Idiopathische Sterilität: Welche Behandlung ist am besten?
In ca. 10 Prozent der Fälle ergibt die ausführliche Suche nach den Ursachen für das Ausbleiben einer Schwangerschaft kein Ergebnis. Wie kann man die sogenannte idiopathische Sterilität am besten behandeln?
Zu diesem Thema ist nun eine neue Cochrane-Analyse((Wang, R., Danhof, N. A., Tjon‐Kon‐Fat, R. I., Eijkemans, M. J., Bossuyt, P. M., Mochtar, M. H., ... & van Wely, M. (2019). Interventions for unexplained infertility: a systematic review and network meta‐analysis. Cochrane Database of Systematic Reviews, (9).)) veröffentlicht worden, weshalb wir auch unseren Artikel hierzu aktualisieren. Neu berücksichtigt werden nun auch die im Jahre 2020 neu herausgegebenen Richtlinien der Amerikanischen Gesellschaft für Fortpflanzungsmedizin (ASRM) aus dem Jahre 2020((Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine. (2020). Evidence-based treatments for couples with unexplained infertility: a guideline. Fertility and Sterility, 113(2), 305-322.))
Inhalt:Was wir bereits über die idiopathische Sterilität wissenWeiter wartenNicht zu schnell aktiv werden – und nicht zu langsamHormonelle StimulationInsemination mit oder ohne StimulationWelche Hormonbehandlung ist bei einer Insemination am besten?Künstliche BefruchtungPsychotherapie
Was wir bereits über die idiopathische Sterilität wissen
In einem anderen Artikel wurde ja bereits die Frage geklärt, wie hoch die Chancen sind, wenn man einfach nur abwartet. Denn wenn eine Schwangerschaft ausbleibt, ohne dass man dafür in der Diagnostik Gründe gefunden hat, ist eine gezielte Behandlung nicht möglich, da die Diagnose fehlt. Ohne Frage steigt mit zunehmender Wartezeit der Leidensdruck und der Wunsch nach einer Behandlung. Welche Behandlung funktioniert also am besten?
Die Frage ist schnell beantwortet: Natürlich führt die künstliche Befruchtung immer am schnellsten zu einer Schwangerschaft. Allerdings nur, wenn man die Erfolgsrate pro Behandlungszyklus zugrunde legt. Und selbstverständlich kann man nicht einfach jedem Paar ohne zwingende Gründe eine IVF-Therapie anbieten. Also, welche Optionen gibt es? Im oben verlinkten Artikel hatten wir bereits die wesentlichen Behandlungsmöglichkeiten aufgeführt:
Weiter warten
Hormonelle Stimulation
Insemination mit und ohne Stimulation
künstliche Befruchtung
Psychotherapie
Es ist leider auch im Einzelfall nie sicher beurteilbar, welche Möglichkeit die beste ist. Man wird sich zusammen mit den Ärztinnen und Ärzten für ein Konzept entscheiden müssen, welches die individuelle Vorgeschichte, Wünsche und vor allem die Wartezeit ohne Schwangerschaft berücksichtigt.
Die therapeutisch einfachste Möglichkeit ist natürlich, einfach nicht zu tun. Denn schließlich ist bei der idiopathischen Sterilität ja alles in Ordnung. Und warum sollte es nicht sofort im nächsten Zyklus klappen? Oder dann halt im übernächsten?
Im ersten Jahr nach "Diagnosestellung" beträgt die Wahrscheinlichkeit ca. 30%, dass eine Schwangerschaft ohne Behandlung dennoch eintritt, legt man das "Vorhersage-Modell nach Hunault" (Hunault prediction model) zugrunde. Andere Studien geben dann jedoch Chancen von weniger als 15% an, wenn man schon ein Jahr gewartet hat.
Klare Richtlinien bei unklarer Diagnose kann es nicht geben, jedoch hat das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) in Großbritannien eine recht simple Leitlinie entwickelt:
Ein Jahr warten ⇒ Keine Schwangerschaft? ⇒ Diagnostik ⇒ Alles in Ordnung? ⇒ Noch ein Jahr warten ⇒ Immer noch keine Schwangerschaft? ⇒ IVF
Wie das halt immer so ist mit einfachen Rezepten: Sie passen nicht immer zur Komplexität der Realität. Bei jüngeren Paaren ist der Weg so sicher gangbar, bei älteren Paaren ist die lange Wartezeit oft schon zu lang. Außerdem: Warum gleich IVF?
Nicht zu schnell aktiv werden - und nicht zu langsam
Aber es nach Diagnosestellung ein halbes Jahr (mit Zyklusbeobachtung) weiter zu versuchen, ist sicherlich immer eine Option. Die Neigung, zu schnell aktiv zu werden, besteht häufig, einer Studie aus dem Jahre 2015 zufolge((Kersten FA, Hermens RP, Braat DD, Hoek A, Mol BW, Goddijn M, Nelen WL; Improvement Study Group.
