15.7.2015
Gestern war der ultimative Scheißtag. Heute denk ich mir schon, dass das Leben weitergeht. Aber hier mal eine Zusammenfassung:
Ich hatte morgens schon schlechte Laune. Das hat sich dann den ganzen Morgen über so hingezogen, sodass alle sich Sorgen gemacht haben. Ich sei ja sonst immer so gut drauf. Auf dem Tisch liegend, sich über jeden Anruf beschwerend hab ich also meinen Morgen mit der schlechtesten Laune des Todes verbracht. Es hatte keinen besonderen Grund, vllt war es aber nur eine Vorahnung, denn der Tag wurde noch beschissener.
Als ich in meine erste Break gegangen bin, kam mir Patrick noch entgegen als er gerade in den Aufzug wollte und ich lass mich einfach von ihm umarmen und er fragt voll besorgt, was los ist. Ich hatte keine Ahnung. Nur, dass ich nen beschissenen Tag hatte.
12:45 – Lunch break. Ich geh in die Kantine und hole mir nen Teller Nudeln. Zu meinem großen Pech hatte ich nämlich keine Lust zum Mittagessen ins Vasco zu gehen.
Wer sitzt da alleine am Tisch? Ja, Tom. Solange die Frau meine Nudeln aufgewärmt hat, hab ich überlegt, ob ich mich zu ihm setzen soll oder nicht. Erstmal so tun, als hätte ich ihn nicht gesehen. Dann, den Teller in der Hand, spontan entschlossen, mich zu ihm zu setzen. Meine Laune war ja eh schon miserabel, schlimmer konnte der Tag ja nicht werden. Dachte sie und fragt, ob sie sich setzen kann.
Smalltalk, wie wenn nix wäre. Hauptsächlich er über seine Saufgeschichten, most recently vom Vorabend. Pause.
Dann, ich: „so, what happened?“ – er meint, ich will wissen, wie sein Abend weiterging. Ich gestikuliere „Zwischen dir und mir“. Ich fasse zusammen: Die Woche hatte er so viel getrunken, auf ein mal war die Woche rum, dann hab ich ihm montags sein Zeug gegeben. Nope, die Erklärung reicht mir nicht. Er behauptete außerdem I threw a fit in front of Sunil downstairs. WER zum Geier ist überhaupt Sunil? Ich saß oben mit dem Perversling und mit Dennis und ich hab Dennis im coolsten Ton ever gesagt, dass er Tom den Schlüssel geben soll und ihm ausrichten, dass er ein Arschloch ist. Dennis hat mir ja ein paar Tage später dann noch mal gesagt, dass er es ihm nicht mal ausrichten konnte, weil ein Call reinkam. Und WER ist Sunil?! Naja, Tom dachte also ich bin komplett durchgeknallt. Er fand witzig, dass ich ihm die Zahnbürste und die Kekse reinhab. Von meiner Pasta konnte ich 5 Happen essen, dann konnte ich nichts mehr schlucken. Grandios.
Ok, er sagt, er will bissle an die frische Luft. Ich auch. Also gehen wir richtung Aufzug, ich hol mir noch Wasser, er sieht das nicht, fährt schon runter. Ok, kommt es rüber, wie wenn ich ihm hinterherrenne wenn ich jetzt runter fahre und ihn suche? Ja. Egal. Ich setze mich zum Schweden und ihm auf die Bank. Der Schwede erzählt irgendwas, ich kann nicht mal zuhören. Tom merkt an, dass ich „out of conversation“ bin, weil ich nur zuhöre. Die beiden gehen beim Chinesen einen Kaffee trinken. Ich bleibe auf der Bank alleine in der größten Depristimmung und will mich nur noch im Brunnen ertränken.
Tom kommt alleine wieder raus und setzt sich auf den Sockel vor dem Laden. Meine Gedanken: Wenn du jetzt nicht da hingehst und sagst, dass du reden willst, dann wirst du niemals irgendwelche Antworten bekommen. Komm schon, steh auf und geh da hin.
Ist ja eh nicht so, als könnte der Tag noch schlimmer werden.
