Wie die Sprache unser Denken beeinflusst.
Worte können Waffen sein, heißt es, doch nicht immer werden sie bewusst eingesetzt. Die oft zitierte Kristallnacht-Äußerung eines Politikers mag unbedacht erfolgt sein, sie war aber eindeutig. Weniger eindeutig verhält es sich beim Weltwoche-Titel «Die Roma kommen ...». Dafür kann man vom Absender erwarten, professionell im Umgang mit Worten zu sein, diesen Satz also bewusst gewählt zu haben.
Ist dies strafbar? Ich bin nicht Jurist. Persönlich weiß ich nicht einmal, ob man die Presse für solche Aussagen strafen können soll. Laut tadeln darf man sie jedoch sehr wohl. Ist die Aussage überhaupt rassistisch, wie der Vorwurf lautete? Die Meinungen sind selbstverständlich geteilt.
«Die Roma kommen» ist bestimmt und nicht eingeschränkt. Es heißt im fett gedruckten Titel nicht «Roma kommen» oder «Roma-Banden kommen». Rein sprachlich sind also alle Roma gemeint. Jedenfalls können sich alle betroffen fühlen. Das spricht für den Rassismus-Vorwurf. Doch die Presse, vor allem die Boulevard-Presse, vereinfacht oft. Wenn sich ein Artikel im Sportteil um ein bevorstehendes Länderspiel zwischen der Schweiz und Deutschland dreht, und wenn der Redaktor dann zum Fanaufmarsch den Titel wählt: «Die Deutschen kommen», ist klar, dass nicht über 80 Millionen das Stadion füllen werden. Die Gewohnheit spricht also gegen den Rassismus-Vorwurf.
Nun ist es allerdings nicht einerlei, wann man in welchem Zusammenhang ganze Bevölkerungsgruppen pauschalisiert – und wer dies tut. Die seriöse Presse sollte sich hüten vor solch allgemein formulierten Urteilen. Denn die Sprache beeinflusst unser Denken. Je mehr wir lesen – und auch selbst sagen: «die Roma», «die Deutschen» usw., desto mehr beginnen wir so zu denken. Mal für Mal festigen sich die Verallgemeinerungen.
Ein Beispiel zur Veranschaulichung (wenn auch zu einem ganz anderen Thema): Ich habe oft für Banken gearbeitet; als Texter wurde mir noch vor ein paar Jahren verboten, das Wort «Risiko» zu benutzen. Lieber sprach man von «erhöhter Fluktuation». Widerstand war zwecklos. Wie die Finanzkrise zeigte, haben die Bankmitarbeitenden nicht nur das Wort, sondern gleich das ganze Risiko aus ihren Köpfen verdrängt. Die Krise hat mich deshalb nicht überrascht. Heute lese ich in Bankbroschüren wieder oft «Risiko». Immerhin.
Zurück zur Politik: Wenn einige Personen sehr empfindlich auf die Weltwoche-Schlagzeile (und andere solche Verurteilungen) reagieren und an frühere dunkle Zeiten erinnern, dann nicht von ungefähr. Die Weltwoche mag aus purer Lust an der Provokation drauflos fabuliert haben, und ein Vergleich zu den 1930er-Jahren wäre etwas gar heftig. Aber es begann schon früher nur schleichend – und führt man heute etwa noch Diskussionen, ob mit «Kauft nicht beim Juden» alle Juden gemeint waren oder nicht? Deshalb glaube ich, dass man die Verantwortlichen Redaktoren sehr wohl ermahnen darf. Die Presse sieht sich gerne als 4. Macht, als kritische Instanz, als wachsames Auge. Das sollte sie auch gegen sich selbst so handhaben. Sie darf (auch unverblümt) auf Missstände aufmerksam machen, sollte sich aber von reißerischen Pauschalverurteilungen distanzieren. Bild und Artikelinhalt lieferten auch ohne Schlagzeile Sprengstoff genug. Das sollte doch reichen?