Die professionalisierte Politikwissenschaft neigt dazu, die politische Produktivkraft moralischer Empörung zu unterschätzen. Sie gefällt sich in einer einstudierten Indifferenz, die sie für Wertfreiheit hält, strebt nach Theorien, für die es nichts Neues unter der Sonne geben kann, und hat für das, was sie 'Populismus' nennt, nur eine elitäre Verachtung übrig, die sie mit den Machteliten teilt, denen sie nahestehen möchte. Deshalb vermag sie mit der mit der Beobachtung nichts anzufangen, dass die alten und neuen Regenten des Konsolidierungsstaates sich kaum etwas so fürchten wie vor der Wut derer, die sich von den Abschöpfungsexperten des globalen Finanzkapitalismus für dumm verkauft fühlen. In unübersichtlichen Verhältnissen kann Angst, anders als immer wieder behauptet, ein guter Ratgeber sein. Dass die Krise zu 'sozialen Unruhen' führen könnte, ist der Albtraum der Männer und Frauen auf den Kommandobrücken, ein Albtraum, der freilich in keinem Verhältnis zu dem steht, was sich bis jetzt tatsächlich auf den Straßen gezeigt. Anscheinend aber sind Paris und Turin 1968 bei der dirigierenden Klasse doch noch nicht ganz vergessen. So gesehen waren die gelegentlichen Straßenschlachten in Athen und die globale Occupy-Bewegung der 'Neunundneunzig Prozent' ein guter Anfang, aus ihrer Überschätzung in den Banken und Regierungen und dem Schrecken, den sie verbreitet haben, lässt sich eine Menge lernen.
Heute gilt die Vorstellung, dass 'die Märkte' sich an die Menschen anpassen sollen statt umgekehrt, als geradezu verrückt, und wenn man die Realität nimmt, wie sie ist, dann ist sie das auch. Realistischer könnte sie aber vielleicht dann werden, wenn sie an den verstopften Kanälen der institutionalisierten Demokratie vorbei mit uneinsichtiger Beharrlichkeit zu rechnen hätten und mit dem unbelehrbar romantischen Bestehen vieler kleiner Leute darauf, nicht für dem Rest ihres Lebens Renditeerwartungen irgendwelcher Schuldscheinvietuosen und ihrer Eintreibungsexperten bedienen zu müssen. Viel mehr als Sand in das Getriebe der kapitalistischen Austeritätskurses und -diskurses zu streuen bleibt der Opposition gegen den Konsolidierungsstaat gegenwärtig nicht. Aber eine gesteigerte Reizbarkeit und Unberechenbarkeit der Staatsvölker – ein sich ausbreitendes Gefühl für die tiefe Absurdität der Markt- und Geldkultur und die groteske Überzogenheit ihrer Ansprüche gegen die Lebenswelt – ware immerhin eine soziale Tatsache: Sie könnte als 'Psychologie' der Bürger neben die Märkte treten und wie diese Berücksichtigung verlangen. Schließlich können Bürger ebenso in 'Panik' verfallen und 'irrational' reagieren wie Finanzinvestoren, vorausgesetzt, dass sie sich nicht mehr auf 'Vernunft' verpflichten lassen als diese, auch wenn ihnen Argumente nicht Geldscheine zur Verfügung stehen, sondern nur Worte und, vielleicht, Pflastersteine.
Streeck, Wolfgang (2015): Gekaufte Zeit, erweiterte Ausgabe. Berlin: Suhrkamp, S. 264f.