Oh, falsch gedacht. Ich geh zu ihm, sag ihm „hey, I don’t wanna be annoying but I would reaaaally like to talk to you…“ er „you’re contradicting yourself, saying you wanna talk but not be annoying” – mir entgleist fast das Gesicht- “well I’m just using your own words. Not in my lunch break, after work” – “ok, at 5 then. See you then”
Ich geh wieder rein und mein Kopf hämmert. Habe noch über 10 Minuten Lunch Break. Setze mich vor den Bildschirm und mache gar nichts. Paar Leute fragen wieder, was los ist. Ich wollte unter Leuten sein, die ich kenne, dann auf einmal wieder nicht mehr. Ich gehe ins Klo, und stütz meinen Kopf gegen die Wand und atme tief durch. So kann ich auf keinen Fall telefonieren. Dann gings wieder etwas besser und ich geh rein und stelle mich auf Email. Ich erzähle kurz Daniel, was passiert ist. Und Kirsten über den Communicator. Beide meinen, dass es gut ist, weil ich dann abschließen kann. Springen wir mal zum Feierabend. Um 16 Uhr hock ich draußen vorm Chinesen mit 10 anderen, einige davon nur auf Lunch break. Um 17 Uhr rum kommt dann Tom raus, gestikuliert auf seine Uhr, verschwindet drin und kommt dann wieder raus nach einer Weile mit einem halb leeren Bier. Oh great.
Ich setze mich zu ihm, nicht allzu weit weg von den anderen, was ich nicht so toll finde…
Er erzählt wieder von gestern Nacht. Sie waren wohl irgendwo, mit Pete zusammen, und haben sich komplett abgeschossen und sein französischer Mitbewohner hat sich mit dem Belgier angelegt. Also Tom ist noch bei gestern Nacht und nicht bei mir im Gespräch. Er ruft sogar Pete manchmal, dass er mir bestätigt wie witzig es war. Toll.
Ich schildere meine Perspektive: Sonntag war was komisch, ich habe es ihm am Montag versucht zu kommunizieren, er hatte kaum Zeit für mich und wenn ich reden wollte, hing er mit den Vikingern rum, ich habe mir gesagt, dass ich mir das nicht antun werde – Stichwort Selbstschutzmechanismus – und einen cut machen will, weil mir klar wurde, dass er mich wohl doch nur verarscht. „was it ever real? Or did you fool me from the start?” - “I’m not THAT big of an asshole.”. Festhalten, jetzt kommt seine Perspektive (und ich kanns immer noch nicht fassen.):
Er meine ich wäre overly-attached girlfriend als ich am Montag geschrieben habe, dass es sich nach der Woche wie 5 Jahre Beziehung anfühlt gerade. DESWEGEN der Kommentar „so when are we getting married and when are the kids coming?“
WTF.
Ich war entsetzt und sprachlos. Ist das alles gescheitert, weil er einen Satz von mir missverstanden hat? Nein, nicht nur. Ich wollte mit ihm reden und er hatte keine Zeit. Ich hätte ihm das noch am Montag erklären können. Aber wer geht denn davon aus, dass man das SO verstehen kann. WTF. Deswegen hat er wohl die Nachricht am Samstag morgen so aufgefasst. Er meinte, ich wäre so vernarrt in ihn und so attached, dass ich genaue Vorstellungen habe, wie er mir guten Morgen zu sagen hat.
Ich hab es ihm versucht zu erklären, wie ich es gemeint habe, aber wenn jemand erst mal so von einem denkt, wie erklärt man sowas denn. Es kam mir alles so komplett bescheuert vor. Ich frage nur, ob das wirklich alles zugrunde ging wegen einem fucking Missverständnis?! Wie schlecht kann man denn im kommunizieren sein.
Er breitet seine Arme aus und sagt „retarded people hug“ und wir umarmen uns. Das war echt retarded. Wie behindert, kann man sein.
Ich bekomm nur ein „so?“ raus und er „so?“ , ich „so?“ , er „so so ?“. Ok.
Ok. Eine Bemerkung und alles ist kaputt. Let that sink in. Klar bekommt er mega die scheiß impression von mir wenn er meint, ich hätte das SO gemeint. Ich hab noch angemerkt, dass ich mich selbst als sehr unkompliziert und nicht anstrengend betrachte, und auch gern alle möglichen Freiheiten dem anderen lasse.
