganglust, ich hab Polizei
In einer Parodie von Jan Böhmermann wird die protzend posende Hiphop-Szene Deutschlands als etwas halbstark überführt. Das Video „Ich hab Polizei“ spielt mit der Lust auf physische Dominanz und hochstilisierte Überheblichkeit. Doch statt der üblichen Gangster-Rapper wird die Polizei als mächtigste Gang auf den Straßen inszeniert, die über Drohungen von Möchtegern-Gangstern nur lachen kann. Das gefällt nicht jedem.
Ich musste bei dem Video zu Beginn ebenfalls schmunzeln, denn die teils brutalen Allmachtsphantasien in der Badboy-Musikszene haben nunmal etwas Komisches. Dass eine Plattenbau-Oma der Ganglust vor ihrer Tür in gleicher Manier mit ihrer eigenen Gang, in diesem Fall der Polizei, drohen kann, ist eine lustige Überlegung. Die üblichen Opfer gewinnen mit eigener Gang wieder die Oberhand.
Einer Provokation nutzt die Aufregung ihrer Gegner. Der oben verlinkte Text nennt politische Provokateure, die dieses Wissen erfolgreich anwenden und beklagt die Naivität der Empörten, die sich für kalkuliert skandalöse Aussagen als Multiplikatoren anbieten.
“Die Feinde dieser Leute, diejenigen, die sich öffentlich über sie aufregen, um in der rollenden Empörungswelle auch ein bisschen auf sich und ihre moralische Überlegenheit hinzuweisen, sind ihre wichtigsten Helfer.”
Wer seinen journalistischen Erfolg in Website-Aufrufen und Interaktionen in Sozialen Medien misst, der findet dafür altbekannte Klickthemen: Tierbabys und Prominente, Kriminalität und Sex sowie alle Skandale, die dem Leser Vorlagen für eine lustvoll moralische Aufregung bieten. Diese boulevardeske Zuspitzung ist die Kernkompetenz des Social Media Redakteurs. Er soll diese skandalöse Aufregung mit seinen Teasern optimal ausreizen und in Klick-Erlöse wandeln. Wie Stefan Niggemeier in seinem oben verlinkten Text schildert, hat "Fokus Online" für sich das Thema Flüchtlingsfeindlichkeit entdeckt und feiert damit in Sozialen Medien große Reichweiten-Erfolge.
Wie wandeln wir mit Sprache unsere Wahrnehmung? Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanovic gewährt uns in dem oben verlinkten Text einen Einblick in sein Fach und seine Perspektive. Während Stefanovics Äußerungen im Netz und auf Twitter häufig politisch kämpferisch, eher absolut und dogmatisch daher kommen, zeigt er in diesem Interview überraschend ausgewogen, dass man nicht jeder neuen Forderung an unseren Sprachgebrauch folgen muss. So zum Beispiel bei dem inzwischen kritisierten Wort ‘Flüchtling’, das er nicht als grundsätzlich negativ empfindet. Ein lesenswertes, da nüchternes und damit der allgemeinen Orientierung dienendes Interview zum politisch korrekten Sprachgebrauch, in dem die persönliche Haltung Stefanovics nicht verloren geht.
Wie emotional darf man debattieren?
Diese Woche hat zwei beeindruckende intellektuelle Texte zur Rhetorik hervorgebracht. Sie analysieren, welche Form der gesellschaftlichen Debatte wir derzeit hinnehmen oder selbst betreiben und formulieren dabei ganz nebenbei eine positive Orientierung, wie Auseinandersetzungen aussehen könnten und sollten.
1. Der Rückzug von Wolfgang Lieb als Autor bei den NachDenkSeiten liest sich wie ein ‘Manifest für den guten Diskurs’:
“Rationalität und Vernunft verlangen bei allem Nachdruck in der Argumentation meines Erachtens stets, eine angemessene kritische Distanz zu wahren. Es ging mir darum, Partei zu ergreifen, aber nicht parteiisch zu sein. Die Anerkennung eigener Begrenztheit verbietet undifferenzierte und einseitige Schuldzuschreibungen.”
Hier hat jemand eine sehr reife Philosophie entwickelt, wie er seine Kritik an den bestehenden Verhältnissen vorbringen möchte und auch warum dieses ‘wie’ relevant ist.
Seinem Anspruch nach sollte Kritik keine “Meinungsmache” betreiben, sondern Menschen bilden und zum Nachdenken anregen. Sie gewinne Überzeugungskraft, wenn sie sorgfältig begründet und nie einseitig vorgetragen würde. Lieb moniert die kämpferisch vereinfachten Feindbilder in manchen Texten sowie einen herabsetzenden, unversöhnlichen Sprachstil gegenüber den jeweils Andersmeinenden. Ich kann ihm in vielen Aspekten zustimmen.
