Der Wind trug den Geruch von feuchtem Stein und verrottetem Holz durch die zerbrochenen Torbögen des alten Tempels. Hoch oben knarrten verbogene Windspiele bei jeder Böe — nicht melodisch, sondern wie ein warnendes Flüstern. Zwischen den Rissen der Steinplatten kroch dunkles Moos hervor, als würde sich die Natur langsam zurückholen, was Menschen längst vergessen hatten.
Irgendwo tropfte Wasser.
Regelmäßig. Langsam. Fast wie ein Herzschlag.
Der Tempel lag verborgen tief in den Bergen Südkoreas, weit entfernt von Straßen oder Dörfern. Kein Name stand mehr über dem Eingang. Die alten Schriftzeichen an den Säulen waren verwittert, halb verschlungen von Flechten und Zeit. Manche Statuen lagen zerbrochen am Boden, andere beobachteten schweigend aus der Dunkelheit, ihre Gesichter längst von Erosion entstellt.
Drinnen hing Staub schwer in der Luft. Der Boden war übersät mit umgestürzten Regalen, eingerissenen Gebetsrollen und morschen Holzfragmenten. Einige Räume wirkten, als hätte jemand sie hastig durchsucht. Andere, als wären sie seit Jahrzehnten nicht mehr betreten worden.
Und zwischen all dem lag das Journal.
Nicht ordentlich abgelegt. Nicht verborgen. Einfach dort — halb unter Trümmern begraben, aufgequollen von Feuchtigkeit, der Einband eingerissen. Die Seiten waren vergilbt, manche miteinander verklebt. Andere fehlten vollständig.
Einige herausgerissene Seiten lagen verstreut im Tempel:
unter eingestürzten Balken,
zwischen Opferkerzen,
im kalten Wasser eines überschwemmten Korridors,
oder festgeklebt an den Wänden durch alten Schimmel und Regen.
Als hätte jemand versucht, die Geschichte zu zerstören —
oder zu verhindern, dass sie vollständig gelesen wird.
Die wenigen lesbaren Seiten wirkten chaotisch: wechselnde Handschriften, hastige Notizen, durchgestrichene Absätze und seltsame Symbole am Rand. Manche Stellen waren mit dunklen Flecken verschmiert, andere endeten mitten im Satz.
(Die Seite riecht schwach nach Vanille, Räucherwerk und Chlorwasser. Am Rand kleben winzige schwarze Stofffasern, als hätte jemand ein Stofftier zu fest an sich gedrückt. In die obere Ecke wurde mit krakeliger Handschrift eine kleine Torte gezeichnet. Daneben steht:)
„Sie behauptet bis heute, sie wäre nicht beeindruckt gewesen.“ Darunter später ergänzt: „Lügnerin.“
Das erste Mal, als ich Arang traf, backte ich eine Torte für sie. Im Nachhinein klingt das wie der Anfang einer vollkommen normalen Geschichte. Leider ist Arang ungefähr das Gegenteil von normal. „Nachtschatten“ wirkt von außen wie einer dieser kleinen Läden, die man nur zufällig findet. Zu viele Stofftiere im Schaufenster. Masken, die einen beim Vorbeigehen anzusehen scheinen. Kleine Figuren mit Glasaugen, die selbst tagsüber aussehen, als würden sie flüstern können. Und mittendrin— Arang. Klein. Tätowiert. Immer dieses Lächeln, das gleichzeitig freundlich und leicht gefährlich wirkt. Wie jemand, der genau weiß, wie scharf ihre Zähne wirklich sind.⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ (Virels Schrift erscheint zwischen den Zeilen.)
Sie versteckt die Hörner gut. Tut sie. Ich wusste damals noch nicht, was sie wirklich war. Aber Virel wusste es sofort. Er wurde still, sobald ich den Laden betrat. Nicht nervös. Eher aufmerksam. Als würden zwei Raubtiere sich gegenseitig bemerken und stillschweigend entscheiden, den Raum vorerst nicht in Brand zu setzen. Und trotzdem stand ich dort mit einer verdammten Torte in den Händen wie irgendein verliebter Idiot aus einer schlechten Serie. ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ (Die Tinte ist hier leicht verschmiert.)
Sie lachte wenigstens. Nicht dieses höfliche Lachen, das Menschen benutzen, wenn sie nett sein wollen. Echtes Lachen. Warm genug, dass der ganze Laden plötzlich weniger unheimlich wirkte. Das war vermutlich der Moment, in dem ich verloren war. Arang hat diese seltsame Art, gleichzeitig vollkommen harmlos und absolut tödlich zu wirken. Man sieht ihre kleinen Hände und denkt nicht daran, dass sie vermutlich ohne Probleme jemanden verschwinden lassen könnte. Dann lächelt sie dich an und du vergisst den Gedanken sofort wieder. Vielleicht ist genau das ihre gefährlichste Fähigkeit. Nicht ihre dämonische Natur. Nicht die Dinge, die sie für ihre Freunde erledigt. Sondern dass sie Menschen dazu bringt, sich sicher zu fühlen. ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀⠀ (Der Rand der Seite zeigt leichte Wasserschäden.)