Er steht irgendwann auf und der Belgier kommt raus, sie reden noch mal ne runde Scheiße über die Nacht davor, er geht rein und holt sich Bier, ich setze mich wieder zu den anderen. Das wars dann. Er kommt dann nach einer Minute wieder awkward raus, geht an den Tisch daneben und holt eine leere Flasche. Wenn ich so drüber nachdenke, wollte er wohl nur gucken, ob ich noch warte und hat dann gesehen, dass ich mit den anderen am Tisch sitze und wollte nur irgendwas machen, um nicht komplett bescheuert rüber zu kommen…
Ooookay. Dann sitzen wir da noch ein paar Stündchen, die Leute gehen nach und nach bis nur noch der Ecuadorportugiesischhalbdeutschhalbkanadier (Christopher), Kirsten und ich da sitzen. Ich unterhalte mich sehr gut mit Chris, über Musik und Bands und erstaunlicherweise kennt er Balcony TV und hat diesen Samstag sogar dort einen Auftritt (er spielt Bass). Ich mag Chris. Er ist 35 und ein ganz ganz warmer Mensch.
Irgendwann geht er dann aufs Klo, dann kommt Tom raus. Wie awkward er nur noch mich und Kirsten in dem Moment da alleine sitzen sieht. Ich hatte 3 Gläser Weißwein. You know what that means.
Ich rufe ihm hinterher „hey, Tom, Where are you going?“ – “home, I’m tired” – ich steh auf und torkle zu ihm“don’t you wanna say goodbye?!” – “I’m tired, I need to sleep” – Er umarmt mich. Caro, jetzt oder nie, sagt mein besoffenes Hirn. „Can I tell you something?“
Hier würde ich am liebsten mein besoffenes Hirn im Brunnen etränken gehen. Es mir rausreißen, es anschreien TU ES NICHT. TU ALLES ABER DAS NICHT. Aber leider hat weder mein Verstand noch jemand anderes mich davon abgehalten.
„I still kinda love you“
Hooray. Award for greatest idiot goes tooooo….. me.
Er nimmt seine Arme von mir weg und sagt “Please don’t make this more complicated than it is“.
Da hast dus. Deine Antwort.
„Ok I make it – more complicated – ok, so I know what that means.“ Er löst sich weg und geht. Ich sehe, dass zwei Mädels wohl auf ihn gewartet haben…
Ich geh zurück zum Tisch, blank expression on my face, unable to believe what just happened. Ich hab meine Antwort. In meinen Augen sammeln sich Tränen. Was für eine Last gerade von mir abfällt, was für eine Erleichterung das ist.
Chris kommt zurück. Ich versuche mich zu beherrschen. Er erzählt noch weiter von irgendeinem Auftritt. Und plötzlich erzähle ich ihm einfach die ganze Geschichte.
Und was er sagt ist wunderschön. Er hat mir im Prinzip alles aufgetischt, was er bisher in seinem 10 Jahre längeren Leben alles gelernt hat. Und im Prinzip weiß ich, dass alles was er sagt, stimmt. Trotzdem ist es gerade sehr schwer für mich, mit der Gesamtsituation klarzukommen. Und er redet und er sagt immer mehr wunderschöne Dinge und er erzählt von seinen vergangenen Beziehungen. Ich weine.
Der Chinese schließt, wir stehen auf. Die witzige Barfrau kommt raus und nimmt mich in den Arm und ohne, dass sie eine Ahnung hat, was passiert ist, beschwichtigt sie mich auf portugiesisch, gibt mir noch mehr Weisheiten mit, nennt mich querida und bonita…Es war mir so egal, wer mich gerade so sieht. Generell ist mir alles egal.
Wir laufen zur Metro, Chris muss auf den Bus zur anderen Seite vom Fluss nach Almada. Auf dem Weg redet er noch mehr schöne Dinge. Wir stehen auf dem Platz bei Oriente und er redet auch Kirsten schöne Dinge zu, die ja auch schon 38 ist und deprimiert, dass sie bisher noch niemanden kennengelernt hat. Kirsten weint.
Chris sagt, er ist kurz davor auch mitzuweinen.
Also stehen wir da und hören Chris zu. Alle ganz fasziniert. Ich war mir selten so sicher, dass jemand ein guter Mensch ist.
Kirsten und ich gehen zur Metro. Lauras Eltern sind daheim, toll, dass sie so einen verheulten ersten Eindruck von uns bekommen werden, aber ich glaube, wir haben uns gut geschlagen. Laura schläft bei mir im Bett und ich erzähle ihr das Ganze noch mal.
Es hätte vllt nicht enden müssen, vllt noch nicht jetzt, aber früher oder später hätte es das. Da bin ich mir ziemlich sicher. Ich habe jetzt meine Antwort und ich kann damit abschließen. Auf einen Neuanfang!

















