Der Weg ins totale Sternniveau
Liebe TAZ, eigentlich lese ich dich ganz gerne, aber den Abriss hast du leider verdient.
Nicht ganz eine Stunde ist es her, da tickert die Schlagzeile durch meinen Newsreader:
Londons Polizei setzt Spyware “GeoTime” ein Der Weg in die totale Überwachung
Während ich noch meine Scanner (Twitter & Google) ausrichte und herauszufinden versuche wer oder was GeoTime eigentlich ist bricht der Sturm los:
RT @tazgezwitscher: Londons Polizei hat Spyware #GeoTime gekauft. Datenprofile für fast alle Aktivitäten von Verdächtigen sind die Folge: http://bit.ly/myuGzB
Zeit nachzusehen worüber sich alle so aufregen. Eigentlich hatte die Homepage des Softwareherstellers einen ganz seriösen Eindruck gemacht. Und da sind wir schon bei den ersten drei Irrtümern (bevor ich anfange den Artikel zu lesen):
Londons Polizei setzt Spyware “GeoTime” ein
Wie es scheint hat der Autor keine Ahnung davon, was der Begriff “Spyware” bedeutet. Anstelle von GeoTime hätte er vielleicht besser Spyware in Anführungsdzeiten gesetzt. Deshalb hier mal ein Auszug aus der deutschsprachigen Wikipedia:
Als Spyware wird üblicherweise Software bezeichnet, die Daten eines PC-User ohne dessen Wissen oder Zustimmung an den Hersteller der Software (Call Home) oder an Dritte sendet oder dazu genutzt wird, dem Benutzer direkt Produkte anzubieten.
Schauen wir uns das Produkt mal genauer an:
GeoTime is an award-winning information visualization software package distinguished by its 3D Time Viewer. GeoTime is unique in its ability to simultaneously visualize geospatial, temporal and link data. With a long history in major government and law enforcement organizations, GeoTime’s 3D Time Viewer has transformed the way people leverage their data.
Datenprofile für fast alle Aktivitäten von Verdächtigen sind die Folge
Gehen wir mal für einen kleinen Moment davon aus, dass erstellen von Profilen über Verdächtige wäre etwas Neues. Selbst dann ist bereits nach kürzestem Lesen der Informationen über GeoTime ersichtlich, dass dort keine Profile erstellt, sondern höchstens aggregiert werden. Ohne bereits erhobene Telekomunikations-, Standorts- bzw. Beweungsdaten wäre das GeoTime wie es für mich scheint ziemlich wertlos.
Die Tatsache, dass die Behörden also Software zur Auswertung kaufen ist also vielleicht ein Indikator dafür, dass Auszubildende keine Lust mehr haben Papp-Fähnchen an die Karte von London zu stecken und sicherlich ist ist die Anschaffung ein Anzeichen dafür, dass genug Daten an anderer Stelle erhoben werden um damit umfangreiche Profile erstellen zu können (das hat jetzt aber nicht im geringsten etwas mit Visualisierungs Software zu tun).
Londons Polizei hat Spyware #GeoTime gekauft.
Entschuldigung, ich glaube lizensiert wäre der richtige Terminus hier. Ich weiß zwar, dass Scotland Yard den Ruf geniesst die erfolgreichste Polizei der Welt zu sein aber machen die deshalb automatisch auch in Softwareentwicklung?
Mit ihm [GeoTime; Anm. d. Komm.] können alle kommunikativen Aktivitäten einer Person im Internet, am Handy, mit dem Navigationssystem, sowie finanzielle Transaktionen und das Einloggen in IP-Netzwerke festgehalten werden. Daraus erstellt die Software dreidimensionale Grafiken für hochkomplexe Datenprofile von Verdächtigen und ihren angeblichen Handlangern.
Wenigstens bleibt sich der Autor weiterhin treu und bemerkt wieder falsch, dass die Software zur Sammlung von Daten verwendet wird. Richtig ist in diesem Absatz eigentlich nur, dass die Software in der Lage ist dreidimensionale Grafiken verschiedener Daten zu erstellen. Aber darauf muß ich genauer eingehen:
Laut TAZ Artikel verarbeitet GeoTime also:
alle kommunikativen Aktivitäten einer Person […] mit dem Navigationssystem
Mein Navigationssystem redet auch mit mir, und wenn die Technik noch ein bisschen ausgereifter ist werde ich vielleicht auch mit meinem Navi reden. Aber das ist doch keine Kommunikation die dort stattfindet. Außerdem steht es doch sicherlich jedem frei dem Bobby der gerade versucht mein Navigationsgerät zu klauen anzuzeigen? Leiht Ihr eure Navis immer irgendwelchen dahergelaufenen Ermittlern aus?