Vor ein paar Nächten gingen wir zusammen baden. Mitten in der Nacht. Natürlich nachts. Menschen wie wir scheinen nie tagsüber existieren zu wollen. Das Wasser war kalt genug, um die Gedanken kurz still zu machen. Keine Geister. Keine Rituale. Keine Stimmen. Nur Mondlicht auf schwarzem Wasser und Arang neben mir, die aussah, als würde sie dorthin gehören. Sie lehnte den Kopf zurück und grinste plötzlich: „Wenn du ertrinkst, rette ich dich vielleicht.“ Vielleicht. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass sie versteht, wie beruhigend dieses „vielleicht“ klang. Denn Arang lügt nicht besonders gut. Nicht bei wichtigen Dingen. ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ (Die Schrift wird hier weicher.)
Manchmal vergesse ich beinahe, dass sie ein Dämon ist. Dann sehe ich sie wieder in ihrem Laden stehen, zwischen verfluchten Masken und Puppen, die nachts wahrscheinlich ihre Position wechseln, und erinnere mich daran, dass Menschen nicht so aussehen sollten wie sie. Zu schön. Zu ruhig. Zu… alt hinter den Augen. Aber trotz allem hält sie an den guten Teilen von sich fest. Fast krampfhaft manchmal. Wie jemand, der Angst hat, sie irgendwann zu verlieren. Vielleicht verstehe ich sie deshalb besser, als ich sollte. Wir beide tragen Dinge in uns, die größer sind als wir selbst. Der Unterschied ist nur— Arang kämpft noch dagegen, vollkommen zu ihnen zu werden. Und ich? Ich bin nicht sicher, ob ich das noch tue. ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ (Unten auf der Seite wurde später etwas hinzugefügt.)
Accalia ist Feuer. Miu ist Versuchung. Belle ist Ruhe. Aber Arang… Arang fühlt sich an wie nach Hause kommen, obwohl man nie eines hatte. ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ (Der letzte Satz wurde auffällig langsam geschrieben.)
Manchmal glaube ich, sie rettet kleine Teile von Menschen, ohne dass sie es selbst merkt. Vielleicht auch Teile von mir.
Virel spricht nicht länger neben mir. Wenn ich den Mund öffne, antworten wir gemeinsam. Das Zittern hat aufgehört. Die Erschöpfung hat aufgehört. Die Angst hat aufgehört. Das sollte mich mehr erschrecken, als es tut. Heute Nacht lief ich durch die Stadt und jede Seele, an der ich vorbeiging, wirkte zerbrechlich genug, um zwischen meinen Fingern zu zerbrechen. Ich konnte ihre Trauer hören. Schmecken. Die Risse unter ihrer Haut sehen, wie flackerndes Kerzenlicht. Und zum ersten Mal— hatten sie Angst vor mir. Nicht vor den Geistern. Vor mir.⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ (Viele Zeilen darunter wurden brutal durchgestrichen.)
Ich glaube nicht, dass ich nach diesem Eintrag noch einmal schreiben werde. Ein Journal gehört jemandem, der versucht, sich selbst festzuhalten. Ich brauche das nicht mehr. Oder vielleicht— ist nicht mehr genug von „Seojun Han“ übrig, um weitere Seiten zu füllen. Falls jemand das hier findet: Sucht nicht nach mir. Wenn ihr nach Mitternacht ein Klopfen an eurer Tür hört, antwortet nicht. Wenn eine Stimme klingt wie eure eigenen Gedanken, die plötzlich zurücksprechen— betet, dass sie nicht mir gehört. Und wenn ihr einen Mann am Straßenrand stehen seht, gekleidet in Schwarz, wie er die Toten beobachtet, als würden sie versuchen, etwas Unsichtbares zu überqueren— dann tut so, als hättet ihr ihn nie gesehen. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀
(Der letzte Eintrag wurde mit einer Handschrift geschrieben, die erschöpft aussieht.Die Tinte zieht sich stellenweise zittrig über das Papier, als hätte die Hand sie kaum noch kontrollieren können. In der unteren Ecke der Seite haben sich matte Wasserflecken ins Papier gefressen. Nicht genug, um die Worte unlesbar zu machen. Nur genug, um zu zeigen, dass jemand diese Seite viel zu lange festgehalten hat.)
Früher dachte ich, Besessenheit müsse laut sein. Schreie. Blut. Zähne. So erzählen sie sich diese Geschichten. Niemand spricht darüber, wie still sie wirklich sein kann. Wie etwas langsam genug in dich eindringt, dass du seine Gedanken irgendwann für deine eigenen hältst, bevor dir überhaupt auffällt, dass du längst nicht mehr allein bist: ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀(Ein langer Kratzer zerreißt hier beinahe die Seite. Als hätte der Stift plötzlich zu fest aufgedrückt.)