Overtreatment in couples with unexplained infertility.
Hum Reprod. 2015 Jan;30(1):71-80. doi: 10.1093/humrep/deu262. Epub 2014 Oct 21.)) in gut einem Drittel der Fälle. Persönlich halte ich 50% für realistischer.
Sicher sollte tut der Arzt gut daran, abwartendes Verhalten gut zu erklären. Unter dieser Voraussetzung ist die Geduld zumindest für einen Zeitraum von 6 Monaten oft vorhanden und das Vertrauen der Patienten leidet unter dieser vorsichtigen Vorgehensweise nicht((Kersten FA, Hermens RP, Braat DD, Tepe E, Sluijmer A, Kuchenbecker WK, Van den Boogaard N, Mol BW, Goddijn M, Nelen WL; Improvement study Group.
Tailored expectant management in couples with unexplained infertility does not influence their experiences with the quality of fertility care.
Hum Reprod. 2016 Jan;31(1):108-16. doi: 10.1093/humrep/dev277. Epub 2015 Nov 16.))
6 Monate nach Diagnosestellung und 1,5 Jahre nach Beginn des unerfüllten Kinderwunschs wird meist zum Abwarten geraten.
Erst einmal den Zyklus mit Ultraschall zu beobachten, um dann gegebenenfalls den Eisprung auszulösen, ist die einfachste Maßnahme. Das Timing wird damit verbessert und theoretisch auch die Schwangerschaftsrate. Auch die Gabe von Clomifen ist oft die erste Therapie, die zur Anwendung kommt. Es gibt jedoch keine Studien, die eine Verbesserung der Schwangerschaftsraten gegenüber weiterem Abwarten zweifelsfrei nachweisen können((Gunn DD, Bates GW
Evidence-based approach to unexplained infertility: a systematic review.
Fertil Steril. 2016 Jun;105(6):1566-1574.e1. doi: 10.1016/j.fertnstert.2016.02.001)). Zumindest, wenn man vorher lange genug nur abgewartet hat, würde man erwarten die Chancen zu verbessern. In der systematischen Analyse der Daten zur Stimulation finden sich jedoch keine Vorteile der Hormonbehandlung((Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine. (2020). Evidence-based treatments for couples with unexplained infertility: a guideline. Fertility and Sterility, 113(2), 305-322.))
Weder die Gabe von Clomifen, Letrozol noch die von "Spritzen" verbessert die Erfolgsrate gegenüber weiterem Abwarten. Es wird also nicht dazu geraten, bei ungeklärter Sterilität eine reine Hormonbehandlung ohne weitere Maßnahmen durchzuführen.
Insemination mit oder ohne Stimulation
Die Insemination (IUI) ist die nächste logische Eskalationsstufe der Behandlung. Das eigentliche Einsatzgebiet der Insemination ist jedoch die leichte Einschränkung der männlichen Fruchtbarkeit, also ein wiederholt nachgewiesenes Spermiogramm unterhalb der Normwerte.
Bei der idiopathischen Sterilität sind die Spermien der Definition zufolge jedoch von normaler Qualität. Profitieren diese Paare dennoch von der Insemination?
Die ehrliche Antwort: Man weiß es nicht so genau. Einen klaren Nachweis dafür gibt es nicht. Vermutlich also eher nicht. Übersichten zu diesem Thema finden sich in der Cochrane Database, wo die Ergebnisse kontrollierter Studien mit optimaler Aussagekraft zusammengetragen werden((Veltman-Verhulst SM, Hughes E, Ayeleke R, Cohlen BJ
Intra-uterine insemination for unexplained subfertility.
Cochrane Database Syst Rev. 2016 Feb 19;2:CD001838. doi: 10.1002/14651858.CD001838.pub5.)). Knapp zusammengefasst zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der Erfolgsrate (Lebendgeburten), wenn man Geschlechtsverkehr zum optimalen Zeitpunkt (VZO) mit der Insemination verglich, jeweils mit oder ohne begleitende Hormongaben.
Allerdings konnte man schon eine Tendenz erkennen: Inseminationen hatten höhere Schwangerschaftsraten zur Folge als VZO und mit Hormonen waren diese sogar noch höher als ohne. Ein einem neueren Artikel wird anhand inzwischen neu erschienener Studien dargelegt, dass die Insemination auch bei der idiopathischen Sterilität eine sinnvolle Therapieoption ist((Wang, R., Danhof, N. A., Tjon‐Kon‐Fat, R. I., Eijkemans, M. J., Bossuyt, P. M., Mochtar, M. H., ... & van Wely, M. (2019). Interventions for unexplained infertility: a systematic review and network meta‐analysis. Cochrane Database of Systematic Reviews, (9).)).