2. Während es für Lieb um die Disziplin, die selbstkritische Zurückhaltung und den richtigen Stil in einer vernünftigen Auseinandersetzung geht, legt Carolin Emcke den Fokus auf unsere “Schäbigen Gefühle”, die wir in unseren Debatten immer häufiger zulassen. Sie widmet sich den Implikationen der gängigen Phrase des “Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen...”
Diese suggeriere laut Emcke eine Harmlosigkeit und Beiläufigkeit der auf sie folgenden Worte, obwohl diese dennoch Aggressionen und Herabwürdigungen beinhalten würden. Die Floskel suggeriere zudem Mut und Tapferkeit gegenüber meinungsunterdrückenden Konventionen, produziere aber häufig “faktenfreie Hetze” und “von Wissen bereinigte Ressentiments”. Dieser inzwischen sehr gängige Ausspruch sei das Symptom einer “ungehemmten Egozentrik, die eher der moralischen Entwicklungsstufe von Kleinkindern” entspräche und verherrliche eine “schrankenlose Gefühligkeit”:
“Als hätten ungefilterte Emotionen per se Berechtigung im öffentlichen Diskurs qua ihrer bloßen Emotionalität. Jedes dumpfe Vorurteil, jede schamlose Missachtung, jeder noch so unappetitliche innere Dreck darf nach außen gestülpt werden, weil jedes Gefühl angeblich nicht nur still empfunden, sondern auch lauthals öffentlich erbrochen werden darf. Als sei jede Form der abwägenden Reflexion, jede Form der Skepsis den eigenen Gefühlen (oder Überzeugungen) gegenüber, jede Rücksichtnahme auf Gefühle anderer eine inakzeptable Einschränkung der eigenen Bedürfnisbefriedigung.“
3. Wir haben diese Woche ebenfalls zur emotionalen Aufladung von Netzdebatten gebloggt. Während Wolfgang Lieb als eine Ausnahme tatsächlich noch an seiner und unserer guten Philosophie arbeitet, empfinden wir das Bemühen um eine logische, der Sache verpflichteten Debatte insgesamt als rückläufig. Im Netz findet eine Spaltung und Vereinzelung der Diskussionen statt, die sich einem möglichen ‘Common Ground’ schon lange nicht mehr verpflichtet fühlen.
4. Ob die eigenen Emotionen eine legitime und relevante Haltung in Debatten sein können und dürfen, ist für Netzrhetorik Co-Autor F. Gonzo ein Dauerthema:
Welche Haltung müssen wir gegenüber emotionalen Herausforderungen entwickeln, die durch Nachrichten und Soziale Medien immer häufiger auf uns niederprasseln?
Und welchen Einfluss und welche Autorität erobert sich die emotionale Ebene derzeit in unserem Geistesleben?
All diese Fragen müssen wir weiterhin diskutieren. Ich hoffe, es waren ein paar gute Lesetipps für euch dabei.
Euch einen schönen Sonntag,
eubulia
Erstarrte Netzdebatten – Ethos, Pathos und unser gemeinsames Denken
Triggerwarnung: Text kann Sätze mit ‘aber‘ enthalten.
Man könnte sich darüber freuen, dass in diesem Land wieder eine Diskussion über das Gute und Richtige entbrannt ist. Es gibt dafür derzeit hervorragende gesamtgesellschaftliche Anlässe, von denen ich hier keinen bestimmten hervorheben will. Doch ausgerechnet im Netz pflegt man eine rhetorische Praxis, die uns in ihrer oft ordinären Art nicht mehr weiter oder gar zusammen bringt.
Arbeiten wir überhaupt noch an einem Austausch in unseren Debatten? Oder suchen wir die ‚Vernetzung‘ nur noch für die steigende Reichweite und die größtmögliche Penetranz der eigenen Sendung?
Die Bedeutung von Logik, Ethos und Pathos
Unsere Äußerungen im Netz werden immer häufiger von ‚Ethos‘ und ‚Pathos‘ dominiert. Dieses sehr dynamische Duo formuliert wortgewaltig den drohenden Untergang einer „richtigen” Kultur und bringt durch dieses Narrativ die meist gelesenen Reden und Gesten unserer Zeit hervor. Dieser auf eine Philippika reduzierte, auf die existenzielle Bedrohung einer Kultur beschränkte Wettstreit unserer Schriftredner führt zu üblen Zuspitzungen und lässt sich in der dezentralen Eskalation des Netzes kaum wieder bremsen. Die logische Ebene, diese natürliche dritte im Dreiklang Logik-Ethos-Pathos, hätte hier eigentlich die Aufgabe, rhetorisch gegenzuhalten und die Diskussion wieder auf den gemeinsamen Diskussionsgegenstand zurückzulenken. Doch die Logik verliert in hoch emotionalisierenden Them-or-Us-Debatten immer weiter an Bedeutung.
