Wir sind nachhaltig!
Den 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 1. bis 5. Mai in Hamburg begleitete in diesem Jahr die Losung „Soviel du brauchst“. Das Motto erinnert an die alttestamentliche Erzählung von der Speisung mit Wachteln und Manna in Ex 16,18. Gott reagiert an dieser Stelle auf die Unzufriedenheit der Israeliten während ihrer langwierigen Wanderschaft durch die Wüste und lässt Brot vom Himmel herabfallen. Jeder erhält das rechte Maß für den Tag und Überfluss verschwindet mit der Sonne.
Der Leitspruch betont das tätige Bemühen Gottes um jene, die seiner bedürfen, konfrontiert den Leser des 21. Jahrhunderts aber auch mit einer Mahnung zum verantwortungsvollen Umgang mit vorhandenen Ressourcen.
Das Zentrum Umwelt, Frieden und globale Gerechtigkeit knüpfte an diese biblische Bedarfsfrage an und lud auf dem Messegelände zu einer Podiumsveranstaltung unter dem Titel „Gutes Leben – Soviel du brauchst“. Über Wachstum, Fortschritt und Gerechtigkeit wollten die Veranstalter sprechen.
Die musikalische Einleitung in das Programm gestaltet das Classic Beat Orchestra aus Rumänien, welches eine muntere Mischung aus klassischer Musik und modernen Rhythmen darbietet. Der gelungene Auftritt tritt jedoch in den Hintergrund, da eine Gruppe temperamentvoller, hochbetagter Protestler gewandet in Plastikkleider und bewaffnet mit gelben Plakaten die Aufmerksamkeit des Publikums einfordert. Die Aktivisten bewerben das sogenannte Kairos-Dokument, eine kontroverse Schrift, die von Vertretern und Mitgliedern der christlichen Kirche im Nahen Osten ausgearbeitet wurde und zum „Widerstand gegen die Besetzung“ in Palästina aufruft. Der antiisraelische Aufruf wurde weltweit stark kritisiert. Er beschuldigt Israel einer „rassistischen Trennung“ und vergleicht das Land mit dem südafrikanischen Apartheitsregime. Die Autoren rügen auch die internationale Gemeinschaft, welche die „demokratischen und gesetzmäßigen Wahlen im Jahre 2006“ nicht anerkennt. Sie sehen es als sicher an: „Wenn es (…) keine Besetzung gäbe, gäbe es auch keinen Widerstand, keine Angst und keine Unsicherheit.“[1]
Schockierend ist vor allem die Wiedergeburt einer christlichen Substitutionstheologie. Das Auftreten Christi wirft nach Ansicht der Verfasser „neues Licht“ auf die „Verheißungen, die Erwählung, das Volk Gottes und das Land“. Abfällig sprechen die Verantwortlichen von dem „tote(n) Buchstabe(n)“ aus der hebräischen Bibel, der im Nahostkonflikt „als Waffe benutzt“ wird.
Dem Dokument fehlt es auch nicht an einem flammenden Bekenntnis zu palästinensischen Selbstmordattentätern: „Wir haben Hochachtung vor allen, die ihr Leben für unsere Nation hingegeben haben, und sagen, dass jeder Bürger bereit sein muss, sein Leben, seine Freiheit und sein Land zu verteidigen.“
Empörung bei den Gästen und Veranstaltern über die antiisraelische Aneignung des Programms tritt nicht ein. Mit Spruchbändern wie „Besatzung – so verliert ein Volk seine Seele!“ zieht der greisenhafte Protestmarsch ungestört durch die Halle und verteilt Flugblätter „der Liebe und der Hoffnung“ an die Besucher und Besucherinnen.
Kabarettistisch erfolgt schließlich unter Mitwirkung eines ehemaligen Ministerpräsidenten der inhaltliche Einstieg in das Thema „Gutes Leben“. Dr. Reinhard Höppner mimt im Sakko zwischen Zimmerpalmen einen modernen, kindlich unbefangenen Adam, der von einer durchtriebenen Marketing-Expertin über den Tisch gezogen wird. Mit flotten Werbesprüchen („One apple a day keeps the doctor away!“) überzeugt die geschäftstüchtige Frau das Paar Adam und Eva von ihrer delikaten Ware.