Ich kann nicht mehr sagen, wo mein Atem endet. Manchmal höre ich Schritte in leeren Räumen und weiß bereits, dass sie mir gehören. Nicht ihm. Mir. Die Rituale funktionieren seit drei Monaten nicht mehr. Nein. Das ist gelogen. Sie funktionieren exakt so, wie sie sollten. Jedes Siegel hielt. Jeder Geist wurde gereinigt. Jedes Tor geschlossen. Und jedes einzelne Mal blieb etwas von mir dort zurück. Als Preis. Als Beweis. Als Einladung. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀⠀(In der Seitenmarge steht etwas in kaum lesbarer Schrift.)
Du hast die Tür zuerst geöffnet. Ich weiß. Gott, ich weiß. Ich habe aufgehört zu träumen von der Frau mit dem zugenähten Mund. Von dem Jungen, der sich daran erinnerte, in einem Fluss ertrunken zu sein, der längst nicht mehr existiert. Von dem Moment, in dem ich in einen Spiegel sah und mein Spiegelbild eine halbe Sekunde zu spät blinzelte.
Danach habe ich alle Spiegel verhängt. Aber Spiegel sind grausame Dinge. Sie brauchen längst kein Glas mehr. Manchmal sehe ich sie nachts in Fenstern, in Wasserpfützen, in Menschen. Und in letzter Zeit— in ihm. Oder vielleicht in mir selbst? Früher glaubte ich, Virel sei in mir gefangen. Jetzt glaube ich, vielleicht war ich die ganze Zeit in ihm gefangen.⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀(Zwischen zwei Seiten klebt eingetrocknetes Blut. Der nächste Absatz beginnt direkt darunter.)
Das letzte Ritual hätte niemals existieren dürfen. Keine Aufzeichnungen. Keine Gebete. Keine Überlebenden. Nur Fragmente, verborgen in Totengesängen älter als jede Sprache. Eine Vereinigung - keine Austreibung. Keine Kontrolle - Akzeptanz. Zum Tor zu werden, anstatt es zu bewachen. Ich sagte mir, ich hätte es getan, weil die Risse sich zu schnell ausbreiteten. Weil zu viele Menschen litten. Weil irgendjemand die Last tragen musste. Auf Papier klingt das beinahe heldenhaft. Die Wahrheit ist hässlicher. Ein Teil von mir wollte einfach nur Stille. Ein Teil von mir war müde, gegen etwas zu kämpfen, das meine Gedanken kannte, bevor ich sie selbst aussprach. ⠀ ⠀Und ein Teil von mir— ein Teil von mir liebte ihn. ⠀In dem Moment, als es geschah, dachte ich, ich wäre gestorben. Vielleicht bin ich das auch. Der Raum wurde zuerst dunkel. Nicht die Abwesenheit von Licht. Etwas Tieferes. Als hätte die Welt selbst ihre Augen geschlossen. Dann kam das Geräusch. Keine Schreie. Keine Stimmen. Flügel. Tausende davon. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀ ⠀(Ab hier verändert sich die Tinte. Dunkler. Sauberer. Die Handschrift wirkt plötzlich unnatürlich ruhig.)
Es gibt Dinge, die hinter dem Tod warten. Nicht Himmel. Nicht Hölle. Nur Hunger mit unterschiedlichen Masken. Jetzt verstehe ich sie. Ich verstehe, warum Geister bleiben. Warum Trauer zu Flüchen fault. Warum Seelen sich an die Lebenden klammern. Der Tod ist keine Tür. Er ist ein Ozean. Und irgendetwas muss darin stehen. Irgendetwas muss die Ertrinkenden führen. Irgendetwas muss entscheiden, wer hinüber darf. Früher hielt ich Shinigami für Götter. Das sind sie nicht. Sie sind Wächter. Die letzte Gnade. Und jetzt— bin ich einer von ihnen. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀(Der Rest der Seite ist beinahe makellos sauber. Nur ein schwarzer Handabdruck zeichnet sich am Rand ab.)
UMBRAL:
Die Seite fühlt sich feucht an.
Nicht von Wasser.
Eher wie beschlagene Fensterscheiben in einem viel zu kalten Raum.
Die Schrift zieht sich stellenweise doppelt über das Papier, als hätte jemand dieselben Worte zeitversetzt erneut geschrieben.
Am Rand wurden mehrere Spiegel skizziert.
Keiner davon reflektiert dasselbe Gesicht.
Es gibt einen Ort hinter den Spiegeln.
Und nein—
damit meine ich nicht irgendeine poetische Metapher.
Ich meine einen echten Ort.
Eine Welt.
Virel nennt sie das Umbral.
Ich wünschte, ich hätte sie niemals gesehen.
(Virels Schrift erscheint direkt unter dem Satz.)
