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@oooh-shit
Tagebucheintrag, 18.08.2014
Kleider sind unpraktisch. Kleider sind auffällig. Kleider passen nicht zu Sneakern. Kleider sind einfach nicht mein Stil.
Und doch... Naja, es gibt Momente, da muss man über den eigenen Schatten und von den Jeans in ein Kleid springen. Heute war so ein Tag, ich hatte einfach Lust darauf. Vielleicht werde ich krank. Oder der Alkohol von letzter Nacht zeigt noch Nachwirkungen, hups. So oder so, meine Sneaker gebe ich dafür nicht auf. Die behalte ich an, komme was wolle. Wäre ich ein Mensch, der den Gedanken hegen würde, jemals zu heiraten, würde ich auch das in Sneakern machen.
Sneaker an die Macht!
Tagebucheintrag, 15.08.2014
Die letzte Woche war mal wieder etwas anders als sonst. Ich bin nicht alleine gereist, sondern mit Tessa zusammen. Wir haben uns bei einem kleinen Lagerfeuer kennengelernt, das eine Truppe von Leuten wie uns außerhalb der Stadt veranstaltet hat. Eigentlich halte ich mich von solchen Sachen lieber fern, aber an dem Abend war mir einfach nach Gesellschaft... Tessa und ich haben uns recht gut unterhalten und festgestellt, dass wir in dieselbe Richtung wollten. Haben dann beschlossen, uns bis zur nächsten Großstadt zusammenzutun. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich allmählich das Gefühl hab, in der Einsamkeit zu ersticken. Nimm’s mir nicht übel, aber du bist nun mal auch nicht der spannendste Gesprächspartner.
So viel haben Tessa und ich uns dann aber im Prinzip auch nicht unterhalten. Trotzdem tat es gut, zu zweit unterwegs zu sein, für die paar Tage. Wer weiß, wenn wir uns unter anderen Umständen kennengelernt hätten, in anderen Leben, hätten wir vielleicht Freundinnen werden können. So waren wir die letzten Tage das, was einer Freundin in unserer Welt am nächsten kommt: Zuverlässige Gesellschaft, mit der man nicht nur das Essen sondern auch den Schlafplatz teilt. Heute Morgen haben wir uns dann aber auch wieder getrennt. Ist definitiv sicherer. Über kurz oder lang hätten wir beide angefangen Fragen zu stellen, auf die der andere keine Antwort geben möchte. So hatten wir ein paar schöne Tage, die nicht überschattet wurden von den Dämonen, die wir vor uns selbst und besonders vor jedem anderen verbergen wollen.
J.
Tagebucheintrag, 02.08.2014
Sometimes, I feel the past and the future pressing so hard on either side that there’s no room for the present at all.
- Evelyn Waugh, Brideshead Revisited
Ich habe angefangen, mehr zu lesen. Es tut gut, weißt du? Fühlt sich an, als würde ich Urlaub vom Alltag nehmen. Obwohl Alltag eigentlich kaum das richtige Wort ist, immerhin habe ich keine... Gewohnheiten, keinen Rhythmus, keine Regeln - abgesehen von denen, die ich mir selbst aufgestellt habe. Ist aber auch egal. Es fühlt sich an wie Urlaub von dem, was ich Alltag nenne, fertig. Manchmal finde ich in den Wohnungen, die ich besetze, ganz schöne Sachen. Ansonsten gibt es neuerdings ja auch vermehrt diese Bücherschränke in den größeren Städten. Da kann man seine ausrangierten Bücher hinstellen. Hab’ mir angewöhnt, immer mindestens ein Buch aus dem Schrank einer solchen Stadt mitzunehmen. Bevor ich es in einer anderen Stadt in einem ähnlichen Schrank wieder ablege, schreibe ich vorne ein paar Zeilen rein. À la: “Dieses Buch kommt ursprünglich aus XY, lass’ seine Reise weitergehen.” Mir gefällt die Vorstellung, die Leben von ein paar schönen Werken dadurch zu verlängern, zu erweitern, in andere Bahnen zu lenken. Manchmal wünschte ich, mich würde auch jemand einfach an die Hand nehmen und für eine Weile das Ruder an sich reißen. Irgendwann fällt es einem schwer, immer wieder die gleichen Entscheidungen zu treffen. Rechts oder links, Stopp oder Weiter, vor oder zurück?
J.
Tagebucheintrag, 31.07.2014
Du weißt, wo ich vorgestern war. Es sollte mir gut tun. Es hat mir auch gut getan. Zunächst. Aber jetzt? Ich war da und bin wieder gegangen. Einfach so. Aber er sitzt noch immer dadrin. Er sitzt noch immer in diesen elendig kalten Räumen. Allein. Allein, weil ich gegangen bin. Weil ich es nicht geschafft habe, ihn mitzunehmen. Wir haben früher so oft darüber gesprochen, dass wir auch einzeln jede Chance auf Freiheit nehmen, die wir kriegen können. Doch das hilft mir heute nicht mehr. Ich muss immerzu daran denken, dass ich ihm nicht helfen konnte. Meine Erinnerungen holen mich nachts andauernd ein - aber was für mich ‘nur noch’ Alpträume sind, ist nach wie vor sein Alltag. Ich habe das Gefühl, ihn im Stich gelassen zu haben. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich hab’s so satt, mich schuldig zu fühlen. Ich hab’s so satt, ich selbst zu sein. Und das obwohl ich nicht einmal weiß, was das überhaupt bedeutet.
Jane
Tagebucheintrag, 29.07.2014
Es ist anderthalb jetzt über anderthalb Jahre her, dass ich mein Leben umgekrempelt habe. Genauer gesagt fast 19 Monate. Oder auch 574 Tage, wie du willst. Ich finde, das letzte klingt am besten. 574 Tage... Allmählich habe ich in dieser Welt meinen festen Tritt gefunden. Ich hangle mich durch’s Leben, tue was ich will und finde meinen Weg, nach und nach. Ich habe gelernt, mich durchzuschlagen.
Vielleicht musste ich mir selbst noch einmal vor Augen führen, was ich geschafft habe, vielleicht war es sogar eine kleine (große) Egonummer, doch so oder so: Ich war heute nochmal da. So nah, dass ich das Gebäude betrachten konnte, aber weit genug weg, damit mich keiner erkennt. Es war ein seltsames Gefühl aber auch befreiend. Ich hab’s raus geschafft. Verdammte scheiße, ich hab’s raus geschafft. Ich, ja genau, ich. Was sollte mich da auch schon noch aufhalten können, von nun an? Mich würden sie nicht nochmal in die Finger kriegen. Das ist jetzt mein Leben. Und, heilige Scheiße, ich liebe es. Nur dass er noch immer drin ist, macht mir noch zu schaffen. Dass ich ihn nicht habe mitnehmen können, damals.
Ignorier mal bitte die Kraftausdrücke und auch die krakelige Schrift. Ich bin betrunken. Rum schmeckt gut. Wodka ist mir aber lieber. Schlaf gut!
Deine bibabubetrunkene Jane