CAPTAIN PHILLIPS (USA, 2013)
In Captain Phillips lĂ€sst Regisseur Paul Greengrass Tom Hanks von einem Haufen hĂ€sslicher somalischer Laiendarsteller entfĂŒhren, die daraufhin vom SEAL Team Six weggeballert werden. Die Geschichte ist bekannt, basiert sie doch auf realen Ereignissen, die 2009 durch die Medien gingen. Zudem veröffentlichte der echte Captain Phillips im Folgejahr nochmals seine Darstellung in dem prĂ€gnant betitelten Buch A Captain's Duty: Somali Pirates, Navy SEALS, and Dangerous Days at Sea, an dem sich dieser Film orientiert.
Es gibt einen bestimmten Grund, aus dem ich mir diesen Film ansehen wollte. Featuretten und Rezensionen im Fernsehen haben ihn als eine Geschichte aus dem Randbezirk der Globalisierung angepriesen, als ein Bild von der Schattenseite unseres Wohlstands. Als konsumkritischer Intellektueller, der ich nunmal bin, konnte ich es natĂŒrlich kaum abwarten, mich mit meinem Vier-Euro-Evian in der Hand in diesen 55-Millionen-Dollar-Film zu setzen. Ein weiterer mein Interesse weckender Aspekt, der in der PR ĂŒberdeutlich kommuniziert wurde, ist, dass die somalischen Piraten von echten somalischen Piraten Schauspielern Personen gespielt werden. Es gibt zwei GrĂŒnde, aus denen man auf Laiendarsteller zurĂŒckzugreifen kann: Entweder man hat nicht die finanziellen Mittel, um richtige Schauspieler zu bezahlen oder man möchte seinem Film eine Aura der AuthentizitĂ€t verleihen. Da hier die erste Option ausgeschlossen ist, sollte man kurz darĂŒber nachdenken, welcher Natur diese AuthentizitĂ€t ist. Nun, sie ist inkonsequent, betrachtet man es gnĂ€dig, und problematisch, betrachtet man es nĂŒchtern. Denn sie richtet sich nur auf die Seite der Piraten, als eine möglichst reale Bedrohung fĂŒr unsere Identifikationsfigur Tom Hanks, eine gierige, unzivilisierte, bestialische Welt, die in unsere wohlige Blase aus Entertainment eindringt. Es muss an dieser Stelle lobend erwĂ€hnt werden, dass sich das Casting-Team offensichtlich redlich bemĂŒht hat, den Hauptantagonisten so authentisch (sprich: hĂ€sslich) wie möglich zu besetzen, was ihm mit dem in Somalia geborenen Chauffeur Barkhad Abdi ganz vortrefflich gelungen ist.
Barkhad Abdi, als er Tom Hanks' Gage erfÀhrt.
Ihm steht mit Tom Hanks (aka der amerikanische Otm Shank) ein Weltstar gegenĂŒber, dessen Filme nicht nur 8,5 Milliarden Dollar eingespielt haben, sondern nach dem auch der Asteroid 12818 tomhanks benannt ist. Ich gönne ihm das, denn er ist an sich ein solider Schauspieler. Er kann beim Weinen sein Kinn zittern lassen und diesen ganzen Scheiss. Ich kann das nicht, wie ich mir vor dem Spiegel beschĂ€mt eingestehen musste. Aber egal wie gut er auch spielen mag, man kennt ihn aus vier Dezennien Hollywood und wenn man jetzt noch von mir verlangt, ihm irgendetwas abzukaufen, empfinde ich das als AnmaĂung. Desweiteren begrĂŒĂe ich es tendenziell, wenn Laiendarsteller auch fĂŒr hoch budgetierte Produktionen engagiert werden. Wenn das allerdings darin resultiert, dass sich Greengrass' RegiefĂŒhrung darauf beschrĂ€nkt, die schwarzen Aggressoren aufzufordern, ihre weissen Augen so weit wie möglich aufzureissen und wild mit der Kalashnikov herumzufuchteln, kann ich auch darauf verzichten. Dabei sind einige der Piraten recht ambivalent gezeichnet. Bis auf den besonders bösen. Und wie zeigt man, dass einer von vier Schwarzen besonders schwarz böse ist? Man verpasst seinem Gesicht eine riesige, entstellende Narbe. Eine geniale Idee, von der ich mich wundere, dass sie noch niemand zuvor hatte. Es heiĂt, Mel Gibson verlies die Premiere frĂŒhzeitig, hastig Notizen in sein Moleskine kritzelnd.
Ich fand Greengrass immer interessant, weil ich ihn nicht richtig zuordnen konnte. Einerseits scheint er sich immer mit den hĂ€sslichen Seiten internationaler Politik auseinandersetzen zu wollen, andererseits verarbeitet er diese Themen dann zu kakophonen Blockbustern, in denen Matt Damon öfter durch Fenster springt als durch TĂŒren geht. In Captain Phillips sind es letztlich die militaristischen Actionfilmtropen, die jeglichen eventuellen Wert des Films ĂŒber die Planke gehen lassen (#LOL). So gibt es selbstverstĂ€ndlich, wenn der erste Navy-Kreuzer auftaucht, erstmal eine obligatorische Kamerafahrt um den Bug bei voller Fahrt, schön unterlegt mit MilitĂ€rmarsch-inspiriertem Score. Wenn dann noch die SEALs ihren Auftritt haben, sind wir endgĂŒltig in einem Rekrutierungsvideo der Marine gelandet und ich wĂŒnsche mir, ich hĂ€tte zwei Evian statt einem getrunken, damit ich jetzt wenigstens pissen gehen könnte.
Und wie war das nochmal mit der Schattenseite unseres Wohlstands? Die Piraten sagen, sie seien Fischer gewesen, bis die auslĂ€ndischen Trawler ihnen die FischgrĂŒnde abschnitten. Doch Tom Hanks weiss es besser und flĂŒstert ihnen ein verĂ€chtliches "Ihr seid nicht bloĂ Fischer" entgegen. Die Musik stoppt. Das VerstĂ€ndnis, das man bis dahin fĂŒr die Piraten empfinden konnte, wird rechtzeitig demontiert, damit sie erschossen werden können, ohne dass sich der Zuschauer darĂŒber empört. Yay.