Daraus erstellt die Software dreidimensionale Grafiken für hochkomplexe Datenprofile
Leider hat sich der Autor auch hier wieder nicht die Mühe gemacht mal einen Vergleich zu ziehen. So Hochkomplexe Beziehungen von Daten untereinander können da gar nicht vorhanden sein, wenn die Auswertung in 3 Dimensionen ausreicht. Als jemand der sich beruflich mit Daten, deren Analyse und Themen wie OLAP beschäftigt lasst euch eins gesagt sein: Drei Dimensionen ist Kindergarten wenns um die Verarbeitung von Daten geht.
Beispiel? Könnt Ihr Haben:
Um einigermaßen sinnvoll anzeigen zu können wo jemand war als er etwas getan hat benötige ich mindestens die X,Y Informationen desjenigen (also die geographische Länge und Breite des Ortes an dem er sich aufhält). Optimalerweise geht das Profil sogar noch weiter und erfasst die Z-Achse (also die vertikale Position der Person im Raum), sonst wirds nämlich schwer im Empire State Building jemanden zu finden.
Die Z-Achse steht hier aber schon gar nicht zur Verfügung weil Sie benötigt wird um die Ausprägung eines Fakts (z.B.: Dauer eines Telefonats) darzustellen. Sich über dreidimensionale Schaubilder aufzuregen ist so dumm wie ein Verriss zweidimensionaler Tabellenkalkulation.
Der Artikel greift das Thema später nochmal weiter auf:
Laut der Internetseite von GeoTime kann die Software eine Reihe von verschiedenen Daten in dreidimensionalen Grafiken kombinieren, die vom Nutzer gesteuert und außerdem mit einer Zeitleiste versehen werden können. Auf diese Weise sollen bislang unerkannte Verbindungen von Menschen aufgedeckt werden.
Wieder klar, dass hier weder das Rad neu erfunden wird, noch schwarze Magie zum Einsatz kommt. Die Software findet keine Daten die nicht vorher da waren (wo kämen wir denn da hin), sondern deckt doch nur auf wozu der Ermittelnde Beamte nicht in der Lage war.
Wie Curtis Garton, Produktmanager des US-Unternehmens Oculus, das das Produkt vermarktet, erläutert, werde die Software nicht exklusiv beispielsweise an Staaten verkauft. Sondern praktisch jeder könne sich ohne weitere Auflagen die Software anschaffen.
Das ist doch nur zu Beführworten oder nicht ? Also ich fände es viel erschreckender, wenn hier mit einer Software hantiert würde die komplett in einem Betonbunker erdacht und entwickelt wurde. Wieder ist, ohne die eigentlichen Daten, die Software ziemlich wertlos. Jetzt wundert mich aber schon, dass der Autor doch die Website des Anbieters gelesen hat und trotzdem solchen Mist verzapft. Na gut.
Wenn es hier ein Problem gibt, dann ist das nicht die Software die zum Einsatz kommt. Software zum Visualisieren von Daten zu verteufeln und keinen Satz über die Erhebung der Daten zu verlieren erweckt den Eindruck von “Shooting the Messenger”. Die Analyse und Aggregation aller Daten die die britische Regierung sammelt, mag zwar den Bürgern nicht gefallen, aber die Kritik verhallt hier doch an der falschen Stelle.
Ich halte eine Kritik der Datenverarbeitung für komplett unnötig, wenn man sich nicht über die Erhebung der Daten unterhält. Das leider, versäumt der Artikel hier auf grandiose Art und Weise.
Liebe TAZ, keine Anst – ich mag dich immer noch – aber der Artikel hatte höchstens Stern-Niveau. Nicht falsch verstehen, Datenschutz und Kritik an dem eben jenem sind gut. Aber Kritik setzt voraus, dass man das Problem erkannt hat, und das war hier nicht der Fall.
Propagandistische Datenschutzartikel mögen zwar in Zeiten der Diskussionen um Facebook und Twitter Buttons, Adsense Verboten und Internetradierern gut bei der breiten Leserschaft ankommen. Aber letztlich wird so doch nur die Ungewissheit und Unsicherheit der Endverbraucher geschürt die doch so schon mit Ihrem eigenen Datenschutz überfordert sind.
Wenn die Informationen dann auch noch ungenau sind wird das ganze umso schlimmer.
Die Entscheidung der Polizei, sich Technologie zuzulegen, die ursprünglich für Kriegsszenarien entwickelt wurde, ist sehr bedenklich.
Hat das auch jemand bei der ersten MP5 im Polizeieinsatz gesagt?
Weiterhin Dein Leser, Florian
> Liebe TAZ, eigentlich lese ich dich ganz gerne, aber den Abriss hast du leider verdient. Nicht ganz eine Stunde ist es her, da tickert die Schlagzeile durch meinen Newsreader: Londons Polizei setzt Spyware “GeoTime” ein Der Weg in die totale Überwachung Während ich noch meine Scanner (Twitter & Goog ... Quelle: http://pacey.me/der-weg-ins-totale-sternniveau