Lügner.
…
Vielleicht teilweise.
Das erste Mal betrat ich das Umbral während eines misslungenen Rituals.
Zumindest dachte ich damals noch, es wäre misslungen.
Jetzt weiß ich:
Der Spiegel war nie dazu gedacht gewesen, etwas zu reflektieren.
Er war eine Tür.
(Die Schrift wird hier schmaler.)
Menschen glauben immer, Spiegel würden zeigen, was vor ihnen steht.
Falsch.
Spiegel zeigen das, was bleiben würde, wenn man alles Menschliche entfernt.
Und im Umbral—
im Umbral existiert nichts Menschliches lange genug, um heil zu bleiben.
Die Welt dort sieht aus wie unsere.
Zumindest auf den ersten Blick.
Straßen.
Häuser.
Kirchen.
U-Bahnstationen.
Aber alles wirkt… falsch.
Wie Erinnerungen an Orte statt echte Orte.
Zu still.
Zu leer.
Zu groß.
Und die Spiegel dort funktionieren nicht mehr richtig.
Manchmal zeigen sie die Vergangenheit.
Manchmal Dinge, die nie passiert sind.
Manchmal sehen sie zurück.
(Der Rand der Seite wurde so fest eingedrückt, dass das Papier beinahe riss.)
Das Schlimmste am Umbral ist nicht die Dunkelheit.
Es ist die Erkenntnis, dass die Welt dort lebt.
Nicht biologisch.
Eher wie ein schlafender Gedanke.
Die Gebäude atmen manchmal.
Die Wände bewegen sich minimal, wenn niemand hinsieht.
Straßen enden plötzlich dort, wo gestern noch Kreuzungen waren.
Und überall—
überall stehen Menschen.
Oder Dinge, die einmal Menschen waren.
Still.
Regungslos.
Mit schwarzen Augen und Gesichtern, die aussehen, als hätte jemand vergessen, sie vollständig zu erschaffen.
Virel nennt sie die Hollowed.
Ich nenne sie einen verdammt guten Grund, nie wieder alleine Spiegel anzusehen.
(Virels Schrift erscheint zwischen den Zeilen.)
Sie beobachten nur.
Ja.
Genau das macht es schlimmer.
Sie greifen selten an.
Sie schauen nur.
Stundenlang manchmal.
Als würden sie darauf warten, dass man selbst vergisst, auf welcher Seite des Glases man eigentlich geboren wurde.
(Die Tinte ist hier leicht verlaufen.)
Im Umbral gibt es keinen echten Himmel.
Nur etwas, das so aussieht.
Ein schwarzer Ozean über den Gebäuden, durchzogen von silbernen Rissen wie kaputtes Glas.
Und manchmal—
manchmal bewegen sich dahinter Dinge.
Groß genug, dass ganze Straßenzüge dunkel werden, wenn sie vorbeiziehen.
Ich habe nie lange genug hingesehen, um ihre Form wirklich zu erkennen.
Virel schon.
Er lächelte dabei.
(Die Schrift wird hier deutlich unruhiger.)
Zeit funktioniert dort nicht richtig.
Eine Stunde kann sich wie Sekunden anfühlen.
Oder wie Wochen.
Ich habe einmal Seoyeons Namen in einem beschlagenen Spiegel gesehen, obwohl sie nie dort gewesen war.
Ein anderes Mal stand Accalia plötzlich hinter mir—
bis ich bemerkte, dass sie keine Augen hatte.
Seitdem verstehe ich, warum manche Menschen nach dem Umbral nie wieder sprechen.
Der Ort nimmt nichts Körperliches zuerst.
Er nimmt Gewissheit.
Man vergisst langsam, welche Erinnerungen echt sind.
Welche Stimmen einem gehören.
Welche Version von einem selbst die richtige war.
Und je länger man bleibt—
desto mehr beginnt das Umbral zurückzublicken.
(Der untere Teil der Seite wirkt dunkler als der Rest.)
Virel bewegt sich dort anders.
Nicht wie ein Besucher.
Wie etwas, das nach Hause zurückkehrt.
Die Hollowed weichen ihm aus.
Die Spiegel reagieren auf ihn.
Und manchmal sehe ich im Glas nicht mehr mein eigenes Gesicht—
sondern seines.
Oder unseres.
Ich weiß nicht, was schlimmer wäre.
(Virels Schrift erscheint diesmal größer.)
Kein Unterschied mehr.
Halt die Klappe.
Heute Nacht träumte ich wieder vom Umbral.
Von endlosen Spiegeln in einer unterirdischen Station.
Von Wasser an der Decke statt auf dem Boden.
Von meinem eigenen Spiegelbild, das nicht gleichzeitig blinzelte.
Und mitten zwischen all dem stand eine Tür.
Schwarz.
Holzlos.
Rahmenlos.
Nur eine Tür mitten im Nichts.
