Im tibetischen Kloster
Mit dem Kleinbus zum tibetischen Kloster Sera. Wir sind 12, davon 3 Männer, die sich für das Jangchub Lamrim Teaching des Dalai Lama interessieren. Lamrim, der "Stufenweg zur Erleuchtung", nimmt eine hervorragende Stellung im Lehrplan der Klosteruniversität ein und jetzt, vor dem Jahreswechsel, kommt der von uns höchstgeschätze Lamrim-Lehrer, der Dalai Lama zum 4. Mal für 2 Wochen nach Sera, um den Changchub Lamrim Teaching Zyklus abzuschließen, und wir 12 sind dabei!
Am späten Nachmittag kommen wir unter blauem Himmel im Innenhof eines regelmäßig gestalteten Wohnkomplexes an. Hier wohnen mehr als 100 Mönche jeden Alters, die jüngsten sind jünger als Fünf. Im zweiten von vier Stockwerken haben Mönche ihre Zimmer uns zur Verfügung gestellt, indem sie aufs Dach gezogen sind. Alle Zimmer befinden sich an einem zwei Meter breiten, schwimmbadlangen Gang. Über dem dickem Geländer aus Stein ist von Säule zu Säule eine Wäscheleine gespannt. An das zentrale, schmale Treppenhaus grenzen die sanitären Gemeinschaftseinrichtungen an. Inzwischen gibt es auch Sitzklos. Die 2 Matratzen im doubleroom sind hart, ich nehme die am Fenster, Andreas die am Gang. Die tibetischen Bücher im Bücherschrank machen einen ziemlich gebrauchten Eindruck. Bilder von tantrischen Gottheiten färben die Stimmung der Einfachheit und Schlichtheit für uns, die wir uns schon ein bisschen damit auszukennen glauben, ins Heilige. Ein wadenhoher Altar. Sonst nichts. Kein Tisch, kein Stuhl, der Schrank ist abgeschlossen. Es gibt, wohl ein Privileg, einen 2-Flammen-Gaskocher, den wir aber kein einziges Mal benutzen werden. Wir hätten ihn zur Warmwasserbereitung nutzen können, geduscht wird nämlich kalt, glücklicherweise aber nicht zu kalt.
Dann jeden Tag: 6 Uhr aufstehen, 7 Uhr Frühstück im Speisesaal, 7:30 mit einem Bus nach Tashi Lunpo, wo gegen 9 das Teaching beginnt. Jetzt bewähren sich die Top-Atemmasken, die Sabine dankenswerterweise schon in Deutschland besorgt hat. Trotzdem werden alle mit Infektionen der Atemwege zu kämpfen haben. In diesem Gewühl – ich fühle mich an das Hupkonzert von Bangalore erinnert –, in dem mehr als 10000 Menschen, die meisten in Mönchsrot, auf einer nur busbreit befestigten Straße rechtzeitig den Beginn des Teachings erreichen wollen, entsteht eine aerosolige Mischung von Abgasen, Staub und allen möglichen Körperausdünstungen. Eigentlich hasse ich Massenveranstaltungen. Irgendwann holpern wir auf einen zum Busparkplatz umfunktionierten Acker. Um uns an die richtige Schlange anzustellen, müssen wir ein Stück Indien durchqueren: rechts und links des mönchsrot (bordeauxrot) leuchtenden, teils asphaltierten Feldweges wird alles feilgeboten, was auch sonst feilgeboten wird, Scharen von Bettlern nutzten die Gunst der Stunde, viele rezitieren lautstark und krass mitleidheischend das Chenresig Mantra "Om Mani Pedme Hum". Auch in der endlosen Schlange (die Sicherheitsvorkehrungen sind streng, Taschen- und Leibesvisitation, keine Kamera, kein Handy), ist man mit dem Leid von Samsara unerbittlich konfrontiert. Dann sind wir endlich drin. Leider können wir den Dalai Lama nicht direkt sehen, unser Gruppen- und Reiseleiter, der Manager des Tibethaus Deutschland, teilt uns mit, seine Heiligkeit habe sich kurzfristig entschlossen, nicht im, sondern vor dem Haupttempel zu thronen, und somit müssen wir uns mit einer Videoleinwand zufrieden geben. Ich habe den Dalai Lama kein einziges Mal direkt gesehen, dafür aber groß und deutlich auf dem riesigen Schirm, der nur etwa 12 Meter von unseren reservierten Plätzen entfernt ist. Immerhin gibt es so kein Gerangel um die besten Plätze.
