Sechs Tage nach dem Spektakel um die Bombardierung der Stadt Dresden 1945. Aus Gründen nahm ich an den Protesten nicht teil. Stattdessen machte ich gestern, zusammen mit zwei anderen, einen "Stadtrundgang zur Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Dresden 1933-1945". Das Ganze nennt sich schlicht "audioscript".
Schlichtheit ist angebracht: sechzig Jahre staatlich geprüfter Stiftungen und Initiativen, die nur das nicht Vergessen wollen, was ihnen passt und sich konzeptuell nur mit bestimmten Teilen dieser Geschichte auseinandersetzen, haben bisher alles daran gesetzt, dass allen Bewohner_innen dieser Region klar wird: "wir" machen das. Und so kam was kommen musste: die Verkrampfung löste sich und mittels KZ-Gedenkstätten und grauenhaften Bildern in Schulbüchern, meint man gemeinhin sich "auseinandergesetzt" zu haben. Nach der kleineren Paranoia des "im Ausland muss man sich als Deutscher ja schämen" steht am Ende: "wir sind wieder wer". Und "wir" trauern über das "uns" und "unseren Vorfahren" gebrachte "Unglück". Das zur Gegenwart.
Es ist unbehaglich in diesem Kontext Wörter wie gut oder schön o.ä. zu verwenden, aber das "audioscript" ist m.E. der erste, wirklich gute Beitrag - den ich kenne - zur Dokumentation von Geschichte(n) und der diesbezüglichen Gegenwart(en).
Oder auch: Eine gute Aktion des nicht Ignorieren, nicht verdrängen, nicht lügen, sondern "die Geschichte gegen den Strich bürsten" (W. Benjamin).
Nicht nur die inhaltliche Auswahl der Aussagen und Schauplätze (treffender: Plätze des zur Schau Stellens) spricht für das Unbehagen und die Ambivalenzen, die man spürt, wenn man sich mit der staatliche-geprüften "Vergangenheitsbewältigung" nicht abfinden will. Das Gefühl, dass das was öffentlich gekaut wird, nicht alles sein kann und darf: Hier und da widersprechen sich Äußerungen, dort und da fehlen Verbindungen und fallen an den meisten Stellen aus dem Bewusstsein. Das "audioscript" greift genau einige dieser Leerstellen, Widersprüche und Alltagsirrtümer auf.
Aber nicht nur die Ebene resp. die Auswahl des Inhaltlichen machen das "audioscript" so besonders, sondern vor allem auch die konkrete Umsetzung: Der Stadtrundgang wird eben nicht mit einem Experten (vgl. Führer) oder einer Gruppe (vgl. Kollektiv) begangen, sondern die auditive Begleitung wird über eine tragbares Audio-Gerät gehandhabt. So ist es möglich mit sich selbst und der Thematik konzentriert zu sein. Die einzelnen Audio-Beiträge verwenden vielfältige Stilmittel und porträtieren das was Nicht-Geschichte ist. Wobei die Gestaltung fragmentarisch und angespannt wirkt, dabei aber stringent bleibt und wenigstens mich keinen Augenblick los lässt.
Nicht nur weil die deutsche Handhabung ihrer eigenen Geschichte zu einer bedenklich gefährlichen Verdrängung und nach frei nach Freud in seiner Fortführung zu Überspannung führt, ist eine eine konsequente, bewusste, reflektierte Auseinandersetzung angebracht (die dann evtl. zu etwas führen kann, das etwas Neues, dem Bruch verspricht). Das deutsche Credo scheint in der gegenwärtigen Verfassung allerdings "versöhnlich" mit sich und der Geschichte zu sein; sogar so sehr, dass es belegtes, historisches Faktenwissen bereits umdeutet.
"Es gibt in der Tat nur zwei Möglichkeiten: Eine endgültige Versöhnung mit dieser Vergangenheit oder aber der konstante, d.h. in fortwährender Auseinandersetzung zu vollziehende Bruch mit ihr." Moise Postone
Das "audioscript" leistet einen Beitrag zum Bruch, d.h. zu einer Auseinandersetzung, die sich dem Begriff des "Angemessen seins" sehr annähert.