Darauf stand ein einziger Satz:
(„Du warst nie die erste Version.“)
…
Ich bin aufgewacht, bevor ich sie öffnen konnte.
Glaube ich zumindest.
(Unten auf der Seite wurde später etwas ergänzt.)
Menschen denken immer, die Hölle müsse aus Feuer bestehen.
Unsinn.
Feuer ist ehrlich.
Das Umbral hingegen—
das Umbral liebt dich genug, um dich langsam in etwas anderes zu verwandeln.
(Der letzte Satz wurde kaum leserlich geschrieben.)
Manchmal sehe ich Bewegungen in Spiegeln, selbst wenn ich alleine bin.
Es ist schwer, jemanden ernst zu nehmen, dessen Gesicht auf Werbeplakaten ist. Shin Tae-Joon ist vermutlich der einzige Mann, den ich kenne, der gleichzeitig aussieht, als würde er Millionen Herzen brechen — und dann zwei Stunden später auf einer Feuertreppe sitzt und darüber nachdenkt, ob er eine plausible Ausrede fürs Absagen findet. ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ (Die Schrift wird hier etwas schmaler.)
Menschen sehen Tae auf einer Bühne und denken, sie würden ihn kennen. Falsch. Sie sehen die Version von ihm, die im Scheinwerferlicht geboren wurde. Dort oben wirkt er unantastbar. Als wäre er genau für diesen Moment geschaffen worden. Die Version von ihm dort oben ist keine Maske. Ich habe selten jemanden gesehen, der so lebendig wird, sobald die Musik beginnt. Das erste Mal, als ich ihn außerhalb des Rampenlichts sah, stand er rauchend auf einem Dach in Hongdae. Er sah mich an und sagte: „Du hast den Blick von jemandem, der zu oft zurückkommt.“ Das Verrückte ist— er verstand sofort, was ich bin. Nicht vollständig. Aber genug. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ (Virels Schrift erscheint zwischen den Zeilen.)
Er stinkt nach Zorn. Aber es ist kein stinken. Mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass Zorn das Einzige ist. Da ist noch etwas anderes darunter. Etwas Einsames. Etwas, das ständig auf gepackten Koffern sitzt. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ (Die Schrift wird dunkler.)
Tae ist kein Mensch, der vielen vertraut. Vielleicht liegt das an den Dingen, die er tut oder was er geworden ist. Keine Ahnung. Was ich weiß, ist: Manchmal sitzt er mitten in einem Raum voller Menschen und wirkt trotzdem, als wäre er kilometerweit entfernt. Als hätte er nie gelernt, wie man irgendwo bleibt. Vielleicht weil sein ganzes Leben aus Bewegung besteht. Neue Städte. Neue Namen. Neue Gesichter. Neue Aufträge. Neue Bühnen. Bis irgendwann niemand mehr weiß, wo eigentlich der Anfang war.⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ (Der Rand der Seite zeigt mehrere kleine Sternzeichnungen.)
Das Lustige ist— Tae ist viel alberner, als die meisten Menschen glauben würden. Wahrscheinlich würde er mich dafür umbringen, dass ich das aufschreibe. Er ärgert Menschen, die er mag. Er besitzt die erstaunliche Fähigkeit, innerhalb von fünf Minuten gleichzeitig charmant und absolut unerträglich zu sein. Ich schwöre bei allen Geistern dieser Welt: Dieser Mann betrachtet Gefahr mittlerweile wie eine persönliche Einladung. „Was passiert, wenn ich das anfasse?“ - Tae. Nein. - „Aber was, wenn—“ - Nein. Und trotzdem tut er es meistens. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ (Virels Schrift erscheint am Rand.)
Du auch. Das hier handelt nicht von mir.⠀(Die Tinte verläuft leicht.)
Tae liebt das, was er tut. Aber nicht unbedingt alles, was dazugehört. Die Kameras. Die Erwartungen. Die Aufmerksamkeit. Den endlosen Lärm. Manchmal habe ich das Gefühl, er würde am liebsten verschwinden, sobald der Vorhang fällt. Und vielleicht tut er genau deshalb immer wieder das Gegenteil. Für seine Band. Für die Musik. Für dieses Gefühl, wenn die ersten Töne erklingen und plötzlich alles Sinn ergibt. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ (Der letzte Satz wurde deutlich später hinzugefügt.)
Ich kenne viele Menschen, die vorgeben, keine Angst zu haben. Tae gehört nicht dazu. Er macht die Dinge einfach trotzdem. Und irgendwie finde ich das beeindruckender. Wir beide leben von Dingen, über die man besser schweigt. Und irgendwo dazwischen sitzen wir manchmal bis vier Uhr morgens in Accalias Bar und tun so, als wären wir einfach nur normale Menschen mit schlechten Gewohnheiten. Und man vergisst, was er eigentlich ist, wer er eigentlich ist. Dann sitzt dort einfach ein Mann, der zu viele Namen besitzt und oft vergisst, welcher davon wirklich ihm gehört. Und ehrlich? Ich hoffe, Accalia erinnert ihn daran. Denn wenn jemand einen Grund finden kann, selbst Dämonen hierzubehalten— dann wahrscheinlich sie. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ (Ganz unten auf der Seite steht klein und schief:)
Wenn Tae irgendwann verschwindet, wird die Welt so tun, als hätte es ihn nie gegeben. Aber die Nacht erinnert sich immer.