Der Sündenfall wird augenblicklich mit den bekannten Unannehmlichkeiten bestraft. An dieser Stelle wendet sich der erste Mensch zielorientiert und lehrerhaft an das Publikum: „Ob das jetzt Fortschritt ist?“. Die Mühsal der Arbeit übergeht Adam mit Arbeitswut: „Je mehr wir arbeiten, um so mehr haben wir!“
Die Lösungsformel ist keine Erfindung Höppners Paradieserzählung, sondern eine populäre Strategie auf der Suche nach Wegen aus wirtschaftlichen Misslagen. Wachstum gilt als unangreifbare Bedingung für die Stabilität einer Gesellschaft.
An die Darbietung von Dr. Reinhard Höppner schließt ein Impuls von Dr. Reinhard Loske an. Loske ist Professor für Politik, Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdeck, Grünkohlkönig 2004 des Wirtschaftspolitischen Clubs Deutschland e.V. und hat sich in der Vergangenheit ausgiebig mit der Wachstumsfrage beschäftigt.
Beginnend in den 70er Jahren nimmt Loske das Publikum mit auf eine informative, halbstündige Zeitreise durch die wachstumskritische Diskussion der Vergangenheit und Gegenwart. Ins Rollen gebracht wurde die Debatte über die Grenzen des Wachstums 1972 durch die Schreckensprognosen des Clubs of Rome. Die Studie warnte: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“
Zahlreiche Publikationen nahmen das Thema Wachstum kritisch auf. Zu den bekanntesten Bestellern der aufblühenden Bewegung gehört „Ein Planet wird geplündert“, den der konservative Ökologe Herbert Gruhl 1975 veröffentlichte. Dem von Sorge erfüllten Diskurs der früheren Zeiten attestiert Loske jedoch einen kulturpessimistischen Charakter unter der Oberfläche.
Wegweisend und bedeutsam für gegenwärtige Auseinandersetzungen mit Konsum bleiben die Thesen aus Erich Fromms „Haben oder Sein“. Fromm näherte sich 1976 dem Wachstum nicht auf dem Themengebiet der Ökologie, sondern suchte nach den seelischen Grundlagen für eine gesellschaftliche Veränderung. Er beobachtete eine Kultur, in der Sinnleere durch einen nicht natürlichen Konsum kompensiert wird.
Zu den populärsten Vertretern der gegenwärtigen Bewegung, die Abschied vom Wachstumszwang nehmen möchte, gehört der Referent Loske. Er rügt auf dem Kirchentag moderne Konzepte von einem ökologischen Wachstum als Hase-Igel-Rennen. Der Green New Deal versucht den Widerspruch von Wachstum und Nachhaltigkeit in ihrer Synthese aufzulösen. Das Vorhaben der Reformer missglückt, unterstreicht Loske: „Wir haben mehr sparsame Autos, aber gleichzeitig auch mehr Autos.“ Schlecht gedämmte Wohnungen werden durch gut gedämmte Wohnungen ersetzt. Dessen ungeachtet steigen die Wohnflächen und einhergehend der Energieverbrauch. Es ist die große Ironie des Umweltbewusstseins, dass die Sensibilität für ökologische Fragen in einer Gesellschaft vielfach mit dem Erfolg seiner Wirtschaft verflochten ist. Das Umweltbewusstsein in Deutschland war noch nie so hoch wie heute, aber auch Flächen- und Energieverbrauch sowie Artenschwund klettern auf ein Rekordhoch.
