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Blonde Magazin
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Oh Yes? Hello No! Text: Stephanie Johne
Montagmorgen, in der U-Bahn drängen sich die Menschen dicht aneinander. Der erste Schnee des Jahr zwingt sie, den Weg zur Arbeit unterirdisch zurückzulegen. Es ist so eng, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob man sitzt oder steht. Der Bild gewordene Gruppenzwang auf Kuschelkurs; umfallen unmöglich – aussteigen auch. Mir ist es gleich, ich muss ohnehin bis zur Endstation. Eigentlich wäre heute mein freier Tag – hätte ich nicht einer Freundin versprochen, ihr mit ihren Bewerbungen zu helfen. Ich konnte ihr die Bitte einfach nicht abschlagen. Da ‚steh-sitze‘ ich nun also, inmitten der Rush Hour, die ich so viel lieber einsam in meinem Bett verschlafen hätte. Irgendwo klingelt es – alle Blicke plötzlich auf mich gerichtet. Mein Handy. Ich kämpfe mich durch ein Gelage aus mit Daunen und Schurwolle bedeckten Oberkörpern, die den Weg zu meiner Gesäßtasche versperren. Meine geheuchelte Euphorie durchbricht für einen Moment die geschäftige Stille im Zug: „Nein, gar kein Problem – das mache ich sehr gerne!“ Noch sieben Stationen bis zu meinem Ziel – Zeit genug zwei E-Mails und eine What’s App Nachricht zu schreiben. Letztere geht schließlich an meinen Chef: „Alles erledigt, Tisch ist für 13 Uhr reserviert, K. weiß Bescheid.“ Als ich aussteige, schwirrt mir der Kopf. Es ist gerade mal fünf nach neun und ich habe eigentlich Urlaub.
Allzeit bereit!
Nur wenige Stunden später sitze ich mit einer alten Freundin über einer dampfenden Pho beim Vietnamesen unseres Vertrauens. Seufzend berichte ich ihr von meinem bisherigen Tag – an dem ich eigentlich nichts anderes tun wollte, als zu schlafen. Sie lächelt nur müde und nennt das Kind ohne Umschweife beim Namen: „Du musst lernen Nein-zu-sagen, Liebes! Immer dieses Ja-und-Amen-Gehabe! Wem willst du denn etwas beweisen?“ Ich weiß, dass sie Recht hat. Es ist im Grunde nämlich immer dasselbe – so sehr ich es mir auch vornehme, ich kann es einfach nicht. Immer, wenn es darum geht, anderen einen Gefallen zu tun, schaltet sich mein Helfersyndrom ein und die Vernunft aus. Und damit bin ich nicht allein – obwohl meiner Generation doch gemeinhin nachgesagt wird, so gar nicht emphatisch zu sein. Dass ich nicht lache! „Allzeit bereit!“ wäre wohl viel passender. Ich zumindest kenne kaum jemanden, der nicht sofort für alles und jeden Feuer und Flamme wäre und überall mitmischen wolle? Außer besagte Freundin, die mich bei dem Gedanken mit argwöhnischem Blick mustert. Habe ich das laut gesagt?
Netflix, meine heiße Schokolade und ich!
„Du verwechselst da etwas – Empathie heißt nicht gleich bedingungslos allem zustimmen zu müssen,“ unterbricht meine Freundin meine Tagträumerei (Ich habe das doch wirklich nicht laut gesagt, oder doch?). Gedankenverloren nehme ich noch einen großen Schluck von meiner Suppe und verbrenne mir den Gaumen. In letzter Zeit fühle ich mich oft ausgebrannt, kraftlos und kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einfach so im Bett rumgegammelt wäre. Nur ich, Netflix und meine heiße Schokolade? Fehlanzeige! Dabei ist das doc wirklich nicht meine Schuld – in einer Zeit, in der es ständig darum geht, immer einen Schritt voraus zu sein und bloß nichts zu verpassen. Ja-sagen gehört da fast schon zum guten Ton. Aber bedeutet Ja- und offen gegenüber Neuem zu sein wirklich immer Ja-sagen zu müssen? Nein! Die Kunst besteht nämlich darin, immer dann, wenn wir Nein-sind auch einfach Nein-zu-sagen. In der Theorie ziemlich einfach. In der Praxis schon schwieriger. Immerhin galt Empathie lange als das ultimative Erfolgsrezept für Karriere und Privatleben. Wer sich in andere hineinversetzen und mitfühlen kann, findet sich schnell ganz oben wieder – so der gesellschaftliche Konsens. Aber was ist mit den Schattenseiten, von denen meine Freundin spricht und die mir so zu schaffen machen?