(Die Seite riecht schwach nach Rauch, Alkohol und etwas Süßerem, das sich nicht ganz benennen lässt. Am oberen Rand klebt ein zerknitterter Bierdeckel mit einer Telefonnummer, die später wieder durchgestrichen wurde. In der Ecke der Seite wurde mit dunkler Tinte ein kleines Paar Hörner gezeichnet.)
Es gibt Menschen, die einen Raum betreten und sofort die Luft verändern. Accalia muss den Raum nicht einmal betreten. Die Luft wartet bereits auf sie. Ich schwöre, selbst die Wände ihrer Bar fühlen sich lebendig an. Der Bass der Musik sitzt irgendwo zwischen den Rippen, das Licht ist immer zu dunkel oder zu violett, und dieser Geruch— Gott. Als hätte jemand Versuchung selbst in eine Flasche gesperrt. Virel hasst diesen Ort.⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ (Der Satz wurde unterstrichen.)
Er nennt ihn „einen offenen Mund“. Ich glaube, er meint das metaphorisch. … hoffe ich zumindest.Aber Accalia? Accalia ist wahrscheinlich das Gefährlichste dort und gleichzeitig der einzige Grund, warum ich überhaupt zurückkomme. Das erste Mal dachte ich ehrlich, sie wäre irgendein niederer Dämon mit zu viel Charme und zu scharfen Zähnen. Dann grinste sie mich an und sagte: „Du siehst aus, als würdest du Geister essen und trotzdem hungrig bleiben.“
Und leider war das vermutlich das Netteste, was seit Monaten jemand zu mir gesagt hatte. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀(An dieser Stelle zieht sich eine verwischte Tintenspur über mehrere Wörter, als hätte jemand beim Schreiben lachen müssen.)
Das Problem mit Accalia ist nicht, dass sie manipulativ ist. Oder unheimlich. Oder dass ihre Augen manchmal violett leuchten, kurz bevor jemand in ihrer Nähe plötzlich Entscheidungen trifft, die sie später bereuen. Das Problem ist: Sie sieht direkt durch Menschen hindurch. Nicht wie Virel. Nicht wie die Geister. Sondern schlimmer. Menschlicher. Als würde sie jeden Riss in dir bemerken und sich trotzdem entscheiden, sich neben dich zu setzen. Sie fragt nie direkt, ob es mir schlecht geht. Stattdessen stellt sie wortlos ein Glas vor mich hin und tut so, als wäre das keine Antwort gewesen. Und irgendwie— hilft das mehr. Ich glaube nicht, dass sie versteht, wie selten das geworden ist. Menschen sehen mich an und denken an Flüche. An Rituale. An Dinge, die nachts an Türen kratzen. Accalia sieht mich an und fragt, ob ich genug gegessen habe. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀(Der Rand der Seite wurde mit einem Finger verschmiert. Dunkle Tinte zieht sich halbmondförmig darüber.)
Heute Nacht blieb ich bis nach Schließung. Die Musik war längst aus. Nur dieses dumpfe Neonlicht über der Bar und ihr Schatten hinter den Flaschen. Sie sah müde aus. Nicht körperlich. Älter. Wie jemand, der schon viel zu lange so tut, als wäre alles nur ein Spiel. Für einen Moment leuchteten ihre Augen wieder violett. Nicht bedrohlich. Einsam. Und plötzlich verstand ich etwas: Menschen wie sie und Menschen wie ich— wir tun beide dasselbe. Wir machen aus unseren Monstern etwas Tragbares. Sie versteckt ihres hinter Lippenstift, Charme und Whiskey. Ich hinter Gebeten und Siegeln. Vielleicht verstehen wir uns deshalb so gut. Oder vielleicht bin ich einfach schwach für Frauen, die aussehen, als könnten sie mich ruinieren und mir danach trotzdem eine Zigarette anbieten. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ (Virels Schrift erscheint schmal und aggressiv zwischen den Zeilen.)