„Kulturoptimismus trägt die neue Kritik am unbezähmbaren Wachstum“, verkündet ein selbstbewusster Loske, es handele sich um eine Bewegung, deren zukunftsorientierte Akteure sich nicht mehr als „verzogene Kinder der Wohlstandsgesellschaft“ beschimpfen lassen. „Bessere Indikatoren für das Bruttoinlandsprodukt!“ lautet eine zentrale Forderung. Die umgesetzten Waren und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft könnten nicht als Anhaltspunkt für den Wohlstand seiner Bewohner und Bewohnerinnen dienen. Sozial soll es werden und dazu gehöre auch, dass zum Beispiel Nachbarschaftsarbeit im Erfolgsmaßstab einer Ökonomie Beachtung findet. An diesem Punkt der Veranstaltung wird der Kirchentag dem Versprechen gerecht, eine Mitmachveranstaltung zu sein: Während Loske einen Katalog von Forderungen für ein gutes Leben kundgibt, klatschen sich die Zuschauer die Hände wund.
Die Aktienberichterstattung will er aus den Nachrichten verbannen und durch ein Bulletin der Nachhaltigkeit ersetzen, da der Anteil der Nachrichten von der Börse nicht der Zahl der Aktienbesitzer entspreche. Als Kompromiss schlägt Loske eine Reduktion der Börsenberichterstattung auf Lottoniveau vor. Schluss machen will er auch mit Reklame für Kinder im Fernsehen. Die Heranwachsenden würden mittels Werbung bereits früh auf Konsum konditioniert.
Ärger erregt bei dem Nachhaltigkeitsforscher zudem die vorsätzliche Kurzlebigkeit vieler Produkte. Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit seien für ein gutes Leben verpflichtend. Überdies müsse Urbangarding gefördert werden und das Bundeskleingartengesetz als Sperre dieser gemeinschaftlichen Kleingärten eine Lockerung erfahren. Als Aufgabe der Bürger sieht er es Tauschringe und Recyclingbörsen als Alternative zum herkömmlichen Konsum zu bilden und zu nutzen. Unter frenetischen Applaus und mit der Aufforderung an die Kirchtagsbesucher von Social Banking Gebrauch zu machen, beendet Loske seinen Impuls zum Thema gutes Leben und Nachhaltigkeit.
Anschließend sollen die Themen Wachstum, Fortschritt und Gerechtigkeit aus Sicht der Politik, Jugend und Kirche beleuchtet werden. Die Jugendstimme in der Diskussion wird durch Caroline Richter vertreten. Sie ist Jugendreferentin des Lutherischen Weltbundes und beteiligte sich kürzlich am UNO-Gipfel für nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro. Aus der Politik konnten die Organisatoren die SPD-Bundestagesabgeordnete Daniela Kolbe gewinnen, die Vorsitzende der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität ist. Die Position der Kirche soll von Annette Kurschus in die Debatte getragen werden. Seit 2012 ist sie Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Kolbe berichtet zu Beginn, dass die Debatte um das Bruttoinlandsprodukt auch die Politik erreicht hat. Die Enquete-Kommission möchte das BIP um Indikatoren erweitern, die angeben, wie Wohlstand verteilt ist. Eine Antwort sollen die Zahlen zukünftig ebenfalls auf die Frage geben, ob wir in einem freien Land leben.
Kurschus wünscht sich, dass die Kirche zum Wegbereiter für ein nachhaltiges Leben wird. Die Kirche dürfe nicht nur einen Beitrag leisten, sondern müsse Lokomotive sein. Die 50-Jährige beruft sich hierbei auf das Evangelium, welches lehre, dass das Leben einen Sinn und Wert habe. Es sei nicht nötig durch Konsum und Arbeit das Leben wertvoll zu machen. Immer mehr, immer weiter, immer stärker. Das sei die falsche Formel. Maßloses Abstrampeln scheiterte schon beim Turmbau zu Babel. Die Kirche habe nun die Aufgabe diesen theologischen Hintergrund interkulturell zu vermitteln.
Bevor Caroline Richter darlegen kann, wie sich die Jugend in die gesellschaftliche Debatte um das gute Leben einmischt, ermittelt die Moderatorin die Anzahl der jungen Zuschauer. Es sind ungefähr 20 Jugendliche, von denen sich nur ein Viertel politisch engagiert. Jugendpartizipation ist für Caroline Richter bedeutsam. Gleichzeitig müsse die Kirche die Jugendlichen fit machen.