Die Insemination mit Stimulation ist der reinen Hormonbehandlung deutlich überlegen. Man sollte 2-4 Inseminationen in Erwägung zu ziehen.
Welche Hormonbehandlung ist bei einer Insemination am besten?
Nicht vergessen: Hier geht es ausschließlich um die beste Hormongabe bei der idiopathischen Sterilität. Und eigentlich meinten wir diese Frage ja bereits vor kurzem beantwortet zu haben((Danhof, N. A., Wang, R., van Wely, M., van der Veen, F., Mol, B. W. J., & Mochtar, M. H. (2019). IUI for unexplained infertility—a network meta-analysis. Human Reproduction Update, 26(1), 1-15))
In den Richtlinien der ASRM((Practice Committee of the American Society for Reproductive Medicine. (2020). Evidence-based treatments for couples with unexplained infertility: a guideline. Fertility and Sterility, 113(2), 305-322.)) werden die Ergebnisse wie folgt zusammengefasst:
Die Insemination im natürlichen Zyklus verbessert die Chancen nicht gegenüber dem einfachen Abwarten
Die Vorbehandlung mit Letrozol oder Clomifen erhöht die Chancen mit einer IUI schwanger zu werden deutlich.
Stimuliert man niedrig dosiert mit Spritzen, verbessern sich die Chancen nicht gegenüber Abwarten und nichts tun.
Stimuliert man hochdosiert mit Spritzen, dann sind die Schwangerschaftsraten höher als im Vergleich zur Stimulation mit Clomifen oder Letrozol. Jedoch wird diese Steigerung der Erfolgsraten durch eine höhere Mehrlingsrate erkauft.
Die Insemination sollte bei der idiopathischen Sterilität mit Clomifen oder Letrozol erfolgen. Spritzen (Gonadotropine) wirken nicht besser oder bergen Mehrlingsrisiken. Eine Insemination im natürlichen Zyklus kann man genauso gut bleiben lassen.
Was immer man bis dahin versucht hat: Den NICE-Richtlinien zufolge (s. o.) ist die IVF nach insgesamt zweijähriger Wartezeit die sinnvollste Therapie. Ist das belegbar und in welchen Fällen gilt es womöglich nicht?
Es gibt zahlreiche Studien, welche die Erfolge der IVF mit der Insemination vergleichen, wenn eine idiopathische Sterilität besteht((Pandian Z, Gibreel A, Bhattacharya S.
In vitro fertilisation for unexplained subfertility.
Cochrane Database Syst Rev. 2015 Nov 19;(11):CD003357. doi: 10.1002/14651858.CD003357.pub4.)).
Die IVF führt folglich zu höheren Erfolgsraten als Abwarten und Inseminationen ohne Hormonbehandlung. Wurden bereits Behandlungen ohne Erfolg im Vorfeld durchgeführt, dann sind die Schwangerschaftsraten mit der IVF besser als bei Inseminationen mit Hormongaben. Bei Frauen ohne Vorbehandlungen sind auch Unterschiede erkennbar, jedoch nicht signifikanter Natur.
Eine IVF sollte frühestens 6, besser erst 12 Monate nach Diagnosestellung begonnen werden. Je nach individuellen Voraussetzungen (Alter < 38) sollten vorab 3-4 Zyklen Inseminationen durchgeführt werden unter Clomifen oder Letrozol.
Psychotherapie
Wenn man ohne ersichtlichen Grund nicht schwanger wird, dann muss das doch an der Psyche liegen, oder? Nein:
Ein Modell der »psychogenen Sterilität«, ausschließlich basierend auf unbewussten Konflikten, kann als wissenschaftlich nicht verifiziert gelten. Auch die traditionellen Stressmodelle mit ihrer individuellen Natur sind als Erklärungsmodelle unzureichend, da sie den dyadischen Kontext von Infertilität nicht ausreichend würdigen und da die Auswirkung von Alltagsstress auf die Fruchtbarkeit nicht überbewertet werden sollte.
Ist kurz und knapp zusammengefasst der Inhalt einer Leitlinie deutschen Ursprungs((Leitlinie Psychosomatisch orientierte Diagnostik und Therapie bei Fertilitätsstörungen
Hrsg. v. Heribert Kentenich, Elmar Brähler, Ingrid Kowalcek, Bernhard Strauß, Petra Thorn, Anna Julka Weblus, Tewes Wischmann, Yve Stöbel-Richter (Leitliniengruppe)
AWMF online- 2014)) . "Aber alle sagen doch, man müsse sich nur entspannen", da muss doch etwas dran sein. Auch wenn es alle sagen, es stimmt nicht und das wurde hier auch bereits einmal sehr ausführlich erkärt.
Eine psychotheraeutische oder psychosoziale Begleitung kann dennoch hilfreich sein, aber nicht, um die Kinderlosigkeit zu behandeln, sondern, um mit der Behandlung besser zuerechtzukommen.
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