48. Eintrag (2.8.)
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Die Geschichte seiner Flucht prägte ihn wohl bis heute, ohne dass sie das einzige Lebensthema gewesen wäre. Auch wenn wir nicht so viel Kontakt miteinander hatten und mir seine Sichtweisen oft fremd waren, blieb er immer umfassend interessiert und entwickelte im Alter sogar noch mehr Lebensfreude. Und Weisheit. Dafür liebe ich ihn ebenso wie meine Geschwister, zu denen ich ja schon was geschrieben habe.
Und es gibt eine unübersichtliche Reihe von weiteren Menschen, die zu meiner Rettung beigetragen haben. Nicht nur, weil sie mich auf ihre Art geliebt haben, sondern auch, weil ich sie auf meine Art lieben konnte. Das Wort Liebe kommt jetzt wohl unverhältnismäßig oft vor, was daran liegt, dass meine Tage gezählt sind. Ich meine das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Symptomentwicklung und die Deutung der Ärzte passt zu meinem Gefühl, bald den Weg allen Fleisches gehen zu müssen. Dies ist womöglich der letzte Block (immerhin 48 sind es ja geworden), die Kraft weicht von mir, ab der Hüfte bin ich im Grunde gelähmt und beim Diktieren schlafe ich immer wieder ein. Ich hätte mir gewünscht, all die vielen Leute, die mich grade begleiten, noch angemessen würdigen zu können, bevor der große Showdown kommt. Aber ich könnte dem mit Worten sowieso nicht erschöpfend gerecht werden. Ich fühle nur viel Dankbarkeit und Glück, dass ich diesen Weg bisher nicht komplett allein gehen musste. Auch wenn diese teuflische Brutalität durch nichts aufzuhalten war.
Eine besondere Rolle nimmt hier meine Frau ein, von der mir immer klarer wird, wie sehr ich sie liebe. All die Liebe, die bei einer “normalen” Lebenszeit noch ausgelebt hätte werden können, muss jetzt wohl auf kurze Zeit verdichtet werden, denke ich manchmal, was aber wohl nicht möglich ist. Als Ausdruck unserer Liebe möchte ich gern unsere großartigen Kinder M. und P. betrachten, die mein Leben so unendlich bereichert haben.
Rettung lauert im Prinzip in jeder kleinsten Ecke, wo man sie nicht erwartet. Es ist kein großes, dauerhaftes Feuer einer Erleuchtung oder so, sondern ein flüchtiges Gefühl, dass es so wie es kommt, in Ordnung und akzeptabel ist. Dieses Gefühl stellt sich zu verschiedenen Momenten ein, hat meistens was mit Menschen zu tun, oft mit Frauen. Aber auch mit Musik oder erfrischenden Gedanken. Oder mit UV-Strahlung in Verbindung mit Hopfenaroma. Oder in bestimmten Situationen, die natürlich aus dem Leben erwachsen: man wird etwas gefragt und weiß eine Antwort. Es kommt spontan zu einem Fußballspiel. Dieses eigenartige Lammgericht, bei dem vorher aus püriertem Fleisch und rindelosem Toastbrot eine Farce hergestellt werden musste, gelingt trotzdem, auch wenn beim Herstellungsprozess unter lautem Fluchen das Ganze zu einer Farce zu werden drohte. Oder eine junge Frau nach einem unserer Konzerte sagte, sie habe bei jedem Song genau zugehört (konnte sogar einiges zitieren) und es habe ihr richtig gut gefallen. Oder damals, als meine erste Freundin A. tatsächlich stundenlang in diesem traditionellen Rathaussaal ausgeharrt hat, bis ich mit meiner Unterhaltungsmusikperformance (”Horch was kommt was draußen rein...”) am Ende war. Sie half mir beim Verladen , fuhr mit zu mir. Sie war im Grunde die erste Frau, die mir die Grunderfahrung ermöglichte, Begehren kann zu Anderen gelangen und etwas sehr Schönes auslösen. Es ist richtig, wichtig und in höchstem Maße stimmig. Dass man sich bei den sicherlich sehr holperigen Annäherungsversuchen trotzdem näher kam, ist ein Wunder erster Kategorie und hat zu der allgemeinen Rettung einen riesigen Beitrag geleistet.
Es war möglich, bei der Selbstentfaltung trotz der mörderischen Vergleiche nach links und rechts hier und da in einem gewissen Sinn Erfolg zu haben. Beim näheren Betrachten alter Photos meiner Person, gerne mit aufgetragenen Sachen meiner Brüder und Cousins, die auf meine Größe gestutzt wurden, den von Mutti geschnittenen Haaren, der damals recht seltenen Brille, kann man nicht sagen, dass ich zu den sogenannten “Coolen” gehört hätte. Der kleine Ohrring auf der linken, später sogar auf der rechten Seite und der Versuch, einen Humor zu entwickeln, der sich oft auf der Suche nach Pointen verlief, machten das wohl nicht besser. Mir gefiel irgendwann der Spruch “Uncool is the new cool” sehr gut. Mit dieser oder einer ähnlichen Haltung konnte ich offenbar eine Frau beeindrucken, die bis heute an meiner Seite ist. Dies ist erneut ein verdammtes Wunder.
Mit der Seuche ist nun eine nie da gewesene Ernsthaftigkeit in unsere Beziehung getreten. Eine größere Herausforderung kann es kaum geben, als wenn einer der Partner abhängig wird und nicht mal alleine zum Kühlschrank gehen kann, ohne in einen Kriechgang zu verfallen. Wie wir und besonders C. das bisher meistern, spricht dafür, dass für uns bisher die Liebe stärker ist als der Krebs zu sein scheint. In guten wie in schlechten Zeiten...
