Loske wiederholt an dieser Stelle seine Forderung die Kleingartenverordnung aufzulockern. Er betont, welch „große Strahlkraft“ für Deutschland das Projekt Nachhaltigkeit biete, wenn man es nur nicht in den Sand setze. Es bleibt abzuwarten, wann der Axel-Springer Verlag diesen Nationalismus für sich entdeckt und titelt: Wir sind nachhaltig!
Im Anschluss an eine müde Diskussion, die von Einmütigkeit und Übereinstimmung geprägt ist, möchte die Moderation wissen, wie nachhaltig das Publikum sein Leben gestaltet. Einig sind sich die meisten Zuschauer der Veranstaltung darin, dass die Gesellschaft noch nicht bereit sei vom Wachstumsgedanken Abschied zu nehmen. Ein Pessimismus, auf den die Moderatorin vorbereitet ist, die mit einer eindrucksvollen Wachstumskritik des amtierenden Bundesministers der Finanzen Schäuble überrascht. Ausnahmslos sind die Besucher und Besucherinnen der Veranstaltung der Meinung, dass Leute vor Ort etwas verändern könnten. „Sofort!“, ruft ein Strickpullover-Träger.
Bio-Produkte schaffen Veränderung. Das ist die Meinung der Mehrzahl der Gäste. Auch eine Konsumobergrenze findet viel Zustimmung. Das Publikum engagiert sich zum größten Teil in verschiedenen Initiativen und ist der Meinung, die Kirche müsse sich einmischen. Was ein älterer Umstürzler mit dem Ruf: „Wir sind das Volk!“ unterstreicht.
Den zweiten Impuls der Veranstaltung gestaltet Annette Jensen. Die ehemalige taz-Journalistin hat in ihrem Buch „Wir steigern das Bruttosozialglück“ verschiedene Geschichten über das Gelingen alternativen Lebens in Deutschland gesammelt. Neues Wirtschaften und besseres Leben entdeckte Jensen zum Beispiel bei den Schöpfern von ökologischem Waschmittel aus Roten Beten und einem österreichischen Schuhproduzenten. Der Unternehmer verdiene solide 1000 Euro im Monat und verkaufe seine ethische Fußbekleidung bereits ab 200 Euro. Diese kleine Erfolgsgeschichte könne der von maßloser Gier erfüllten Textilindustrie als Vorbild dienen, urteilt Jensen.
Man muss sich an jener Stelle der Veranstaltung fragen, ob Theodor W. Adorno seinen Aphorismus, dass es kein richtiges Leben im falschen gäbe, nur aus Unkenntnis von Annette Jensens Buch verfasste. Oder analysierte der Frankfurter Philosoph in einer Zeit mit akzeptierter Börsenberichterstattung, ohne Social Banking und Urbangarding das kapitalistische Ganze gekonnter als der Kirchentag? Ein mutiger inhaltlicher Nacktflitzer bleibt der Veranstaltung jedenfalls fern. Es wird geklatscht und die Zuschauer tauschen sich aus, wie man das Fleisch vom Schlachter ohne die teuflische Plastiktüte nach Hause bekommt. Dass Schuhe für 200 Euro das Budget eines Harz 4-Empfängers sprengen, bleibt unbemerkt. Ein Konzern wie Adidas verlöre angesichts solcher Preise seine Kunden wohl schneller als die evangelische Kirche gegenwärtig ihre Mitglieder.
Ein augenfälliger Antisemitismus, zahlreiche Unstimmigkeiten und der beschränkte Blickwinkel der Veranstaltung entgehen den Besuchern und Besucherinnen so wie der Evangelischen Kirche von Westfalen der Umstand, dass „[n]achdenkliche und aufmerksame Zuhörer“ sich nur selten im Zustand des Schlafes befinden".
[1]Dass es sich hierbei um eine falsche, geschichtsverdrehende Deutung der Wurzeln des arabischen Antisemitismus handelt, zeigt zum Beispiel die Biografie des Muftis von Jerusalem.