Du bist definitiv schwach. Ja, danke. Trotzdem— wenn die Welt irgendwann endgültig auseinanderfällt, glaube ich ehrlich, dass ich zuerst ihre Bar aufsuchen würde. Nicht wegen des Alkohols. Nicht wegen der Informationen. Sondern weil Accalia einer der wenigen Menschen ist, bei denen sich das Ende der Welt nicht ganz so einsam anfühlen würde. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ (Unten auf der Seite steht kleiner geschrieben:)
Jetzt verstehe ich auch die Wahrheit über Virel. Er war niemals etwas Fremdes in mir. Nie wirklich. Er ist— war— ein Teil von mir. Herausgerissen aus der Zeit selbst. Getrennt durch etwas Größeres als Menschen verstehen könnten. Die Götter haben uns getrennt. Nicht um die Welt zu retten. Sondern weil sie Angst hatten vor dem, was passiert, wenn wir vollständig werden. Und Mutter… Gott. Mutter. Was hast du getan? Die Seiten deines Notizheftes, die du hinterlassen hast — all diese verzweifelten Einträge darüber, dass ich „die Welt retten“ würde. Hast du das wirklich geglaubt? Oder wolltest du dir einfach einreden, dass das hier irgendeinen Sinn hatte? Denn ich habe die Wahrheit gesehen. Diese Welt will nicht gerettet werden. Menschen reden ständig davon, dass das Gute überlebt. Dass Menschlichkeit siegt. Lüge. Ich habe gesehen, wie Menschen ihre eigenen Kinder opfern würden für Macht. Wie sie Geister erschaffen und sie dann Monster nennen. Wie sie Liebe benutzen wie Messer. Und trotzdem erwarten sie Erlösung. Warum? Warum sollte irgendjemand diese Welt retten wollen?⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ (Die Handschrift verändert sich hier drastisch. Ruhiger. Kälter.)
Es gibt nur wenige Menschen, die ich überhaupt noch beschützen würde. Accalia. Tae. Miu. Seoyeon. Belle. Arang. Azula. Ezra. Kayla. Sie sind… anders. Nicht „gut“. Das wäre zu einfach. Aber sie tragen ihre Dunkelheit wenigstens ehrlich. Vielleicht ist das der einzige Grund, weshalb sie noch existieren dürfen. Der Rest? Nein. Nein, ich glaube nicht, dass sie Rettung verdienen. Es wäre keine Rettung mehr. Es wäre eine Säuberung.
(Virels Handschrift erscheint plötzlich zwischen den Zeilen — langgezogen, scharf, kaum menschlich.)
Sag endlich die Wahrheit. Gut. Hier ist sie: Virel und ich sind schon viel länger eins, als ich jemals zugeben wollte. Nicht vollständig. Nicht damals. Aber genug, dass ich mittlerweile nicht mehr sagen kann, welche Gedanken ursprünglich mir gehörten. Ich spüre ihn ständig. Unter meiner Haut. Zwischen meinen Rippen. In meinem Atem. In den Momenten zwischen Herzschlägen. Manchmal bewegt sich mein Schatten früher als ich. Manchmal höre ich meine Stimme sprechen, obwohl ich den Mund nicht geöffnet habe. Und manchmal— manchmal sehe ich Menschen an und weiß plötzlich exakt, wie sie sterben werden.⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ (Der untere Teil der Seite wirkt feucht. Die Tinte ist dort fast schwarz verlaufen.)
Ich spüre die K... — ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀(Der Satz endet abrupt. Der Rest der Seite ist mit einer dunklen Flüssigkeit verschmiert worden. Nicht versehentlich. Es wirkt eher, als hätte jemand panisch versucht, die letzten Worte auszulöschen. Wenn man das Papier gegen Licht hält, scheint unter den Flecken für einen einzigen Moment etwas sichtbar zu werden: “…ronen öffnen sich…” Dann verschwindet es wieder.)
(Eine einzelne Seite löste sich aus der Mitte des Journals, obwohl kein Wind durch den Raum ging. Das Papier landete direkt vor den Füßen des Lesers — langsam, beinahe absichtlich. Die Seitenzahl wurde mit schwarzer Tinte mehrfach unkenntlich gemacht. Etwas darunter scheint sich noch zu bewegen, als hätte die Farbe nie vollständig getrocknet.)
Ich verstehe jetzt endlich, warum Mutter immer geweint hat, wenn sie dachte, ich würde schlafen. Nicht aus Liebe. Nicht aus Angst. Aus Schuld. Alles ergibt plötzlich Sinn. Die Blicke meines Vaters. Die verschlossenen Türen. Die Gespräche, die verstummten, sobald ich den Raum betrat. Die seltsamen Zeichen unter dem Haus. Die Narben an meinem Körper, die nie heilten wie normale Wunden. Ich war niemals ihr Sohn. Ich war ein verdammtes Projekt.⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ (Ein Wort wurde so tief ins Papier gedrückt, dass es beinahe eingerissen ist.)