„Never Mister Clever!“
„Es ist wie bei so vielen Dingen der innere Schweinehund, der einmal überwunden werden muss. Ich bin doch mit dieser Erkenntnis auch nicht geboren worden,“ fügt meine Freundin hinzu. Und es gibt wirklich viele Möglichkeiten Nein-zu-sagen ohne „Nein!“ zu sagen. Ich erinnere mich an Dr. Cox aus Bill Lawrence Dramedy-Serie Scrubs (kurz verliere ich mich wieder in meiner Sehnsucht nach Netflix und heißer Schokolade). Seine Antwortmöglichkeiten reichen von „Niemals“ über „Nicht in einer Million Jahren“ bis hin zu „Never Mister Clever“ und treffen damit ein Problem unserer Zeit auf den Kopf. Oft beginnt das aber nicht mit der fehlenden Schlagfertigkeit, sondern schon viel früher: wir sind schlichtweg einfach zu abgelenkt oder zu beschäftigt, wenn es darum geht jemandem für etwas zu- oder abzusagen! Jede(r) von uns kennt die Situationen, in denen wir leichtfertig Ja-sagen – weil wir nicht richtig zugehört oder aber die Konsequenzen nicht wirklich durchdacht haben – und es im nächsten Moment sofort wieder bereuen. Und was passiert dann? Wir versuchen, einen Rückzieher zu machen und verbringen viel Zeit damit, die Verpflichtung umzudisponieren. Dabei ginge es lediglich darum, offen für die eigenen Bedürfnisse einzustehen und dem Bauchgefühl Gehör zu schenken.
21, 22, 23…
Das Geheimnis ist Zeit. Nicht viel, oft machen schon magische drei Sekunden (21, 22, 23… zählt sich wirklich ziemlich schnell dahin, oder?) den Unterschied, ohne dass sich der Gegenüber auch nur wundert. „Bevor du das nächste Mal leichtfertig mit einer Antwort herausplatzt, könntest du genauso gut auch erst einmal einfach tief durchatmen und die Frage kurz sacken lassen.“ Und wenn kein direktes Gegenüber da ist? Umso besser! „Erkläre, dass du später zurückrufst und klapp den Laptop zu, geh spazieren, schließ die Augen für einen Moment oder schlaf schlicht und ergreifend eine Nacht darüber. Ganz oft macht sich dann schon ein deutliches Bauchgefühl breit.“ Und Fakt ist: kurz innehalten bedarf rückblickend betrachtet sehr viel weniger Zeit, als voreilig etwas zuzusagen und dann mit sich zu hadern.
Den Heimweg trete ich in einer beinahe leeren U-Bahn an. Wieder klingelt mein Telefon. Auf meinem Display leuchtet in Großbuchstaben das Wort „Büro“. Ich atme einmal tief durch und zähle leise vor mich hin – „21, 22, 23…“ – bevor ich schließlich den roten Hörer drücke und stattdessen eine Nachricht tippe: „Kann gerade nicht sprechen, melde mich mich, wenn ich aus dem Urlaub zurück bin.“ Sich einfach mal rar machen, gut fühlt sich das an, auch wenn das jetzt eher eine von den leichten Übungen war.
Zuhause angekommen wartet eine verzweifelte Nachbarn auf mich – sie hat sich ausgesperrt und sitzt im Nachthemd auf der Treppe. Ohne zu zögern bitte ich sie herein und mache uns eine heiße Schokolade. Sie lächelt mich erleichtert an – in ihrem Blick lese ich, dass ihr Tag sehr viel anstrengender war, als meiner. Irgendwie sind wir beide ziemlich die jeweils andere zu sehen. Ich muss lachen! Meistens da ist sie eben für etwas gut, diese Empathie.