Man mag zwar von seiner Sicht der Dinge sehr überzeugt sein, doch egal wie differenziert die eigene Ethik letztlich ist: Sie bleibt in Bezug auf das Publikum immer etwas Wünschenswertes, eine Ideologie, wird in einer vielfältigen Massengesellschaft zu etwas Normativem und in manchen Aspekten sogar zur Glaubensfrage. Der Pathos allein wird sie nicht durchsetzen und er wird dem Schriftredner auch keine neue übergreifende Autorität verschaffen. Mit dem Pathos allein verendet die Ethik letztlich in Anklagen, Beleidigungen und Vernichtungswünschen und entwickelt dabei – logischerweise – nur eine geringe Überzeugungskraft bei den jeweiligen Gegenstreitern und Andersmeinenden.
Der Rückzug aus gemeinsamen Diskussionsräumen
Der immer seltener zu beobachtende logische Schwerpunkt in den zeitgenössischen Internettexten ist einer zunehmenden Individualisierung und Privatisierung der Wahrheit geschuldet. Es gibt nur noch wenige Räume, in denen eine gemeinsame oder zumindest allgemein orientierende Wahrheit diskutiert und hergestellt wird. Und auch die Gültigkeit der privaten Behauptungen wird, entgegen der These eines ‘Mehr an Kommunikation’ durch den technischen Fortschritt, immer seltener in breiteren Öffentlichkeiten getestet. Das dezentrale Netz erschwert eine zentrale Logik, um die man sich bemüht.
Gelegentlich entsteht zudem der Eindruck, dass gerade jene Autoren, die sich eine größere Leserschaft erarbeitet haben und damit vernetzter sind als andere, ungern Neues bedenken wollen und ihre Haltungen nur noch leicht variiert wiederholen. Eine größere Vernetzung führt also nicht zwangsläufig zu mehr Austausch und Offenheit. Vielleicht bedingt auch erst dieses sehr unbewegliche, wiedererkennbare Profil die Bekanntheit der jeweiligen Netz-Persönlichkeit. Das Phänomen geistig reflexhafter, sich nur noch reproduzierender Protagonisten bliebe jedoch das gleiche und ist für unsere Debattenkultur nicht hilfreich.
Fehlende Arbeit an einer gemeinsamen Philosophie
Was in Zeiten einer steten Verfügbarkeit all der parallelen Schriften mit ähnlichem Inhalt (auch der früheren) eigentlich absurd erscheint, unterstreicht die heutige, sehr pathetische und selbst-heroisierende Fixierung: Es geht in den rhetorischen Auseinandersetzungen nur noch vordergründig um das bessere oder neue Argument; es geht um die Performanz und die Reichweite einer hierfür emotional oder provokant aufgeladenen Behauptung, die nebenbei der eigenen Profilierung nutzen kann. Es wird im Netz immer üblicher, jene Gesten und Menschen zu verbreiten, die Altes wach halten und Kontinuität versprechen.
Das, was wir dort als Öffentlichkeit und vermeintlichen Netzdiskurs täglich neu inszenieren, ist demnach argumentativ ein sehr innovationsfeindlicher Raum. Man beruft sich dennoch auf das Ziel, all die Andersmeinenden logisch überzeugen zu wollen, sie letztlich vernünftig inspirieren zu können. Ein geistiger Fortschritt – sei es der eigene oder der gemeinsame – wird aber nur selten ernsthaft angestrebt. Die meisten Teilnehmer unserer Debatten sind durch und durch konservativ eingestellt, nicht an einer neuen Erkenntnis interessiert und machen sich schon lange nicht mehr um eine wachsende gute Philosophie verdient.
Doch genau diese ‘gute Philosohie’ ist es, die für die Rhetorik zwingend notwendig ist, denn letztere ist keine Wissenschaft, oder eine sonstige Art der Wahrheitsfindung, sondern sie kann jeder Seite nutzen, die sie benutzt. So waren Ethos und Pathos auch Grundlage für zahlreiche Weltreligionen, für die Propaganda im Dritten Reich, für die Erklärung der Menschenrechte und die Charta der Vereinten Nationen. Ohne logische Komponente und philosophische Öffnung wird uns dieses Paar in der Auseinandersetzung nicht weiter bringen als herrschsüchtige Moral und inbrünstige Wut.