Experiment. Die Mental Witch in Salem bestätigte es. Nicht sanft. Nicht vorsichtig. Sie sah mich nur an, als hätte sie längst gewusst, was ich bin. Dann zwang sie mich, hinzusehen. Nicht metaphorisch. Wirklich hinzusehen. Visionen sind grausam. Menschen glauben immer, sie wären wie Träume. Verschwommen. Symbolisch. Unklar. Nein. Echte Visionen fühlen sich an wie Erinnerungen, die sich mit Gewalt in deinen Schädel graben. Ich roch das Blut. Ich hörte die Stimmen. Ich spürte die Hände meines Vaters an meinem Hals, als wäre ich ein Tier auf einem Opfertisch. Und hinter allem— Virel. Nicht als Monster. Nicht als Dämon. Sondern als etwas, das einmal vollständig gewesen ist. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀(Der Rand der Seite ist mit Symbolen übersät, die später hektisch durchgestrichen wurden.)
Sie haben mich erschaffen, um ihn zurückzubringen. Nicht „beschwören“. Nicht „finden“. Zurückbringen. Als wäre ich nichts weiter als ein Behälter aus Fleisch und Knochen gewesen. Ein Nachfahre Virels. Herangezüchtet über Generationen hinweg wie ein verdammter Fluch in menschlicher Form. Damit Vater die Macht erhalten würde, die Götter selbst herauszufordern. Oh, wie lächerlich naiv er war. Er glaubte ernsthaft, er könnte Virel kontrollieren. Als würde ein Mensch einen Sturm in Ketten legen können. Als würde ein Gott freiwillig knien. ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ (Drei dunkle Fingerabdrücke ziehen sich quer über die Zeilen.)
(An den Seiten klebte etwas, dass einer Karte von dem Central Park von New York nahe kam. Etwas, dass wohl ein Hinweis war. Doch... wie war diese Karte überhaupt an dem Journal gelandet? Der erste Absatz schien an einigen Stellen geschwärzt worden zu sein...)
Ich arbeite... seit einigen Jahren als Exorzist. Wie...meine Familie es wollte. Ich nehme Aufträge an. Ich erfülle Aufträge der Übernatürlichen Art... Doch irgendwas war komisch an Auftragsnummer: ███████
Es sollte ein einfacher Auftrag sein bezwinge den W███. ⠀ ⠀ ⠀ Gott... ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ (Die Handschrift wechselte direkt das Muster.)
Jetzt hab dich nicht so... Wir haben ÜBERLEBT. Gut! Wir sind vorher gestorben. Das ist die eine Sache... Aber wir haben überlebt!⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀⠀ ⠀(Der Ton der Handschrift, ihre Struktur, las sich wieder wie vorher.)
Aber vorher... sind wir gestorben. Wir sind gestorben... Bis der Körper wieder aufgestanden ist... Gott...⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀(Die folgenden Zeilen sind dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Bei genauerer Betrachtung war in der New York Karte mehr zu sehen ⠀ ⠀ ── ⠀ ⠀ein Ort war mit einem roten Stift umkreist, mit blutiger Schrift stand neben diesem Kreis: DEMONS EYE)
Demons Eye... Ich bin froh, dass ich genau diese Bar ausgesucht hatte, um den Kummer zu ertränken. ZU ertränken, was ich geworden bin. Die retroaktive Unsterblichkeit... Sie zerrt jedes Mal an mir, sie fühlt sich so falsch an. Doch...als Accalia mich betrunken zu sich gebracht hat, damit ich den Rausch ausschlafen kann... Oh, ich wusste nicht, dass ihr die Bar gehört...⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀⠀ ⠀(Die letzten Zeilen der Seite waren wesentlich neuer gewesen, als alles was bis hier her gelesen werden konnte.)
Und das sie sich zu einer meiner besten Freundinnen auf der Welt entwickeln würde...
Es... ich weiß nicht wie viele Tage es her ist. Das Ritual. Es ging schief, ich war...nicht vorbereitet. Ich sollte es durchführen doch meine Familie sie hat es... begonnen.... (Einige Dunkle Flecken waren an der Stelle erkennbar, beinahe so, als ob vor langer Zeit Wasser auf diese Seite getropft ist) ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ ⠀ Sie sind alle TOT.
Jeder einzelne von Ihnen ist gestorben. Ich kann nicht mal ihre Geister fragen... es gibt keine. Was... war dieses Ritual? Diente es wirklich dazu die Geister zu vertreiben? Seit... jener Nacht Teile ich mir das Bewusstsein... (Die nächsten Zeilen wirkten von der Handschrift vollkommen anders, nicht so klar, nicht so...Leidend, eher krakelig.)
Oh. Buhu. Deine Familie ist gestorben? Wie überaus tragisch...sei lieber froh, dass ich dich gerettet habe. Uns. Um genauer zu sein, dass ich dafür gesorgt habe, dass wir eben nicht tot sind... und jetzt? Werden wir sicherlich einiges an Spaß haben... Du wirst... sehen was ich gesehen habe. Du wirst sehen...was sich verborgen befindet. Oh... und begrüße...die Geister. ⠀⠀ (Der Eintrag endet abrupt, der Rest der Seite wirkt als ob er verbrannt wäre. Ob dies ein Zeichen ist, was... hier geschehen sein könnte ? )
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