Das geht dann bis fast 15 Uhr, unterbrochen von Teereichungen vor und nach dem Mittagessen, das wir am Platz auf unseren Meditationskissen verzehren. Tasse, Teller und Löffel waren wie auch das Kissen mitzubringen. Was auf dem Bildschirm zu sehen ist, wird zeitgleich ins Internet gestreamt wie inzwischen wohl alle Teachings Seiner Heiligkeit. Er ist nun 80, ist besser denn je, noch klarer, noch prägnanter, sofern das überhaupt möglich ist, auch nach 6 Stunden ununterbrochener Konzentration voll präsent, heiter, gelassen und spontan, während mir alles weh tut, ich laufend die Lage der Beine, die Haltung des gesamten Knochengestells wechseln muss, dabei aufpassen, dass ich nicht die Fußsohlen in Richtung Dalai Lama strecke, das gilt als respektlos, aber wo ist die verbotene Richtung, der Bildschirm oder wo er wirklich sitzt, irgendwo weiter links. Sicherheitshalber kommen beide Richtungen nicht in Frage, das ist für mich, der ich schon mal eine Tiefe Beinvenenthrombose hatte und somit ein erhöhtes Thromboserisiko, ein echtes Problem, verzweifelt mach ich mir klar, dass meine Gesundheit oberste Priorität hat und nicht das, was meine Sitznachbarn von mir denken. Ich nehme mir vor, jede Stunde einmal zur Toilette zu gehen, und vorher oder nachher 3 mal den Tempel im Uhrzeigersinn zu umrunden. Angesichts meines fortgeschrittenen Alters ist häufiger Toilettengang für meine Sitznachbarn sicher gut nachvollziehbar. Aber der Dalai Lama ist 13 Jahre älter! Ist er überhaupt ein Mensch? Geht er auf Toilette? Ja natürlich! Was stell ich denn hier für Fragen. Und doch ist seine Intensität, seine Ausdauer, sein Lachen, seine nicht nachlassende Frische, aber vor allem seine Warmherzigkeit, seine unbedingte Liebe zu allen fühlenden Wesen, die man fühlen kann, schier nicht zu begreifen.
Ich hatte nicht nur körperliche, sondern auch geistige Probleme. Meinen ersten Lamrim Kurs hatte ich 1993 in Bodhgaya bei Lama Kirti Tsenshab Rinpoche. Habe damals vieles nicht verstanden, aber was ich verstand, hat mich begeistert und nachhaltig beeinflußt. Natürlich hat die Begeisterung für das Verstandene, nun seit längerem Bekannte, nachgelassen. Meine Schülerschaft scheint etwas zu stocken. Das, was ich verstehe, langweilt mich ein bisschen, was ich nicht verstehe, habe ich noch nie verstanden und werde es vielleicht nie verstehen und frage mich, ob ich mich wirklich so anstrengen soll, um auch noch das Unkennbare kennen zu lernen. Irgendwann muss ich meine Beschränktheit anerkennen. Superausrede für Faulheit.
Über den eigentlichen Inhalt des Teachings (Lamrim) möchte ich hier nichts sagen. Jeder versteht das, was zu seiner persönlichen Situation, seinem Entwicklungsstand passt, oder versteht es auch komplett falsch. So habe ich am vorletzten Tag, glaube ich, während dem Mittagessen eine Notiz gemacht, um mich später daran erinnern zu können, was ich in dem Moment glaubte, wie das Teaching meine Selbst- und Welterkenntnis befördert habe: "Leerheit kann man nicht verstehen. Verstehen heißt konzeptualisieren, widerspruchsfrei mit bereits validierten Konzepten. Konzepte bestehen aus Sätzen, die Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt beschreiben. Die Erkenntnis, dass das erkennende Subjekt das erkannte Objekt berührt oder erfasst oder begreift und in dieser spontan erzeugten Beziehung nicht die Beziehungspartner (Subjekt, Objekt) real sind, sondern nur die Beziehung, führt zur Erkenntnis der Leerheit. Denn jedes Ding, jedes Konzept entsteht erst durch die Beziehung zu dem, was es nicht ist. Alles existiert nur relativ – nicht objektiv, aber auch nicht subjektiv – und darin liegt die Erkenntnis des Absoluten. Die Relationen, das kausal sich entwickelnde Beziehungsnetz, ist potenziell unendlich. Wenn sich das absolute im relativen Selbst erkennt, öffnet sich das Tor zur Unendlichkeit in diesem und jedem bewussten Raum Zeit Punkt ..."