Wir fördern kein Weiterdenken, nur das Beharren
All die Kleingeister, die diese konservative und festgefahrene Netzöffentlichkeit derzeit produziert und fördert, all die offensichtlich Leichtgläubigen, die tatsächlich meinen, es handele sich um eine Art Auseinandersetzung, wenn sie ihre unveränderbare persönliche Wahrheit wieder und wieder in das Netz hinaus posaunen, all die Frömmelnden, die ihre eigene Ethik schlicht zur Pflicht und zum Maßstab für alle anderen erklären, ohne noch jemanden zurückhaltend überzeugen zu wollen, all diese Menschen verbreiten wir gerade und denken nicht darüber nach.
Die Neuigkeit einer Denkfigur bestimmt schon lange nicht mehr über die Relevanz einer Äußerung im Netz, eine präzise Formulierung reicht schon lange nicht mehr für Anerkennung in vergrößerten Kreisen, eine differenzierte Logik mündet schon lange nicht mehr in die Empfehlung eines Textes, eine gute Philosophie reizt schon lange nicht mehr zu Zustimmung oder gar Verbreitung. Es gibt durchaus Menschen, die an sich und an ihren Vorstellungen arbeiten und die eine gute Philosophie versuchen, doch sie dringen nicht mehr durch. Unser vereinzeltes Wertesystem sowie unsere rhetorische Praxis und deren Anreize sind bereits auf dieser diskursökonomischen Ebene kaputt. Wir wollen nirgendwo hin und uns durch die Vernetzung auch nicht mehr verändern.
Unser Netz ist so affektiv und ordinär, dass wohl selbst die Griechen von 2.500 Jahren uns als unkultiviert und barbarisch belächelt hätten. In dieser Hinsicht hilft uns auch der technische Fortschritt nicht: Wir müssen wieder an uns selbst arbeiten.
Man könnte sich darüber freuen, dass in diesem Land wieder eine Diskussion über das Gute und Richtige entbrannt ist. Doch ich glaube nicht mehr an dieses Netz und seine Diskussionkultur.
siehe auch -> Das konsolidierte Netz
Kritik an neuen journalistischen Formaten ist in Deutschland ein Volkssport. Zum Einen weil das Neue die Arbeitsweise der sehr zahlreichen Alten in Frage stellt, zum Anderen weil wir es einfach gerne besser wissen und der Journalismus in den letzten Jahren seinen Anspruch und seine gesellschaftliche Bedeutung derart monströs aufgeblasen hat, dass er sich als Opfer dafür wunderbar anbietet. Dort wo Selbsteinschätzung und Realität auseinander klaffen, dort ist auch die Satire nicht fern - besonders auf Twitter wie im oben verlinkten Beispiel @bento_ist_hip.
Das neue Format - oder eher: Produkt - “bento” vom SPIEGEL richtet sich an eine junge Zielgruppe und versucht für diese leicht konsumierbar und eben hip zu sein. Mit dieser eigenen, aber auch sehr kalkulierten ‘Ansprache’ und ‘Tonalität’ - beides Begriffe, die eher in der PR-Branche gebräuchlich sind - macht man es den Parodien leicht. Leider fiel es dem aktuellen bento-Team schwer, auf diese erwartbare und tatsächlich sehr zeitgemäße Form der Kritik adäquat zu reagieren und man ließ den Satire-Account @bento_ist_hip aus sehr fadenscheinigen Gründen von Twitter löschen. Der dadurch ausgelöste Streisand-Effekt hat der Marke “bento” und dem SPIEGEL mehr geschadet als jeder andere Umgang oder Nicht-Umgang mit dem Phänomen.
Mich persönlich erstaunt, wie wenig Netzkompetenz im frischen, sehr jungen bento-Team derzeit versammelt ist, obwohl die Redaktion doch nach diesem Kriterium gecastet wurde. Das Kriterium 'jung’ kann eben auch 'unerfahren’ bedeuten. Wer sich offen im Netz bewegen will, muss Krisenkommunikation beherrschen, sollte eine belastbare Persönlichkeit haben und darf sich nicht zu ernst nehmen. Zumindest an letzterem ist das bento-Team - trotz lustiger Jugendsprache und einem selbstironischen Stil - nun offenbar gescheitert.
Cybris - der Publicity-Gag beim Literatur SPIEGEL
Sascha Lobo hat einen “Internet-Roman” rezensiert und seinen euphorischen Text im “Literatur SPIEGEL” hinter einer Paywall versteckt und im Magazin auf Papier drucken lassen. Doch den dort besprochenen Roman “Cybris” von Carol Velt gab es nie. Mit der Auflösung dieses Coups auf der Frankfurter Buchmesse konnte der Social Media Experte und Unternehmensberater Lobo am SPIEGEL-Stand etwas Aufmerksamkeit für die neue Literaturbeilage generieren. Ob der “Literatur SPIEGEL” auch in Zukunft die Mechanismen des Literaturbetriebs reflektiert und kritisch begleitet, bleibt abzuwarten.